LI 084, Frühjahr 2009
Heftpreis: 11,00 € inkl. MwSt. 7%

Drache im Schneeland

Tibets Kampf um kulturelle Autonomie und die chinesische Politik

(...)

Lettre International
: Hat es Initiativen zu einer Entwicklung gegeben, die auf die Stärkung der eigenen Kräfte abzielt – in der Industrie zum Beispiel oder eine Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion?

Tsering Shakya: Das ist einer der Widersprüche, mit denen sich die chinesische Regierung in Tibet konfrontiert sieht. Wenn Sie sich die Statistiken für die Investitionen der Regierung dort ansehen, so geht der größte Teil des Budgets in die Infrastruktur, während weniger als fünf Prozent in die Entwicklung der Landwirtschaft gehen – obwohl noch immer 85 Prozent der Bevölkerung von Ackerbau und Viehzucht abhängig sind. Dies hat etwas mit Beijings Entscheidung zu tun, der Industrialisierung den Vorrang vor der Landwirtschaft einzuräumen. Doch die Behörden erkennen auch, daß Tibet ökonomisches Potential hat, das ohne die entsprechende Infrastruktur nicht realisiert werden kann. So besitzt Tibet viele Bodenschätze, aber sie nützen nichts, solange es keine Möglichkeiten zu ihrer Gewinnung gibt. Man kann Kupfer, Gold, Silber usw. abbauen – doch wenn man den Eisenbahnbau nicht weiter vorantreibt, wird ihr Transport zu teuer, was sie auf dem internationalen Markt unerschwinglich machen würde. Deshalb besteht der langfristige Plan der Chinesen darin, die Bergbauindustrie zu entwickeln, und in den beiden letzten Jahren haben sie internationale Bergbaufirmen aufgefordert, in Tibet tätig zu werden. Der Gedanke dahinter ist, daß der Abbau von Bodenschätzen die Region profitabel machen wird, wenn die Infrastruktur und die Versorgungssysteme vorhanden sind. Die Alltagsbedürfnisse der Bevölkerung, die in ihrer Mehrheit Ackerbau und Viehzucht betreibt, finden in diesem Planungsprozeß keine Berücksichtigung.

Welchen Anteil haben tibetische Arbeitskräfte an der infrastrukturellen Entwicklung?

Die meisten Arbeitskräfte im Eisenbahnbau sind chinesische Migranten aus ärmeren Regionen wie Gansu und Shaanxi, wo viele Bauern keine Arbeit haben. Die chinesische Regierung ermuntert sie, nach Tibet zu gehen, weil sie darin eine Möglichkeit sieht, die Ventile in diesen unter Druck stehenden Provinzen zu öffnen, denn wenn sie bleiben, werden sie den dortigen Behörden Probleme machen. Für viele stellt die Arbeit in Tibet eine Chance dar, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen: Die Regionen, aus denen sie kommen, sind viel ärmer als Tibet. Im allgemeinen sind tibetische Bauern besser situiert als die meisten ländlichen Gemeinschaften in China – die Bevölkerung ist kleiner, etwas unter 6 Millionen, und der Grundbesitz viel größer. In Tibet hungert niemand: Die Leute können genug für ihr eigenes Überleben produzieren, auch wenn sie vielleicht nicht genügend Überschüsse erzielen, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Aber tibetische Bauern stehen vor einem anderen Problem: Ihre Erzeugnisse, hauptsächlich Gerste und Hammelfleisch, haben geringen Marktwert. So produziert Tibet zum Beispiel viel Gerste, aber es ist für chinesische Bierbrauereien billiger, diese auf dem internationalen Markt, in Kanada oder den Vereinigten Staaten, einzukaufen als tibetischen Farmern abzunehmen.

Wie viele Einwanderer gibt es gegenwärtig in der Autonomen Region Tibet?

Die chinesische Regierung hat keine Statistiken über die Zahl der in Tibet tätigen Wanderarbeiter vorgelegt. Der einfache Grund ist, daß die Daten der chinesischen Volkszählung nach dem amtlichen Wohnsitz erhoben werden und nicht nach dem Ort, an dem sich der Betreffende zum Zeitpunkt der Erhebung gerade aufhält. Die meisten Wanderarbeiter haben keine Erlaubnis, in Tibet zu leben, und werden so gezählt, als lebten sie anderswo in China; es handelt sich also um eine fluktuierende Bevölkerung. Die Regierung weist auch darauf hin, daß viele der Migranten Saisonarbeiter sind – sie arbeiten nur im Sommer in Tibet und können schon deshalb nicht als dauerhaft Ansässige gezählt werden. Eine Volkszählung wird nur alle zehn Jahre durchgeführt, die letzten Zahlen stammen aus dem Jahr 2000, und in den letzten acht Jahren hat sich in Lhasa viel verändert. Der Wandel vollzieht sich in China insgesamt so rasant und so dramatisch, daß die Zahlen, die wir haben, sehr unzuverlässig sind. Selbst ein zufälliger Besucher bemerkt, daß Lhasa bevölkerungsmäßig eher wie eine Han-chinesische Stadt wirkt als wie eine tibetische. Chinesische Migranten sammeln sich eher in den städtischen Gebieten, besonders in Lhasa. Inzwischen sind sie allerdings auch in ländliche Gegenden vorgedrungen, wo sie Restaurants eröffnen oder Kleinhandel treiben und durch das tibetische Hochland wandern.

Inwiefern läßt sich die Entwicklung der Autonomen Region Tibet mit der in anderen tibetischen Gebieten – wie in Qinghai oder Sichuan – vergleichen?

Die tibetische Bevölkerung in Qinghai und Sichuan ist ökonomisch besser gestellt, weil sie stärker in das übrige China eingebunden ist, und sie hat mehr Möglichkeiten, ihr Einkommen aufzubessern. Die Autonome Region hat zudem das Problem, daß wenig Grenzhandel von Tibet nach Süden, nach Indien und Südostasien, stattfindet. Historisch gesehen war dies die Gegend, auf die sich Tibets Handel konzentrierte, da seine Güter in Südasien mehr Absatz fanden als in China. Der nächstgelegene Hafen ist Kalkutta, das zwei Tage von der Grenze entfernt ist, aber wenn man den Weg über China nimmt, dauert die Reise acht bis 13 Tage. So kann etwa die Wolle, die auf dem tibetischen Hochland produziert wird, heute nicht gewinnbringend exportiert werden, weil sie nicht direkt nach Süden transportiert werden kann – die Grenzen sind geschlossen. Der Handel zwischen Indien und China findet eher über See- als über Landrouten statt. Der Grund dafür sind die Grenzstreitigkeiten zwischen beiden Ländern, trotz einer gewissen Verbesserung der Beziehungen. Es geht teilweise um die Sicherheitsfrage, aber auch darum, daß weder Indien noch China weiß, was passieren wird, wenn diese Region für den Grenzhandel geöffnet wird – ob der indische Markt mit größerer Wucht nach Tibet schwappen wird oder umgekehrt.

China ist von der weltweiten Finanzkrise stark betroffen. Welche Auswirkungen hat dies auf Tibet?

Die gesamte tibetische Wirtschaft ist ein künstliches Konstrukt, das auf direkten Subventionen durch die chinesische Regierung basiert. Deshalb wird man sich angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise fragen müssen, inwieweit und wie lange es sich die chinesische Regierung noch wird leisten können, gewaltige Summen in den Aufbau der Infrastruktur zu stecken und die Region wie bisher zu subventionieren. Die Eisenbahnstrecke nach Lhasa etwa ist überhaupt nicht rentabel, wird aber als Prestigeobjekt von der Regierung weiterhin bezuschußt werden müssen. Da ein großer Teil von Chinas Prestige und sozialer Stabilität mit dieser Region verknüpft ist, wird die Regierung also nach wie vor Geld dorthin pumpen.

Wie sehen Sie die politische und kulturelle Atmosphäre in Tibet während der letzten zehn Jahre?

Die Strategie der Regierung schien darauf hinauszulaufen, daß alles möglich war, solange nicht von Unabhängigkeit oder Menschenrechten die Rede war. Es erschienen viele neue Zeitschriften und Zeitungen, und die Regierung erlaubte die Entstehung einer Reihe lokaler, einheimischer NGOs, die sich im Kampf gegen die Armut als sehr wirksam erwiesen. Gemeinschaften der tibetischen Diaspora in Nordamerika und Europa durften in ihren Heimatorten NGOs gründen und den Bau von Häusern finanzieren. Die Zahl der Tibeter, die im Ausland studieren – im Westen, in Europa, in Amerika –, nahm während der neunziger Jahre zu. Es vollzog sich eine größere Öffnung zur Außenwelt. Diesbezüglich war es eine hoffnungsvolle Zeit.
Kulturell waren zwei Entwicklungsstränge zu beobachten. Zum einen kam es zu einer Wie-derbelebung der traditionellen tibetischen Kultur und Künste sowie des Kunsthandwerks. An-dererseits engagierten sich tibetische Künstler in einer neuen Richtung moderner, gegenständ-licher Malerei. So gibt es in Lhasa eine Gruppe, die einen Künstlerverband gegründet hat; sie verkaufen ihre Bilder und beliefern internationale Ausstellungen. An ihren Arbeiten ist nichts spezifisch Tibetisches. Konservative Kräfte sehen darin eine Art Abkehr von Tibet, eine Imita-tion des Westens – sie erkennen sie nicht als tibetische Kunst an. Aber es ist etwas Neues und Vitales in Tibet, was von einer jüngeren Generation geschaffen wird, deren Perspektive sich von der der konservativen Vertreter unserer Gesellschaft völlig unterscheidet. Ähnliches gilt für die Literatur: Die jüngere Generation, die tibetisch schreibt, bedient sich nicht traditioneller Versformen, sondern sie dichtet in einem freien Stil und verfaßt Romane über neue, andere Themen. Auch dies würden Konservative nur als genuin tibetisch ansehen, wenn es eine existierende Tradition imitierte. Das Aufkeimen einer modernen tibetischen Literatur – Romane, Kurzgeschichten und Gedichte seit den achtziger Jahren – ist eine spannende Entwicklung, die die Sehnsüchte der einfachen Menschen und die mögliche künftige Entwicklung der Region besser zum Ausdruck bringt als die verschiedenen Formen politischer Proteste oder Bewegungen. Es gibt auch eine Reihe tibetischer Romanautoren, die auf Chinesisch schreiben, und sie sind seit 1985 in China literarisch immer präsenter. Am berühmtesten ist Alai, dessen Roter Mohn 2004 auf Deutsch erschien. Bekannt ist auch -Tashi Dawa, der als Chinas García Márquez bezeichnet wird, weil er eine Art magisch-realistischen Stil eingeführt hat. Jene, die auf Tibetisch schreiben, nehmen keine derart herausragende Position ein. Die Situation der Autoren ähnelt der der indischen Schriftsteller: Schreiben sie auf Englisch, haben sie Zugang zum Weltmarkt; wenn sie ihre Werke aber in Hindi verfassen, werden sie von viel weniger Menschen wahrgenommen.
Für die Traditionalisten kommt es vor allem auf die Pflege der Vergangenheit an; für sie ist die Fortführung traditioneller Kunstformen zur Bewahrung der tibetischen Identität von entscheidender Bedeutung. In ganz Tibet sind solche traditionellen Formen in Malerei und Kunsthandwerk wieder aufgetaucht, und sie sind immer noch populär. Sie sind auch in China beliebt, trotz des jüngsten patriotischen Überschwangs und der Feindseligkeit gegenüber Tibetern. Seit ungefähr 1980 nimmt dort das Interesse an tibetischer Kultur und Tradition zu. Tibet wird als etwas wahrgenommen, das anders ist und einzigartige Merkmale aufweist, die China bereits verloren hat. Sein Festhalten an traditionellen Weisen, sich zu kleiden, Mal- und Lebensstilen gilt als bewundernswert. Viele chinesische Schriftsteller und Künstler sind nach Tibet gereist und haben sich inspirieren lassen, weil sie dort zu erkennen glaubten, wie man in Einklang mit der Natur leben kann. In der chinesischen Bevölkerung hat sich eine viel romantischere Ansicht von Tibet verbreitet als im Westen.
Auch die moderne tibetische Geschichtsschreibung hat eine Blüte erlebt: Man hat Oral-History-Projekte durchgeführt sowie Sprichwörter und beliebte Volksweisen aufgezeichnet, viele Biographien verfaßt und einige interessante Memoiren tibetischer Frauen, die in den traditionalistischen konservativen Erzählungen nie zu Wort kommen: In den tibetischen Schu-len in Dharamsala endet der Stoff in den Geschichtsbüchern im 10.Jahrhundert. Ich persön-lich wurde angegriffen, weil ich The Dragon in the Land of Snows meiner Frau und nicht dem Dalai Lama gewidmet hatte. Gegenwärtig arbeite ich an einem historischen Projekt über das Banditenwesen. In der tibetischen Geschichte gibt es fast so etwas wie ein Wildwestelement, weil Leute, die über das weite Hochland reisten, oftmals von Banditen überfallen und ausge-raubt wurden. Dazu gibt es viele mündliche Quellen und andere Berichte. Ich habe recherchiert, wer diese Leute waren, und sehe sie nicht als negative Gestalten, sondern in der Perspektive eines Eric Hobsbawm, für den das Banditenwesen eine Form sozialen Protests darstellt. Oft wurden Menschen zu Banditen, nachdem sie aus der traditionellen tibetischen Gesellschaft ausgebrochen waren und sich dem feudalen Gesetz entzogen hatten. Der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge waren sie Schurken, aber fast alle widersetzten sich im Grunde den lokalen Herrschern oder der Obrigkeit. Wenn man nachprüft, wer sie waren und was ihnen widerfuhr, stellt man meist fest, daß es sich um Gruppen am Rande der tibetischen Gesellschaft handelte.

Ist in der Autonomen Region Tibetisch noch die Amtssprache?

Die Verfassung sieht vor, daß in der Autonomen Region Tibet die Sprache im Erziehungswesen und in der Verwaltung Tibetisch sein sollte; in der Praxis ist dies aber so nicht umgesetzt worden. Der Grund ist, daß die Führung der Kommunistischen Partei in Tibet, die Parteisekretäre und Untersekretäre, allesamt Chinesen sind und nicht Tibetisch sprechen. Im ländlichen Raum wird der Unterricht in der einheimischen Sprache abgehalten, aber in städtischen Gebieten und in Lha-sa wird in den Schulen zunehmend Chinesisch benutzt. An den Universitäten werden tibetische Literatur und Geschichte in tibetischer Sprache gelehrt, alles andere aber auf Chinesisch. Das ist nicht unbedingt nur Folge der Regierungspolitik: Viele Eltern sehen es lieber, wenn ihre Kinder auf Chinesisch unterrichtet werden, denn sie haben auf längere Sicht bessere Jobmöglichkeiten, und im höheren Bildungswesen – gegenwärtig gibt es 3000 Universitätsabsolventen pro Jahr – gehen die meisten Tibeter an Universitäten in anderen Teilen Chinas. Es gibt heute auch die „Inlandsschulen“; das sind Internate für tibetische Kinder, die in Tibet rekrutiert werden und in solche Schulen in allen Regionen Chinas geschickt werden – einige davon so weit entfernt wie Liaoning und Fujian. Angeblich können die Schüler nicht in Tibet unterrichtet werden, weil die dortige Regierung es nicht schafft, genügend Lehrer zu rekrutieren oder qualifizierte Lehrer von anderswo zu überzeugen, in die Autonome Region Tibet zu ziehen. Außerdem bietet dies den besser entwickelten Küstenprovinzen die Chance, ihre Pflicht zu erfüllen und ärmeren Gebieten dadurch zu helfen, daß sie für deren Kinder Schulen auf ihrem eigenen Territorium einrichten und bezahlen. Dies ist ein Aspekt des Versuchs, ein Gefühl einer „nationalen Einheit“ und die Loyalität zu China zu fördern. Natürlich sehen manche Tibeter und Ausländer dahinter einen finsteren Plan, der an die Art und Weise erinnert, wie Briten, Kanadier und Australier versuchten, die Eingeborenen zu christianisieren, indem sie sie in Internate schickten. Der Unterricht in den „Inlandsschulen“ erfolgt fast ausschließlich in chinesischer Sprache, und das Niveau ist sehr hoch. Aber in der Regel verlassen tibetische Absolventen solche Schulen als größere Nationalisten – in Blogs und auf Websites werfen sie der chinesischen Regierung oftmals vor, sie ihrer kulturellen Identität und Sprache beraubt zu haben.

(...)

Mehr von:
Tsering Shakya
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 48
Aus dem Englischen von Sylvia Höfer

Genre

Hauptthema
  • Entwicklung Tibets seit den achtziger jahren
  • Kultur und Religion in Tibet
  • Tibet

Schlagworte

Heftpreis: 11,00 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript