Abschied von Antonin Liehm. Erinnerungen.

Wir nehmen Abschied von einem Freund, einem mutigen Intellektuellen und einem schöpferischen Publizisten. Antonin Liehm, Gründer von Lettre internationale 1984 in Paris, verstarb am 4. Dezember 2020 im Alter von 96 Jahren um 14:15 Uhr in Prag. Wir trauern um einen vielseitigen Anreger und Visionär, einen geschätzten Vertrauten vieler Intellektueller, Schriftsteller und Künstler, einen großen Europäer und Weltbürger in der Tradition der Aufklärung.

Wir haben Freunde und Weggefährten Antonin Liehms um einige Worte der Erinnerung gebeten, darunter von Milena Bartlová, Evgen Bavčar, Sergio Benvenuto, Jindřiška Bláhová, Biancamaria Bruno, Ghislaine Glasson-Deschaumes, Wlodek Goldkorn, Erika und Ulrich Gregor, Dick Howard, Nancy Huston, Rada Iveković, Peter Stephan Jungk, Václav Klaus, Georges Nivat, Jacques Rupnik, Eduard Schreiber Radonitzer, Philippe Videlier. Die Texte erscheinen hier jeweils in deutscher Übersetzung und in der Originalsprache. Weitere Stimmen kommen sukzessive hinzu. Gerne weisen wir auch auf einen Nachruf von Chloé Leprince auf france culture hin: Antonin Liehm qui vient de mourir sowie auf einen Text von Kristin Surak zu Antonin Liehm und zur Gründung, Geschichte und Rolle von Lettre International auf Sidecar, dem Blog der New Left Review: International Letters

 

 

 

- In alphabetischer Reihenfolge -

 

Milena Bartlová

Zemřel AJL

Tschechisches Original am Ende der Beiträge

 

Evgen Bavčar

In Memoriam Antonin Liehm

Es war vor dem Fall der Berliner Mauer, als ich das Glück hatte, Antonin Liehm kennenzulernen, zusammen mit Nicole Zand, Pierre-Emmanuel Dauzat und Jacques Bonnet. Dies geschah anläßlich der Verleihung des Vilenica-Preises für Mitteleuropa (ein vom slowenischen Dichter Veno Taufer ins Leben gerufener Preis, vergeben vom slowenischen Schriftstellerverband, für Autoren Mitteleuropas). Zu jener Zeit war Slowenien eine der Teilrepubliken Ex-Jugoslawiens, welche es aufgrund ihrer spezifischen politischen Situation Autoren aus osteuropäischen Ländern ermöglichte, sich zu begegnen, zum Beispiel Tschechen aus der Tschechoslowakei mit tschechischen Dissidenten, die in den Westen geflohen waren. Sie begaben sich auf slowenisches Gebiet, das politisch neutraler war als das anderer sozialistischen Länder.

Dank der großartigen geistigen Aufgeschlossenheit Antonin Liehms konnte ich in der französischen Ausgabe von Lettre internationale meinen ersten Essay mit dem Titel Vivre sans voir an der Seite des renommierten Autors Vercors veröffentlichen. Nach dieser unvergesslichen Gelegenheit lernte ich Frank Berberich durch eine gemeinsame Freundin kennen, im Quartier Latin, in Begleitung von Costa-Gavras.

Antonin Liehm hatte eine sehr hohe Meinung von der Rolle der Zeitschriften (das ist charakteristisch für mitteleuropäische Intellektuelle, für die sie nicht nur Ausdruck verschiedener Kapellen oder Interessenkreise waren, wie dies in Paris häufig der Fall ist, sondern Zeitschriften waren für ihn der kosmopolitischste Ausdruck des kritischen Geistes, der Grenzen überschreitet und dessen Motiv die universelle Kultur und den universellen Geist umfaßt). Aus diesem Grund war seine Lettre internationale der kulturelle Ausdruck jener Nationen, die den europäischen Geist vorwegnahmen.

Diese Zeitschriften waren als Boten der geistigen Avantgarde konzipiert und überwanden lokale Mentalitäten, die sich auf verschiedene Formen des Provinzialismus beschränkten. Es ist dieser Weg der Toleranz und der Kulturen, der mit Antonin Liehm verloschen ist. Mit seinem Sinn für die Öffnung gegenüber dem Anderen und gegenüber dessen Andersartigkeit konnte Antonin einige authentische der Idee von Lettre internationale gegenüber treue Nachfolger inspirieren, wie Frank Berberich, die sein geistiges Erbe fortführen.

Der Idee eines solchen Zeitschrift bleibt aktuell, besonders in einer Zeit der Krise und in Momenten der Verzweiflung, die nach einer neuen Spiritualität rufen.

Ajdovscina, Slowenien, 10. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Lettre International, Berlin

 

 

Evgen Bavčar

In Memoriam Antonin Liehm

— Französisches Original —

C’est avant la chute du mur de Berlin que j’ai eu la chance de connaître Antonin Liehm, en compagnie de Nicole Zand, Pierre-Emmanuel Dauzat et Jacques Bonnet. Cela s'est passé à l’occasion du Prix Vilenica de l’Europe Centrale (un prix créé par le poète slovène Veno Taufer, décerné par l’union des écrivains slovènes, destiné aux écrivain.e.s d’Europe Centrale). À l’époque, la Slovénie était une des Républiques d 'ex-Yougoslavie, qui, par sa situation politique spécifique, permettait à des auteurs des pays de l'Est de se rencontrer, par exemple des tchèques de Tchécoslovaquie et des dissidents tchèques réfugiés en occident. Ils se rendaient sur le territoire slovène qui était politiquement plus neutre que d’autres pays socialistes.

Grâce à la magnifique ouverture d’esprit d’Antonin Liehm, j’ai pu publier dans l'édition française de La Lettre internationale mon premier essai intitulé Vivre sans voir aux côtés du prestigieux auteur Vercors. À la suite de cette opportunité inoubliable, j’ai fait la connaissance de Frank Berberich grâce à une amie commune, au quartier latin, en compagnie aussi de Costa-Gavras.

Antonin Liehm avait une très haute idée du rôle des revues (et cela est caractéristique des intellectuels d’Europe Centrale, pour lesquels elles n’étaient pas seulement une expression des différentes chapelles ou cercles d’intérêt comme c'est souvent le cas à Paris, mais les revues étaient pour lui l’expression la plus cosmopolite de l’esprit critique qui dépasse les frontières et qui a pour motif la culture et l’esprit universels.) C'est pour cette raison que sa Lettre internationale fut l'expression culturelle des nations qui anticipaient l'esprit européen.

Ces revues furent conçues comme les messagères des avant-gardes spirituelles, et ont transgressé les mentalités locales cantonnées dans différentes formes de provincialisme. C’est cette voie de la tolérance et des cultures qui s’éteint avec Antonin Liehm. Avec son sens de l’ouverture à l'autre et à sa différence, Antonin a pu inspirer quelques successeurs fidèles de la Lettre internationale, comme Frank Berberich, qui portent son héritage spirituel.

L'idée d'une telle revue demeure actuelle, surtout dans une période de crise et dans les moments de détresse qui appellent à une nouvelle spiritualité.

Ajdovscina, Slovénie, 10. décembre 2020

 

 

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Sergio Benvenuto

Antonin Liehm

In dem Film Stand der Dinge von Wim Wenders fährt ein Deutscher nach Portugal. Dort fragt man ihn, aus wel­chem Land er komme, und er antwortet: „Ich bin Eu­ropäer“. Eine Antwort, die Gelächter auslöste, damals, aber viel­leicht auch heute noch. Nicht gelacht hätte da­gegen Antonin Liehm: Er hätte diese Antwort geben kön­nen.

            Liehm war eine der wenigen Personen, denen ich be­gegnet bin, die ich wirklich als „europäischen Patrio­ten“ bezeichnen könnte. Gewiß nicht, weil er ein polyglotter Mensch war, der sich in den meisten wichtigen europäi­schen Sprachen zu Hause fühlte. Er, der viele Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hatte, empfand eine so tiefe Zugehörigkeit zu Europa wie wohl nur wenige von uns. Er glaubte an die Bedeutung Eu­ropas.

            Für mich waren Nord- und Südamerika eine Verlän­gerung von Europa, er hingegen sah dazwischen eine tiefe Kluft. Oft provozierte ich ihn, etwa wenn ich frag­te: „Gibt es denn nicht viel mehr Affinitäten zwischen Groß­britannien und den Vereinigten Staaten als zwischen Großbri­tannien und Rußland? Mehr Affinitäten zwischen Portu­gal und Brasilien als zwischen Por­tugal und Grie­chenland?“ Er antwortete mir, indem er An­ekdoten er­zählte. Zum Beispiel, wie er einmal zu amerikanischen Freun­den sagte, er und seine Frau beabsichtigten, to go back home. Home wohin? In die Tschechoslowakei? Nach Paris, wo er gelebt hatte? Nun, er wußte es selbst nicht. Home bedeutete für ihn, die Rückkehr nach Euro­pa. Wo­hin genau, war sekundär. Er erzählte mir auch von ei­nem anderen Ehepaar, das die Vereinigten Staa­ten ebenfalls verlassen wollte: „Wir fahren zurück nach Europa“. Nach Europa, wohin? „Natürlich nach Großbri­tannien“.

            Ich habe lange Jahre mit Liehm zusammengear­beitet, seit 1984, dem Jahr, in dem er gemeinsam mit Paul Noi­rot die französische Ausgabe von Lettre internationale lancierte, als vierteljährlich erscheinende Zeitschrift. Er wollte sofort mit mindestens zwei Editionen beginnen, und die zweite sollte italienisch sein. So gründeten wir mit Federico Coen als dem Chefredakteur in Rom Lette­ra In­ternazionale. Inzwischen bin ich von den vier Grün­dern – Liehm, Noirot, Coen und ich – der einzige, der noch lebt, und daher muß ich berichten, bevor es zu spät ist.

            Die Herausforderung, der sich Antonin stellte, lautete schlicht: Die europäische Kultur kannte niemals einen eisernen Vor­hang. Damals, 1984, schien Europa in zwei nur unter Schwierigkeiten miteinander kommunizierende Welten geteilt: in Ost-Europa und in West-Europa. De facto war es Liehms Ab­sicht, diese Spaltung nicht anzu­erkennen. In un­seren Ausgaben von Lettera und Lettre gaben wir Au­toren aus dem Osten und dem Westen Raum, mischten sie miteinander: Im Grunde praktizierten wir die europäi­schen Ein­heit, die Zeit nach 1989, schon viele Jahre, be­vor sie Wirklich­keit wurde. Die Herausfor­derung, der wir uns stellten, war prophetisch, eine kon­krete Antizipati­on.

            Liehm hatte eine sehr effiziente, fast schon schroffe, im Grunde aber sanfte Art. Bisweilen war er aufrichtig dar­über erstaunt, wie man in Italien arbeitet! Sein Eindruck war, hier gehe man wirr, desorganisiert und improvisiert vor … aber dann mußte er eingestehen, auch in Italien bringt man etwas zustande! Er lachte, als er zu mir sagte: „Wie schafft ihr es bloß, viele Dinge auf eine derart kon­fuse Weise um­zusetzen?“

            Oft sprach er vom „Provinzialismus der großen Kultu­ren“. Die großen Kulturen waren für ihn die Länder mit den wichtigsten europäischen Sprachen, nämlich eng­lisch, französisch, italienisch, deutsch, spanisch, rus­sisch. Er, der viel reiste, sah, daß die Länder, in denen man diese Sprachen sprach, wenig dazu neigten, ande­re Sprachen zu lernen, sondern sich wie selbstgenügsa­me, im Grunde in sich abgeschlossene Univer­sen fühl­ten. Dagegen waren die „kleinen Kulturen“ – zu denen seine eigene tschechisch-slowakische gehörte – kosmo­politischer, weil sie sich den Luxus der Selbstgenügsam­keit nicht erlauben konnten. Kurzum, er meinte, die „gro­ßen Kulturen“ sollten aufhören, sich als solche zu fühlen.

            Es gab ein eisernes Prinzip für ihn, das bisweilen zu Meinungsverschiedenheiten mit Coen, unserem italieni­schen Chefredakteur, führte: Ein Kulturzeitschrift sei auf der Grundlage von guten Texten, nicht von guten Themen zu machen – er vertrat also das exakte Gegenteil des­sen, was im heutigen Journalismus, auch im gehobenen, vorherrschend ist: Die Auto­ren werden gezwungen, dar­über zu schreiben, worüber alle reden, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, der Aktua­lität nachzuja­gen. Antonin dagegen hatte eine aristokratische, viel­leicht alt­modische Auffassung von Kultur. Er sagte: Das, worauf es an­kommt, das, was bleibt, seien Texte mit Qualität und keine von Schriftstel­lern, Philosophen, Es­sayisten, Künst­lern, Soziologen geäußerten Ansichten … Aus die­sem Grund verabscheute er Inter­views. Gleich­wohl verstanden wir in Italien uns auf Interviews, ich muß sagen, eini­ge sind uns sogar besonders gut gelungen. Doch für ihn war ein Interview bloß Journalismus und eben keine Litera­tur. Schriftsteller, Künstler und Philoso­phen hät­ten gut zu schreiben, es komme nicht darauf an, worüber. Ich glau­be, nicht zufällig wählten wir den Titel Lettre – dafür ent­schieden wir uns in Rom bei unseren Diskussionen tat­sächlich gemeinsam. Kultur, das war für Liehm Schrift, Schreiben, nicht chat.

            Antonin hegte einen großen europäischen Traum – wie Jean Monnet, Konrad Adenauer, Altiero Spinelli, Robert Schuman. Ein Traum, aus dem viele von uns heute be­fürchten, wieder geweckt zu werden.

Rom, 9. Dezember 2020

Aus dem Italienischen von Michaela Wunderle

 

 

Sergio Benvenuto

ANTONIN LIEHM

— Italienisches Original —

In un film di Wim Wenders (Stand der Dinge), un tedesco va in Portogallo e gli chiedono di che paese sia. Lui risponde: “Europeo”. Una risposta che all’epoca faceva ridere, e che forse farebbe ridere ancor oggi. Antonin Liehm invece non avrebbe riso: lui avrebbe potuto rispondere così.

            Liehm è una delle poche persone da me incontrate che potrei definire davvero “patriota europeo”. E questo certo non solo perché era un poliglotta a suo agio in gran parte delle principali lingue europee. Lui, che aveva vissuto tanti anni negli Stati Uniti, sentiva forte un’appartenenza europea che pochi di noi sentono. Credeva nel significante Europa. Per me le Americhe erano una prolunga dell’Europa, lui invece vi vedeva un clivaggio. Spesso lo provocavo su questo. Gli dicevo: “Ma non c’è molta più affinità tra Gran Bretagna e Stati Uniti che tra Gran Bretagna e Russia? Non c’è molta più affinità tra Portogallo e Brasile, che tra Portogallo e Grecia?”  Mi rispondeva con aneddoti. Ad esempio, una volta disse a degli amici americani che lui e sua moglie avevano intenzione di “go back home”. Home dove? La Cecoslovacchia? Parigi dove aveva vissuto? Ebbene, lui stesso non lo sapeva. Home per lui era “tornare in Europa”. Dove in particolare era cosa secondaria. E mi parlava di un’altra coppia che pure voleva andarsene dagli Stati Uniti, e che disse loro “Ce ne torniamo in Europa”. In Europa dove? “Ma è ovvio: in Gran Bretagna!”.

            Ho lavorato per anni con Liehm, a partire dal 1984, perché in quell’anno lanciò l’edizione francese di Lettre International, trimestrale di cultura europea, assieme a Paul Noirot. Ma voleva che cominciassero almeno due edizioni, e la seconda doveva essere italiana. Così, con la direzione di Federico Coen, fondammo a Roma Lettera Internazionale. Dei quattro – Liehm, Noirot, Coen, io – sono il solo sopravvissuto, ormai. Devo parlarne prima che sia troppo tardi.

            La sfida di Antonin era molto semplice: la cultura europea non conosceva cortine di ferro. Allora l’Europa appariva divisa in due realtà tra loro difficilmente comunicanti: Europa dell’Ovest, Europa dell’Est. Liehm intendeva de facto smentire questa divisione. Nei nostri numeri di Lettera e di Lettre davamo spazio ad autori dell’Est e dell’Ovest, mescolandoli: in fondo, abbiamo praticato l’unità europea, il dopo-1989, molti anni prima che divenisse realtà politica. La nostra era una sfida profetica, un’anticipazione pratica.

            Liehm aveva un modo di fare molto efficiente, quasi burbero, ma nel fondo dolce. Era talvolta sinceramente stupefatto di come si lavorasse in Italia! Aveva l’impressione che si lavorasse in modo confuso, disorganizzato, improvvisato… ma doveva ammettere che poi, anche in Italia, le cose si facevano! Mi diceva ridendo “Ma come fate voi a realizzare tante cose in maniera così confusa?”

            Parlava spesso del “provincialismo delle grandi culture”. Per lui le grandi culture erano quelle delle lingue più parlate in Europa: inglese, francese, italiano, tedesco, spagnolo, russo. Lui, che viaggiava molto, sentiva come i paesi dove si parlavano queste lingue tendessero non solo a non apprendere le altre lingue, ma si sentissero universi autosufficienti, nel fondo chiusi in se stessi. Le “piccole culture” – tra cui c’era la sua stessa cultura ceca e slovacca – erano invece più cosmopolitiche, perché non si potevano permettere il lusso dell’autosufficienza. Insomma, secondo lui le “grandi culture” dovevano smettere di sentirsi tali.

            C’era un principio ferreo, per lui, che lo metteva talvolta in dissidio con il nostro direttore italiano, Coen: una rivista culturale si fa a partire da buoni testi, non da buoni temi. È l’esatto contrario di quel che prevale oggi nel giornalismo anche colto: costringere gli autori a scrivere sul fatto di cui parlano tutti, battere sul ferro fin quando è caldo, inseguire l’Attualità. Antonin aveva invece una concezione aristocratica, forse démodée, della cultura: ciò che conta, ciò che resta, sono le opere di qualità, non le opinioni espresse da scrittori, filosofi, saggisti, artisti, sociologi… Per questa ragione aborriva le interviste. Eppure in Italia le interviste le sapevamo fare, devo dire che alcune ci riuscirono particolarmente bene. Ma per lui l’intervista non era letteratura, era mero giornalismo. Lo scrittore, l’artista, il filosofo devono scrivere, non importa che cosa dicano. Non a caso, credo, scegliemmo il titolo Lettre – lo scegliemmo assieme in effetti, discutendo tra noi a Roma. La cultura per lui era lettere, non chat.

            Antonin perseguiva un grande sogno europeo – come Jean Monnet, Konrad Adenauer, Altiero Spinelli, Robert Schuman. Un sogno da cui molti di noi temono di risvegliarsi.

Rom, 9. Dezember 2020

 

 

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Jindřiška Bláhová

Im Alter von 96 Jahren starb der Propagandist der Neuen Welle des tschechischen Films A. J. Liehm

Das waren die besten Jahre meines Lebens, sagte der bekannte Journalist und Filmkritiker über die 60er Jahre

„Wir wissen besser, was wir nicht mehr wollen, als was zu tun wäre“, antwortete der Journalist A. J. Liehm Ende Januar 1968 der Schweizer Tageszeitung Gazette de Lausanne, die auf die damalige „stille Revolution“ in der Tschechoslowakei neugierig geworden war. Also auf den Versuch einer Reform des Sozialismus, angefangen mit einem Wechsel der Politiker an der Spitze der Kommunistischen Partei. Liehm gehörte zu jener Zeit – aufgrund seiner Tätigkeit bei den Literární noviny („Literaturzeitung“) – zu den wichtigsten Vertretern der Kulturszene, die sich dem Prager Frühling anschloß. Er sprach von Hoffnung und Möglichkeiten. Er bestand darauf, den Sozialismus zu bewahren, wie auch auf der Notwendigkeit, einen anderen Weg einzuschlagen als der Westen, doch gestand er auch die Unsicherheit ein, die ihn in dieser Hinsicht nie verließ – und die sich später in die Überzeugung von der Nichtreformierbarkeit des Sozialismus verwandeln sollte.

            Ganz ähnlich aber sah er auch den Kapitalismus, in dem er letztlich die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte. Denn einige Monate später – nach der Okkupation im August 1968 – beschloß er, im Westen zu bleiben. Nach Tschechien kehrte er erst 2013 zurück. Und zwar ins heimatliche Prager Žižkov-Viertel, gleichzeitig aber auch in eine Gesellschaft, die er – wie er bekannte – wegen ihres übermäßigen Rechtsdralls nicht mehr verstand. In Prag ist er dann auch am Freitag, den 4. Dezember 2020, im Alter von 96 Jahren gestorben. In seinem Leben spiegeln sich zwei große Themen der tschechischen Gesellschaft wieder: Die 1960er Jahre als Wunder und verpaßte Gelegenheit sowie das noch immer nicht ganz gelöste Verhältnis zum Exil und den Exilanten – siehe Milan Kundera, mit dem er sich in Paris angefreundet hatte.

            Liehm wurde im Jahre 1924 in Prag in eine Familie eines Scheidungsanwalts hinein geboren. Karriere machte er als Journalist, und als solcher fand er sich plötzlich inmitten der turbulenten Veränderungen der tschechoslowakischen Medienwelt der 1940er bis 1960er Jahre wieder. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er mit seinem Freund Emil František Burian zusammen, an dessen Heimholung aus dem Konzentrationslager am Ende des Krieges er beteiligt war und den er bei der Herausgabe der Wochenzeitschrift Kulturní Politika unterstützte. Später trennten sich ihre Wege jedoch aus ideologischen Gründen wegen Burians Begeisterung für den Kommunismus. Die Zeitschrift wurde 1949 eingestellt und Liehm wechselte zur Presseagentur ČTK.

            Nach kurzer Tätigkeit in der Presseabteilung des Außenministeriums, wo er hinausgeworfen wurde, leistete er seinen Wehrdienst in der Redaktion von Naše vojska („Unsere Truppen“) ab. Von 1961 an arbeitete er bei den Literární noviny, wo er die Auslands- und die Filmrubrik betreute. Die Literární noviny wurden schrittweise zu einem der entscheidenden Foren für die Formulierung von Reformideen, und so bezeichnete Liehm in einem Gespräch, das er 2015 den Divadelní noviny („Theaterzeitung“) gab, die Jahre zwischen 1955 und 1969 als „die besten Jahre meines Lebens … das war eine Zeit voller wirklich greifbarer Hoffnungen, neuer Gedanken, neuer Visionen“.

            Mit den besten Jahren war es nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts im August 1968 endgültig vorbei, als sich, wie man es nannte, „ein Käfig schloß“, womit die Reformen der „Rechtsabweichler“ beendet und der tschechoslowakische Sozialismus auf den korrekten Weg zurückführt werden sollten. Liehm gehörte zu den Unbequemen. Der prominente kommunistische Ideologe und Filmkritiker der Parteizeitung Rudé Právo, Jan Kliment, faßte zwei Jahre später in seinem Artikel über das Filmfestival von Karlový Vary, bei dem Liehm zusammen mit dem Philosophen Ivan Sviták zu den prominenten Sprechern gehörte, die Sichtweise der Partei wie folgt zusammen: „Damals, im Jahre 68, kamen die revisionistischen Theoretiker vom Typus Ivan Sviták und A. J. Liehm nach Karlovy Vary, um das internationale Treffen für ihre antisozialistischen und antisowjetischen Ziele zu mißbrauchen. Ihre Zeit ist abgelaufen“, schrieb Kliment. Als der Artikel erschien, war Liehm bereits in Frankreich im Exil. Dorthin gefahren war er noch als Vertreter des Tschechoslowakischen Staatsfilms in Paris, eine Funktion, die er bis zum Sommer 1969 ausübte, als er sich entschloß, nicht mehr zurückzukehren.

            Einen Teil des Exils verbrachte er in den Vereinigten Staaten, die Sechziger Jahre in der Tschechoslowakei hatte er sozusagen im Gepäck mitgenommen. Im Exil gab er zusammen mit Jiří Pelikán die Zeitschrift Listy heraus und in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gründete er in Paris die Kulturzeitschrift Lettre internationale, hörte dabei aber nie auf, die Neue Welle des tschechoslowakischen Films im Ausland bekannt zu machen. Seine Sammlung von Gesprächen, die er zwischen 1964 und 1969 mit Regisseuren und Drehbuchautoren führte – von seinem Lieblingsregisseur Miloš Forman (später schrieb er auch das Buch Přibehy Miloše Formana) über Pavel Juráček bis hin zu Vĕra Chytilová – erschien 1974 in New York unter dem Titel Closely watched films (erst dreißig Jahre später brachte sie das Nationale Filmarchiv unter dem tschechischen Titel Ostře sledované filmy (1) heraus).

            Auf diese Weise half Liehm, den Ruf des „Filmwunders“ in der heimischen Filmwelt zu festigen. Und damit unweigerlich auch eine gewisse Nostalgie nach den unerreichbaren und einzigartigen Sechziger Jahren, deren Nebeneffekt ein Minderwertigkeitskomplex war, der in der tschechischen Filmszene, insbesondere in der Zeit nach der Revolution von 1989, lange vorherrschte. Später beschäftigte er sich mit dem Gedanken, wie sich ein ähnlicher Aufschwung im tschechischen Kino wiederholen ließe. „Mir ist nicht klar, warum, wenn wir doch eine so reiche Gesellschaft sind, die Kultur – Film, Literatur, Theater, Zeitschriften – in vielerlei Hinsicht so darben muß. Talent heranzuziehen kostet Geld, das ist anstrengend, aber dann zahlt es sich aus. Daher gibt es heute keine neuen Formans, Passers, Vávras oder Jasnýs (2)“, meinte er im Gespräch mit den Divadelní noviny.

            Im Ausland hielt Liehm Vorlesungen und übersetzte vor allem französische Literatur. Er gab einen Band mit Gesprächen heraus, die er in den Jahren 1966–1968 mit tschechischen und slowakischen Schriftstellern geführt hatte, Titel: Generace, wobei mit Generation in diesem Falle diejenigen gemeint waren, die das nach dem Februarumsturz 1948 herrschende Regime geprägt hatten; von diesen sind dort als Gesprächspartner unter anderem Ester Krumbachová, Ludvík Vaculík und Václav Havel vertreten.(3) 1988 stellte Liehm unter dem Titel Jaro 1968 („Frühling 1968“) eine Auswahl von mehr als hundert Texten zusammen, die vor dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen veröffentlicht worden waren. Ein „Lesebuch für Kinder und Jugendliche“, das sich zum Ziel gesetzt hatte, das damalige Denken und Zeitgeschehen denjenigen nahezubringen, die sich nicht mehr oder anders daran erinnerten.

            In der Tschechoslowakei schaute Liehm gleich nach 1989 vorbei. Dauerhaft zurückgekehrt ist er dann 2013. Zwei Jahre später erhielt er den Tom-Stoppard-Preis für seinen Band Názory tak řečeného Dalimila („Ansichten eines sogenannten Dalimil“(4)), eine Sammlung seiner Texte für die Zeitschrift Listy. Im selben Jahr zeichnete ihn Präsident Miloš Zeman mit der Verdienstmedaille aus.

            Zu diesen Verdiensten zählen – neben der Werbung für die tschechische Kultur – auch die Pflege der journalistischen Arbeit einschließlich des Schreibens über den Film. Wie er den Divadelní noviny sagte: „Aus einer Kritik muß ersichtlich werden, daß man sie gerne schreibt und daß einen das Werk interessiert. Ob man nun negativ darüber schreibt oder positiv. Ihrem Text muß man immer anfühlen können, daß Sie nicht in schlechter Absicht schreiben, sondern daß Sie das wirklich fühlen. […] Genau das ist die Aufgabe der Kritik. Und ohne Kritik gibt es keine Kunst.“

Zuerst auf der Website des Wochenmagazins Respekt, 5. Dezember 2020

Aus dem Tschechischen von Markus Sedlaczek

 

(1) In etwa „Scharf beobachtete/verfolgte Filme“: Der Titel variiert einen berühmten Filmtitel, Ostře sledované vlaky (wörtl. „Scharf beobachtete/verfolgte Züge“) von Jiří Menzel (ČSSR 1966; deutscher Titel „Liebe nach Fahrplan“), der auf einer gleichnamigen Erzählung des Schriftstellers Bohumil Hrabal von 1965 beruht (dt.: Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht, übers. von F. P. Künzel, Suhrkamp, Frankfurt/M 1968) (hier und im Folgenden A. d. Ü.).

(2) Eminente Vertreter der Neuen Welle der tschechoslowakischen Films: Miloš Forman, Otakar Vávra, Ivan Passer, Vojtĕch Jasný.

(3) Vgl. deutsch Antonín Liehm, Gespräch an der Moldau, übers. von E. Bertleff, Molden, Wien 1968 (das Gespräch mit Ester Krumbachová hier nicht enthalten).

(4) Unter dem Pseudonym „Dalimil“ (Name des Autors einer mittelalterlichen Chronik) schrieben in den Literární listy (damaliger Titel) mehrere Autoren für die von Liehm redigierte Kolumne „Unser Kommentar“ (A. d. Ü.).

 

 

Jindřiška Bláhová

Ve věku 96 let zemřel propagátor české nové vlny A. J. Liehm

— Tschechisches Original —

Byla to nejlepší doba mého života, říkal známý novinář a filmový kritik o 60. letech

„Sami víme lépe, co už nechceme, než co by bylo třeba dělat,“ odpověděl na konci ledna 1968 novinář A. J. Liehm švýcarskému deníku Gazette de Laussane, zvědavému na tehdejší „klidnou revoluci“ v Československu. Tedy na probíhající pokus o reformu socialismu započatý obměnou politiků v čele komunistické strany. Liehm tehdy patřil díky působení v Literárních novinách k předním představitelům kulturní scény, který se zapojil do Pražského jara. Mluvil o naději a možnostech. Trval na zachování socialismu a nutnosti jít jinou cestou než Západ, ale přiznával i nejistotu, která ho v tomhle ohledu nikdy neopustila – a která se později překlopila v přesvědčení o nereformovatelnosti socialismu.

Podobně ale viděl i kapitalismus, v němž nakonec strávil druhou polovinu života. O několik měsíců později – po okupaci v srpnu 1968 – se totiž rozhodl na Západě zůstat. Do Česka se vrátil až v roce 2013. Zpět na rodný Žižkova a zároveň do společnosti, které - jak přiznával - už kvůli jejímu přílišnému vychýlení doprava nerozuměl. V Praze také v pátek 4. prosince zemřel ve věku 96 let. V jeho životním příběhu se zrcadlí dvě velká témata české společnosti. Šedesátá léta jako zázrak i promarněná příležitost a stále nedořešený vztah k emigraci a emigrantům – viz Milan Kundera, s nímž se v Paříži přátelil.

Liehm se narodil v roce 1924 v Praze v rodině rozvodového právníka. Kariéru spojil s novinařinou a jako novinář se ocitl uprostřed turbulentních proměn československé mediální scény čtyřicátých až šedesátých let. Bezprostředně po druhé světové válce spolupracoval s přítelem Emilem Františkem Burianem, kterého pomáhal po konci války přivést z koncentračního tábora, na vydávání týdeníku Kulturní politika. Později se ale ideologicky rozešli kvůli Burianově komunistickému zapálení. Časopis skončil v roce 1949 a Liehm přešel do ČTK.

Po krátkém působení v tiskovém odboru na ministerstvu zahraničí, odkud byl vyhozen, strávil vojnu v redakci Našeho vojska. A od roku 1961 pracoval v Literárních novinách, kde vedl zahraniční a filmovou rubriku. Z Literárních novin se postupně stalo jedno z klíčových fór pro formulování reformních myšlenek a roky 1955 až 1969 také označil v rozhovoru pro Divadelní noviny z roku 2015 za „nejlepší léta mého života … byla to doba plná skutečné hmatatelné naděje, nových myšlenek, nových vizí“.

Za nejlepšími léty „spadla klec“ po srpnové invazi vojsk varšavské smlouvy, která měla zastavit reformní „pravicové úchylky“ a vrátit československý socialismus na správnou cestu. Liehm patřil mezi nepohodlné lidi. Prominentní komunistický ideolog a filmový kritik Rudého práva Jan Kliment pohled strany shrnul o dva roky později ve svém článku o filmovém festivalu v Karlových Varech, na němž patřil Liehm například spolu s filosofem Ivanem Svitákem k prominentním mluvčím.

„Tehdy v osmašedesátém roce přijeli do Karlových Varů revizionističtí teoretikové typu Ivana Svitáka a A. J. Liehma, aby zneužili mezinárodního setkání ke svým protisocialistickým a protisovětským cílům. Jejich doba pominula,“ napsal Kliment. Když článek vyšel, byl už Liehm v emigraci ve Francii. Tam odjížděl ještě jako zástupce Československého státního filmu v Paříži a funkci zastával až do léta 1969, kdy se rozhodl, že už se nevrátí.

Část emigrace pak strávil ve Spojených státech, ale československá šedesátá léta si vzal s sebou. V emigraci vydával s Jiřím Pelikánem Listy a ve druhé polovině osmé dekády kulturní revue Lettre Internationale, přitom nepřestával propagovat v zahraničí filmovou československou novou vlnu. Jeho soubor rozhovorů pořízených mezi lety 1964 až 1969 s režiséry a scenáristy od jeho nejoblíbenějšího Miloše Formana (později napsal i knihu Příběhy Miloše Formana) přes Pavla Juráčka po Věru Chytilovou vyšel poprvé v New Yorku v roce 1974 pod názvem Ostře sledované filmy (až o necelých třicet let později jej vydal Národní filmový archiv).

Pomáhal tak upevňovat  reputaci „filmového zázraku“ v tuzemské kinematografii. A tím nevyhnutelně i jistou nostalgii po nedostižných a jedinečných 60. letech, jejímž vedlejším efektem byl komplex méněcennosti, dlouho provázející hlavně porevoluční českou filmovou scénu. Později se zabýval myšlenkou, jak zopakovat podobné vzedmutí uvnitř české kinematografie. „Není mi jasné, proč, když jsme jako společnost tak bohatí, musí kultura – film, literatura, divadlo, časopisy - v mnoha aspektech živořit. Vychovat talent stojí peníze a je to náročné, ale pak se to vyplatí. Proto dnes nejsou noví Formanové, Passerové, Vávrové či Jasní,“ uvažoval ve zmíněném rozhovoru pro Divadelní noviny.

V zahraničí se věnoval i přednášení a překládal hlavně francouzskou literaturu. Vydal knihu rozhovorů s českými a slovenskými spisovateli z let 1966–68 nazvanou Generace – v tomto případě generace poznamenaná poúnorovým režimem. Zpovídal v nich Ester Krumbachovou,  Ludvíka Vaculíka nebo Václava Havla. V roce 1988 sestavil výběr více než stovky textů publikovaných před invazí a nazvaný Jaro 1968. Čítanka pro děti a mládež, jehož cílem bylo přiblížit tehdejší myšlení i dobu těm, kteří už si ji nepamatovali nebo pamatovali jinak.

Do Československa se podíval hned po roce 1989. Natrvalo se vrátil v onom roce 2013. O dva roky později získal Cenu Toma Stopparda za knihu Názory tak řečeného Dalimila, kolekci svých textů z Listů. Ve stejném roce mu prezident Miloš Zeman udělil medaili Za zásluhy.

Ty spočívaly kromě propagace československé kultury i v kultivaci novinářské práce včetně psaní o filmu. Jak řekl Divadelním novinám: „Z kritiky by mělo být patrné, že ji píšete rád a že vás to dílo zajímá. Ať už o něm píšete negativně, nebo pozitivně. Vždycky by z vašeho textu mělo být cítit, že jej nepíšete se špatným úmyslem, ale že to právě takhle cítíte. (…) Právě to je úkol kritiky. A bez kritiky není umění.“

Prag, 6. Dezember 2020, Wochenmagazin Respekt

 

 

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Biancamaria Bruno

An Liehm denkend

Es war im Januar 1986. Ich suchte Arbeit und fand sie dank eines guten Freundes, Sergio Benvenuto, der für die Zeitschrift Lettera Internazionale arbeitete, die von Federico Coen geleitet wurde. Das Vorstellungsgespräch mit dem Redaktionsleiter verlief gut, und ich fand mich bei einer europäischen Zeitschrift wieder, die damals noch nicht sehr bekannt war. Die Redaktion verfügte nicht einmal über ein eigenes Büro, also suchten wir uns jedes Mal einen anderen Ort zum Arbeiten. Unvergessen in der Geschichte des Magazins ist daher jenes eine Mal, als wir uns – in Ermangelung von etwas Besserem – bei der Fahnenkorrektur am Tiberufer wiederfanden. Mit mir in der Redaktion arbeiteten Sergio Benvenuto und Martina Seitz. Martina war Deutsche und Sergio gerade dabei, die Redaktion zu verlassen, um am CNR (Centro Nazionale delle Ricerche) in Neapel zu arbeiten, so daß Martina und ich übrig blieben, um alles zu managen, was mit der Zeitschrift zu tun hatte, von der Verwaltung bis zur Typographie, eine herausfordernde, aber auch abwechslungsreiche Aufgabe.

Es war Martina, die mich nach einer Weile ermutigte, Antonin Liehm anzurufen, der die französische Ausgabe der Zeitschrift in Paris leitete und mit dem ich bis dato nie gesprochen hatte.

Das Telefonat mit Liehm verlief gut: Wir sprachen auf Französisch, eine Sprache, die wir beide gut beherrschten. Liehm sprach sechs oder sieben verschiedene Sprachen; wie alle Slawen besaß er eine große Leichtigkeit beim Erlernen von Fremdsprachen. 1987 wurde die spanische und 1988 die deutsche Ausgabe geboren.

Liehm unterhielt freundschaftliche und berufliche Beziehungen zu den bedeutendsten Protagonisten der Intelligenz jener Epoche, unter anderem zu Milan Kundera, dessen Texte die italienische Ausgabe als erste in Italien veröffentlichte. Unter unseren Redakteuren befand sich auch Vittorio Strada, der international bekannte Slawist, der uns ab und zu Texte schickte.

Zu den weiteren Protagonisten der frühen Jahre zählten: Boris Pasternak, Václav Havel, Eduard Goldstuecker, Edgard Morin, H. M. Enzensberger, John Berger und viele andere.

Einen besonderen Platz in meiner Erinnerung nimmt eine große Redaktionssitzung ein, die wir, wenn ich mich recht erinnere, in der damaligen Casa della Cultura an der Piazza Argentina abhielten. Alle waren da, auch unsere deutschen und spanischen Freunde. Am Sitzungstisch hatte Liehm, der am Kopfende des Tisches saß, mich zu seiner Rechten gesetzt, Frank Berberich, Redakteur der deutschen Ausgabe, zu seiner Linken. Ein Kreuzfeuer verschiedener Sprachen brauste über meinen Kopf hinweg, und am Ende des Treffens hatten Coen und ich heiße Köpfe.

Schöne Zeiten, die nie wieder kommen werden.

Rom, 14. Dezember 2020

 

 

Biancamaria Bruno

Pensando a Liehm

 — Italienisches Original —

Era il gennaio del 1986. Cercavo lavoro. Lo trovai, alla fine, grazie a un caro amico, Sergio Benvenuto che collaborava con la rivista Lettera Internazionale, diretta da Federico Coen. Il colloquio con il direttore andò bene e mi ritrovai a lavorare per una rivista europea che all’epoca non era ancora molto conosciuta. La rivista non aveva neanche una sede, per cui la ogni volta doveva inventarci un posto dove lavorare. è rimasta famosa nella storia della rivista quella volta che, in mancanza di meglio, ci ritrovammo a correggere le bozze sul parapeto del Tevere. Insieme a me in redazione lavoravano, Sergio Benvenuto e Martina Seitz. Martina era tedesca e Sergio si preparava a lasciare la redazione per andare a lavorare al CNR di Napoli (Centro Nazionale delle Ricerche), per qui saremmo rimaste solo Martina e io a gestire tutto quello che riguardava la rivista, dall’amministrazione alla tipografia un lavoro impegnativo ma anche divertente.

Fu proprio Martina, dopo un po’di tempo, a incoraggiarmi a telefonare a Antonin Liehm che dirigeva a Parigi l’edizione francese della rivista e con cui non avevo mai parlato

La telefonata con Liehm andò bene : parlammo in francese che era la lingua che conoscevamo bene tutti e due. Liehm parlava 6 o 7 lingue diverse; come tutti gli slavi aveva una grande facilità nell’imparare le lingue straniere. Nel 1987 nacque l’ edizione spagnola e nel 1988 quella tedesca.

Liehm aveva rapporti di amicizia e legami professionali con la migliore intellighenzia dell’epoca , tra cui Milan Kundera che l’edizione italiana pubblicò per prima in Italia. Tra i nostri direttori c’era anche Vittorio Strada, il Russista di fama internazionale che ogni tanto ci mandava testi

Tra gli altri protagonisti dei nostri primi anni: Boris Pasternak, Václav Havel, Eduard Goldstuecker, Edgar Morin, H.M. Enzensberger, John Berger e tanti altri.

Uno spazio speciale nella mia memoria è occupato da una grande riunione di redazione, che tenemmo, se la memoria non mi inganna, in quella che era la Casa della Cultura a piazza Argentina. C’eravamo proprio tutti, compresi di amici tedeschi e quelli spagnoli. Al tavolo della riunione, Liehm, a capotavola, mi aveva voluta alla sua destra, Frank Berberich, direttore dell’edizione tedesca, alla sua sinistra. Un fuoco incrociato di lingue diverse sfrecciava sulla mia testa, tanto che, alla fine della riunione Coen e io avevamo la testa come un pallone.

Bei tempi che non torneranno mai più.

Rom, 14. Dezember 2020

 

 

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Ghislaine Glasson-Deschaumes

Antonin Liehm

Mit Antonin Liehm erlischt ein gewisses Europa, eine Erinnerung an das, was es vor dem Zweiten Weltkrieg war, an das, was es durch den Kalten Krieg wurde. Mit ihm schwindet eine gewisse Wahrheit von Europa.

Zwei Generationen trennten uns. Ihm verdanke ich meine Einführung in die Filmkünste des Ostens und in die Spionageromane von John Le Carré, literarische Begegnungen voller unauslöschlicher Spuren, wie die von Gustav Herling, oder die Lektüre von bisher unzugänglichen Dichtern und Dichterinnen, wie Wislawa Szymborska, um nur eine zu nennen.

Mein Gedächtnis ist bevölkert von tschechischen Scherzen und jüdischen Witzen aus Mitteleuropa, die er mir zu erzählen pflegte, bevor wir gemeinsam an den zu veröffentlichenden Texten zu arbeiten begannen, an der Komposition der französischen Ausgabe von Lettre internationale, an der Qualität der Übersetzungen oder an dem aufzutreibenden Geld, an dem es immer fehlte. Wir teilten eine unbändige Vorliebe für die Überschreitung der Grenzen und ein großes Vertrauen in die Literatur – in alle Literaturen. Wir schätzten die Kraft der Übersetzung und liebten die oft außergewöhnlichen Übersetzerinnen und Übersetzer.

Antonin war ein Mann der Enthusiasmen und des Zorns, unkonventionell, vollständig dem radikalen Projekt verschrieben, das Lettre internationale war. Diese schöne und unmögliche Idee, die, allen Widerständen zum Trotz, teilweise realisiert wurde.

Paris, 13. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Lettre International, Berlin

 

 

Ghislaine Glasson-Deschaumes

Antonin Liehm

— Französisches Original —

Avec Antonin Liehm, c’est une certaine Europe qui s’éteint, une mémoire de ce qu’elle fut avant la Seconde Guerre mondiale, de ce qu’elle fut avec la Guerre froide. Avec lui disparaît une certaine vérité de l’Europe.

Deux générations nous séparaient. Je lui dois mon introduction aux cinémas de l’Est et aux romans d’espionnage de John Le Carré, des rencontres littéraires aux traces indélébiles, comme celle de Gustav Herling ou encore la lecture de poètes jusque-là inaccessibles, comme Wislawa Szymborska, pour n’en citer qu’une.

Ma mémoire est peuplée des blagues tchèques et des blagues juives de la Mittel Europa qu’il me racontait avant que nous entamions ensemble le travail sur les textes à publier, les sommaires de l’édition française de Lettre internationale, la qualité des traductions, ou sur l’argent à trouver, car il manquait toujours. Nous partagions un goût immodéré pour la traversée des frontières et une grande foi dans la littérature – toutes les littératures. Nous reconnaissions la puissance de la traduction et nous aimions les traductrices et traducteurs, souvent exceptionnels.

Antonin était un homme d’enthousiasmes et de colères, non conventionnel, entièrement dévoué au projet radical qu’était Lettre internationale. Cette belle et impossible idée, réalisée, même si partiellement, contre vents et marées. 

Paris, 13 décembre 2020

 

 

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Wlodek Goldkorn

Zum Abschied von Antonin J. Liehm

In seinem schönen Buch Die Erinnerungen kommen mir entgegen berichtet der Philosoph Edgar Morin, sein Freund Antonin J. Liehm habe 2014 zu ihm gesagt: „Mei­nen neunzigsten Geburtstag feiere ich nicht. Ich bedaure ihn“. Er, Liehm, dürstete nach Leben. Nun, sechs Jahre später, hat uns die Nachricht vom Tod des tschechi­schen Intellektuellen, Schriftstellers und Prot­agonisten des kulturellen Lebens in jenem Land erreicht, das da­mals noch Tsche­choslowakei hieß. Liehm war ei­ner der Initiatoren des Prager Frühlings von 1968, nach der so­wjetischen Invasion war er ein Exponent der Op­position im Exil. Wer ihn gekannt hat, bewahrt die Erin­nerung an einen freundlichen und gebildeten Herrn, der unab­lässig damit beschäftigt war, Kontakte zwischen Demo­kraten, Laizisten und Hä­retikern herzustellen, Menschen, denen, wo auch immer in Europa, die libera­len und linken Werte am Herzen lagen. Eben deshalb hatte er auch 1984 in Paris die Zeitschrift Lettre internatio­nale gegründet, die ab einem bestimmten Zeit­punkt in drei­zehn Editionen er­schien, in ebensovie­len Sprachen (in Italien als Lettera Internazionale, Chefre­dakteur Federico Coen). Wie Liehm erzählte, mußte er auf der Suche nach Mit­teln dafür praktisch „betteln“ ge­hen.

Wenn man sein Leben in der Rückschau betrachtet – und sich dabei auch seine Lehr­meister und Weggefährten in Erinnerung ruft – sieht man, wie sehr die Geschichte im all­gemeinen von schicksals­haften Zufällen bestimmt wird, fast wie in den Romanen von Milan Kundera, mit dem Liehm jah­relang zusam­mengearbeitet hat. Und man sieht auch, wie kom­plex die Gründe waren, derentwegen bestimmte Intellek­tuelle sich dem Kommunismus ange­schlossen hatten, woran sie später zerbrachen.

In Prag als Sohn einer bürgerli­chen Familie gebo­ren, der Vater war Rechtsanwalt, tritt Liehm 1946 in die Redaktion der von Emil Buri­an geleite­ten Zeitschrift Kulturni Politika ein. Zu jener Zeit war Buri­an eine lebende Legende, ein facettenreicher Künstler und hochkultivierter Mann, ein Kommunist, der im Prag der dreißiger Jahre das avant­gardistische Thea­ter ein­geführt hatte, Dadaismus, Futu­rismus und so weiter. Bu­rian, in Nazi-Lager inhaftiert, konnte im Mai 1945 aus Neuengamme nach Hause zu­rückgebracht werden, dank der Tatsache, daß Liehm in einer Tram­bahn zufäl­lig hörte, daß sein Mentor in jenem so­eben von den Alli­ierten befreiten Lager im Sterben lag. Die Zeitschrift wur­de 1949 geschlossen. Das Vergehen: die Veröffentli­chung eines satirischen Textes: Kommu­nistische Liebe. Liehm verdankt es dem Schicksal und Bu­rians Geschick, daß er nicht im Gefängnis endet. 1961 wird er bei der Zeitschrift Literàrni Noviny einge­stellt, nimmt dort die Zü­gel in die Hand und macht dar­aus eine Ideenschmiede für eine neue Kultur, eine neue Betrachtung der Welt, um die stalinistische Epoche zu beenden, die in der Tschechoslowakei länger währte als anderswo. Mit­arbeiter sind neben Kundera, Václav Havel und Eduard Goldstücker viele andere Schriftstel­ler, Kriti­ker, Philoso­phen und Theoretiker, eini­ge von ih­nen vertreten den „Sozialismus mit menschlichem Ge­sicht“, andere sind schlicht demokratische Antikommu­nisten. In dem Bestre­ben, sich mit dem Westen wieder­zuvereinen, bringt die­se abtrünnige Welt in den sechzi­ger Jahren eine Reihe schönster Romane hervor. Der von den Sta­linisten ver­botene Kafka wird neu entdeckt, das Kino in ein Instru­ment der So­zialkritik und neuer stilistischer Mittel ver­wandelt, man denke nur an Regis­seure wie Milos For­man oder Vera Chytilová (die das Land mit Tausend­schönchen, ei­ner bösen Satire über die Macht, erschüt­terte). Kurzum, daß der Prager Früh­ling stattfand, ist nicht nur das Ver­dienst der Reformer in der Partei, son­dern auch dieses Mili­eus von Intellektuel­len und Künst­lern, das einer neuen Sprache Form gibt. Nebenbei, Alexander Dubcek, Chef der Partei, gelangt damals nur dank eines Fehlers in Leonid Breschnews Kalkül an die Macht, weil dieser glaubt, Dubcek sei der richtige Mann, um die Auf­ständischen zu zügeln. Nach der sowjeti­schen Invasion dann im Westen gelandet, en­gagierte sich Liehm weiterhin beharr­lich für die Kultur. Erst vor wenigen Jahren die Rück­kehr nach Prag, seiner Stadt.

Der letzte Wunsch: Er bat darum, seine Asche im Meer vor den Küs­ten der Bretagne zu verstreuen. 

Zuerst in: La Repubblica, Rom, 5. Dezember 2020

Aus dem Italienischen von Michaela Wunderle

 

Wlodek Goldkorn

Liehm, il dissidente che fece Primavera

— Italienisches Original —

Addio all'intellettuale ceco di Lettera Internazionale di Wlodek Goldkorn Racconta Edgar Morin, nel bel libro I ricordi mi vengono incontro (Raffaello Cortina), che il suo amico Antonin J. Liehm, nel 2014, disse: «Il mio novantesimo compleanno io non lo festeggio, lo rimpiango». Era assetato della vita Liehm. Ora, a sei anni da quella giornata, è arrivata la notizia della scomparsa dell'intellettuale ceco, scrittore, protagonista della vita culturale di quella che allora si chiamava Cecoslovacchia, uno degli artefici della Primavera di Praga nel 1968, esponente del dissenso in esilio dopo l'invasione sovietica. Chi l'ha conosciuto serba il ricordo di un signore gentile, colto e incline costantemente a tessere legami fra democratici, laici, eretici, persone a cui erano cari i valori liberali e di sinistra, ovunque in Europa. Per questo nel 1984 aveva fondato a Parigi, la rivista Lettre internationale, che a un certo punto ebbe tredici edizioni in altrettante lingue (in Italia come Lettera Internazionale, diretta da Federico Coen). Raccontava che, per trovare i fondi, in pratica «chiedeva l'elemosina ». A percorrere a ritroso la sua vita - e a evocarne i maestri e compagni di strada - si capisce quanto la storia, in genere, sia governata da incidenti di percorso, quasi come nei romanzi di Milan Kundera, con cui Liehm ha lavorato per anni. E anche quanto complesse fossero le ragioni per cui certi intellettuali avevano aderito al comunismo, per poi restarne schiacciati. Nato a Praga, figlio della borghesia - il padre era avvocato - nel 1946 Liehm entra a far parte della redazione della rivista Kulturni Politika, diretta da Emil Burian. Burian all'epoca è una leggenda vivente, un artista poliedrico, uomo raffinato, il comunista che negli anni Trenta aveva introdotto a Praga il teatro d'avanguardia, fra futurismo, dadaismo e via elencando. Prigioniero dei lager nazisti, viene riportato a casa da Neuengamme nel maggio 1945, grazie al fatto che su un tram Liehm era venuto a sapere che il suo mentore era in fin di vita in quel luogo, appena liberato dagli Alleati. Nel 1949, la rivista viene chiusa. La colpa: la pubblicazione di un testo satirico, Amore comunista. Liehm è grato al destino e all'abilità di Burian per non essere finito in prigione. Nel 1961 viene assunto nel giornale Literární Noviny, poi ne prende le redini, facendone la fucina di un nuovo modo di far cultura e pensare il mondo, per chiudere i conti con il periodo stalinista che in Cecoslovacchia durò più che altrove. Vi collaborano, oltre a Kundera, Václav Havel, Eduard Goldstücker, tanti altri fra scrittori, critici e filosofi, teorici alcuni del "socialismo dal volto umano", altri semplicemente anticomunisti democratici. Quel mondo ribelle, nel tentativo di ricongiungersi con l'Occidente, produce negli anni Sessanta una serie di romanzi bellissimi, riscopre Kafka (proibito dagli stalinisti) e trasforma il cinema in uno strumento di critica sociale ma anche di stile, basti pensare ai registi come Milos Forman o Vra Chytilová (che scosse il paese con la fero satira contro il potere Le margheritine). Insomma, se la Primavera di Praga ha luogo, il merito non va solo ai riformatori nel Partito ma anche all'ambiente degli intellettuali e degli artisti che forgia un linguaggio nuovo. E del resto, il capo del partito Aleksander Dubcek sale allora al potere per un errore di calcolo di Leonid Brenev, che lo crede un uomo capace di frenare i ribelli. Finito in Occidente dopo l'invasione sovietica, Liehm avrebbe continuato, pervicacemente, a fare cultura. Qualche anno fa, il rientro nella sua Praga. L'ultimo desiderio: ha chiesto che le sue ceneri siano sparse nell'Oceano davanti alle coste della Bretagna.

Zuerst in La Repubblica, Rom, 5. Dezember 2020

 

 

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Erika und Ulrich Gregor

— Deutsches Original —

Antonin Liehm und die Hoffnung auf das Unmögliche

Antonin Liehm war einer unserer ersten Gesprächspartner für Geschichte und Gegenwart des tschechoslowakischen Films, für Fragen der Kinematographie und Kulturpolitik in den Ländern des damaligen Ostblocks. Wir lebten in West-Berlin und verfolgten gespannt alle Veränderungen und Anzeichen einer möglichen Erneuerung in den Ländern Osteuropas, in der Hoffnung auf neue Perspektiven. In den 60er Jahren und bis 1968/69 waren es besonders die Filme der tschechoslowakischen „Neuen Welle“, die wir bewunderten und in West-Berlin bei den „Freunden der Deutschen Kinemathek“ in der Akademie der Künste zur Aufführung brachten. In dieser Zeit und auch danach waren es die Bücher von Antonin Liehm, die uns Orientierung gaben, insbesondere Closely Watched Films: The Czechoslovak Experience, dessen Widmung – unvergeßlich – lautete: „To Drahomira Liehm, and all the splendid, talented, brave and honest people who almost achieved the impossible“. Dieser Satz! Die immer noch bestehende Hoffnung auf das „Unmögliche“ bildete so etwas wie eine gemeinsame Plattform zwischen uns.

Wir begegneten Antonin immer wieder auf Reisen und auf verschiedenen Filmfestivals, so in Cannes und in Mannheim, wo Mira zeitweilig arbeitete, in den schweren Jahren des Exils. Einen besonders engen Kontakt hatten wir mit beiden in den 90er Jahren in der Zeit seines Aufenthalts in Berlin als Stipendiat der Europäischen Akademie. Sie residierten hier in einem palastartigen Bau im Bezirk Grunewald, wo ein benachbarter See zum Schwimmen einlud. In dieser Zeit hatten wir mit ihm und Mira viele Gespräche und Diskussionen, die uns bei unserer eigenen Arbeit für das Kino Arsenal und das Forum der Berlinale inspirierten.

Wir schätzten Antonins freundschaftliche Offenheit, seine Herzlichkeit und seine scharfe Art des Argumentierens.

Seine Bücher haben in unserer Bibliothek, die vielfach auf Film, Politik und Geschichte bezogen ist, einen Ehrenplatz.

Berlin, 28. Dezember 2020

 

 

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Dick Howard

Antonín Liehm, eine vierzigjährige Freundschaft

Der Tod eines Freundes ruft Erinnerungen wach. Ich bin Antonín Liehm Anfang der 1970er Jahre begegnet, als er seine polnischen Freunde Roman Karst und Jan Kott in der New Yorker Universität in Stony Brook besuchte. Ich war dort gerade eingestellt worden, um politische Philosophie zu lehren. Im Sommer 2016 habe ich ihn wiedergesehen, bei einem Mittagessen mit meiner Frau und dem tschechischen Freund Jan Kavan, unterhalb von seiner Prager Wohnung in dem kleinen Restaurant, wo er oft Besucher aller Nationalitäten empfing, wie der Wirt erzählte. Während dieser vierzigjährigen Freundschaft haben wir an verschiedenen Orten prägende Erfahrungen und Hoffnungen geteilt.

            Ich kam aus der Neuen Linken (zuerst in Texas, dann 1968 in Nanterre), hatte auch die junge deutsche Linke und durch meinen Freund Jan Kavan die tschechische Studentenbewegung in den Jahren 1967 und 1968 kennengelernt — er war Stammvater, Zeuge und zuweilen Kritiker. Mit unserer ersten Begegnung begann ein Zwiegespräch, das durch meine Mitarbeit an der Zeitschrift Telos weitergeführt wurde. Eine neue Linke wollte in dieser Publikation das radikale Potential eines postleninistischen Marxismus wiederentdecken — ebenso wie unsere Weggefährten in West- und auch Osteuropa. Das Projekt verfolgte eine demokratische, dem Anderen und den anderen Kulturen gegenüber offene Orientierung. In politischer Hinsicht berief es sich auf das, was Merleau-Ponty „den westlichen Marxismus“ nannte. Texte Liehms fanden dort ihren Platz, und vor allem schätzte man seine Ratschläge und seine Erfahrung.

            Anfang der 1980er Jahre, als offensichtlich wurde, daß sich der „real existierende Sozialismus“ nicht mehr lange halten konnte, kam die Zeit der kritischen Begegnungen mit dem Marxismus, vor allem im Bereich der beiden Europas. Damals nimmt Lettre allmählich Gestalt an. Ich habe Liehm vor allem in Paris getroffen, und ich beteiligte mich mit Essays an der französischen Ausgabe der Zeitschrift. Wir begegneten uns auch bei internationalen Veranstaltungen in Dubrovnik, Amsterdam, Berlin oder Frankfurt ...

            Liehm hat seine Vision nicht aufgegeben, als die französische Ausgabe von Lettre ihr Erscheinen einstellen mußte. Er veröffentlichte dann das Bulletin de Lettre Internationale, und in seinem kleinen Büro im 13. Arrondissement, das ihm ein befreundeter Abgeordneter der Stadt Paris zur Verfügung gestellt hatte, leitete er die anderen Ausgaben der Zeitschrift. Dort kamen wir wieder zusammen, und ich habe dann weitere Texte veröffentlicht. Ich glaube, in Paris sind wir zum letzten Mal im Théâtre du Rond-Point zusammengekommen. Er hatte mich gebeten, ihn zu einer Versammlung einiger „älterer Aktivisten“ der demokratischen Bewegung zu begleiten. Der große Saal war gut gefüllt. Liehm saß nicht auf dem Podium, aber mehrere Teilnehmer erkannten ihn und begrüßten ihn als einen der Ihren.

            Das sind also ein paar Erinnerungen an einen internationalen Intellektuellen. Er hat sich um ein demokratisches Projekt bemüht, das stets wiederbegonnen wurde und stets wiederzubeginnen ist — und ich bin nicht der einzige, der daran teilgenommen hat und der es fortsetzen will.

Paris, 4. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

 

 

Dick Howard

Une amitié de 40 ans

— Französisches Original —

La mort d’un ami éveille les souvenirs. J’ai rencontré Antonin Liehm au début des années 1970 lorsqu’il était venu visiter ses amis polonais Roman Karst et Jan Kott à l’université de New York à Stony Brook où je venais d’être engagé pour enseigner la philosophie politique. Je l’ai revu l’été de 2016 pour le déjeuner avec ma femme et l’ami Czech Jan Kavan dans le petit restaurant en bas de chez lui à Prague où, selon le propriétaire, il recevait souvent des visiteurs de toutes nationalités. Pendant ces quarante années d’amitiés, sur des scènes différentes, il y avait expériences formatives et des espérances partagées.

            Je venais de la Nouvelle gauche (d’abord au Texas, puis à Nanterre en 1968), j’avais aussi connu la jeune gauche allemande et grâce à l’ami Jan Kavan, le mouvement étudiant tchèque en 1967 et 1968; lui était ancêtre, témoin, parfois critique. Notre première rencontre ouvrait une conversation relayée au travers de ma participation à la revue Telos où une gauche nouvelle cherchait—comme nos paires en Europe, ouest et aussi est—à redécouvrir le potentiel radical d’un marxisme post-léniniste. Ce projet était orienté par une vision démocratique, ouverte à l’autre et aux autres cultures; il se réclamait politiquement ce que Merleau-Ponty appelait «le marxisme occidental». Des textes de Liehm, et surtout ses conseils et son expérience, y trouvaient leur place.

            Au début des années 1980, lorsqu’il devint évident que le «socialisme réellement existant» ne pouvait plus perdurer vint le temps des rencontres critiques avec le marxisme, surtout au sein des deux Europe. C’est le temps où Lettre commence à prendre corps, une gestation racontée en détail par Roman Schmidt. Je voyais Liehm surtout à Paris, et contribuais des essais à l’édition française de la revue; on se retrouvait aussi lors de réunions internationales, à Dubrovnik, Amsterdam, Berlin ou Frankfort …

            Liehm n’abandonnait pas sa vision lorsque l’édition française de Lettre dut cesser; il publiant Le Bulletin de la Lettre tout en gérant les autres éditions du journal à partir du petit bureau au 13e arrondissement prêtée par un ami, député de la ville de Paris. On s’y retrouvait, j’y ai publié encore des textes. Je crois que notre dernière rencontre parisienne eut lieu au Théâtre du Rond Point où il m’avait demandé de l’accompagner à une réunion de quelques «anciens» du mouvement démocratique dans une grande salle bien remplie. Liehm n’était pas au podium, mais il fut reconnu et salué par des participants comme l’un des leurs.

            Voici donc quelque souvenirs d’un intellectuel international poursuivant un projet démocratique toujours recommencé et toujours à recommencer dont je ne suis pas le seul d’y avoir participer et vouloir poursuivre.

Paris, 4. Dezember 2020

 

 

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Nancy Huston

Schönheit und Stringenz

Ich habe Antonín Liehm geliebt: seine Bescheidenheit, seinen Enthusiasmus, seine blauen Augen und sein Lachen. Mir gefiel, wie man eines Tages beschließen konnte, nicht mehr zuzulassen, daß die Politik eine derart offensichtliche Einheit wie Europa zerreißt, und die Mauer zwischen Ost und West verschwinden zu lassen, indem man sich auf vielfältige Weise mitteilt und austauscht. Vor allem aber hat mir gefallen, daß dieses ehrgeizige politische Projekt für Liehm nicht auf diskursive Weise, sondern mit Hilfe von Literatur, Poesie, historischer Reflexion und Graphik in Angriff genommen wurde. Lettre Internationale war durch ihre Schönheit wie durch ihre Stringenz das lebendige Beispiel dafür, daß die Kreativen die europäische Idee besser zu verkörpern vermögen als jene, die sich am großen Palaver beteiligen.

            An Antonín schätzte ich seit jener Zeit, daß er, bevor es von außen auferlegt oder zur Mode wurde, den Autoren beiderlei Geschlechts Respekt zollte. Anderen voranschreitend, ohne es groß hinauszuposaunen, war Lettre Internationale eine der ersten Publikationen französischer Sprache, die im Kurzlebenslauf ihrer Mitarbeiterinnen das Wort écrivaine („Schriftstellerin“) verwendete. Ich mochte die Art, wie seine Professionalität ihm dazu diente, einschließend zu handeln, und nicht ausschließend; wie er sich verwirklichte, indem er anderen dabei half, sich ihrerseits zu verwirklichen.

            Ich mochte die Soireen, die Antonín und seine Frau in ihrer Wohnung nahe der Kirche des heiligen Ambrosius im 11. Pariser Arrondissement gaben, um das Erscheinen einer neuen Ausgabe zu feiern. Es waren herzliche Runden, keine mondänen Veranstaltungen: Man aß, trank und diskutierte. In diesen Diskussionen ging es nicht um die Karriere der einzelnen, sondern um „das Grundlegende“. Hinter der Freude über eine erste Begegnung oder ein Wiedersehen war immer auch ein gewisser Ernst zu spüren: der der Verfolgungen, der Gefängnisse, der Nachstellungen und der Strafen.

            Ich mochte auch, wenn Antonín mir davon erzählte, wie er in den 1960er Jahren bei den Literární noviny mit Milan Kundera zusammenarbeitete. Mit einer wöchentlichen Auflage von 150 000 Exemplaren erreichte diese Zeitung eine Million Leser. „Ein herrliches Leben! Das waren die besten Jahre meines Lebens“, sagte Liehm. Interessant war es auch zu erfahren, dass diese heimlichen Treffen sicherheitshalber in den türkischen Bädern der Stadt stattfanden. Ich habe sie mir gerne vorgestellt, Liehm und Kundera, inmitten von Dampfschwaden ihre Körper der Hitze ausliefernd, während ihre Transpiration ihre Konspiration beförderte.

Danke Antonín! Danke für alles! Es war mir ein Privileg und ein Vergnügen, dich gekannt zu haben.

Paris, 8. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

 

 

Nancy Huston

Transpiration — conspiration.

— Französisches Original —

J'ai aimé Antonin Liehm : sa modestie, son enthousiasme, ses yeux bleus et son rire. J'ai aimé que l'on puisse décider un jour de ne plus admettre que la politique scinde en deux une entité aussi évidemment une que l'Europe, et d'effacer le mur entre Est et Ouest par un foisonnement de partages. Par-dessus tout, j'ai aimé que, pour Liehm, cette grande ambition politique passe non par le discours mais par la littérature, la poésie, la réflexion historique, le dessin. Par sa beauté et sa rigueur, Lettre internationale était la preuve vivante que l'idée européenne s'incarne mieux dans les créateurs que dans les palabreurs.

            J'ai aimé, chez Antonin dès cette époque, alors que ce n'était pas encore imposé de l'extérieur ni à la mode, l'évidence d'un respect égal dû aux auteurs des deux sexes. Précurseur non tapageur, Lettre internationale, fut l'une des premières publications en langue française à employer le mot d'écrivaine dans la ligne bio de ses collaboratrices. J'ai aimé la manière dont son professionnalisme lui servait à inclure, non à exclure; qu'il se réalise en aidant d'autres à se réaliser.

            J'ai aimé les soirées organisées par Antonin et sa femme, dans leur appartement près de l'église Saint-Ambroise, Paris XI, pour fêter la sortie de chaque numéro. Soirées chaleureuses et non mondaines : on mangeait, on buvait, on discutait. Ce qui était en jeu dans les discussions n'était pas la carrière de chacun mais "le fond". Derrière la joie de se rencontrer ou de se retrouver, on sentait toujours la gravité: celle des persécutions, des prisons, des poursuites, des punitions.

            J'ai aimé le récit que m'a fait Antonin de son travail avec Milan Kundera sur La Gazette littéraire, dans les années 60, à Prague. Tirée à 150 000 exemplaires chaque semaine, cette revue avait un million de lecteurs. "Une vie magnifique ! disait Liehm. Les meilleurs années de ma vie !" J'ai aimé savoir que, pour plus de sûreté, ces réunions clandestines avaient lieu dans les bains turcs de la ville. J'ai aimé imaginer Liehm et Kundera nus au milieu de la vapeur, leurs chairs abandonnées à la chaleur, leur transpiration venant rehausser leur conspiration.

Merci Antonin. Merci pour tout. Ça a été un privilège et un plaisir de te connaître.

Paris, 8. Dezember 2020

 

 

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Rada Iveković

Die Schwelle von 1989

Lieber Frank,

Vielen Dank für diese bewegende Reihe von Erinnerungen an Antonin Liehm von unseren Freunden. (...) Diese Versammlung um Antonin ist einerseits tröstlich für uns, seine Freunde, andererseits sehr traurig im Sinne eines doppelten, dreifachen, mehrfachen Endes der Welt, jener Welt, die uns vertraut war.

Antonin vermochte es, die Schwelle von 1989 zu überschreiten, was mir für jemanden aus seiner Generation bemerkenswert erscheint. Das war später viel schwieriger, und andere haben diese Arbeit fortgesetzt, besser gewappnet und viele konnten das Dank seiner. Für einige von uns ist dies die wichtigste Schwelle unseres Lebens. Der Postsozialismus trifft – in einer rekonstruierten, mühsamen und unzeitgemäßen Synchronizität – auf koloniale, postkoloniale, nicht-koloniale Verhältnisse und die Globalisierung, so daß 1989 die 1960er Jahre der großen Entkolonisationen überlagert. Ich glaube, daß Antonin nicht direkt daran gedacht hat, doch daß er es in seiner menschlichen und auch ideologischen Großzügigkeit erahnte.

Manche Dinge erkennt man erst a posteriori. Ich werde Antonin immer in bewegter Erinnerung behalten, ihn, dem wir so viel verdanken, was Ideen, Austausch, Begegnungen, fröhliche Feste angeht, die er organisierte, während er kochte, aber auch hinsichtlich der politischen Würde, wenn man, wie ich, aus einer Welt kommt, die weltweit angeprangert und nunmehr ad acta gelegt wurde. Man wird sich an Antonin erinnern.

Danke, lieber Frank, daß Du es all die Jahre verstanden hast, mit Lettre International die Spuren, aber auch die Zukunftsversprechungen dieser gesamten „nutzlosen“ Geschichte lebendig zu erhalten. Ich übernehme das Konzept der „nutzlosen Geschichte“ (in Anführungszeichen) von meinem Freund, dem Schriftsteller Slobodan Šnajder, in Zagreb. Eine Geschichte, aus der man nicht zu lernen imstande war, aus der man aber noch wird lernen können. Antonin arbeitete daran auf seine Art, unbewußt und bewußt.

Im Übrigen schlägt das Pendel nun in die andere Richtung aus, da die Studien zu einer anderen – nicht-binären – Sichtweise auf den Kalten Krieg, auf die Bewegung der blockfreien Staaten usw. jetzt mit großem Elan wieder aufgenommen werden, um eine Geschichte nützlich zu machen, die der Mainstream als nutzlos ansah.

Paris, 5. Januar 2021

Aus dem Französischen von Lettre International, Berlin

 

 

Rada Iveković

Le seuil de 1989

— Französisches Original —

Cher Frank,

Merci beaucoup de cette chaleureuse collection de souvenirs d’Antonin Liehm par nos amis. (…) Ce rassemblement autour d’Antonin est d’une part réconfortant pour nous ses amis, mais d’autre part bien triste dans une double, triple, multiple fin du monde, en tout cas fin d’un monde, celui qui nous était familier.

Antonin a su franchir le seuil de 1989, ce qui me semble remarquable pour quelqu’un de sa génération. Cela a été plus difficile après, et d’autres ont continué ce travail, mieux armés, mais pour beaucoup grâce à lui. C’est le seuil le plus important des vies de certains d’entre nous. Le post-socialisme rencontre, dans une synchronicité laborieuse et non contemporanéiste, reconstruite, les conditions coloniales, post-coloniales, dé-coloniales et la mondialisation, de sorte que 1989 se télescope sur les années 1960 des grandes décolonisations. Je crois qu’Antonin ne pensait pas directement à cela, mais qu’il le soupçonnait dans sa générosité humaine et aussi idéologique.

On ne voit certaines choses qu’a posteriori. Je garderai toujours un souvenir ému d’Antonin à qui on doit tellement sur le plan des idées, des échanges, des rencontres, des fêtes joyeuses qu’il organisait en cuisinant, et aussi sur le plan de la dignité politique quand on vient, comme c’est mon cas, d’un univers mondialement étrillé et désormais écarté. On se souviendra d’Antonin.

Merci, cher Frank, d’avoir su toutes ces années, par Lettre International, maintenir vivantes les traces mais aussi les promesses futures de toute cette histoire „inutile“. Je reprends le concept d’„histoire inutile“ (avec les guillemets) à mon ami l’écrivain Slobodan Šnajder, à Zagreb. Une histoire dont on n’a pas su apprendre, mais dont on peut encore apprendre. Antonin y œuvrait à sa manière, inconsciemment et consciemment.

D’ailleurs, le pendule est reparti dans l’autre sens maintenant, car les études sur une autre vision, non binaire, de la Guerre froide, sur le Mouvement des pays non alignés etc. ont repris avec un grand élan désormais pour rendre utile une histoire que le mainstream voyait comme inutile.

Paris, 5. Januar 2021

 

 

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Peter Stephan Jungk

Im Kino mit Antonin Liehm

— Deutsches Original —

Im Frühjahr wird er seinen 85. Geburtstag begehen. „Feiern? Ich? Keine Rede! Ich bleibe schön allein zuhause an dem Tag!“ Er sei zwar nicht lebensmüde, aber müde sei er schon, läßt Antonin Liehm mich wissen, dagegen sei leider kein Kraut gewachsen. Doch der in Prag geborene, seit Jahrzehnten in Paris ansässige Filmkritiker und -historiker, der Journalist und Gründer der europaweit bekannten Kulturzeitschrift Lettre International erscheint mir als besonders wacher Geist. Unweit der Oper, am Boulevard des Italiens, verschwinden wir am helllichten Tag im Keller eines Multiplex, um Ridley Scotts Body of Lies zu sehen - in Deutschland läuft der Film aus unerfindlichen Gründen unter dem Titel Der Mann, der niemals lebte.

CIA-Agent Roger Ferris (Leonardo DiCaprio) deckt durch raffiniertes Doppelspiel eine al-Qaida-ähnliche Terrorgruppe auf, wird dabei jedoch von seinem Vorgesetzen konstant gegängelt und behindert – Russell Crowe gibt diesen verlogenen Einsatzleiter, der via Handy Befehle über Tod und Leben erteilt, während er seine Kinder zur Schule fährt, ungemein lässig und abstoßend ignorant. Der elegante Dritte im Bunde: Jordaniens Geheimdienstmann Hani Salam, von Mark Strong so überzeugend dargestellt, daß seine Co-Stars neben ihm gelegentlich zu verblassen drohen.

Zwei Stunden Hochspannung: ein Agententhriller, der die undurchsichtige Realität des Nahen Ostens virtuos in Szene setzt - dank Satellitentechnologie und dem virtuosen Einsatz von gleichzeitig bis zu acht Video- und Celluloidkameras. Basierend auf David Ignatius’ Roman, wirkt Scotts Umsetzung realistisch bis ins Extrem - einige Male sollte man lieber die Augen senken: insbesondere während exzessiver, wenn auch für die Handlung notwendiger Folterszenen.

„Bevor wir beginnen, muß ich Ihnen etwas erklären: Als ich zum ersten Mal in Amerika ankam, vor vierzig Jahren“, erinnert sich Antonin Liehm an einem schmalen Ecktisch im überfüllten Starbucks, „da bin ich gleich zu Beginn dem berühmten Filmkritiker Herman Weinberg vorgestellt worden, dem Autor von The Lubitsch Touch. Er war schon ein älterer Herr, ich fragte ihn: Was soll ich mir im Kino ansehen? Ich bin gerade angekommen. Welche Filme empfehlen Sie mir? Darauf antwortete er mir: „I don't go to the movies any more!” Warum denn nicht, wollte ich wissen. „Die Filmkunst starb, als der Ton kam!“, meinte er. Jetzt bin ich so alt wie er damals war - und mir kommt vor, ich bin heute in einer ähnlichen Situation wie einst Mister Weinberg: Ich habe ein echtes Problem mit einem Film wie Body of Lies, mit seiner ganzen Videotechnologie, seiner wilden Schnitttechnik. Nach hundert Jahren Filmgeschichte kam plötzlich die Video-Elektronik - und ich habe ohne zu übertreiben Schwierigkeiten, das zu sehen, zu verstehen.“

„Eine andere Bildsprache...“ - „Eine andere Sprache im Allgemeinen. Und eine ganz andere Ästhetik. Das liegt schon daran, daß man heute nicht mehr mit Kameras dreht, in die man nach acht, spätestens zehn Minuten einen neuen Film einlegen muß. Dadurch hat sich alles verändert, die Drehbücher, die Regie, der Schnitt, der gesamte Ablauf. Alles wurde leichter, weniger schwerfällig. Manche Regisseure nehmen einfach eine Videokamera zur Hand, drücken auf den Knopf und laufen damit stundenlang herum, die Brüder Dardenne zum Beispiel, deren Filme ich absolut nicht vertrage. In zehn Jahren wird wohl niemand mehr Celluloidfilme drehen.“

„Sie haben in den USA europäische Filmgeschichte unterrichtet, ein Buch über Milos Forman geschrieben, mit dem Sie gut befreundet waren. Sind Sie mit Forman eigentlich noch in Kontakt?“ - „Mit einem Genie bleibt man nicht befreundet. Genies haben den Mut, nackt auf der Straße zu laufen. Dieser Mut paart sich mit einem bestimmten Charakter. Nur ihr Werk geht sie etwas an, nichts und niemand sonst. Forman gehört zu diesen Leuten.“ – „Zurück zu Body of Lies: Sie konnten mit dem Film nicht viel anfangen?“ - „Nach fünfzehn Minuten habe ich gedacht: Der arme Herr Jungk, er wird es schwer mit mir haben, das ist kein Film für mich. Aber dann hat mich die Story doch gepackt. Er ist sehr gut gemacht. Einer der besten, die mit elektronischen Mitteln gedreht wurden. Scott mischt Video und Celluloid mit großem Können. In vieler Hinsicht hat mich das Ergebnis an einen guten Western erinnert. Obwohl er im Nahen Osten spielt. Aber mein Problem bleibt das Bild.“

„Mich störten die erfundenen Attentate in Manchester und Amsterdam. Als reichten die weltweit real existierenden Anschläge nicht aus. Dieses Spiel mit unserer Angst – an Orten, an denen bisher Gott sei Dank noch nichts passiert ist. So banalisiert man den Terrorismus, finden Sie nicht?“ – „Da haben Sie sicher recht. Sie kritisieren damit aber das Drehbuch, einverstanden, darum geht es mir nicht in erster Linie. Mir geht es um die unglaublichen Veränderungen innerhalb des Mediums Film, die in den letzten Jahren vor sich gegangen sind.“

„Der Originaltitel, Body of Lies, führt mich zu einer ganz anderen Frage, die mit dem Film in keinem Zusammenhang steht: Wie haben Sie auf die Anschuldigungen gegen Ihren langjährigen Freund Milan Kundera reagiert?“ -“Das ist der tschechische Fortschritt vom Kommunismus in die Gegenwart: früher gab es Schauprozesse, heute gibt es den Rufmord. Früher wurden die Unschuldigen gehenkt, heute genügt den Henkern der Rufmord. Die Redaktion dieses scheußlichen Magazins Respekt hat pure Lügen in die Welt gesetzt, glauben Sie mir das. Kundera ist in diese Sache nicht verwickelt gewesen. Wo sind die Beweise? Eine Fotokopie? Lächerlich!“

Auf den Treppen, die zur Metrostation Opéra hinabführen, ruft Antonín Liehm mir noch zu: „Sehen Sie sich unbedingt den neuen Film von Jerzy Skolimowski an, Vier Nächte mit Anna, da werden Sie erkennen, was mir gefällt. Auf heute Abend freue ich mich: Da gibt es Fußball am Fernsehen. Ein ziemlich uninteressantes Länderspiel, Frankreich gegen Uruguay. Aber Fußball! Das liebe ich ...“

Zuerst in: Die Welt, 13. Dezember 2008

 

 

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Václav Klaus

AJ Liehm war mehr als nur ein Publizist

Gestern, am Nachmittag des 4. Dezember, starb im Alter von ehrwürdigen 96 Jahren einer der bedeutendsten Vertreter der tschechischen Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Antonín Jaroslav Liehm (ich habe nie etwas anderes gehört als AJLiehm, oder kurz AJL). Als Präsident habe ich ihm die Ehrenplakette des Präsidenten überreicht * (nicht zu verwechseln mit einer staatlichen Auszeichnung).

In einigen Kommentaren nach seinem Tod hieß es, dass ein Publizist gestorben sei. Ein Publizist war er „auch“, aber er war noch viel mehr. Er war eine der Schlüsselpersönlichkeiten der 1960er Jahre, einer von denen, die die berühmten Literární noviny („Literaturzeitung“) schufen und lange Jahre prägten. Auch an der Schaffung der berühmten Neuen Welle des tschechischen Films der Sechziger Jahre war er beteiligt mit seinen Filmkritiken, die uns an diese Filme „heranführten“.

Er war mehr als ein Publizist, er war ein Literat im besten Sinne des Wortes. Sein Schreiben war tiefgründiger als das der anderen, seine Texte verfügten über einen weltanschaulichen „Kompaß“ und Überblick. Auch wenn er von mir aus gesehen offensichtlich links stand, er war stets lesenswert. Auch im Ausland ging er nicht verloren, wo er lange Jahre die angesehene Zeitschrift Lettre internationale herausgab, er war einer der wichtigsten Autoren der Exilzeitungen.

Und er hat mich zu den Literární noviny geschleppt. Er lud mich ein, im Jahre 1968 einer der ‚Dalimils‘ ** zu sein. Dass er mich „zu den Literární noviny geschleppt“ habe, sind seine eigenen Worte, die er gegenüber einer gemeinsamen Bekannten äußerte. Ihr trug er auch auf, „diesen Knaben Klaus“ zu grüßen (im Jahre 2016). Ich habe ihn stets als jemanden geehrt, der eine Generation älter war, und der mehr gelesen hatte.

Aus dem Tschechischen von Markus Sedlaczek

Der Text wurde von der Website des Václav Klaus Instituts übernommen, 5. Dezember 2020

 

* Die Ehrenplakette des Präsidenten der Tschechischen Republik ist keine staatliche Auszeichnung, sondern eine persönliche des jeweiligen Präsidenten, nach Klaus’ eigenen Worten verliehen „nicht für Leistungen auf einem eng begrenzten Gebiet, sondern an Menschen, die zu nationalen Symbolen geworden sind“ (2007 anläßlich einer Verleihungszeremonie).

** Unter dem Pseudonym „Dalimil“ (Name des Autors einer mittelalterlichen Chronik) schrieben in den Literární listy (damaliger Titel) mehrere Autoren für die von Liehm redigierte Kolumne „Unser Kommentar“.

 

 

Václav Klaus

AJ Liehm byl více než jen publicistou

— Tschechisches Original —

Včera odpoledne, 4. prosince, zemřel ve věku úctyhodných 96 let jeden z nejvýznamnějších představitelů české kultury druhé poloviny 20. století Antonín Jaroslav Liehm (ale já nikdy neslyšel nic jiného než AJLiehm, nebo dokonce AJL). Jako prezident jsem mu dal svoji prezidentskou plaketu (neplést se státním vyznamenáním).

Některé komentáře jeho smrt zmiňovaly se slovy, že zemřel publicista. On byl “také” publicista, ale byl daleko více. Byl jednou z klíčových osobností 60. let, jedním z těch, kteří vytvořili a dlouhá léta vytvářely slavné Literární noviny. Byl spolutvůrcem české filmové vlny 60. let svými filmovými kritikami, které nás na tyto filmy “naváděly”.

Byl více než publicistou, byl literátem v tom nejlepším smyslu. Ve svém psaní byl hlubší než ostatní, jeho texty měly světonázorový “kompas” a nadhled. I když byl ode mne evidentně nalevo, vždy to stálo za čtení. Neztratil se ani v zahraničí, kde dlouhá léta vydával respektovaný časopis Lettre International, byl i jedním z hlavních autorů exilových listů.

Přitáhl mne k Literárním novinám. On mne pozval, abych byl v roce 1968 jedním z Dalimilů. Že mne “přitáhl k Literárkám” jsou jeho slova, která řekl jedné naší společné známé. Řekl jí také, “aby toho klučíka Klause” pozdravovala (v roce 2016). Já ho vždy respektoval jako někoho o jednu generaci staršího, který toho měl načteného víc.

Zuerst auf der Website des Václav Klaus Instituts, 5. Dezember 2020

 

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Georges Nivat

ADIEU, ANTONIN!

Noch höre ich seine anrührend warme Stimme, die in meiner rückblickenden Phantasie beinahe orange klingt. Ich sehe sie wieder vor mir, alle beide, Mira und Antonín, als ich sie in Philadelphia besuchte. Die Stadt war düster, gefährlich. Die U-Bahn hatten ganovenartige Gestalten schon am Abend buchstäblich besetzt. Antonín begleitete mich dorthin. Ich hätte ein Taxi nehmen können, aber er wollte mir das andere Gesicht Amerikas zeigen. Und er hat im Grunde immer versucht, die anderen Gesichter zu entdecken. Ich sehe ihn wieder in Paris, in Venedig bei der Biennale der Dissidenz. Er schwamm nie im Geld, doch er wirkte immer wie ein in Ungnade gefallener Grandseigneur. Er war ein geborener Dissident, aber ein Dissident, der Winkelzüge gemacht hatte, um mit dem Regime zurechtzukommen: Er verstand es, lachend gegen den Wind zu segeln. Humor, den für seine Heimat typischen Humor in den Filmen, die uns mit seinem Land bekannt machten, Humor und gute Laune — trotz aller Tragik dieser heiter pessimistischen Insel —, davon hatte er mehr als genug zu bieten.

Nach den Polen — Jan Kott, Józef Czapski —, den Russen — Wladimir Maximow, Wiktor Nekrassow, Andrei Sinjawski — und den Serben wie Vladimir Dimitrijević wurde er für mich im Grunde ein Lehrer des „Europazentralismus“. Das war faszinierend und etwas anstrengend. Ein unermüdlicher Plauderer, der spät zu Bett ging und die ganze Nacht über Filme oder Dissidenz redete ...

Das Unternehmen Lettre International, dessen Erfinder und Pilot er wurde, stellte sich in seinem Geist als eine gewaltige Armada dar, die zum Neuen Europa, dem wahren Europa, abfahren sollte, und er bekehrte einen zu dieser Überzeugung, solange man eine Tasse Kaffee trank. Dabei gab es sogar etwas, wie es Rabelais geschildert hätte: ein einziger Riese — gegen eine Heerschar von Zwergen! Und man würde ihnen zeigen, wozu man in der Lage war! Die Armee sollte von Bukarest aufbrechen, um nach Berlin zu kommen, und von Paris losstürmen, um ihr Winterquartier in Sankt Petersburg zu beziehen. Die Mißerfolge, die er erlitt, perlten an ihm wie Wasser an einer Ente ab. Nichts verunsicherte ihn. Aber er wurde älter. Wir trafen uns selten. Ich war in Genf, „am Ende des Sees“. Wie alle Exilanten hatte er aus dem Exil sein Zuhause gemacht, doch am Ende war Prag die Wiege, in die er zurückkehren mußte. Adieu, Antonín!

Reignier-Esery, 4. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

 

Georges Nivat

ADIEU, ANTONIN!

— Französisches Original —

J’entends encore sa voix si chaude, presque orange dans mon imagination rétrospective. Je les revois tous les deux, Mira et Antonin, lors de ma visite chez eux à Philadelphie. La ville était sombre, dangereuse, le métro littéralement squatté dès le soir par des mines patibulaires; Antonin m’y accompagna, j’aurais pu prendre un taxi, mais il voulait me montrer l’autre visage de l’Amérique. Et au fond il a toute sa vie cherché à voir les autres visages. Je le revois à Paris, à Venise, à la Biennale de la Dissidence. Il ne roulait jamais sur l’or, mais il avait toujours un air de grand seigneur en disgrâce. Il était un dissident-né, mais un dissident qui avait louvoyé avec le régime: il savait remonter le vent tout en riant. L’humour, l’humour propre à son pays, au cinéma qui nous fit connaître son pays, l’humour et l’humeur bonne malgré le tragique de cette île de joyeux pessimisme – il en avait à revendre.

Après les Polonais, Jan Kott, Joseph Czapski, les Russes, Vladimir Maximov, Viktor Nékrasov, Andreï Siniavski, les Serbes comme Vladimir Dimitrijevic, il fut pour moi en somme un professeur d’«europecentralisme». Et c’était fascinant, un peu fatiguant. Bavard intarissable, couche-tard, parlant cinéma ou dissidence toute la nuit ...

L’entreprise Lettre Internationale, dont il fut l’inventeur, le nocher, était, dans son esprit, une gigantesque armada en partance pour la Nouvelle Europe, la vraie, et il vous y convertissait en l’espace d’une tasse de café. Il y avait même quelque chose de rabelaisien dans la chose: un géant seul - contre une armée de nains, et on allait leur faire voir de quoi on était capable! L’armée partirait de Bucarest pour aller à Berlin, foncerait de Paris pour prendre quartier d’hiver à Saint-Pétersbourg. Les échecs qu’il subissait glissaient sur lui comme eau sur le canard. Rien ne l’entamait, mais il vieillissait, nos rencontres étaient rares, j’étais à Genève, «au bout du lac». Comme tous les exilés, il avait fait de l’exil sa maison, mais pour finir Prague était le berceau où revenir. Adieu, Antonin!

Reignier-Esery, 4. Dezember 2020

 

 

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Jacques Rupnik

Antonín Liehm, Schriftsteller und Journalist

Antonín Liehm, tschechischer Schriftsteller und Journalist, Mitgestalter des „Prager Frühlings“ von 1968, einflußreicher Fährmann zwischen der tschechischen und der französischen Kultur und unermüdlicher Werkmeister des intellektuellen Dialogs in Europa, ist am 4. Dezember 2020 im Alter von 96 Jahren gestorben.

            Sein Lebensweg steht beispielhaft für den zahlreicher europäischer Intellektueller seiner Generation, die bei der Befreiung von der deutschen Besatzung um die 20 Jahre alt waren und sich unter dem Eindruck, den sowohl das Münchner Abkommen als auch die Aura der Befreier aus dem Osten bei ihnen hinterließen damals, „blindlings“ (wie Antonín Liehm selber sagte) der Kommunistischen Partei in die Arme warfen. Liehm wurde Mitbegründer der Zeitschrift Kulturní Politika, und man kann sagen, daß das Verhältnis zwischen Kultur und Politik der Leitfaden seines Lebens bleiben wird; im Laufe der Jahre wurde seine Gelehrsamkeit zum „Korrektor“ seines politischen Engagements.

            Dabei gilt es drei wichtige Momente hervorzuheben. Zunächst die 1960er Jahre, die er als ein Goldenes Zeitalter der tschechischen Kultur sowie als Schlüssel zum Verständnis der Tragweite des „Prager Frühlings“ betrachtete. Diesen, so Liehm, gelte es auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene als Vollendung der Emanzipation der Kultur einer mitteleuropäischen Gesellschaft gegenüber der kommunistischen Struktur zu verstehen. An dieser Emanzipation war Liehm in doppelter Hinsicht beteiligt. Zum einen als Filmkritiker und Wegbegleiter der Neuen Welle des tschechischen Films, die Seite an Seite mit der Literatur und dem Theater den „Frühling“ angekündigt hatte. Es handelte sich dabei um eine Generation außerordentlich talentierter Filmemacher (Miloš Forman, Ivan Passer, Vĕra Chytilová und andere), deren Werke laut Liehm nur dadurch möglich wurden, daß eine Lockerung der ideologischen Zensur mit einer gleichzeitigen Abwesenheit von Zwängen des Marktes einherging.

Eine Gesellschaft erfindet sich neu

Den reichsten Beitrag zum „Prager Frühling“ leistete Liehm jedoch als Co-Chefredakteur der Literární Listy im Jahre 1968. Diese Intellektuellenzeitung mit einer Auflage von 250000 Exemplaren, wurde zu einem wichtigen Vektor der Debatte einer ganzen Gesellschaft, die gerade dabei war, sich neu zu erfinden. Nachdem sowjetische Panzer diesen „Frühling“ niederwalzten und die „Normalisierung“ zu einer beispiellosen Säuberung im Kulturbereich führte, setzte Liehm sein Engagement im Exil fort. Zunächst in den Vereinigten Staaten, dann in Frankreich, wo er an seine Rolle als Fährmann zwischen Paris und Prag anknüpfte. Er übersetzte Aragon und Sartre – letzteren hatte er auch in Prag empfangen –, und Sartre, damals weit links stehend, schrieb ein langes Vorwort zur französischen Ausgabe von Liehms Referenzwerk Generace, die 1970 unter dem Titel Trois Générations auf französisch erschien und seine Gespräche mit der Crème de la Crème der tschechischen Kultur jener Zeit enthielt: Kundera, Škvorecký, Kosík, Havel. (1) Nachdem er dazu beigetragen hatte, französische Autoren durch das offizielle Sieb der Zensur hindurch nach Prag einzuschmuggeln, machte er sich nach 1968 daran, die zensierten Schriften von Autoren ganz Mitteleuropas in Frankreich bekannt zu machen, was ihm den Spitznamen eines „offiziösen Kulturministers von Mitteleuropa“ einbrachte. Kulturminister ist er in seinem Land nach 1989 nicht geworden, die damalige Situation war weder für eine Rückkehr der Achtundsechziger noch für die Anerkennung ihrer Verdienste günstig.

            Seine wahre Berufung hat Liehm jedoch mit einer in Europa einzigartigen Zeitschrift verwirklicht, Lettre Internationale, die von 1984 an zehn Jahre lang in Paris erschien. Eine originelle Titelseite mit surrealistischen Collagen von Jiři Kolář und neuen Texten von Umberto Eco, Edgar Morin, Czesław Miłosz, Juan Goytisolo, Hans Magnus Enzensberger, André Comte-Sponville, Tzvetan Todorov …

Transeuropäischer Dialog

Eine veritable europäische Zeitschrift war in Paris geboren, mit dem Ziel, „eine permanente Herausforderung darzustellen für das, was man den Provinzialismus der großen Kulturen nennen könnte. Kleine Länder, Kulturen, die durch Territorium und Sprache auf ein enges Gebiet beschränkt sind, können es sich nicht erlauben, sich in sich selbst zu verschließen, sich der Illusion der Selbstgenügsamkeit hinzugeben; was für große Kulturen vielleicht eine Versuchung darstellen kann.

            Um Lettre herum hat Liehm ein richtiggehendes Netz gesponnen, mit nationalen Ausgaben in Italien, Spanien, Deutschland sowie dann, nach 1989, auch in Osteuropa. Nachdem 1993 die Keimzelle, die französische Ausgabe, verschwand (Übersetzungen sind teuer und Subventionen zeitlich begrenzt) hat sich das Netz zum Bedauern seines Initiators immer weiter aufgelöst. Heute gibt es, beinahe als Symbol, nur noch die hervorragende deutsche Ausgabe in Berlin …

            In einem Moment, da sich uns hinsichtlich von Mißverständnissen zwischen Ost und West in Sachen Europa erneut Fragen stellen und da man in allgemeiner Übereinkunft das Fehlen einer europäischen Öffentlichkeit beklagt, ist einer von jenen Menschen gestorben, die am energischsten auf den transeuropäischen Dialog hingearbeitet und mit ihrem Lebensweg eine bestimmte Idee von Europa verkörpert haben.

Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

Zuerst in Le Monde, Paris, 15. Dezember 2020

 

(1) Jean-Paul Sartre, „Le socialisme qui venait du froid“, in: Antonín Liehm, Trois générations. Entretiens sur le phénomène culturel tchèque, Paris 1970, Gallimard, S. I-XXXI (deutsch: „Der Sozialismus, der aus der Kälte kam“, in: Antonín Liehm, Gespräche an der Moldau. Über humanen Sozialismus, übers. v. E. Bertleff, Kindler, München 1970, S. 7-46).

 

 

Jacques Rupnik

Antonin Liehm, écrivain et journaliste tchèque, est mort

— Französisches Original —

Figure du « printemps de Prague » en 1968, cet infatigable artisan du dialogue intellectuel en Europe, particulièrement entre les cultures tchèque et française, est décédé le 4 décembre, à l’âge de 96 ans.

Antonin Liehm, écrivain et journaliste tchèque, figure du « printemps de Prague » en 1968, passeur influent entre les cultures tchèque et française, artisan infatigable du dialogue intellectuel en Europe, est mort, à Prague, le 4 décembre, à l’âge de 96 ans. Son parcours est emblématique de celui de nombre d’intellectuels européens de sa génération, qui avaient 20 ans à la Libération et qui, sous les effets conjugués de Munich et de l’aura des libérateurs venus de l’Est, « se jetèrent aveuglément » (comme le disait Antonin Liehm) dans les bras du Parti communiste. Il fut alors le cofondateur de la revue Kulturni Politika, et l’on peut dire que le rapport entre la culture et la politique restera le fil conducteur de sa vie ; son érudition devint, au fil des années, le « correcteur » de son engagement politique.

Avec trois moments importants. D’abord, les années 1960, qu’il considérait comme un âge d’or de la culture tchèque et la clé pour comprendre la portée du « printemps de Prague ». Ce dernier devait être appréhendé, selon Liehm, comme l’aboutissement, sur le plan politique et sociétal, de l’émancipation de la culture d’une société centre-européenne par rapport à la structure communiste.

Cette émancipation, Liehm y participa à un double titre. D’abord, comme critique de cinéma et compagnon de route de la Nouvelle Vague du cinéma tchèque, qui, aux côtés de la littérature et du théâtre, annonçait le « printemps ». Une génération de cinéastes au talent exceptionnel (Milos Forman, Ivan Passer, Vera Chytilova…), et dont les réalisations n’étaient rendues possibles, selon Liehm, que grâce à la conjonction entre le relâchement de la censure idéologique et l’absence de la contrainte du marché.

Une société en train de se réinventer

Mais c’est en tant que corédacteur en chef de Literarni Listy, en 1968, que Liehm contribua aux riches heures du « printemps de Prague ». Ce journal intellectuel, qui tirait à 250 000 exemplaires, était devenu un vecteur majeur du débat de toute une société en train de se réinventer.

Après l’écrasement du « printemps » par les chars soviétiques et la « normalisation » qui amena une purge sans précédent dans le domaine de la culture, Liehm continua son engagement en exil. D’abord aux Etats-Unis, puis en France, où il renoua avec son rôle de passeur entre Paris et Prague. Il avait été le traducteur d’Aragon et de Sartre – ce dernier est accueilli par lui à Prague, et c’est Sartre, alors en pleine dérive gauchiste, qui donne à Liehm une longue préface à son livre de référence, Trois générations (Gallimard, 1970), où l’on trouve ses conversations avec la fine fleur de la culture tchèque de l’époque : Kundera, Skvorecky, Kosik, Havel. Après avoir contribué à faire passer à travers le tamis officiel des auteurs français à Prague, il s’employa, après 68, à faire connaître en France les écrits censurés d’auteurs de toute l’Europe centrale, ce qui lui valut le sobriquet de « ministre officieux de la culture d’Europe centrale ».

Ministre de la culture, il ne le devint pas dans son pays après 1989, l’époque ne se prêtait pas au retour des soixante-huitards, ni à la reconnaissance de leurs mérites. Mais sa véritable vocation, Liehm l’a réalisée à travers une revue unique en Europe, Lettre internationale, publiée à Paris pendant une décennie à partir de 1984. Une couverture originale faite de collages surréalistes de Jiri Kolar, et des textes inédits d’Umberto Eco, Edgar Morin, Milosz, Goytisolo, Enzensberger, Comte-Sponville, Todorov…

Dialogue transeuropéen

Une véritable revue européenne était née à Paris, avec pour ambition de « lancer un constant défi à ce qu’on pourrait appeler le provincialisme des grandes cultures. Les petits pays, les cultures confinées par l’espace et la langue à un domaine étroit, ne peuvent se permettre de se refermer sur eux-mêmes, de se donner l’illusion de l’autosuffisance ; ce qui peut être la tentation des grandes cultures ».

Liehm tissa autour de la Lettre un véritable réseau, avec des éditions nationales en Italie, en Espagne, en Allemagne, puis, après 1989, en Europe de l’Est. Après la disparition, en 1993, de la matrice, l’édition française (les traductions ont un coût et les subventions n’ont qu’un temps), le réseau périclita, au regret de son instigateur. Il ne reste, presque un symbole, que l’excellente édition allemande à Berlin…

A l’heure où l’on s’interroge de nouveau sur les malentendus Est-Ouest à propos de l’Europe, et où il est convenu de déplorer l’absence d’un espace public européen, disparaît l’un de ceux qui ont le plus œuvré au dialogue transeuropéen et incarné par leur parcours une certaine idée de l’Europe.

Le Monde, Paris, 15. décembre 2020

 

 

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Eduard Schreiber Radonitzer

Herr Antonín

— Deutsches Original —

Wir hatten ein altmodisches Begrüßungsritual: Herr Antonín – Herr Eduard. Das war Respekt, Schalk und ein bißchen k.u.k. Seine Texte kannte ich seit den 60er Jahren, vor allem jene zum tschechischen Film. Auf Pragreisen kaufte ich stets Literární noviny, kurz LN. Dann endete das „Prager Abenteuer“, er ging ins Exil, ich verlor ihn aus den Augen, die Zeitungen, in denen er publizierte, waren mir in der DDR nicht zugänglich. Erst als mich Ludvík Kundera, Milans Cousin, auf die tschechische Ausgabe von Lettre International aufmerksam machte, in der er, von Toni Liehm aufgefordert, sein Fragment gebliebenes Stück Šárošpatak. Theatrum totaliter didactcum über Jan Amos Komenský im Dienste des siebenbürgischen Fürsten Rákóczi veröffentlichte, suchte ich den Kontakt zu Herrn Antonín. Leider stellte die Prager Ausgabe von Lettre früh ihr Erscheinen ein.

Bald trafen wir uns bei allen möglichen Gelegenheiten. Immer – er lebte noch in Paris – erkundigte er sich nach gemeinsamen Freunden, nach František Listopad in Lissabon, nach Peter Demetz in den USA. Leider entdeckten wir unsere beiderseitige Freundschaft mit Lennart Meri nicht, mit dem ich lange bevor er Außenminister und später Präsident Estlands wurde, als Schriftsteller und Filmemacher befreundet war. Als er hörte, ich bereite mit Ludvík Kundera eine Anthologie zum tschechischen Poetismus vor und hätte gerade einen Text von E.F. Burian übersetzt, erzählte er mir von seiner ersten Reise nach Deutschland im Juni 1945, als 21-jähriger, beauftragt, jenen E.F. Burian, Häftling aus Neuengamme, der den Untergang des von britischen Flugzeugen versenkten KZ-Schiffes Cap Arcona in der Lübecker Bucht überlebt hatte (wie auch der Schauspieler Erwin Geschonneck), nach Prag zu bringen.

2004 war Toni nach Prag gekommen, mit alten Freunden seinen 80. Geburtstag zu feiern. Man traf sich in einem Raum des Vereins, der „Pamět” hieß und sich offiziell der Sicherung untergehender Kulturwerte widmete. An den Kellerwänden noch deutlich die Spuren des vorjährigen Moldauhochwassers. Ins Auge stach mir ein riesiger Lastenaufzug, Transportmittel für Fässer, Kisten, Ballen, der an eine Foltermaschine erinnerte: zwei schwarze Eisenbügel über einer Plattform, eine Zange, die greifen und quetschen kann. Ein Treffen der Alten, die es 1968 wissen wollten, vom neuen tschechischen Establishment schon wieder geächtet, wie es mir zuvor schon sein Freund Eduard Goldstücker, mit dem ich Ende der 90er einen Film drehte, bestätigt hatte. Für das Buch, das daraus entstand, schrieb Toni in Paris das Vorwort. Zu jener Zeit begann ich mit „Herrn Antonín“ auch ein Filmprojekt. Mich interessierte vor allem sein tschechisches Umfeld, die Jahre in Prag, der Film, die damalige Kulturpolitik. Wenn er nach Prag oder nach Berlin kam, führten wir lange Gespräche, das Projekt blieb liegen, unvollendet wegen Geldmangel. Als er 2013 von Paris endgültig nach Prag übersiedelte, sahen wir uns regelmäßig. Einmal fragte ich nach einer Szene mit ihm, die ich in Sempruns Roman Der weiße Berg gelesen hatte, beim Filmfestival in Karlovy Vary, im Hotel Moskva-Pupp. Roman, Roman, sagte er mir. Von sich sprach er selten.

Die letzten Jahre in Prag, Toni war nicht mehr gut zu Fuß, er war begierig auf Neuigkeiten von Freunden, interessierte sich für deren Arbeiten. Im Nachbarhaus war ein kleines Restaurant, dorthin lud er oft zum Essen ein, eine Gewohnheit, die er aus Paris mitgebracht hatte. Bei einem dieser Essen sprach er von einem Roman Jiří Šotolas, Tovaryšstvo Ježíšovo (Die Gesellschaft Jesu), der 1969 in Prag erschienen war und vom Wirken der Jesuiten in Böhmen erzählt, vom Untergang jeder menschlichen Individualität, chancenlos gegen den Koloß von Dogma und Macht, ein europäisches Thema mit deutlich tschechischer Grundierung. Da hörte ich das jahrelange Jurymitglied für den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung heraus (mit dem er 1997 selbst ausgezeichnet worden war).

Im Frühjahr 2019, auf seine Frage, was ich mache, erzählte ich ihm, ich würde gerade ein schmales Buch seiner Nachbarin Daniela Hodrová übersetzen. Die hätte ihn gerade besucht, sagte er mir. Ich verabschiedete mich mit dem Versprechen, im Sommer, auf der Rückreise von Brno, bei ihm Halt zu machen. Schön, Herr Eduard, dann sehen wir uns. Mein Aufenthalt in Prag fiel der großen Sommerhitze zum Opfer.

Herrn Antonín sehe ich im Sessel sitzen und mir die Hand drücken.

Wilhelmshorst, 17.12.2020

 

 

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Philippe Videlier

Votre préhistorique AJL.“

Kennengelernt habe ich Antonín Liehm in einer Zeit, als man mit der Hand schrieb und einen Füllfederhalter benutzte, um die Texte danach auf der Maschine abzutippen und mit der Post zu schicken. So hatte unsere Beziehung begonnen. In der frühesten Zeit der Zeitschrift Lettre internationale, die ich schon entdeckt hatte, als ihre erste Nummer — mit dem höchst merkwürdigen Großformat und auf gewöhnlichem Zeitungspapier —erschien und an Kiosken verkauft wurde. Antonín erklärte, nach seiner Ansicht sei eine Zeitschrift nicht geschaffen, um aufbewahrt zu werden. Ich weiß nicht, ob er das wirklich dachte. Ich habe alle Nummern aufgehoben, von denen jede einzelne wertvoll ist.

            Es stimmt zweifellos: Ohne Antonín Liehm wäre ich niemals Schriftsteller geworden.

            Als ich Antonín zum ersten Mal traf, hatte ich keine Ahnung, was er vorher gewesen war. Das habe ich erst nach und nach erfahren. Daß er ein wichtiger Akteur des Prager Frühlings gewesen war, den die moskautreuen Breschnewanhänger und ihre Kollaborateure denunzierten. Antonín war 60 Jahre alt, als er sein fünftes oder sechstes Leben begann: das von Lettre internationale, das die Epoche sehr tief geistig prägen sollte. Zuvor hatte er als Emigrant in den Vereinigten Staaten gelebt — was auf die berühmte historische Revolution von 68 zurückzuführen war, die den Lauf der Dinge grundlegend veränderte, und dazu kamen, wenn man weiter in der Zeit zurückging, das chaotische Heldenepos von Literárni Noviny, als der Frost vor dem Tauwetter herrschte, und das politische Engagement während der Befreiung. Um dies zu verstehen, muß man bis auf das Münchener Abkommen, das Vorspiel des Krieges, zurückgreifen. Antonín hat mir erzählt, wie ihn der Schwindel — die Höhenangst — packte, als er Ende der vierziger Jahre an einem 1. Mai eine rote Fahne an der Spitze eines Prager Gebäudes befestigte.

            Als die französische Ausgabe von Lettre internationale einging, weil sie Unterstützung benötigte und diese Unterstützung niemals eintraf, haben wir, ein paar Leute, das Bulletin de Lettre internationale, die bescheidene Fortsetzung der Zeitschrift, herausgebracht. Wir kamen bei einer Freundin zusammen, die Antonín und Mira sehr nahestand: Catherine Winter, die sich in ihrer Jugend als Widerstandskämpferin der Francs-Tireurs et Partisans (der Widerstandsorganisation „Freischärler und Partisanen“) „Varlin“ nannte. Während wir den Inhalt des Bulletins diskutierten, das Antoníns Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Zeitschrift wachhielt, knabberten wir Toastschnitten mit Meerrettich, die Mira vorbereitet hatte.

            In den mühsamen Tagen, in denen sich Antonín von Paris entfernen, sich erneut von der Vergangenheit trennen mußte, vertraute er mir den ursprünglichen Entwurf von Lettre internationale an, eine Collage von Jiří Kolář. Ich habe sie immer noch. Wir haben uns in der Zeit der elektronischen Mailsysteme getrennt, die er nur unvollkommen beherrschte. Eine solche Mail von ihm lautete: „Wenn Sie jemals noch am Leben sein sollten, rufen Sie mich an. Bitte, bitte, bitte. Ihr prähistorischer AJL.“

            Antonín, wir sind noch am Leben, und nunmehr sind wir prähistorisch.

Cailloux-sur-Fontaines, 6. Dezember 2020

Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

 

 

Philippe Videlier

«Votre préhistorique AJL

— Französisches Original —

J’ai connu Antonin Liehm à une époque où l’on écrivait à la main avec un stylo, où l’on tapait ensuite les textes à la machine et les envoyait par la poste. C’est ainsi que notre relation avait commencé. Au tout début de la revue Lettre internationale que j’avais découverte dès son premier numéro, si étrange, grand format sur papier journal ordinaire, vendue dans les kiosques. Antonin disait que pour lui une revue n’était pas faite pour être conservée. Je ne sais pas s’il le pensait vraiment. J’ai gardé tous les numéros, chacun précieux.

            Il n’y a pas de doute: sans Antonin Liehm je ne serais jamais devenu écrivain.

            Lorsque j’ai rencontré Antonin pour la première fois, j’ignorais tout de ce qu’il avait été avant. Je ne l’ai appris que petit à petit. Qu’il avait été un acteur essentiel du Printemps de Prague, dénoncé par les Moscoutaires brejnéviens et leurs collaborateurs. Antonin avait 60 ans quand il commença sa cinquième ou sixième vie : celle de Lettre internationale qui allait laisser une si profonde empreinte intellectuelle. Antérieurement il y avait eu l’exil aux États-Unis résultat de la fameuse et historique révolution de 68 qui a bouleversé le cours des choses, et, en remontant le temps, l’épopée chaotique de Literární Noviny, le gel précédant le dégel, l’engagement politique de la Libération. Il faut pour comprendre cela revenir jusqu’à Munich, prélude à la guerre. Antonin m’a raconté comment il avait attrapé le vertige, cette phobie des hauteurs, en accrochant un jour de 1er Mai, à la fin des années quarante, un drapeau rouge au sommet d’un édifice pragois.

            Quand la Lettre internationale, édition française est morte, parce qu’elle avait besoin d’aide et que l’aide n’est jamais venue, nous avons à quelques uns édité le Bulletin de Lettre internationale, son modeste prolongement. Nous nous réunissions chez une amie très proche d’Antonin et Mira, Catherine Winter, «Varlin» dans sa jeunesse résistante des Francs-Tireurs et Partisans. En discutant du contenu du Bulletin, qui maintenait Antonin dans l’espoir d’une renaissance, nous picorions des toasts au raifort préparés par Mira.

            Les jours, pénibles, où Antonin a dû s’éloigner de Paris, se séparer à nouveau du passé, il m’a confié la maquette originale de Lettre internationale, un collage réalisé par Jiří Kolář. Je l’ai toujours. Nous nous sommes quittés à l’époque des messageries électroniques, qu’il ne maîtrisait guère. L’un de ses messages était ainsi rédigé: «Si jamais vous êtes encore en vie, appelez-moi. Svp, svp, svp. Votre préhistorique AJL

            Nous sommes encore en vie, Antonin, et, désormais, c’est nous qui sommes préhistoriques.

Cailloux-sur-Fontaines, 6. Dezember 2020

 

 

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Milena Bartlová

Zemřel AJL

— Tschechisches Original —

 

Antonín J. Liehm byl jedním z největších českých novinářů druhé poloviny dvacátého století — a také první dekády století nového.

4. prosince 2020 zemřel v Praze v požehnaném věku 96 let Antonín J. Liehm. Byl mimořádnou kulturní a politickou osobností druhé poloviny dvacátého století, Čech se skutečným světovým přesahem.

Nekrology ale v redakcích připravené zjevně nebyly a většina médií se spokojila s encyklopedickým heslem (s výjimkou Respektu). Liehm by to označil za další příznak fatálního propadu novinářské profesionality.

Náročnost na kvalitu a zodpovědnost novin byla pro něj zásadní věc. Asi by řekl něco v tom smyslu, že ať na papíře nebo na síti, noviny přestávají naplňovat svůj smysl, pokud už nejsou sdělovacím prostředkem informací a myšlenek, ale jen prostředkem zisku.

 

Jsem český novinář

„Jsem český novinář.“ To bylo hrdé prohlášení člověka, který jako zřejmě jediný Čech dokázal v zahraničí založit a řadu let vydávat renomovaný mezinárodní časopis neustupující z vysokých nároků na formu, obsah a étos. Lettres Internationales vycházely od roku 1984 v několika různých verzích (nejen jazykových mutacích).

Ta česká v polovině devadesátých let neuspěla. Navzdory řečem o slavném návratu do Evropy nebyl totiž zájem o moderní evropanství jako kritickou a zároveň sociálně citlivou politiku a kulturu.

AJL získal tehdy běžné kvalitní vzdělání na žižkovském gymnáziu. Jako jednadvacetiletý se okamžitě po osvobození vrhl do akce. Z německého lágru přivezl Emila F. Buriana a stal se vedoucím redaktorem týdeníku Kulturní politika, který EFB začal hned vydávat a který byl významným hlasem ve sporech třetí republiky o to, jak realizovat novou společnost.

Studia Liehm doslova odbyl na Vysoké škole politické a sociální; zkušenosti, jazyky a neuvěřitelný kulturní rozhled získával raději v praxi, cestováním a od zkušenějších. Jeho schopnost přátelsky spolupracovat s nejvýznamnějšími kulturními osobnostmi druhé poloviny 20. století, u nás i v zahraničí, byla obdivuhodná. Chvíli trvá, než si při čtení jeho textů zvyknete, že všechny ty slavné světové spisovatele, režiséry, politiky i mnoho dalších necituje z odstupu, ale z osobních setkání a rozhovorů.

Literárky

Hned v květnu 1945 Liehm vstoupil do komunistické strany, avšak už o čtyři roky později byl svéhlavým komunistickým intelektuálem, kterému hrozilo vyloučení, vyloučen byl v roce 1967 po sjezdu spisovatelů. V roce 1960 začal pracovat v Literárních novinách (Literárních listech, Listech), kde byl nejen filmovým kritikem, ale měl na starosti zahraniční témata a psal rozhovory.

Po krachu Pražského jara — Liehm trval na tom, že se má správně nazývat československé, patřil totiž k malé menšině těch, kdo brali slovenskou kulturu se vší vážností — odešel do exilu. V sedmdesátých letech přednášel o filmu na amerických univerzitách, v osmdesátých ve Francii a vydal své úspěšné knihy o československé filmové vlně. Navzdory existenčním obtížím Liehm i v exilových letech vydával s Jiřím Pelikánem a dalšími kulturně politický časopis socialistické opozice: Listy se pašovaly ke čtenářům do Československa.

I když se Liehm sám považoval za povahu nevhodnou pro politiku, patřil spolu s Vaculíkem, Kunderou, Kohoutem a dalšími k typickým představitelům specificky československé situace, kdy straničtí intelektuálové a umělci se stávali prostřednictvím svých svazů reálnou politickou silou. Kultura a politika byly pro Liehma vždy neoddělitelné.

Celý život usiloval o to, aby se vysoce kvalitní umění a kultura dostávaly k co nejširšímu množství lidí: tak fungovaly Literárky s dnes nepředstavitelnými statisícovými náklady, a proto se Liehm věnoval zrovna filmu. Druhá věc, za níž tvrdohlavě celý život šel, bylo skutečné začlenění české a československé kultury do té evropské a světové.

Způsobem, který byl nejvíc vlastní generaci intelektuálů vyrostlých za protektorátu, dokázal spojit českou identitu s reálným evropanstvím; a to včetně slabiny, již tato generace často měla v neochotě překonat vzpomínky a vzít vážně i Německo.

 

Zažít konec svého světa

Ačkoli byl od roku 1989 v penzi, chápal Liehm dobře, jak necitlivé by bylo rychlé vstupování exulantů do československé politiky. Na jedné straně respektoval situaci, na druhé se však pokoušel působit proti stále silnější převaze pravicových a konzervativních postojů v českém kulturním světě: pokud bychom zůstali u skupiny bývalých Literárek, ztělesňuje to nejlépe Ludvík Vaculík.

Ani nyní však nešlo pouze o intelektuální spory. Politickým vítězem se díky privatizaci a rozdělení státu stal neoliberalismus, Václav Klaus a spol. v paradoxní ale účinné souhře s Václavem Havlem a nesocialistickou, či dokonce konzervativní částí disentu.

Liehm proto nakonec tak jako mnoho dalších exulantů zůstal z větší poloviny usazen v Paříži. Časem zjistil, že ve většině české společnosti přestal být zájem nejen o ideje humanistického socialismu šedesátých let, ale i o skutečné české evropanství, nezatížené tradičními mindráky.

A nejméně ze všeho byl zájem o jeho kritické vhledy do aktuální situace, vždy ostré, vždy velmi dobře argumentované, a zároveň vždy respektující ideové protivníky — pokud byli stejně vzdělaní, otevření a bystří. Psal tedy i nadále pro malou skupinu čtenářů, především v Listech. Do Prahy se vrátil do péče rodiny své jediné dcery až v roce 2013 a dva roky poté byl oceněn prezidentskou medailí Za zásluhy.

Většina Liehmovy generace umírala v devadesátých a nultých letech. Vyšší věk mu přinesl pochybnou výhodu zažít konec světa, který byl jeho světem. Poválečná politika regulovaného kapitalismu, který si byl vědom nezbytnosti sociální spravedlnosti a počítal s kvalitní kulturou, s neoliberalismem prohrála.

Československo se rozpadlo, Česká republika se stále více uzavírá do sebe a solidaritu s Evropou vzdala dříve, než ji stihla vybudovat. Papírové noviny jsou už jen prázdnou formou a novinářská zodpovědnost se udržuje jen v menšinových médiích. Právě proto bychom ale neměli zapomínat, že jsme měli takovou osobnost, jako byl AJL.

 

Tonda

Na závěr nemohu jinak, než přidat pár osobních slov. Namísto Liehm mělo všude nahoře stát Tonda, jak mu říkali přátelé a spolupracovníci. Znali jsme se celý můj život. Když se rozváděl, pár měsíců přespával u nás v obýváku.

Každé léto jsme trávili s dalšími rodinami společné týdny prázdnin v letovisku Dobrá Voda. Tonda vždy dohlížel na to, aby se i v omezených podmínkách jedlo co možná dobře a jeho salát se sauce vinaigrette byl od konce padesátých let jednou z praktik kulturní rezistence.

Moji prarodiče Stanislav a Hana Budínovi totiž byli jeho nejbližšími přáteli, byť o dvacet let staršími; oběma napsal vřelé nekrology. Věděla jsem, že Budín byl pro Tondu i mentorem kvalitní žurnalistiky, překvapilo mne ale, jak podobný styl psaní měli: jazykově bohaté vyprávění, prokládané anekdotickými historkami, které absurdní pointou objasní nejednoznačnost a často krutou nahodilost dění.

Myslím, že sdíleli hlavně vnitřní citlivost, avšak žili v době, která neměla kódy pro muže, kteří by chtěli být prostě hodní. Oba měli velkou zodpovědnost za společnost a byli ve veřejných konfliktech jak ryby ve vodě, přestože idealisticky a opakovaně prohrávali.

Kdysi mne Tonda vzal na můj jediný fotbalový zápas v životě. V roce 1973 mi sám od sebe poslal (myslím, že po Philipu Rothovi) čtyři desky, u nás samozřejmě nedostupné, které bez nadsázky určily můj další život: Hair, Jesus Christ Superstar a dvakrát Bob Dylan.

Od devadesátých let jsme se několikrát viděli v Paříži a Berlíně. Nad mísou mušlí jsem se zmínila o tom, jak je pro některé mé kolegy těžko snesitelné, že se přátelím se sociálními demokraty. Potměšile mu blesklo v modrých očích a se svým typickým, trochu nemilosrdným smíchem řekl: Sociální demokraté? Ti vždycky jen zradili. To je slabota, skutečný smysl měl jenom komunismus.

Zuerst auf: https://denikreferendum.cz/clanek/32042-zemrel-ajl
Milena Bartlová: Zemrel AJL, Deník Referendum, 6. prosince 2020

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