LI 128, Frühjahr 2020
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Die Verbannten

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In unserer Villa wohnt ein Russe, der Dichter ist. Ich nehme das Obergeschoß ein, und er ist im Dachgeschoß. Entweder weil er jünger ist als ich oder weil er Russe ist. So kann ich mit diesem Dichter, dem Russen, meine Erfahrungen hinsichtlich des warmen Wassers austauschen, das in Ländern des Sozialismus manchmal nicht in die oberen Stockwerke gelangt, und sogar das kalte Wasser kommt bisweilen gar nicht in den Rohren an. Deshalb braucht man für das Leben in diesen Staaten viel Geduld, auf die man uns auch hier verweist. Während wir am Ufer eines Sees, eines sehr schönen, wohnen, nur daß darin früher der verrückte bayerische König, Ludwig, ertrunken ist.

Demnach belehren sie uns, in allem geduldig zu sein, dann kämen ein paar Dinge von selbst. Ich diskutiere dann mit dem Russen auch über andere Erscheinungen in unserer gemeinsamen Vergangenheit, dem Leben im Sozialismus, und frage ihn offen, ob sie auch mit ihm wie mit mir nicht wüßten, was sie anfangen sollen. Er sagt, es stimme, daß sie auch mit ihm nichts anzufangen wüßten. Während sie uns in dieser Villa halten und sich um alles, was wir brauchen, ziemlich bemühen, wobei sie uns auch auf die geringsten Gefahren hier aufmerksam machen. Sie sagen, wir sollten nicht unvorsichtig den Golfplatz hinuntergehen, wenn wir zum See wollten. Obwohl jetzt, bei diesem Schnee, dort überhaupt keine Spieler sind, aber trotzdem! Weil der Golfball wie eine Kugel töten könne. Wir sollten nur in aller Ruhe dasitzen und warten, alles andere komme von selbst. Das kann ich keineswegs glauben. Sie behaupten, das Schlimmste an der menschlichen Natur sei, daß er unentwegt irgendwohin eile, es aber nicht müßte.    

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Daher fragt mich der Russe, wie es komme, daß ich mich oft auf den alten Schriftsteller Hamsun berufe, aber seinen Beschreibungen der Umgebung und überhaupt der Natur keinerlei Beachtung schenke. Er weiß, daß er in seinem letzten Manuskript, das in der Zeit entstanden ist, als man ihn im Irrenhaus festhielt, sehr viel von jener Landschaft Norwegens dargestellt hat, die ihn besonders berührte. Und mehrmals die Ankunft des Frühlings und die Art notiert hat, wie ein Schneeglöckchen auf der Welt, fast aus dem Nichts, direkt aus dem Schnee auftaucht. Ich sage ihm, Hamsun sei ein bißchen Bauer gewesen, habe sich mit vielen Pflanzen seines Landes ausgekannt, was bei mir nicht der Fall sei. Ich habe nie gelernt, zwei Baumarten voneinander zu unterscheiden, und alles andere draußen kommt mir nur vor wie eine Kulisse, im Theater. Außerdem war Hamsun zu der Zeit, als er als Verräter seines Landes unter Aufsicht stand und man ihn zuerst in einer psychiatrischen Klinik und dann im Altersheim festhielt, ansonsten gesund, nur taub, und wenn man nicht hört, widmet man dem, was das Auge um sich herum sieht, mehr Aufmerksamkeit. Was Hamsun betrifft, war die Taubheit für ihn sehr zuträglich, weil er sich die Vorwürfe seiner Landsleute wegen seiner Ansichten, seiner feindlichen, die er angeblich gegenüber diesem Land gehabt hat, nicht anhören mußte. Als er Deutschland lieber gehabt hatte als sein eigenes Land, Norwegen. Daher der Drang zur Naturbeschreibung in seinem letzten Buch, das ansonsten auch andere wichtige Dinge enthält. Dort kann man entdecken, wie eine siegreiche Demokratie, die Hitlers Faschismus den Garaus gemacht hat, mit einem Greis von über neunzig Jahren umgeht. Der nicht einmal heile Schuhe hat, sondern sie mit Draht zubinden muß. Wie ihm auch eine Brille fehlt und man ihm nur eine Lupe anbietet, derer er sich bedienen soll. Vielleicht deshalb ist dieser halbbarfüßige Greis, Verräter seines Landes, mit der Lupe um jenes Totenhaus gegangen und hat sich die Pflanzen angeschaut wie Timirjasew. Infolgedessen schäme ich mich heute, aus meiner Perspektive, einer ebenfalls abtrünnigen gegenüber dem eigenen Land, ein wenig für unsere europäische Demokratie, die Hitler besiegt hat, weil sie sich gegenüber diesem Greis ohne Schuhe und ohne Brille nicht zu benehmen wußte. All das sage ich beiläufig zu dem Russen, dem Dichter, während wir zusammen im Altersheim unseres Schreibens wohnen, wo wir alles haben, was wir brauchen, ohne zu wissen, womit wir das verdient haben. Weil das Schreiben auch eine Art Verrat am Leben ist, und wenn man nur an sein Schreiben denkt, läuft es darauf hinaus, daß man sich einer fremden Macht, einer gegen das Leben gerichteten, ergeben hat und mit ihr, indem man gegen das eigene Leben wie gegen eine Heimat arbeitet, Verrat begeht, einen ebenso strafbaren.

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Jetzt wird ein Teil der Gäste ausgewechselt, es kommen neue, so daß unser Haus einem kleinen Bahnhof in der Provinz ähnelt. Wo eine Familie auf den Bahnsteig gegangen ist, um auf den Lokalzug zu warten, und mit ihm wird die Verwandtschaft eintreffen, wer weiß woher, um eine gewisse Zeit mit uns zu verbringen.

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Gekommen ist die Dame, von der es heißt, sie schreibe die schönsten Gedichte Rußlands, sie öffnet vor uns ihren Koffer, um ein Buch herauszuholen, das sie mir schenken möchte, und bei der ganzen Handlung, der etwas feierlichen, fällt mir auf, daß der Koffer fast leer ist. Daß in ihm außer den paar Büchern und zwei, drei unverständlichen Bündeln nichts ist. Wenn sie ihn bewegt, hört man, wie die paar Gegenstände in ihm durcheinanderfallen und sich überschlagen, weil es drinnen, im Dunkel des Koffers, kaum etwas gibt. Als wollte sich damit das Land darstellen, aus dem diese Ladung zusammen mit ihrer Besitzerin, der Dichterin, kommt. Dann stelle ich mir ihre Heimat wie einen riesigen Koffer vor, dunkel wegen seiner Verschlossenheit, in dem Erscheinungen, Menschen und Dinge durcheinanderfallen, ohne sich übereinander zu legen, sondern kullern, wie es gerade kommt, wie in einem kosmischen Chaos. Wo die einzelnen Planetenstücke, der Sternenstaub und noch etwas Ungeklärtes – was sich im All bewegt, von dem wir aber nicht wissen, was es ist –, wie all das im Dunkel dieses russischen Bündels, das leicht zu tragen, aber schwer zu verstehen ist, umherirrt. Das ist womöglich das erste Ding dieser Art, das man leichter mit der Hand hochheben als bis ins letzte verstehen kann. Dann wende ich meinen Blick ab, weil die russische Poetin begreift, daß ich im Zusammenhang mit ihrem Koffer etwas argwöhne. Als hätte sie Angst, die Fracht ihres Lebens sei nicht ansehnlich genug und ich hätte an ihr so, von der Seite, etwas auszusetzen. Aber eigentlich finde ich, daß es ein sehr ansehnlicher Koffer von schöner Fertigung ist, nur daß die Dinge darin durcheinanderfallen und man dieses Durcheinanderfallen hört. Wie die ganze Erscheinung Rußlands in unserer Phantasie etwas ziemlich Ansehnliches und schön Gefertigtes ist, aber wenn jemand beschließt, ins Innere zu lugen und zu raten, was sich dort als russisches Leben heute befindet, kommt es zu dem Gefühl der Leere, wie man es an diesem Koffer erfährt.

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Kann ich mich noch einmal fragen, was wir auf diesem Berg machen? Vielleicht müssen wir hier eine gewisse Zeit verbringen, und während wir hier sind, doch manches über unsere Vergangenheit bekennen. Und später können wir irgendwo anders hingehen. Oder dies ist ein Aufenthalt in einem Sanatorium, zur Erholung, nach langer Krankheit. Die die Krankheit unserer Verbannung war, obwohl die Beschwerden überhaupt nicht abgeklungen sind. Als wäre unser Lungeninfiltrat, das historische, geheilt, steckte aber immer noch in uns. Dann können wir unser Leben irgendwie fortsetzen, aber unter großer Vorsicht. Weil man das Hauptgebrechen in meinem Organismus immer noch bemerken kann, sowohl auf einer Lungenaufnahme als auch sonst. In erster Linie daran, daß die Verbannten niemals mit vollen Lungen atmen, sondern nur halb. In der Meinung, ihnen werde bei einer Gelegenheit, einer viel nötigeren, die Luft ausgehen, so daß man sparen müsse. Luft ist in der Vorstellung einer solchen Person etwas wie ein Vorrat an unumgänglichen Lebensmitteln, Mehl oder Zucker oder Salz in der Speisekammer unserer Seele. Denn wer weiß, was morgen geschieht und wie wir dann die kleine Öffnung befeuchten, die unsere innere Maschinerie füllen soll. Obwohl ich finde, daß wir hier mit vollen Lungen atmen sollten, ohne Sorge um eine folgende Periode. Weil es in ihr vielleicht gar kein Atmen gibt, daher ist es besser, wenn wir ausgiebig atmen, solange wir noch etwas zum Atmen haben. Deshalb beobachte ich den Iren und die Art, wie er in unserer Bergluft atmet, und dann, wie es die edle Dichterin Rußlands tut. Die bei jedem Atemzug einen Laut, vor allem einen russischen, auszustoßen scheint. Als spräche sie zu jedem Schluck Luft ein „uoch“ aus und lächelte irgendwie kindisch. Während der Ungar seine Atmung auf eine stöhnende Art ausführt. So nimmt er den Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid seiner eigenen Seele vor, indem er sich an die Zeit erinnert, als er eingesperrt war, in der Zeit der Diktatur. Wo die meisten Menschen atmeten, als würden sie seufzen und fast jammern, was ihnen später als Gewohnheit geblieben ist. Wenn ich ihn frage, warum er überhaupt diese langen fünf Jahre hinter Gittern verbracht hat, vermag er es mir nicht zu erklären. Sondern würde am liebsten sagen, es sei wegen ebendieses Atmens gewesen. Weil es in jener Zeit für das Regime am leichtesten gewesen wäre, sein Volk hätte überhaupt nicht geatmet, wenn dazu schon das Seufzen und fast Jammern kam, das jedem auf die Nerven fiel.

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Manchmal denke ich, daß ich die Rolle eines Vogelbeobachters, birdwatcher, einnehme. Denn ich verfolge das tägliche Tun meiner Mitbewohner, als spionierte ich das Picken einer Amsel und das Fliegen des Stars von Ast zu Ast aus. Nur daß ich glaube, daß man jeden einzelnen Vogel ohne jede Verallgemeinerung betrachten und ihn als reales Subjekt verstehen muß. Deshalb lasse ich auch die Mitbürger dieses Hauses machen, was sie wollen, jeder für sich. Als handelte es sich um einzigartige Exemplare des Vogelgeschlechts und nicht um irgendwelche anonymen Teile ihrer unendlichen und unzählbaren Art.

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Mehr von:
Bora Ćosić
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 96
Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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