LI 132, Frühjahr 2021
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Zu Gast bei Trimalchio

Kleine Abhandlung zur Genealogie der Geister in unserer Literatur

Der als Das Gastmahl des Trimalchio bekannte Teil des Satyricons von Petronius war nur an einem Ort aufbewahrt, ausgerechnet auf unserem Boden, so grub ihn Marin Statilić im Jahr 1650 in Trogir in der Bibliothek von Nikola Ćipiko aus und veröffentlichte ihn 1664 in Padua. … Daher nehmen wir sogleich Platz am mythischen Tisch dieses elegant gekleideten Herrn aus Rom … Die Schlüsselrolle in der Trimalchionisierung unserer Sprache spielte mit ihrer Übersetzung aus dem Jahr 1976 die Belgrader Professorin Frau Radmila Cica Šalabalić.

Als meine künftige Frau etwa 16 Jahre alt war, liebte sie einen Jungen, es war der Bruder der Šalabalić, Buba, ein genialer Belgrader Bursche, der früh auf vielen Gebieten bewandert war, aber schon bald als Partisan im Krieg fiel. Ich war damals elf Jahre alt, brauchte noch ziemlich viel, um mich in diesen antiken Roman einschalten zu können. In der Zwischenzeit brachte meine künftige Lola ihre verhinderte Schwägerin aus dem durch Bombardierung zerstörten Heim der Šalabalićs in das Haus ihrer Familie, wo sie ihr ganzes Leben lang wohnte. Dort, im Erdgeschoß der Familie von Doktor Ljuba Vlatković und seinen Kindern. Heute sind alle tot, ich bin wie üblich der Pierre Besuchow, der auf dem Schlachtfeld der Zeit als Zeuge umherschweift.

Ich bin keinerlei Biograph dieser gescheiten Frau, ich bin lediglich ihr Leser, der die Nachdichtung eines Werkes verfolgt hat, dessen ausgesprochen dichterische, unerhört bedeutende serbische Version von der Mitbewohnerin meiner langjährigen Familie hervorgebracht wurde. Ich habe sie kaum gekannt, sie nur dann und wann auf der Treppe oder auf der Straße in Eile, verzagt und vollkommen zugeknöpft getroffen. Sie gab nichts von sich preis, auch wenn ihre Schüler anders denken. Für mich blieb sie der Schatten im Halbdunkel des Haustors, mit Brille und viel Mißtrauen, das sie, denke ich, gegenüber dem Rest der Welt hegte. Alles andere, was ihrer Trimalchionade vorausging, die in die sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts fällt, berücksichtige ich nicht, bis dahin hat sie bereits mehrere Generationen von Altertumsstudenten unterrichtet, über dieses Gebiet geschrieben und völlig isoliert von ihrer Umwelt, von den Menschen, die ihre Umwelt ausgemacht haben, gelebt. Ich weiß nicht, was sie meiner damaligen Familie getan hat, auch nicht, was diese ihr getan hat. Ich erinnere mich dunkel an diese ganze Zeit, in der sich, dort irgendwo im Souterrain, ein autistisches Geschöpf aufhielt, als wäre es wütend auf alle um es herum, von einem beinahe verrückten Benehmen. Doch im selben Moment fließt in den paar düsteren Räumen ein Text von unübersehbarer Schönheit, Weisheit und Heiterkeit, kein Wesen aus diesem grandiosen Buch ist dem Leben gegenüber aufgeschlossener als seine Deuterin in einer kleinen, aber gerade durch diese Übersetzung kolossal sprühenden Sprache. Daß Petronius womöglich gar nicht Petronius ist, könnte auch sein, die Beweise, daß es ihn überhaupt gegeben hat, sind wackelig und unklar, zum Glück gibt es die Papiere aus der Trogirer Bibliothek von Ćipiko und die von allen Seiten zusammengesammelten Teile, wer weiß wie. Durch undurchsichtige Machenschaften, Lug und Trug. Es wurde sogar eine gefälschte Version des Arbiter in den Verkehr geschleust, die aus dem Belgrad des 17.Jahrhunderts stammt, der Stadt von mir, Lola und der Šalabalić. Aber auf jeden Fall gab es einen geistigen Ursprung, ein Wesen, dessen Kronzeugin unsere geniale Übersetzerin aus dem Erdgeschoß ist.

(…)

Nach fast einem halben Jahrhundert stelle ich eine Verwandtschaft unserer Arbeiten fest, meiner und der von dieser Frau. Weil auch sie offensichtlich eine Autorin ist, während ich möglicherweise ebenfalls nur der Übersetzer einer allgemeinen Idee war und blieb, die den abgetakelten Ideen in meiner Umgebung entgegengesetzt war. Als wäre ich plötzlich selbst in den Unterbau eines Bürgerhauses, in das Souterrain einer Zivilisation geraten, deren legitimes Subjekt ich offensichtlich nicht ganz war. Wir beiden, diese Cica, wie sie kolloquial genannt wurde, und ich selbst, waren dort unten zusammen und haben unsere Aufzeichnungen aus dem Untergrund geschrieben, jeder auf seine Art. Es war unsere Zeit des nassen Schnees, wie es auch draußen war, auf der Straße, in einer Periode unerklärlichen, völlig verspäteten ideologischen Zwangs, kurz, aber dumm. Der sich in den folgenden Jahrzehnten zu etwas noch viel Schlimmerem entwickeln sollte, wovor ich in meiner eigenen intellektuellen Verkommenheit, wie diese Dame es getauft hat, Hals über Kopf floh. Vieles von dem, was geschehen würde, schien aus dieser grandiosen Dichtung erwachsen zu sein, die wenigstens in Bruchstücken erhalten ist. Das alles wußte diese Übersetzerin schon damals, in den siebziger Jahren. Eine der Erscheinungen, die heute in den Ländern des Übergangs voll in Kraft sind, ist der Zustand, der gesellschaftliche, den die Neureichen, die Tycoons prägen. Ist nicht bereits Trimalchio einer von ihnen, übermäßig reich geworden, unbändig und gewalttätig, wenn auch gleichzeitig geistreich und in gewisser Weise gebildeter als die zeitgenössischen aufgeblasenen, halbanalphabetischen Flegel, die schrecklich und gefährlich sind? Und er hat wirklich meisterhaft plastisch die Großtuerei, die Roheit, die Habgier, die Käuflichkeit und Ungeschliffenheit dieser Leute vergegenwärtigt und damit auch die Kehrseite der römischen Tugenden: der römischen castitas, pietas und gravitas, deren Vorderseite von jeher die Senatoren waren. Während die Kehrseite die reichen freigelassenen Mittelsmänner mit ihren geschäftlichen Winkelzügen im Namen der ehrenwerten Senatoren darstellten. Die Freigelassenen treten als Finanziers und Bankleute in Erscheinung, als Kreditgeber, die Geld für alle möglichen lukrativen Ziele beschaffen, bereit, den Politiker zu stützen, der ihre Interessen stützt. Das waren die vermögenden Krupps in der Hitlerzeit, aber wohl auch die neureichen Karićs bei Milošević, das hat Frau Šalabalić schon rechtzeitig diagnostiziert. Ich empfinde eine starke Übereinstimmung, geistig und sprachlich, mit dieser nahezu diffamierten und vernachlässigten Frau. Vielleicht versündige ich mich damit an meiner Familie, an denen eine Etage höher, aber was macht’s, ich hätte ohnehin ein ernsthafter Erbe dieses Erdgeschosses sein sollen, allerdings hat das die obere Lage dieser Zivilisation vereitelt. Dort oben lebte eine Familie von Ärzten, Rechtsanwälten, Journalisten und ganz anständigen Menschen, aber die Genialität, die aus dem Erdgeschoß, gab es nicht, das ist der egoistische Grund meines familiären Dissidententums, meines nachträglichen. Auch ich gleite hinunter, auf den Grund, der das vielleicht überhaupt nicht ist. In allen Farben schillert sie, die weitere Umgebung dieser ehemals ansehnlichen, heute baufälligen Villa, nicht nur dank des montaigneschen Geistes ihres Erdgeschosses. Schon Anfang des letzten Jahrhunderts wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Heim für Findelkinder errichtet. In der Nähe gab es lange die Garagen der Armee des Königreichs Jugoslawien, so hieß die Gegend auch, „Auto-Kommando“. Auf einem leeren Platz stand vor einem halben Jahrhundert der Zirkuswagen, in dem der Regisseur Makavejev wohnte. Auf einer Anhöhe sind zwei Fußballstadien, dann die Villa des ermordeten Kriegsverbrechers Arkan und seiner Frau, einer Volksliedsängerin. Die Gegend wimmelt von kleinen Kneipen, winzigen Kramläden, türkischen Burekbäckereien, Schuster- und Schneiderwerkstätten, Friseursalons für „Damen und Herren“, Friedhofsgärtnereien, Kerzenverkäufern, Konditoren und Kurzwarenhändlern. Säufer, Lastenträger, Strolche, Bäcker, Sängerinnen, Kriegs- und andere Verbrecher, Fußballer und ihre Fans, Chauffeure, Kutscher und Taxifahrer, Büfettiers und Findelkinder. Das war das Umfeld des Gastmahls des Trimalchio von Frau Šalabalić, und so ist es überwiegend auch heute. (…) Das Trimalchiotentum ist unser Schicksal, unser balkanisches und serbisches, wie Konstantinović mit seiner Philosophie des Krähwinkels festgestellt hat. Uns hat die Welt vergessen, behauptete dieses Buch, aber wir haben die Welt nicht vergessen

(… )

Ich höre dann, was Konstantinović über Montaigne sagt, Montaigne ist die Lebenskrise eine Pflicht, eine Erhebung zu immer größerer Vollkommenheit, Montaigne lehnt sogar die unbedeutendste Entscheidung ab, und das einfach, weil ihm das Treffen von Entscheidungen Unbehagen bereitet, er kann keine Sorge ertragen, und zwar, weil er eine empfindsame Natur hat, gerade deshalb ist er äußerst unabhängig geblieben ... Das sagt mein Freund, als dächte er auch an unsere Nachbarin aus dem Erdgeschoß, eigentlich die Mitbewohnerin so vieler meiner eigenen Auffassungen. Die mit ihrem ganzen Wesen bestätigt hat, was auch Radomir sagt, daß Leib und Rede nicht zusammengehen. Vom Montaignetum, dieser dauerhaften existentiellen Sorglosigkeit (Montaigne wollte diese Nachlässigkeit), sind die dunklen Räume durchdrungen, die stinken, aber gleichzeitig luftig sind. Muß unser intellektuelles Abenteuer auf Clochard-Niveau enden, in der Gosse, der von Beckett? Ich biete keinen schönen Anblick, rieche nicht fein, sagt bei Beckett auch Molloy. Nur daß Cicas Erdgeschoß schlimmer war als die Gosse, über der die beiden Abtrünnigen wenigstens saubere Luft hatten. Weshalb finde ich bei der Šalabalić Montaignetum, sogar dort, wo es gar nicht zu ihr paßt, in der Faulheit, bei ihr, die sie sich mit jedem ihrer Worte abgeschunden hat, asketisch und hart, und auch in dieser Arbeit die Lücken entdeckt hat, die jedem Menschen eigen sind, den Eindruck, daß die Gedanken vorbeifliegen, die wir beim Lesen in uns selbst erhaschen? Dies ist ein Befund, würdig jeder psycholinguistischen Vorstellung von heute, welche die Apparatur allen menschlichen Denkens betrifft, ob konzentriert oder faul, einerlei. Das unbewußt nach einer Pause strebt, bei der Arbeit, und auch selbst beim Lesen. Aber dort, bei Montaigne, heißt es im übrigen faul sein, das bedeutet faul sein für die Erlösung, faul für die Unsterblichkeit, faul sein bedeutet nicht unfähig sein, die Dinge im Zimmer, sogar auf dem Tisch, an dem du arbeitest, aufzuräumen, faul sein, das war ihre Sorglosigkeit hinsichtlich der Unsterblichkeit und des Todes. Daher wollte Montaigne, daß ihn der Tod beim Setzen von Kraut ereilt, aber gleichgültig gegenüber dem Tod und noch mehr dem unfertigen Garten gegenüber, gibt Konstantinović dessen Äußerung wieder. Ich weiß nicht, wie Cica gestorben ist und mit welchen Gedanken, aber ich glaube, es war ein montaignescher Tod, daß wir wissen, daß wir sterben werden, befreit uns von jeder Unterordnung und jedem Zwang. Wo immer sie auch geendet hat, meine ich, ist diese selbstaufopfernde, stolze Frau Šalabalić auf ihrer Deponie gestorben, auf ihrem Kehrichthaufen, wie ihn Šejka und Kiš verewigt haben, der Maler Šejka, der die ganze Unmenge an unverständlichen Einzelheiten, übereinandergeworfen auf dem Müllabladeplatz der Welt, gezeichnet hat, Kiš, der darüber anschließend ein Gedicht geschrieben hat. In jeder Hinsicht war dieser Müll, dieser Müllhaufen von wesentlicher Bedeutung, nicht nur ein belangloser Platz, auf dem jemand seinen Unrat abgeladen hat. Dieser montaignehafte Tod, meine ich, muß der von Montaigne gewesen sein, der, so sagt Konstantinović, dies zwischen Kartoffel- und Krautsäcken, zwischen den Leibern gehäuteter Rinder, in Kälte, Dreck und Blut erledigen wollte, um den Boden zu berühren, als würde er die Güte und Reinheit selbst berühren.

(...)

 

 

 

 

 

 

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Mehr von:
Bora Ćosić
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 112
Aus dem Serbischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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