LI 118, Herbst 2017
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Stahl, der die Erde beisst

Schienenstränge – auf den Spuren des Kolonialismus in Afrika

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15.
„Afrika ist die letzte Grenze des Kapitalismus“, wie der kamerunische Philosoph und Politologe Achille Mbembe immer wieder betont. „Es ist das letzte Gebiet auf der Erde, das noch nicht ganz und gar der Herrschaft des Kapitals unterworfen ist.“

16.
Der Kapitalismus versucht derzeit nach Kräften alles, die afrikanische Grenze niederzureißen. China investiert Unsummen in den Kontinent und stellt damit die Weichen für eine Zukunft, in der das Reich der Mitte dort fest im Sattel sitzen und Einfluß darauf nehmen wird, wo was hinkommt, zu Lande, zur See und in der Luft. Seit 2000 haben die Chinesen um die 100 Milliarden Dollar an Krediten an Afrika vergeben – genaue Zahlen sind laut der China Africa Research Initiative der Johns Hopkins School of Advanced International Studies schwer zu bekommen, da „die Chinesen sich nicht sehr transparent geben hinsichtlich ihres Kreditflusses nach Übersee“.

17.
Etwa ein Viertel der Afrika von Peking gewährten Kredite sind für Eisenbahn- und Straßenprojekte gedacht. Über den ganzen Kontinent hinweg werden neue Schienen verlegt, so etwa zwischen Abuja und Kaduna in Nigeria, den Nil entlang im Sudan, von Tansania nach Sambia, von Äthiopien nach Djibouti. Hier und da schlängeln sich die neuen Gleise entlang der alten Trassen aus der Kolonialzeit. Macht sie das zu Geschwistern im selben Verbrechen? Immerhin erscheinen diesmal die Projekte weniger von Gewalt geprägt, weniger tödlich, sondern legitim und durchaus freundlicher Art.

18.
Im ölreichen Angola, wo die Chinesen mehr investiert haben als in jedem anderen afrikanischen Land, hat man das noch unter portugiesischer Herrschaft gebaute Schienennetz renoviert. Kenia ist seit 2015 zu einem der größten Kreditnehmer der Chinesen geworden. Wie in anderen afrikanischen Ländern kommen wenigstens achtzig Prozent der Mittel für die neue SGR aus Peking. Die Auslandsschulden Kenias belaufen sich auf das Siebenfache seines Jahresbudgets; fast sechzig Prozent seiner Kredite kommen aus China.

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32.
Kenias Präsident Uhuru Kenyatta zufolge gibt die Neue Seidenstraße dem „Kontinent die Gelegenheit zu einem Paradigmenwechsel. Das postkoloniale Afrika bewegt sich schon viel zu lange in ausgefahrenen Geleisen.“

33.
Mit Sicherheit hatte Frantz Fanon nicht an einen Bund mit China gedacht, als er am Schluß seines Buchs Die Verdammten dieser Erde erklärte: „Europa hat endgültig ausgespielt, es muß etwas anderes gefunden werden.“ Aber wie stellte er sich Afrikas Spiel ohne Europa vor? All die Befreiungsbewegungen, das Ringen um Unabhängigkeit, die Bemühungen um Selbstbestimmung – was ist aus dieser Vision, aus dieser Tugend, dieser Hoffnung geworden? Wie kam es, daß die Fairneß bei diesem neuen Spiel so oft auf der Strecke geblieben ist? Immer wieder wurden Führer von Befreiungsbewegungen – Jomo Kenyatta in Kenia, Robert Mugabe in Simbabwe, José Eduardo dos Santos in Angola, um nur ein paar zu nennen – zu Diktatoren, Eigennutz und materielle Gier obsiegten über die Belange des Volks. Sicher, man darf ausländische Interessen nicht vergessen, die ungleiche Globalisierung, aber das allein reicht nicht aus für eine Erklärung dafür, daß in den meisten afrikanischen Ländern Regierungen kaum mehr sind als gewählte Autokratien und das Wort „Demokratie“ lediglich zur Verschleierung von Kleptokratien dient.

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62.
„Der Ruhm der alten Seidenstraße“, so sagte Xi Jinping dem Publikum beim ersten Belt-and-Road-Gipfel im Mai 2017, „zeigt, daß geographische Streuung kein unüberwindbares Hindernis darstellt.“ Die Initiative, so beteuerte er, stehe „allen gleichgesinnten Freunden offen … sie schließt weder jemanden aus, noch zielt sie auf jemanden ab“. Die Regierungen zahlreicher Länder, darunter Äthiopien und Malaysia, sind begeistert. Brexit-Großbritannien ist ebenfalls interessiert. Als Reaktion auf die Ansprache des chinesischen Premiers sagte der britische Schatzkanzler Philip Hammond: „Diese Initiative ist vom Ausmaß ihrer Ambitionen her wahrhaft bahnbrechend und hat das Potential, den Lebensstandard von siebzig Prozent der Weltbevölkerung anzuheben.“ Wie er hinzufügte, sei Großbritannien „ein natürlicher Partner“ für diesen Plan.

63.
„Es gibt Leute, die wollen, daß die Vergangenheit sich wiederholt, und sie sorgen entsprechend dafür, daß wir uns nicht an sie erinnern.“ Paul Krugman

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66.
Einige von Chinas Werbespots für die Belt-and-Road-Initiative sind animierte Videos mit Figuren in verschiedensten ethnischen Kostümen; man sieht sich in verschiedenen Sprachen begrüßt, dann singen lächelnde Kinder: „Die Seidenstraße ist unsere Art, alles Gute zu teilen, die Zukunft steht vor der Tür, die Seidenstraße ist … eine Straße für mich, für dich, für alle!“

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84.
„Warum“, so schreibt Ngugi wa Thiong’o in seinem Roman Herr der Krähen, „läßt es das notleidende Afrika zu, daß sein Reichtum den Bedürfnissen derer dient, die außerhalb seiner Grenzen leben, und bettelt dann mit ausgestreckten Händen um einen Kredit aus ebendem Reichtum, den es weggegeben hat? Wie sind wir so tief gesunken, daß der beste Führer derjenige ist, der weiß, wie man um einen Anteil von etwas bettelt, das er bereits für den Preis eines zerbrochenen Werkzeugs weggegeben hat? Wo ist die Zukunft Afrikas?“

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96.
„Entschließen wir uns, Europa nicht zu imitieren. Spannen wir unsere Muskeln und Gehirne für einen neuen Kurs an. Versuchen wir, den totalen Menschen zu erfinden, den zum Siege zu führen Europa unfähig war.“ Frantz Fanon

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Priya Basil
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Englischen von Bernhard Josef
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