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Cover Lettre International 100, Max Gr├╝ter
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LI 100, Fr├╝hjahr 2013

Generationengerechtigkeit?

Eine unbrauchbare Formel als Indiz eines verlorenen Zukunftsglaubens

Gerneration und Erfahrung

Das Prinzip der Generationengerechtigkeit beruht auf der sehr schematischen und sehr naiven Unterstellung einer linearen Entwicklung der Welt. Nur bei dieser Unterstellung n├Ąmlich kann man ernsthaft glauben, da├č Lasten und Zuw├Ąchse sich gleichm├Ą├čig entwickeln, so da├č gerechte Kompensationen zwischen den Generationen m├Âglich sind. Wenn jedoch die Spr├╝nge, Kehrtwendungen und Ausw├╝chse das normale im Lauf der Zeit sind, dann ist eine Gerechtigkeit zwischen den Generationen, die jeweils, wie Ranke gesagt hat, ÔÇ×unmittelbar zu GottÔÇť sind, undenkbar. Wir wollen nat├╝rlich, da├č es unseren Kindern zumindest nicht schlechter geht, aber was das dann hei├čt, k├Ânnen wir nicht wissen. Denn die Welt, in der wir leben, ist, obwohl wir f├╝r sie Verantwortung empfinden, nicht immer dieselbe, sie ├Ąndert sich vielmehr von Generation zu Generation.

(ÔÇŽ)

Wenn eine junge Generation heute dagegen Generationengerechtigkeit fordert, dann verlangt sie von der alten Generation, da├č sie Sorge f├╝r ihre Nachkommen tr├Ągt und die Welt f├╝r jene bewohnbar h├Ąlt, die nach ihnen kommen und die ebenfalls ein lebenswertes Leben f├╝hren wollen. Und diese Forderung trifft vor allem die Generation der Gro├čeltern, die heute zwischen, sagen wir mal: 65 und 85 Jahren alt sind, ins Herz: Sie reagieren schuldbewu├čt und verst├Ąrken insbesondere im Blick auf die Ausbildung ihrer Enkel die privaten Transfers in der Generationenfolge.

Aber auch die Generation der Eltern l├Ą├čt sich von der Generation der Kinder daf├╝r in Verantwortung nehmen, da├č die ihre Zukunft vergehen sehen. Sie f├╝hlen sich durch die Forderung nach Generationengerechtigkeit deshalb in die Defensive gebracht, weil sie selbst nicht mehr an ein Verh├Ąltnis der Generationen glauben, bei dem es die Kinder besser als ihre Eltern haben werden. Man w├Ąre schon froh, wenn es ihnen als einzelnen wie als Generation wenigstens nicht schlechter ginge.

Gemeinsam ist allen Beteiligten, da├č sie den Glauben an die Zukunft verloren haben: die Jungen den Glauben daran, da├č sie eine eigene Zukunft haben werden, und die Alten, da├č die Jungen noch eine vergleichbare Zukunft erwarten k├Ânnen, wie sie sie gekannt haben. Die Forderung nach Generationengerechtigkeit ist so gesehen Ausdruck des Abschieds von einem historischen Bewu├čtsein, das die Abfolge der Generationen als einen nach vorne offenen und den Geschichtsproze├č selber ├Âffnenden Weg durch die Zeithorizonte begreifen konnte. Wenn im 20. Jahrhundert eine Generation nach der anderen sich als Avantgarde der Zeit sah, die als Urgrund einer Ver├Ąnderung erschien, die unaufh├Ârlich Vergangenheit hinter sich lie├č, um Zukunft zu ├Âffnen, dann tritt heute jede sich meldende Generation auf der Stelle, weil sie sich von der Vergangenheit belastet und von der Zukunft bedroht f├╝hlt.

(ÔÇŽ)

Das Konzept der ÔÇ×GenerationengerechtigkeitÔÇť indiziert also wom├Âglich eine grundlegende Ver├Ąnderung unseres Zeitbewu├čtseins ├╝berhaupt. Das betrifft zuallererst das Verh├Ąltnis zur Zukunft. Sie ist f├╝r uns kein offener Horizont von M├Âglichkeiten mehr, sondern eine Wirklichkeit, an der alle Prognosen scheitern, die auf linearen Rechenmethoden beruhen, und die zugleich als Bedrohung unausweichlich auf uns zukommt. So ist die Erw├Ąrmung unseres blauen Planeten einerseits gewi├č; aber v├Âllig ungewi├č ist, was das f├╝r unsere Lebensweise in Deutschland oder Europa bedeutet. Werden die Holl├Ąnder, die es sich leisten k├Ânnen, in drei├čig Jahren ins Weserbergland oder nach Nordhessen umgesiedelt sein? Wird die Hafencity in Hamburg von periodischen ├ťberschwemmungen ruiniert sein? Werden die ostfriesischen Inseln l├Ąngst untergegangen sein? Andererseits gelingt es uns nicht mehr, die Vergangenheit hinter uns zu lassen. Im Gegenteil: Es werden in der Geschichtswissenschaft, in der Literatur oder im Film immer neue Vergangenheiten entdeckt, die unsere Gegenwart geradezu ├╝berschwemmen.

(ÔÇŽ)

Was ist das f├╝r ein Zeitgef├╝hl, das Exodusphantasien sowohl anstachelt als auch erstickt? Es ist das Gef├╝hl einer vergehenden Zeit, die durch keine kommende Zeit mehr abgel├Âst wird. Deshalb mu├č man mit den Best├Ąnden haushalten, die R├╝ckwirkungen mit einberechnen und die globalen Interaktionseffekte unter Kontrolle halten. Es ist aber f├╝r keine k├╝nftige Generation eine Welt denkbar, die nicht schon in unserer Welt enthalten w├Ąre. Deshalb ist das Motiv des Kampfes und des damit verbundenen Spielraums aus dem Verh├Ąltnis zwischen den Generationen verschwunden und durch den Schematismus der Symmetrie und der damit begr├╝ndeten Gerechtigkeit ersetzt worden.


 

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Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023