LI 136, Frühjahr 2022
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Grosse Mauer aus Stahl

Xi Jinping erneuert den chinesischen Nationalismus

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Die chinesische Empfindlichkeit gegenüber jeglicher Einmischung von außen ist nicht zuletzt Ergebnis eines historischen Traumas. Die von den Briten Mitte des 18. Jahrhunderts geführten Opiumkriege öffneten China nicht nur für aggressive Übergriffe wie extraterritoriale Rechte in Schanghai und anderen Städten, wobei Ausländer von den lokalen Gesetzen ausgenommen waren. Die brutalen japanischen Invasionen der 1930er Jahre führten zum gewaltsamen Tod von Millionen Chinesen. Bei Xis wiederholten Aufrufen zu „Verjüngung“ und „Einheit“ geht es jedoch um mehr. Es geht um die grundlegende Frage, was es heißt, Chinese zu sein.
     China ist sowohl eine Zivilisation als auch ein Staat, weshalb sich die chinesische Identität in mehreren, einander überschneidenden Formen ausprägt: ethnisch, kulturell und politisch. Die Bevölkerung Taiwans fühlt sich heute nicht als Teil der Volksrepublik China und will es auch nicht sein. Dennoch sehen sich die Nachkommen der chinesischen Einwanderer dort zu Recht als die besseren Bewahrer der traditionellen chinesischen Kultur als ihre Brüder und Schwestern auf dem Festland. Viele in Hongkong ziehen es vor, sich als Hongkonger und nicht als Chinesen zu bezeichnen. Die meisten Tibeter und Uiguren betrachten sich in keiner Weise als Chinesen – ganz im Gegensatz zu Menschen, die seit Generationen in Singapur, Malaysia oder in Chinatown von San Francisco leben.
     Ethnisch versteht sich die Mehrheit der Bewohner Chinas (etwa neunzig Prozent) und die Diaspora in Südostasien und im Westen als Han-Chinesen. Das ist allerdings eine ziemlich willkürliche Bezeichnung. So sind südchinesische Dialekte für Nordchinesen unverständlich. Zudem umfaßt die chinesische Nation heute offiziell Völker wie die turkstämmigen Uiguren und die Mongolen, die in der Vergangenheit als Barbaren bezeichnet wurden. Die Qing-Dynastie (1644–1912) annektierte zuerst Taiwan, das von vielen Nicht-Han-Gruppen bewohnt wurde, und dann Tibet und Xinjiang (was „neue Grenze“ bedeutet). Die Qing-Kaiser selbst waren ebenfalls keine Han, sondern Mandschu von jenseits der Großen Mauer, die traditionell als unzivilisierte Nomaden galten.
     Oberflächlich betrachtet, hat Xis chinesischer Nationalismus keine ethnischen Wurzeln, sondern ist ein Versuch, den alleinigen Führungsanspruch der Kommunistischen Partei für alle geltend zu machen, die innerhalb der Grenzen des ehemaligen Qing-Reiches leben. Aus diesem Grund können rivalisierende Nationalismen in Taiwan und Hongkong nicht toleriert werden. Dennoch gibt es eine starke, ethnisch grundierte Unterströmung.
     Seit mehr als 2 000 Jahren verlangen die chinesischen Herrscher Gehorsam und beanspruchen Legitimität auf der Grundlage einer Orthodoxie, sei sie nun konfuzianisch oder marxistisch-leninistisch geprägt oder den Gedanken Mao Zedongs verpflichtet. In den achtziger Jahren, als die von Deng Xiaoping eingeleiteten Reformen die Macht der maoistischen Version des Kommunismus schwächten, rechtfertigte die Partei die Fortsetzung ihrer Herrschaft mit einem defensiven, erbitterten Nationalismus.
     Sehr viel mehr Glaubwürdigkeit als die maoistische Ideologie besitzt heute der alte Appell an den chinesischen Patriotismus. Diesem Narrativ zufolge hat die KPCh den Stolz der Han-Chinesen wiederhergestellt. Xi hat dieses Thema aufgegriffen und emotional aufgeladen: mit dem Versprechen von Größe als Ausgleich für eine Geschichte der Demütigung und Unterwerfung unter äußere Feinde. Auf einem Treffen hochrangiger Parteimitglieder im November 2021 wurden Xi Jinpings Gedanken nicht nur als „Marxismus für das 21. Jahrhundert“, sondern als „die Essenz der chinesischen Kultur und des chinesischen Geistes“ offiziell bestätigt.

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Mao hatte es nicht eilig, Hongkong zurückzufordern. Und Chinas Teilnahme am Koreakrieg sowie die Notwendigkeit, die kommunistische Herrschaft auf dem Festland zu konsolidieren, hielten ihn davon ab, Taiwan viel Aufmerksamkeit zu schenken. Klassenkampf, permanente Revolution und der Kult um den Vorsitzenden Mao waren wichtiger als äußere Zeichen des Nationalismus und des Han-Chauvinismus, die er weiterhin als bourgeoises Denken abtat. Was vom chinesischen Nationalismus übrig geblieben war, wurde vorübergehend umgelenkt in den Stolz, die Weltrevolution oder zumindest die Dritte-Welt-Revolution anzuführen.
     Dies änderte sich bald nach Maos Tod. Maos Kampagnen zur Eliminierung der Klassenfeinde hatten so entsetzliches Leid verursacht, daß die maoistische Ideologie viel von ihrer Anziehungskraft verlor. Deng Xiaoping, der 1977 an die Macht kam, erkannte, daß das Land erneut verjüngt werden mußte, diesmal durch die Überwindung der schrecklichen Armut. Ideologischer Purismus war nicht sein Hauptanliegen. Es sei ihm egal, ob eine Katze schwarz oder weiß ist – Hauptsache, sie fange Mäuse, sagte er. Das kommunistische Dogma wurde aufgeweicht, um kapitalistische Reformen zu ermöglichen. Das Bemühen um die wirtschaftliche Autarkie Chinas wurde aufgegeben. Um materiellen Wohlstand zu schaffen, mußte sich das Land für den Handel öffnen – nicht nur für den Handel mit den Vereinigten Staaten, wo Deng 1979 seine Gastgeber mit einem Cowboyhut beeindruckte, sondern auch mit Japan.
     Das war riskant, denn jede chinesische Regierung ist anfällig für den Vorwurf von Nationalisten, sie würde sich ausländischen Mächten beugen. Noch gefährlicher war, daß Dengs Reformen die ideologische Rechtfertigung des Machtmonopols der Kommunistischen Partei aufs Spiel setzten. Deshalb trat in den achtziger Jahren jener Nationalismus, der jetzt von Xi gefördert wird, allmählich an die Stelle der maoistischen Version des Kommunismus. 1985 wurde in Nanking eine gigantische Gedenkhalle für die „300 000 Opfer“ des von japanischen Invasoren verübten Massakers errichtet. Daß 300 000 und nicht 150 000 oder weniger Menschen ermordet wurden, wie einige japanische Historiker behaupteten, ist ein Dogma, das nicht in Frage gestellt werden kann.
     Weitere Gedenkstätten gibt es in Guangdong, wo die Opiumkriege begannen, und in Shenyang, dem Ort des inszenierten Bombenanschlags, der zur japanischen Annexion der Mandschurei führte. Sinn und Zweck dieser Museen ist immer derselbe: Das chinesische Volk müsse in der Lage sein, sich überall an das erlittene Leid zu erinnern, und nur die Kommunistische Partei könne es in Zukunft vor ähnlichen Katastrophen bewahren.
     Die Notwendigkeit, auf historische Greueltaten ausländischer Mächte hinzuweisen und die wichtige Rolle der Partei für die Einigung und den Schutz der chinesischen Nation zu betonen, wurde nach den Demonstrationen auf dem Tiananmen-Platz 1989 noch offenkundiger. Die Volksbefreiungsarmee schlug die Proteste mit Panzern nieder, aber für die Partei war es ein Gesichtsverlust. Einige Konservative argumentierten, die maoistische Doktrin müsse wiederbelebt werden. Andere wollten die „patriotische Erziehung“ fördern. In die schulischen Lehrpläne wurden patriotische Filme, patriotische Lieder und patriotische Bücher aufgenommen. Immer mehr Denkmäler wurden errichtet, um die Menschen an die in der Vergangenheit erlittenen Grausamkeiten zu erinnern.
     Und so wurde dieser wütende Nationalismus zur neuesten Orthodoxie, um den Führungsanspruch der Partei zu rechtfertigen. Das Erbe Maos wird nach wie vor mit Lippenbekenntnissen gewürdigt –daher Xis Mao-Anzug. Doch Xi brachte das neue Parteidogma auf den Punkt: „Die Zeit, da die chinesische Nation von anderen schikaniert und mißbraucht werden konnte, ist für immer vorbei.“
     Inzwischen ist die Volksrepublik zu einigen traditionellen Praktiken des kaiserlichen Chinas zurückgekehrt. Die alten Grenzen des ehemaligen Qing-Reiches werden durch den Bau von künstlichen Inseln, auf denen sich Militärstützpunkte befinden, in das Südchinesische Meer hinein ausgedehnt. Von den Gebieten, die einst dem Reich der Mitte tributpflichtig waren, wird erneut erwartet, daß sie Chinas Machthabern Achtung zollen und sich chinesischen Interessen fügen. Als Südkorea der Stationierung eines neuen US-amerikanischen Raketenabwehrsystems auf seinem Territorium zustimmte, boykottierte China koreanische Importe: Autos, Fernsehgeräte, K-Pop-CDs und Videospiele.
     In China selbst sind frühere Versprechungen kultureller und politischer Autonomie der Strategie einer Zwangsassimilierung gewichen.

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Mehr von:
Ian Buruma
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 58
Aus dem Englischen von Rita Seuß

Genre

Hauptthema
  • Die Staatsideologie der Verbindung zwischen einem Kommunismus chinesischer Prägung und der chinesischen Zivilisation

Schlagworte

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