LI 137, Sommer 2022
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Bricoletto

[Prologo]

Willkommen bei Kulturdeutschland und willkommen zu einer neuen Ausgabe von „Dialog und Gespräch“. Wie in der letzten Ausgabe angekündigt, wollen wir Ihnen heute eine historische Tonaufnahme aus dem Jahr 1979 vorstellen. Es handelt sich um die Originalaufnahme eines Gesprächs über Photographie, die sich offenbar jahrzehntelang und von der Öffentlichkeit unbemerkt im Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam-Babelsberg befunden hat. Die Berliner Autorin Kenah Cusanit entdeckte sie, als sie dort zu einem anderen Thema recherchierte.
     Der Fund, den die Autorin mit dieser ja eher zufälligen Entdeckung machte, ist eine kleine Sensation. Denn er dokumentiert ein im Literarischen Colloquium Berlin stattgefundenes Gespräch zwischen den bekannten Theoretikern Roland Barthes, Marshall McLuhan, Susan Sontag, Claude Lévi-Strauss und – Walter Benjamin. Das Besondere an dieser Dokumentation: Erhalten ist ausschließlich jener Teil des Gesprächs, der wiedergibt, wie sich die Beteiligten auf eine unmittelbar bevorstehende – und historisch verbürgte – Veranstaltung vorbereiten. Das Thema der Veranstaltung: die Photographie.
     Obwohl das Tonband kaum mehr als die Vornamen preisgibt, konnten die Identitäten aller beteiligten Personen anhand verschiedener Hinweise rekonstruiert werden. Auf den chronologisch fragwürdigen Auftritt Walter Benjamins einzugehen erscheint uns daher nicht notwendig, da das vorhandene Audiomaterial ja eindeutig die Anwesenheit Walter Benjamins bezeugt.

(…)

Roland Also: Ich habe ja vor, darüber ein Buch zu schreiben.

Marshall Über Wildschweine?

Roland Nein.

Marshall Ureinwohner?

Roland Mais non.

Marshall Über wen dann?

Roland Über uns.
    Wie wir festgehalten werden auf Bildern, wie wir darauf ausgestellt werden, während wir zugleich zwar lebendig wirken, aber bereits tot sind. Eigentlich habe ich vor, ein Buch über das Bild an sich zu schreiben, das Photo an sich. Darüber, was ein Photo anderes ist als reine Evidenz. Denn was sagt es anderes als: „So ist es gewesen. Ich habe etwas bezeugt, aber keine Ahnung, was es ist.“ Ich höre schon die Kritiker: „Wie, ein ganzes Buch, um zu entdecken, was ich schon auf den ersten Blick gesehen habe?“

Marshall Wie, ein ganzes Buch, um zu entdecken, was ich schon auf den ersten Blick gesehen habe?

Roland Genau.

Walter Aber was hat es mit Wildschweinen zu tun? Tut mir leid, aber ich habe den Bezug zu Claudes Einleitung immer noch nicht richtig
verstanden.

Roland Na, du weißt doch, daß ein Photo seinem Wesen nach niemals Erinnerung ist, sondern sie vielmehr blockiert, sehr schnell Gegen-Erinnerung wird usw.

Walter Ach so, weil es die mythische, also ganzheitliche Art des Erinnerns blockiert.

Marshall Aber das hat schon die Erinnerungsblaupause einer linear voranschreitenden Zeit getan, die der Buchdruck hervorgebracht hat und die nicht gerade eine seiner sinnvollsten Nebenwirkungen gewesen ist.

Susan Raucht und redet mit der Zigarette im Mund. Das gedruckte Wort war aber ein weniger trügerisches Mittel, die Welt seiner originären Bilder auszulaugen, als das Photo. Zu Kaffee bringender Person, die offenbar gerade vorbeigeht: Entschuldigung?

Kaffee bringende Person Bitte?

Susan Klingt, als hätte sie eine Zigarette im Mundwinkel. Ich hätt’ gern noch ein Täßchen, ja?

Kaffee bringende Person setzt offenbar ihren Weg fort, ohne etwas zu erwidern.

Marshall Weißt du schon, wie es heißen soll, Roland?
     Das Buch, meine ich.

Roland Ich denke, ich werde es „Mein erleuchtetes Arbeitszimmer“ nennen.
     Oder „Erleuchtete Kammer“, in Abgrenzung zur „dunklen Kammer“.
     Also dann vielleicht besser: „Helle Kammer“.
     „Die helle Kammer.“

Marshall Claudes „Sonate der guten Manieren“ wirst du nicht übertreffen.

Roland Vermutlich nicht. Darum geht es mir auch nicht.

Walter Worum dann?

Roland Ganz unspektakulär eigentlich: Ich habe nach dem Tod meiner Mutter in ihren Photos geblättert, um eines zu finden, auf dem sie aussieht, wie sie aussieht, auf dem sie wirklich aussieht, wie sie aussieht, und schließlich ein einziges Photo gefunden, ein Kinderphoto.

Claude hört sich an, als räusperte er sich auf augenbrauenhochziehende und zurücklehnende Weise.

Walter Definitiv überrascht: Deine Mutter ist gestorben?

Marshall Und was hat das gebracht?

Roland Zunächst hat es etwas in mir ausgelöst, was eigentlich jedes Photo eines Menschen auslöst, etwas, das ich bemerkenswert finde und gern mitteilen würde.

Marshall Los geht’s.

Roland Also: Wenn ich mir das Kinderphoto meiner Mutter ansehe, die tot ist, sage ich mir unweigerlich: „Sie wird sterben. Oh mein Gott, sie wird sterben!“ Ist das nicht absurd? Ich erschauere, wie der Psychotiker bei Winnicott, vor einer Katastrophe, die bereits stattgefunden hat.

Susan Wieder mit der Zigarette im Mund, was im Verlauf des Gesprächs immer wieder vorkommt und ab jetzt nicht mehr explizit erwähnt wird. Du erschauerst halt vor deinem eigenen Tod, den das Photo in seiner Ambivalenz unfaßbar macht.

Walter Deine Mutter ist gestorben??

Marshall Was soll denn diese rhetorische Fragerei, Walter                  .

Roland Ja, und tatsächlich ist ja auch in jedem Photo, und sei es scheinbar noch so fest der aufgeregten Welt der Lebenden verhaftet, stets dieses unabweisbare Zeichen meines künftigen Todes enthalten. Und das ist das Dilemma: Gerade weil die Photographie die Existenz eines Menschen beglaubigt, will ich ihn als Ganzes in ihr wiederfinden, das heißt in seinem Wesen. Aber diesem närrischen Verlangen kann die Photographie nicht entsprechen.

Susan Logisch, Photographien konstatieren ja nur die Unschuld, die Verletzlichkeit, die Ahnungslosigkeit von Menschen, die ihrer eigenen Vernichtung entgegengehen, und gerade die Verknüpfung zwischen Photographie und Tod verleiht ja allen Aufnahmen von Menschen etwas Beklemmendes.

Walter Vernichtung? Sagtest du gerade „Vernichtung“?

Roland Auf allen Photos wird die Zeit zermalmt. Dies ist tot und dies wird sterben. Sieh doch, diese kleinen Mädchen, die die ersten Aeroplane über ihrem Dorf betrachten, gekleidet wie meine Mutter als Kind, sieh doch, wie lebendig sie sind! Gleichzeitig sehe ich: Sie werden sterben, sie sind bereits tot.

Susan Ah, das Photo: zugleich Pseudopräsenz und Zeichen der Abwesenheit.

Roland Evident und dennoch unwahrscheinlich.

Susan Wie eine Art Memento mori. Erst dadurch, daß sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Photographien, daß die Zeit unerbittlich verfließt.

Roland Ich habe mich also gefragt, ob die Photographie als Erscheinung, die mit dem Schwinden der Riten einhergeht, nicht vielleicht mit dem Vordringen eines asymbolischen Todes in unserer modernen Gesellschaft korrespondieren könnte, eines Todes außerhalb von Religion und Ritual, einer Art von plötzlichem Eintauchen in den buchstäblichen Tod.

Marshall Leute, euch ist schon klar, daß die Veranstaltung hier noch nicht angefangen hat.

Susan Aber Photographie ist doch selbst Ritus, Roland, ein gesellschaftliches Ritual, ein Abwehrmittel gegen Ängste.

Roland Tatsache ist: All die jungen Photographen, die durch die Welt hasten, weil sie sich dem Aktualitätenfang verschrieben haben, wissen nicht ... eindringlich ... daß sie Agenten des Todes sind.

Walter Agenten des Todes.
     Klingt ja grauenhaft.

Roland Ist es auch.

Walter Wirklich grauenhaft.

Roland Historisch gesehen, muß es zwischen der „Krise des Todes“, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzt, und der Photographie einen Zusammenhang geben. Ich für meinen Teil fände es sinnvoller, man würde, statt das Auftreten der Photographie fortwährend in seinen sozialen und ökonomischen Kontext zu stellen, sich auch über die anthropologische Beziehung zwischen dem Tod und dem neuen Bild Gedanken machen. Denn in einer Gesellschaft muß der Tod irgendwo zu finden sein. Wenn nicht mehr (oder in geringerem Maße) in der religiösen Sphäre, dann anderswo. Vielleicht in dem Bild, das den Tod hervorbringt, indem es das Leben aufbewahren will.

Marshall Bevor ihr beiden euch nachher in etwas Anthropologisches hineinsteigert, wofür Claude zuständig ist, ein kurzer Zwischenruf: „Das Bild, das den Tod hervorbringt, indem es das Leben aufbewahren will?“ Leute, das müßt ihr nachher aber bitte einfacher ausdrücken, das kapiert doch kein Mensch. Außerdem mußt du langsamer sprechen, Roland.

Claude Oder deutsch.

Susan Ich verstehe nicht, was es daran nicht zu verstehen gibt. Das Photographieren ist eine Methode zum Einfangen einer als widerspenstig und unzugänglich empfundenen Realität, die geschrumpft, ausgehöhlt, vergänglich, weit weg wirkt. Man will sie fassen, von ihr Besitz ergreifen. Die Welt in Gestalt von Bildern besitzen heißt aber nichts anderes, als die Unwirklichkeit und Ferne des Realen aufs neue zu erfahren. C’est tout.

(…)

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Kenah Cusanit
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 80

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