LI 128, Frühjahr 2020
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Das grüne Zeitalter

Das Erbe der Welt und die Hoffnung auf ein neues Fest der Rosen

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1. Fausts Schuld
Welches lange Mittelalter verlassen wir gerade? Die Moderne. Oder das faustische Zeitalter (wie der deutsche Oswald Spengler es taufte, der große Dichter der Weltgeschichte mit dem schlechten Leumund). Faust ist jener am Ende des 15. Jahrhunderts geborene Gelehrte und Magier, der mit dem Teufel in Gestalt des Mephistopheles einen Pakt geschlossen hat, der mit seinem Alchemistenkessel, seinen Destillierkolben und Reagenzgläsern wahre Wunder vollbringt, seine Jugend wiedererlangt, das unschuldige Gretchen verführt, schließlich aber von seinem satanischen Mentor erdrosselt wird. Himmelfahrt, Überlegenheit und Verdammnis: Besser als der heidnische Mythos von Prometheus illustriert Faust das Schicksal von Sündern, die Götter werden wollten, indem sie sich zu „Herren und Besitzern der Natur“ aufschwangen. Seine Seele der Alchemie und ihren Zaubereien zu verkaufen war also doch keine so gute Sache … Goethe hat ein Drama daraus gemacht, Berlioz eine Oper, Valéry einen dramatischen Essay, Thomas Mann einen Roman und wir, die wir Gendarmen gleich am Tatort, unserem Planeten, eintreffen, ein Zeichen mit der Lichthupe im Dunkel der Nacht.

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Der faustische Mensch, soviel haben wir begriffen, ist ein Weißer, ein gestreßter Mann, ein Manager, der Graphen und Excel-Tabellen liebt. Ein Städter, ein startupper, fleißig und initiativ. Das Anderswo lockt ihn und das Morgen zieht ihn an. Ganz im Gegenteil zum Bauern, der an seiner Gülle hängt und vom Wechsel der Jahreszeiten abhängig ist. Er versteckt seine Ersparnisse nicht unter der Matratze, sondern riskiert, spielt und gewinnt. Er glaubt an den Fortschritt, nicht ohne Grund, da er mit all seinen Schlichen und Prototypen die Mühsal des Lebens unablässig mindert. Der Herr über die Uhren verfügt über Feldzugspläne, die Wachstumsaussichten genannt werden, denn er ist ein Krieger, er organisiert als G8 oder G20 bezeichnete Generalstabstreffen, denn er hat große Pläne. Allüberall mißt er die Leistung, fordert das Maximum und trägt die Stoppuhr wie eine Fahne vor sich her. Er ist eindeutig ein Mann des Geistes, wie Valéry ihn definiert: kein flatus vocis, flüchtiges, immaterielles Gas, sondern eine praktische Kraft zur Transformation der Wirklichkeit, aktiv und proaktiv. Geist im Gegensatz zur Natur. Diese aus der Mode gekommenen Begriffe, die für unsere Meisterdekonstruierer kaum akzeptabel sind, gilt es auf uns zu nehmen, mit oder ohne hochtrabende Großschreibung. Unter Natur wollen wir hier, prosaisch und nach Art der Stoiker, die Gesamtheit dessen, was nicht von uns abhängt, verstehen, und unter Geist das elaborierte System von Kräften, die darauf hinwirken, daß ebendiese Dinge von uns abhängen. Dabei handelt es sich nicht um zwei statische metaphysische Blöcke, denn je größer die Eingriffsmöglichkeiten des Geistes werden, desto weiter muß all das, worauf wir keinen Einfluß haben – die Natur –, zurückweichen. Die altehrwürdige Kraft der Dinge auf das absolute Minimum zu reduzieren, darin bestand die Daseinsberechtigung und auf kurze Sicht auch der Erfolg dessen, der Fluglinien eröffnet, Hecken als lebende Zäune abholzt und die Wege der Erde asphaltiert. Der alles in Parzellen zerstückelt, der von Büschen und Wäldchen geprägte bocage-Landschaften flurbereinigt, der die Produktivität steigert, Rechnungen stellt und einen Bonus verlangt. Der in den Städten Avenuen schlägt und verwinkelte Gassen durch Esplanaden ersetzt. Alles, was bremst oder einhegt, wiegt oder stärkt, ist ihm unerträglich – Erbe, Tradition, Lokalisierung. Er will an keinem Schnürchen hängen. Achten und Ehren heißt für ihn Wiederkäuen. Er hält es für seine Pflicht, nie Dagewesenes zu schaffen. Das Jahr 1 der Republik. Das Jahr 1 des Neuen Menschen. „Laßt uns Tabula rasa machen mit dem Vergangenen“ und mit der Ozonschicht, dem Grundwasser und den alten Sequoias auch, morgen wird die Internationale das gesamte Menschengeschlecht umfassen. Nichts ist in seinen Augen verdammenswerter und rückwärtsgewandter als das Gebot des Epiktet: „Strebe nicht danach, die Natur der Dinge zu ändern.“ Genau das ist doch sein Metier, sein Stolz und seine Roadmap.

 

2. Jähes Erwachen
Faust ist dabei nicht nur rasch gealtert. Er hat auch das Feuer des Anthropozäns bis nach Brasilien und Grönland getragen. Im schlimmsten Fall ein Pyromane, im besten ein Verantwortungsloser. Der ignoriert, daß das, was wir zerstören, uns selbst zerstört; der den Planeten zur Miete bewohnt, hielt sich für seinen Eigentümer und findet sich als insolventer, von der Räumung bedrohter Hausbesetzer wieder. Die Definition guter Manieren wurde auf den Kopf gestellt. Gestern hieß Emanzipation, sich von den Geißeln der Natur zu befreien, heute besteht sie darin, sich vom Preßlufthammer zu befreien, um sich der Photosynthese anzuschmiegen. Wir verlassen die Baustellen, um die Bäume zu umarmen. Wir beneiden den Leoparden und die Orchidee um ihr Wohlverhalten: Ersterer läßt nichts herumliegen, zweitere emittiert nur Sauerstoff, und nicht Kohlendioxid wie wir. Nachdem die Berauschung am Wir in die Fußballstadien oder an den Stadtrand verbannt wurde, bleibt das einzelne Ich zurück, das sich am Bildschirm mit den Bildern der alltäglichen Verwüstung konfrontiert sieht, ohne daß Nation, Volk oder Stadtgemeinschaft dazwischengeschaltet wären, um es von einem angekündigten Tod abzulenken. Da sitzt es nun allein vor seinem Fernseher, unglücklich, reduziert aufs reine Überleben, seine nackte Haut, seine Kinder. Spartakus, der übererregte Berufsrevolutionär, der davon träumte, die bestehende Ordnung niederzureißen, ohne an den Tag danach zu denken, scheint ihm heute reif für die Psychiatrie oder die Anklagebank. Das allgemeine Streben geht in Richtung soft, light und fun. Sanfte und traditionelle indische oder chinesische Medizin. Meditation, Stille, Entschleunigung, Zen und Heilpflanzen. Der nörgelnde Opa würde sich zu Unrecht über die neuen Zeiten beschweren, über dieses neobuddhistische Eintauchen in die Gestalttherapie (Heilung durch Tanz), die Sophrologie (Entspannen und Atmen) und die Phytotherapie. Herr Einstmals sollte wissen, daß es früher schlimmer war. Als mangels Penizillin die Syphilis und die Tuberkulose grassierten; als die Gebärenden wegen mangelnder Geburtshilfe im Kindbett und die Sterbenden aufgrund fehlender Schmerzmittel unter Qualen starben; als die Kindersterblichkeit eins von drei Kindern dahinraffte und die durchschnittliche Lebenserwartung fünfzig und nicht achtzig Jahre betrug; als periodisch wiederkehrende Kriege zig Millionen junger Leben raubten; als man sich die Hände wundscheuern und sein Hemd durchschwitzen mußte, um drei Rüben für den Vorratsschrank nach Hause zu bringen. So viele arbeitende Hände, so viele verausgabte Neuronen, um jedoch letzten Endes die Luft zu verpesten, die Gletscher schmelzen zu lassen, die Ozeane zu verschmutzen, Seen auszutrocknen und selbst Andalusien zur Wüste werden zu lassen … Die Geschichte ist das, was die Menschen tun; was aber haben wir aus dem gemacht, was uns gemacht hat? Aus der ursprünglichen Schönheit der Dinge, aus der Milchstraße, die wegen der Lichtverschmutzung unserer Metropolen verblaßt, aus den gold schimmernden Stränden und den reißenden Gebirgsflüssen? War der Osten da nicht weiser, der in Harmonie und Gemeinschaft mit der Natur leben, ihr nacheifern, aber nicht ihr Herr sein will?
Das faustische Abendland, das sein Weißbrot aufgezehrt hat, errötet vor Scham und nimmt unterdessen einen Grünton an. Das Raubtier erweist sich als prekär und verletzlich, und wenn man um seine Fragilität weiß, wird man brüderlicher und verantwortungsbewußter. Es entdeckt die Kosten seiner Hybris, die gestern dem Herstellen galt und heute dem Konsum gilt, erhält die Rechnung dafür, zu schnell voran, zu hoch hinaus und zu stark sein zu wollen. Damit wir uns richtig verstehen: Es läutet nicht von sich aus Sturm. Die Angst hat es aufgeweckt. Sie heilt vom Schlimmsten, von der Krankheit namens Trägheit.

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6. Grüne Sonne
Das verblichene rote Jahrhundert besaß Feuer und Größe, kannte aber zweifellos auch mächtige Irrwege und unerträgliche Verbrechen. Der proletarische Garten Eden hat sich in eine Kaserne, die Utopie in eine Dystopie verwandelt, in Orwells 1984 sind die emblematischen Züge des heutigen Bösen festgehalten. Das grüne Jahrhundert, dieser schöne Traum vom Frieden, wird weder einen Stalin noch einen Großen Steuermann haben, es wird keine Grünen Garden geben, die morgen aus den Wäldern kommen, auch kein kleines Grünes Buch aus der Nationaldruckerei …

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Der Kommunismus ließ über dem Kapital ein Damoklesschwert schweben und hat nicht wenig zur Humanisierung seiner Herrschaft beigetragen, indem er es dazu zwang, mit den Arbeitnehmern ernsthafte Kompromisse zu schließen. Der Ökologismus übt bereits dieselbe hemmende Wirkung auf die Verschmutzer aus Agrarindustrie, Transportwesen und Luftverkehr aus. Das ist die Regel: Anfangs zielte man auf eine Revolution ab, am Ende begnügt man sich mit einer Korrektur der Schußbahn. Dieses Weniger wird aber eines Tages als ein Mehr zählen und nicht als Enttäuschung.

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Was wäre also die rechte Mitte [le juste milieu] zwischen den Grünen Khmer und der Blauen Blume? Welchen Weg sollten wir einschlagen?
    Den, der zwischen Erde, Mensch und Kosmos wieder neue Fäden zu knüpfen vermag und der den Begriff „Umwelt“ beziehungsweise „environnement“, der uns durch den Gebrauch des Englischen aufgezwungen wurde, durch den des Milieus ersetzt.

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In Sachen Mensch sind wir immer zwei, Natur und Geist. Ein Material und ein Werkzeug. Kein Telegraphenmast ohne Baumstamm und Säge, kein Papier ohne Fluß und Stauwehr im Oberlauf, kein Land ohne historische Stätten und Schlüsseldaten. Erd‑Geschichte. Wir müssen also nicht wählen zwischen dem Rasenmäher und dem Gärtner, zwischen Mittel und Zweck, Technik und Geistigem.
    Die passende – diesmal laizistische – Baustelle dafür wäre eine Art Gartenbau-Kooperative im Maßstab des Planeten, unter der Ko-Präsidentschaft von Humus und Gärtner. So dürfen wir hoffen – verzweifeln wir nicht –, an irgendeinem Erinnerungsort, in irgendeinem Winkel des durchs All irrenden Sterns ein neues Fest der Rosen zu feiern, weniger trügerisch und dauerhafter als jenes, das uns so viele verblichene Träume und Hochmutsphantasien vorgaukelten.

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Mehr von:
Régis Debray
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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