LI 123, Winter 2018
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Der tote Winkel

Der Terrorismus des Himmels und der Platz des Todes in unserem Leben

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   Ich werde auf den Dschihad-Terrorismus eingehen, auf dessen Konto etwa 5 000 Selbstmordattentate zwischen 1990 und 2015 in vierzig Ländern zu buchen sind (der durchschnittliche Rhythmus ist in einem Vierteljahrhundert von einem pro Woche auf eines pro Tag angestiegen). Ich stelle die Frage: Was kann im 21. Jahrhundert einen Mann oder eine Frau dazu veranlassen, sich in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Zivilisten zu töten, denen sie nichts Besonderes vorwerfen können, und dabei auch noch denken, dies sei eine gute Tat, vom Allmächtigen gewollt und für sie selbst heilsam? Es gibt welche, für die „erklären“ gleichbedeutend ist mit „entschuldigen“, aber wenn man sich auch nur ein wenig für die Anthropologie des Glaubens interessiert, dann ist es, mit Verlaub, nicht so leicht, der Versuchung, begreifen zu wollen, nicht nachzugeben.
Dieser Blickwinkel verwirft und verringert auch nicht die soziopolitischen Faktoren, die hier mitspielen: die urbane Segregation, die neokoloniale Brandung, die palästinensische Tragödie, das schulische Versagen, die Abenteuerlust, die Faszination für die Medien, die Arbeitslosenrate, die Rekrutierung im Internet, die ökonomische Ausgrenzung. Aber das Spirituelle weiterhin in einen toten Winkel zu verweisen, würde nur ein zusätzlicher Nachweis für einen Mangel an Realismus sein. Das kann man dem 567 Seiten langen Bericht der amerikanischen Untersuchungskommission über 9/11 entnehmen, der symptomatisch ist für eine Welt, die begierig ist, immer mehr zu erfahren, um immer weniger zu begreifen. Man findet darin alles über das Wie, über die technische Organisation einer kriegerischen Handlung, und zwar mit einer mutigen und beneidenswerten Genauigkeit, und nichts über das Warum dieses Wie, über die allerletzten Beweggründe der Soldaten Allahs. Dabei hatte Mohammed Atta, der Anführer der Flugzeugentführer, der die Boeing steuerte, die in das World Trade Center krachte, ein eigenhändig verfaßtes Testament hinterlassen. Darin geht es hauptsächlich um die Frage des Todes und des Danach, um das Ritual, das bei seiner Bestattung zu befolgen ist, und um das Glück, das darin liegt, sich vom Diesseits zu verabschieden. Er fordert seine Angehörigen auf, Gott zu fürchten, „sich nicht vom Leben ablenken zu lassen“, und verlangt, daß sich schwangere Frauen und unreine Personen nicht vor seinem Grab sammeln und „derjenige, der seinen Körper im Bereich der Genitalien wäscht, Handschuhe trägt, um an dieser Stelle nicht berührt zu werden“. Angeblich hat sich dieser bescheidene und fromme junge Mann, über den sich die Arbeitgeber nur lobend äußern konnten und der „weiße Totenkleider, aber vor allem nicht aus Seide, aus einem einfachen Stoff“ verlangt hat, bevor er zum Flughafen in Boston fuhr, die Schamhaare rasiert. Die Huris mit den runden Brüsten und den großen schwarzen Augen, die ihn nach dem Verlassen des Flugzeugs erwarteten, wollen Liebhaber, die auf ihre Sauberkeit bedacht sind.
   Ich muß also kurz auf das Paradies eingehen, dem vermutlich nur wenige von uns eine wie auch immer beschaffene Realität zugestehen, und das trotz der Warnung Napoleons, der, wie Sie zugeben werden, nun wirklich kein Phantast war: „Das Imaginäre regiert die Welt.“ Das Bild des Gartens Eden, das in unseren Gegenden zirkuliert, ist schon ganz schön ramponiert. Wir haben alle das grüne Paradies unserer kindlichen Liebschaften geliebt. Verschließen wir also nicht die Augen vor dem schwarzen Paradies der göttlichen Grausamkeiten. Wenn es um das Jenseits geht, ist kein Kitsch mehr zulässig. Weder das Blau der Marquesas-Inseln noch das Rosa der himmlischen Engelchen. Vom beschwichtigenden Kleinreden zum Grauen ist es nur ein Schritt. Wer ihn nicht macht, steckt den Kopf in den Sand.

 

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„Was die Seelen umtreibt“, schrieb kürzlich der Algerier Kamel Daoud, „ist das Paradies. Komisch? Nein. Das ist schon lange nicht mehr eine Frage amüsanter Phantasmen, sondern eine Frage auf Leben oder Tod. In manchen Gegenden kann man getötet werden, wenn man sagt, daß man nicht glaubt, und man tötet sich selbst, um schneller dorthin zu gelangen.“ Welcher Bezug zwischen den 2 700 Opfern von Anschlägen in Europa seit zehn Jahren und der ruhigen Sommerfrische der Seelen? Zwischen den zerfetzten Körpern der Überlebenden und dem Garten der Wonnen der Auserwählten? Woher kommt dieser perverse Kurzschluß? Von der Macht, die sie einem wirklichkeitsfremden Schwärmer schenkt, seinen eigenen Tod in einen Gutschein für die Ewigkeit zu verwandeln.

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   Es ist reizvoll mitanzusehen, wie bei uns, die wir nicht einmal mehr an unseren Schatten auf der Erde glauben, Individuen als Nihilisten bezeichnet werden, die beinhart an die himmlischen Annehmlichkeiten und das Geschlecht der Engel glauben. Der Nihilismus – ein von Turgenew in Väter und Söhne erfundener Begriff – kommt aus dem lateinischen „nihil“, „nichts“. Es wäre uns lieber, die Anhänger des großen Dschihad glaubten wie wir, daß nach dem Tod nichts kommt, aber das ist leider nicht der Fall. Wo wir eine Leere sehen, platzieren sie eine Fülle. Ihnen gehört das Sein, uns das Nichts. Nur im Sinne Nietzsches könnten sie als Nihilisten bezeichnet werden, aber dann würden sie an der Seite der Buddhisten, der Evangelischen und aller fortschrittlich denkenden Menschen wie Sie und ich stehen, die wir das gegenwärtige Leben schlechtmachen im Namen einer idealen oder unwahrscheinlichen Hinterwelt (und das sind ganz schön viele). Sie haben nichts zu tun mit einem Bakunin, einem Netschajew oder den Dämonen Dostojewskis, für die „alles erlaubt ist, wenn Gott tot ist“. Sie rühmen nicht den Einzigen und sein Eigentum, das Individuum als König, und als einzige Wahrheit „den strahlenden Egoismus der Sterne“ für alle möglichen grundlosen Morde. Im Gegensatz zum anarchistischen Wahlspruch „ni Dieu ni maître“ predigen sie die Ordnung, Gott und die Herren. Und den absoluten Gehorsam gegenüber dem Allerhöchsten. Der Tod ist ihr Gott? Nicht wirklich: Es ist ihr Überleben und unser Tod. Man wäre recht froh, könnte man ihnen eine kleine Dosis dieses lächelnden Nihilismus ohne Schuld und ohne Pflicht einimpfen, der bei uns ständig in der Luft liegt, aber es ist zu befürchten, daß unser so behütetes, auf Fitneß und lange Wochenenden ausgerichtetes Glück ihnen etwas abgeschmackt erscheint im Vergleich zu den ewigen Annehmlichkeiten, in deren Genuß dort oben diejenigen kommen, „die auf dem Weg zu Gott im Kampf gestorben sind“.

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   Dort, wo es keinen Klerus gibt – denken wir an die Sunniten und an die Neoprotestanten – und auch keine akkreditierte Hierarchie, um die Überhitzung der frisch Konvertierten abzukühlen, ist der manisch-apokalyptische Trieb am mächtigsten. Die direkte Linie zum Allerhöchsten läßt das ursprüngliche Gären wieder aufbrodeln, das in einem Kontext der Gegnerschaft, der Hungersnot oder der Unterdrückung wieder zu einem Initiationsritual werden kann. Der Millenarismus ist ein metaphysischer Populismus. Er schickt diejenigen zum Teufel, welche die Lehre für sich beanspruchen, insbesondere unter den entwurzelten Landbewohnern, und es ist kein Zufall, daß die Suche nach dem Millennium (die letztendliche Rache der Verlierer) den ersten Aufschwung der Städte im Abendland begleitet hat, ganz so, wie sie derzeit das monströse Anschwellen der Metropolen in Afrika und im Mittleren Orient begleitet.

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   Es ist immer gesund, den Horizont zu wechseln. Keinen mehr zu haben ist unangenehmer. Die Zukunft mag noch so schwer auf der „Rundung der Tage“ gelastet haben, die Entwöhnung vom Prophetischen hat dennoch einen Preis. Gott ist die Transzendenz der Menschen ohne Zukunft, und die Zukunft ist die Transzendenz der Menschen ohne Gott. Mitanzusehen, wie uns unsere zwei sublimen Punkte vor der Nase davonlaufen und vom Wachstumspunkt ersetzt werden, dem Resultat des kurzen 20. Jahrhunderts, ist eine nie dagewesene Prüfung. Vermutlich zum ersten Mal in der Geschichte unserer Gesellschaften antichambriert der Mann von der Straße nicht mehr. Er weiß, was es zu vermeiden gilt, aber nicht, was es zu suchen gilt. Was ihm widerfährt, läßt sich nicht mehr auf das beziehen, was kommen soll. Man setzt sich in Bewegung, um sich bloß die Beine zu vertreten und sich ein wenig umzusehen. In Ermangelung eines Fluchtpunkts sind wir nicht einmal mehr imstande zu sagen, ob ein Ereignis ein Einschnitt oder ein Neubeginn ist wie das Jahr I der ersten Republik. Die Zukunft aus der Gegenwart herauszulesen wird zu einem unmöglichen Unterfangen, wenn man nicht weiß, welches Phantom man verfolgt. Das kann die Tatsache entschuldigen – schießen wir nicht auf den Pianisten –, daß unsere Regierenden, wie ihnen oft vorgeworfen wird, keine Vision haben und blind dahinkreuzen. Man sieht auch nicht, warum sie besser wissen sollten als wir, wie die Zukunft beschaffen sein wird und vor allem, wie sie beschaffen sein sollte. Bisher haben sich unsere Existenzen unter dem Zeichen eines Noch-nicht abgespielt (oder eines Nicht-mehr, das es zu restaurieren gilt, einer Wiederinstandsetzung der Welt wie bei der Apokatastasis des Origenes). Die Christen verpflichten sich noch zu wachen, ohne den Tag oder die Stunde zu kennen, aber zumindest zweifeln sie nicht daran, daß irgendwo ein entscheidendes Ereignis heranreift, die Rückkehr des Messias. Der Advent ist für sie nicht bloß die liturgische Zeit vor Weihnachten, sondern die Farbe des Daseins.
   Doch wenn unter der Asche der Tage keine Glut mehr liegt, macht sich das Grau breit und verlangt nach tausend Zerstreuungen, um sich über sich selbst hinwegzutäuschen und von der Belanglosigkeit abzulenken. Dann muß der Tod den Namen wechseln. Er ist nicht mehr ein Heimgang, sondern ein Abgang. Keine Spannung mehr. Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate (Dante): Nicht die anderen sind die Hölle, sondern das Fehlen eines Bestimmungsorts. Das Jenseits hat sich aus dem Staub gemacht, aber die Fackel vorher an recht ehrenwerte Statthalter weitergereicht, die ihre Wohltaten gebracht haben. Im 18. Jahrhundert der Fortschritt, im 19. die Zukunft der Wissenschaft, im 20. das Kommen der Gerechtigkeit. Condorcet, Renan, Jaurès (oder Lenin). Progressismus, Szientismus, Sozialismus. Der Verlust des zukünftigen Gottes hat aus der Zukunft unseren Gott gemacht. Diese drei Wartesäle haben durchaus mehr und Besseres getan, als uns die Zeit zu vertreiben, aber der Fortschritt hat neben dem Penicillin auch das Glyphosat und das Ozonloch gebracht, die Wissenschaft neben dem Mond auch Hiroshima, und die Gerechtigkeit neben der Sozialversicherung auch die Kolyma. Daher eine instinktive Vorsicht gegenüber den hochfliegenden Vorhaben und eine Wiederflottmachung der Zugehörigkeiten, um uns für die mangelnden Erwartungen zu entschädigen. Es geht wieder stromaufwärts, und das wird gebilligt, weil das Vorwärts zurückflutet. Pflicht zur Erinnerung und Niederlage der Hoffnung sind wie Kopf und Adler ein und derselben Münze. Die Wissenschaft hat sich nicht als so viral und ansteckend erwiesen wie erwartet, denn sie ist nicht, wie der Glaube, eine Verstärkung der Identität, ein nie enttäuschtes Vertrauen oder eine Neuaufladung der Zeit, denn sie ist nicht imstande, uns das erwartete Geheimnis unserer Mythologien ins Ohr zu flüstern: nämlich daß sie uns sagen, wer wir sind und wohin wir gehen.
   Verurteilt sich eine Zeit, die ihre dritte Dimension verloren hat, nicht dazu, muffig zu riechen? Ist eine Behausung, die nicht von der Zukunft durchweht wird, nicht eine Stätte ohne Geist? Können unsere bis zum Brechen gefüllten Supermärkte diese Misere des Symbolischen überdecken?

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Mehr von:
Régis Debray
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Französischen von Dieter Hornig
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
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