LI 137, Sommer 2022
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Museum und Rakete

Die Großen Ferien von der Geschichte gehen in Europa zu Ende

Keine Panik. So läuft es immer. Krieg ist, wenn die Geschichte wieder in Bewegung gerät. Frieden, wenn die Gedächtniskünste dominieren. Krieg und Frieden. Sie wechseln einander ab. Diastole, machen lassen, sagen lassen; Systole, die Reihen schließen … und die Faust. Auch Gesellschaften haben ein Herz, das schlägt. Es sieht so aus, als sollten die Großen Ferien in Europa zu Ende gehen, als würden wir das Regime des Gedächtnisses hinter uns lassen, um – once again – in das der Geschichte einzutreten. Jegliches hat seine Zeit. Es gibt eine Zeit fürs Archiv und eine Zeit fürs Arsenal. Eine Zeit für Museen und eine Zeit für Raketen. Der Übergang vom einen zum anderen löst immer Verunsicherung aus, doch ist der Europäer erfahren genug, um über diesen Phasen- und Tempowechsel nicht allzu erstaunt zu sein.

Pausenende
Es ist noch nicht der große Zusammenbruch, doch der Einberufungsbefehl ist schon da. Das Klingelzeichen zum Pausenende ertönt. Alles fürs Ego ist nicht mehr oberstes Gesetz; das Wir rappelt sich wieder auf und versetzt dem Ich einen Dämpfer. Bündnisse werden gefestigt und also neu gestaltet. Ein Nachbarland wird mit Feuer und Schwert überzogen, Europa findet seine Grenzen auf der Karte wieder, gleichzeitig auch seine Religionen – das eine geht mit dem anderen einher. Schlechte Zeiten für Freigeister, Dissidenten und Miesepeter. Es gilt sich einzureihen, das Herz verlangt danach. In jedem Lager will und kann man nur noch einen einzigen Kopf sehen. Nörglern gibt man den Laufpaß, in Rußland werden sie gleich in die Grüne Minna verfrachtet. Es ist nicht der Moment für komplexes Denken, noch weniger für tausend Grautöne oder Fußnoten. Block gegen Block. Schwarz oder Weiß. Man soll dies oder das sein, tertium non datur, die Zeit der Winkelzüge ist vorbei. Der Ökonom muß dem Militär den Vortritt lassen: Den Finanzministern wird der Steuerknüppel aus der Hand genommen, man zieht wieder die Landkarten hervor. Man wird die Guthaben plündern, aber das Kulturerbe der Menschen gewinnt wieder die Oberhand. Was Details und mentale Vorbehalte anbelangt, die „Wenns“ und „Abers“, so wird man später sehen.
    Die Entfesselung eines Krieges ist immer eine schlechte Nachricht für die Feingeister und eine gute für die Regierung, die den Geist der Geometrie stets mehr schätzt. Außerdem: Jeder Stamm braucht ein Oberhaupt, und wenn man erst einmal eines hat, dann behält man es. Für Parteien herrscht nun strenger Winter, die Autorität entwickelt Frühlingsgefühle.

(...)

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Mehr von:
Régis Debray
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 10
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek

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