LI 132, Frühjahr 2021
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Nietzsches Napoleon

Der Wille zur Macht und die Sehnsucht nach Kälte

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„Unmensch“: Das kann Napoleon zumindest in Nietzsches eigener, herrenmoralischer Semantik nicht sein. Hat er doch, als leibgewordene Vernunft des Machtwillens, dessen moderne Problematik begriffen und gelöst: Ernüchterung an Idealen nicht in Handlungsversagen münden zu lassen, die historisch gegebenen Mittel – Massen von Menschen und Material – einem Zweck zu unterwerfen, der nicht bloß „persönlicher Ehrgeiz“ ist (Nietzsche sagt zeittypisch auch „Individual-Egoismus“). Hierin ist Nietzsche seinerseits „Idealist“ geblieben, sein „vornehmer Typus“ ein Ideal, an dem geschichtliche Wirklichkeit zu messen sei. Die Vornehmheit von Machtergreifung und überpersönlicher, der eigenen Lebenssicherheit nicht achtender Machtsteigerung hat Nietzsche schon vor dem Zarathustra als „übermenschlich“ apostrophiert, auch in seiner Variante intellektuellen Machtmenschentums; „ein wunderliches, versucherisches, gefahrenreiches Ideal, zu dem wir niemanden überreden möchten, weil wir niemandem so leicht das Recht darauf zugestehen: das Ideal eines Geistes, der naiv, das heißt ungewollt und aus überströmender Fülle und Mächtigkeit mit allem spielt, was bisher heilig, gut, unberührbar, göttlich hieß“, „das Ideal eines menschlich-übermenschlichen Wohlseins und Wohlwollens, das oft genug unmenschlich erscheinen wird“.

Das Wort „Unmensch“ in der Genealogie der Moral deutet auf Residuen eines humanistischen, vielleicht gar christlichen Ideals vom Menschen. Der „vornehme Mensch“ im Blick des „unvornehmen“, des „Ressentimenttypus“ also? Worin das Unmenschliche Napoleons für Nietzsche bestanden haben dürfte, ist anhand von Arbeitsnotizen der 1880er Jahre zu erhellen. Die Wertkategorien, die der „vornehme Mensch“ setzt, sind „gut“ und „schlecht“, die des Unvornehmen „böse“ und „gut“, letztere bloße Reaktion auf erstere und damit ressentimentale Umdeutung. Napoleon ist böse; ein freier (und also vornehmer) Geist läßt dieses Prädikat auf seinem Ideal sitzen: „Die bösen Handlungen gehören zu den Mächtigen und Tugendhaften: die schlechten, niedrigen zu den Unterworfenen. Der mächtigste Mensch, der Schaffende, müßte der böseste sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt gegen alle ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart, schmerzhaft, aufgezwungen.“ Doch Nietzsche kennt auch einen Zwang der Verhältnisse, der „böse“ in einem anderen, „schlechten“ Sinne macht. Er fährt fort: „Solche Menschen wie Napoleon müssen immer wieder kommen und den Glauben an die Selbstherrlichkeit des einzelnen befestigen: er selber aber war durch die Mittel, die er anwenden mußte, korrumpiert worden und hatte die noblesse des Charakters verloren. Unter einer andern Art Mensch sich durchsetzend, hätte er andere Mittel anwenden können; und so wäre es nicht notwendig, daß ein Cäsar schlecht werden müßte.“

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Erst im ausgehenden 19. Jahrhundert sieht Nietzsche den Aktionsraum „großer Politik“ entstehen, nämlich das zivilisatorisch domestizierte, aufgrund des Fehlens „vornehmer“ Daseinsziele aber nihilistisch tendierende Europäertum. Dessen demokratische „Entartung“, ja sozialistische Verkleinerung „zum Zwergtiere der gleichen Rechte und Ansprüche“ drohe. Seine existentielle Rechtfertigung könne es einzig in einer Befehlshaberfigur finden, die als schöpferischer Zerstörer agiere: „Die Revolution ermöglichte Napoleon: das ist ihre Rechtfertigung. Um einen ähnlichen Preis würde man den anarchistischen Einsturz unserer ganzen Zivilisation wünschen müssen.“ Das neuere, durch Napoleon antizipierte Europa habe, wie Nietzsche seit der Fröhlichen Wissenschaft (1882) immer schärfer formuliert, die Kräfte freigesetzt, die der Zielgebung harren, die lebende Materie für den politischen Formgeber. Beim frühen imperialen Versuch Napoleons und selbst bei den dadurch geweckten, ihrerseits imperial tendierenden Nationalismen stand dieses Kräftepotential schon einmal zur Verfügung. Die „Dressierbarkeit der Menschen ist in diesem demokratischen Europa sehr groß geworden; Menschen, welche leicht lernen, leicht sich fügen, sind die Regel: das Herdentier, sogar höchst intelligent, ist präpariert. Wer befehlen kann, findet die, welche gehorchen müssen: ich denke z. B. an Napoleon und Bismarck.“

Die letzten Wahnsinnszettel Nietzsches subsumieren Bismarck mit Wilhelm II. unter das politische Idiotentum, unter die Unverständigen, deren dynastisch geprägter National-Egoismus die „große Politik“ verfehle. Diese muß ein Europa als Sphäre gesteigerten Daseins antizipieren. Der „gute Europäer“ Nietzsche will ein Denker „großer Politik“ sein. Die politischen Handlungen, die Nietzsche dabei selbst vollzieht, sind philosophische: Werttafeln zerbrechen, neue Werte schaffen. Das heißt: die überhistorischen Werte des vornehmen Ideals wieder in die historische Zeit der Taten einzusetzen und somit auf die Erde zu bringen, die christliches wie demokratisches Dekadenzideal des Lebens an einen moralischen Himmel verrieten.

Mit alldem greift Nietzsche über die Napoleonverehrung Hegels und Goethes weit hinaus. Ihm wird der durch Napoleon repräsentierte, wenngleich nicht vollständig realisierte vornehme Typus – der „große Mensch“ – zum weltanschaulichen Sinn-Symbol. Anders als der Dichter Goethe zum Herrscher Napoleon, anders auch als der Gelehrte Nietzsche zum Künstler Wagner redet hier nicht mehr nur ein Gleicher zum Gleichen. Nietzsche greift auf die Rolle des philosophischen Königserziehers zurück.

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In seinen Kommentaren zu Napoleon kultivierte Nietzsche einen unverkennbaren Ton. Es ist ein Ton von Intimkennerschaft der Macht, einer Mitwisserschaft etwa um die kühl kalkulierende Manipulation. Bei der strategischen Lüge mache man sich, anders als der „demokratisch“ lügende Parteipolitiker, selbst nichts vor. Giorgio Colli hat über diesen Mitwisserton gesagt: „Die Beschäftigung mit Politik ist die Tätigkeit, mit der Nietzsche sich selbstsicher, durchtrieben und frivol zeigen möchte, um sich vor allem selbst zu beweisen, daß er kein Büchermensch ist, sondern mit beiden Beinen in der Wirklichkeit steht. Im Hinblick auf seine Person ging die Rechnung nicht auf, denn wer die politischen Dinge aus der Nähe zu beurteilen weiß, erhöht die Konkretion seines Lebens nur wenig.“

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Mehr von:
Jürgen Grosse
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 92

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