LI 137, Sommer 2022
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Das Reich des Anderen

Rußland als Unterbewußtsein des Westens

Rußland als philosophisches Thema entdeckte bekanntermaßen Pjotr Tschaadajew (1794–1856). Sein Urteil über den Zustand der russischen Kultur nahm man seinerzeit (zumindest auf einer oberflächlichen Ebene) – ja und tut dies gewöhnlich jetzt immer noch – als politische Kritik wahr. Allerdings ist diese Kritik zu radikal, um politisch zu sein, allein ihrer Radikalität halber überführt sie den Diskurs bereits auf eine andere Ebene. Denn Tschaadajew schreibt, „wir“, das heißt die Russen, „gehören zu keiner der großen Familien des Menschengeschlechts“,2 „indem wir gleichsam außerhalb der Zeit stehen“, „wir gehören weder zum Westen noch zum Osten“ (das heißt, wir stehen auch außerhalb des Raums), „wir“ haben auch „keine bestrickenden Erinnerungen, keine graziösen Gestalten im Gedächtnis“ (das heißt kein Gedächtnis, es ist verdrängt, „gelöscht“); und er schreibt, daß „wir“ zu Zeiten leben, die denjenigen ähneln, die „dem gegenwärtigen Zustand unserer Planeten vorausgegangen sind“, und weiter: „wir besitzen nichts Individuelles, worauf unser Denken sich stützen könnte“, „wir“ haben keine Traditionen, keine Moral, keine Kultur, keine Verpflichtungen, keine Gerechtigkeit usw. Man könnte weitere Zitate hinzufügen, aber ihre Quintessenz ist schon klar: Zusammengenommen ergeben sie eine klassische Beschreibung des Unbewußten, wie es in der westlichen Tradition von Schopenhauer über Hartmann und Nietzsche bis Freud dargestellt wurde.
     An dem Rußland, wie es Tschaadajew beschreibt, zeigt sich seine charakteristische Doppelnatur: Einerseits ist es ein Land unter anderen Ländern, mit einem bestimmten Territorium, einer bestimmten Geschichte, einem Volk, das dort siedelt. Andererseits befindet sich dieses Rußland außerhalb von Raum und Zeit, außerhalb des Gedächtnisses, außerhalb des Rechts, außerhalb der rationalen Analyse. Wir, also Rußland, „gehör[en] zu der Gruppe jener Nationen, die scheinbar in den Bestand der Menschheit nicht eingehen, vielmehr nur dazu da sind, der Welt irgendeine wichtige Lehre zu geben“, das heißt, die materielle, äußerliche Existenz Rußlands ist nur ein Symptom, nur eine Chiffre, die gedeutet, psychoanalysiert werden muß.
     Anders gesagt: Rußland ist entweder Forschungsgegenstand oder etwas radikal Anderes, das sich jeder Erforschung entzieht. Oder noch anders: Rußland ist ein Gebiet der Differenz, ein Gebiet der Ambivalenz, eine sich zeigende und zugleich sich verbergende Gegenständlichkeit, ein Gebiet „der Spur vom Verschwinden der Spur“, um es in den Worten Derridas zu sagen (das heißt ein Gebiet, wo „bestrickende Erinnerungen“ und „eindrucksvolle Lehren“ verschwinden).
     Aber Rußland ist nicht das Gebiet des Subjektiven, es ist nicht Subjekt, [nicht] Bewußtsein. Der Raum Rußland ist ein Raum des Raum-Verlusts, des Verlusts der räumlichen Bestimmtheit, der Individualität. Die Zeit Rußland ist eine Zeit des Zeit-Verlusts, des Verlusts der Geschichte, des Gedächtnisses, „der Bewußtheit“. Rußland lebt in der Posthistoire (deshalb kann es sich auch, wie Tschaadajew in der Apologie eines Wahnsinnigen3 rät, das Beste bei anderen Völkern holen, das, was diese in der Geschichte geschaffen haben. Dieses Thema reicht ebenso zu Lenin und Stalin wie zur Perestroika), aber Rußland lebt zugleich in der Prähistoire, vor der Erschaffung der Welt.
     Rußland „erschafft“ nichts, weil Kreativität nur in der Raum-Zeit einer individuellen oder kollektiven bewußten Erfahrung möglich ist, aber alle Schöpfungen der anderen Völker zerfallen in [Rußland], sie verlieren ihre Bestimmtheit und werden zu zufälligen Kombinationen: Rußland als Traum, als Raum und Zeit des Träumens, aber auch als Gebiet der Lacanschen Psychoanalyse, begründet im freien Kombinieren der Signifikanten, als Praxis des surrealistischen „automatischen Schreibens“ usw.
     Im Unterschied zu einem Rußland, welches sich als das Unbewußte offenbart, tritt Tschaadajew selbst als Träger eines europäischen Bewußtseins auf. Mit anderen Worten: Das Andere ist für Rußland nicht das Unterbewußtsein, sondern das Bewußtsein.

(...)

Während die europäische Philosophie bereits beginnend mit der Aufklärung die Frage nach dem „Anderen“ stellt und den „Eurozentrismus“ der westlichen Kultur einer Kritik unterzieht, dient dieser kritische Argumentationsverlauf, der auf das „Andere“, auf die „andere Kultur“, gerichtet ist, objektiv der Universalisierung der europäischen Kultur selbst oder, anders gesagt, dem europäischen Imperialismus.
     Unter diesen Bedingungen erweist sich das sexuell Andere als das wahrhaft irreduzible „Andere“, insofern es den Philosophierenden selbst im Inneren spaltet – deshalb erlangt im Westen der Diskurs über die Libido, den erotischen Willen zur Macht, Dominanz.
     Der russische Intelligenzler ist im Gegensatz dazu selbst in ein „europäisches Bewußtsein“ und sein „russisches Anderes“ gespalten – fürs erste genügt ihm das auch ganz ohne Libido. Wenn Rousseau sich den Träumen von Indianern hingab, die deutsche Philosophie Träumen von Indern, Gauguin Träumen von Polynesiern, Picasso von Afrikanern usw., erwies sich der russische Intelligenzler als Kentaur aus Rousseau und dem Indianer, Schopenhauer und dem Inder, Picasso und dem Afrikaner (das zeigt das Interesse der russischen Avantgarde an der Ikone, an den folkloristischen Aushängeschildern, den Bilderbögen usw.). In seinem inneren „Anderen“ erkannte der Russe den Traum der europäischen Philosophie, in sich selbst erkannte er die Realisation ihres Ideals. Aus dem kritischen Prinzip: „das Unterbewußtsein bestimmt das Bewußtsein“ (oder „das Sein bestimmt das Bewußtsein“, „der Klasseninstinkt bestimmt das Bewußtsein“, „der Rasseninstinkt bestimmt das Bewußtsein“ usw.), welches der russische Intelligenzler mit dem gesamten europäischen Denken der Moderne teilte, folgerte er daher: „Rußland (als Unterbewußtsein) bestimmt Europa (als Bewußtsein)“, oder genauer: „Rußland muß den Westen bestimmen“.

(...)

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Mehr von:
Boris Groys
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 43
Aus dem Russischen von Anja Schloßberger

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