LI 138, Herbst 2022
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Goethes geheimer Wunsch ...

daß Napoleon nicht stürzt und dessen Interesse an dem deutschen Genie

(…)

Gustav Seibt: Es gibt einen Bericht bei Talleyrand in seinen Memoiren, aber man kann jede Einzelheit, die dieser schön geschriebene und farbige Bericht enthält, nachprüfen, und keine stimmt.

Alexander Kluge: Was hat er geschrieben?

Gustav Seibt: Er hat zum Beispiel geschrieben, daß Napoleon Goethe aufgefordert habe, ihm ein Werk zu widmen, und Goethe geantwortet habe, daß er grundsätzlich keine Werke widme. Goethe hat aber durchaus Werke gewidmet, zum Beispiel die Farbenlehre der Herzogin Luise von Weimar. Es ist unwahrscheinlich, daß Goethe gerade das gesagt hat. Es wird ein falsches Stück erwähnt, in dem Goethe am Vortag gewesen sei. Wir haben das Kalendarium, wir wissen, welche Stücke gespielt wurden. Viele Einzelheiten hat die Quellenkritik ausfindig gemacht, um die Unglaubwürdigkeit des Talleyrandschen Berichtes nachzuweisen. Man kann diesen Bericht trotzdem mit Interesse lesen, weil es Talleyrand darum geht, ein negatives Bild von Napoleon zu zeichnen. Das ist in der Zeit der Restauration verfaßt, nach 1815. Dann ist es von Talleyrands Erben im legitimistischen Sinne nachbearbeitet worden, es gibt keinen authentischen Text dieser Passage.

Alexander Kluge: Talleyrand ist eine Giftschlange in Seidenstrümpfen.

Gustav Seibt: Nach Erfurt hat Napoleon ihn ein Stück Scheiße im Seidenstrumpf genannt. Trotzdem ist bei Talleyrand etwas von der Atmosphäre vorhanden, nämlich von dem Eifer des aufgestiegenen Kaisers, mit dem Genie nicht höfisch umzugehen, nicht herrisch, gewaltsam, sondern ihn als Gleichen gelten zu lassen. Das wiederum hat Goethe nicht nur anerkannt, sondern er hat es geradezu als den Höhepunkt und Triumph seines Lebens verstanden, daß er von einem so Großen als ihm gemäß, so schreibt er an Cotta, anerkannt worden sei. Das sei ihm, sagt er dem Sinne nach in dem Brief an Cotta, eine Befriedigung bis ans Ende seiner Tage.

Alexander Kluge: Es soll einen Plan Goethes gegeben haben, ein Drama zu verfassen, in dem Cäsars Attentäter abgewehrt werden. Das Attentat mißlingt. Das sollte von Rossini komponiert werden.

Gustav Seibt: Es gibt schon frühere Überlegungen zu einem Cäsar-Drama aus einer anderen Epoche von Goethes Leben, der ersten Weimarer Zeit, also vor seiner italienischen Reise. Später hat sich meines Wissens davon keine Spur mehr erhalten. Das ist trotzdem interessant, weil es ein Drama Voltaires, La Mort de César, gibt, das während dieser Erfurter Tage beim Gastausflug des Kongresses nach Weimar im Weimarischen Hoftheater unter Leitung von Goethe, der die Gastregie übernommen hat, mit Talma aufgeführt worden ist. Alle sind zusammengezuckt, als Napoleon sagte, daß er dieses Stück sehen wolle. Der Weimarische Koordinator war entsetzt und sagte, daß es ein unpassendes Stück sei. Es ist aber nicht unpassend, weil gezeigt wird, wie der Attentäter in einen Zwiespalt gerät. Eigentlich will er einen Tyrannen ermorden, entdeckt aber kurz vor der Tat, daß dieser Tyrann, nämlich Cäsar, sein unehelicher Vater ist. Er gerät also in den Zwiespalt zwischen Vatermord und Tyrannenmord und begeht ein wirkliches Verbrechen. Der Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf hat gesagt, es sei ein Rührstück in historischen Rollen. Es ist ein relativ unpolitisches Stück. Es zeigt Brutus in der Größe seines Freiheitsheldentums, aber es zeigt Cäsar als großmütigen, zum Vergeben bereiten Monarchen.

Alexander Kluge: Die clementia ist eine seiner Haupteigenschaften. Es wäre befriedigend für mich als Schüler eines humanistischen Gymnasiums, wenn dieser Mord mißlingt, Cäsar also weitermacht und nicht dieser etwas schwächere Augustus.

Gustav Seibt: Die Frage, was Cäsar gemacht hätte, wäre dieses Attentat mißlungen, hat Napoleon sein Leben lang beschäftigt.

(…)

Es gab eine zweite Begegnung zwischen Goethe und Napoleon, die beim Besuch des Erfurter Kongresses in Weimar, im heute noch bestehenden Saal des Weimarer Schlosses, der damals neu eingerichtet worden war, stattfand. Da haben wir zuverlässigere Zeugen, weil das auf dem Ball stattfand, da gab es Ohren, die mitgehört haben, unter anderem der spätere Kanzler Friedrich von Müller, damals Chefdiplomat von Weimar. Er hat gehört, wie Napoleon zu Goethe gesagt hat, er möge einen Brutus im anderen Sinne schreiben, den Stoff vom Tod des Cäsars mit einem anderen Ausgang.

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Im Heft auf Seite 51

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