LI 137, Sommer 2022
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Kreislauf der Rache

Unzensierte Erinnerungen eines Freiwilligen des Sechstagekriegs 1967

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2022

Über Israel zu schreiben ist ein vermintes Feld, Israel zu kritisieren ist ein tollkühnes Unternehmen. Daß jemand Jude ist, bietet dabei keinen Schutz. Staatspräsident Herzog nannte zwei jüdische Unternehmer, die sich weigerten, das von ihnen produzierte Speiseeis in die besetzten Gebiete zu liefern, „Terroristen“. Nichts weniger als das. Premierminister Naftali Bennett schlug vor, das Speiseeis von nun an „antisemitisches Speiseeis“ zu nennen. Die Rede war von Ben & Jerry’s, einer US-amerikanischen Firma, deren jüdische Gründer klarstellten, daß ein Verkaufsstopp „außerhalb der demokratischen Grenzen“ Israels kein Boykott Israels, sondern ein Boykott illegaler Siedlungen sei – eine für Israel unerträgliche Wahrheit, da auf den öffentlichen Landkarten Cisjordanien längst in den jüdischen Staat eingeschmolzen ist. Wenn Juden wie Ben Cohen und Jerry Greenfield „Terroristen“ sind oder gar „antisemitisches Speiseeis“ produzieren, weil sie die Annexionspolitik Israels nicht gutheißen, wundert es nicht, daß der Internationale Gerichtshof, der die Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg untersuchen will, von „Antisemiten“ wimmelt, wie erst recht die Europäische Union, die seit kurzem verbietet, Produkte aus den besetzten Gebieten „Made in Israel“ zu nennen. Der Antisemitismus-Vorwurf ist die Abschreckungswaffe par excellence, nicht elegant, aber wirksam. Vor allem nicht argumentieren, man begäbe sich dadurch ja auf glitschiges Gelände und müßte begründen, warum Landraub rechtens sein kann. Besser anschwärzen, beleidigen, entehren. Oft genug wiederholt, wird schon etwas hängenbleiben.
     Der Antisemitismus-Vorwurf ist eine Streubombe. Manchmal trifft er die Richtigen, häufig die Falschen. Er erzeugt immer Wirkung. In Frankreich ist der Aufruf zum Boykott Israels strafbar, in Deutschland gilt er als antisemitisch. Auch ich halte es für falsch, die israelischen Fans von Pink Floyd oder Santana dafür zu bestrafen, daß ihr Staat die eroberten Gebiete annektiert, aber „antisemitisch“ sind die Philosophin Judith Butler, der Komponist Roger Waters oder der Cineast Ken Loach gewiß nicht. „Antisemitismus“ ist eines der am meisten mißbrauchten Worte dieser Welt. Antisemitisch ist für Israel schon jeder, der gegen die Annexion der eroberten Gebiete wettert, und wenn es Juden tun, dann gelten sie, da sie schwerlich „Antisemiten“ sein können, als „nützliche Idioten“, „Verräter“ oder leiden an „jüdischem Selbsthaß“. Israel hat sich mit Hilfe des Zauberwortes „Antisemitismus“ gegen alle Kritik gepanzert.
     Der Panzer funktioniert weiterhin, obschon dieses bedeutsame Wort durch seine inflationäre Verwendung bedeutungsentleert erscheint. Ich erinnere mich, daß in jenem Jahr 1969, als Ben Natan die Frankfurter Spontis als Antisemiten und „Neonazis“ beschimpfte, ein authentischer Altnazi namens Kurt Georg Kiesinger die Bundesrepublik regierte, was den israelischen Botschafter nicht im geringsten zu stören schien und woran die deutsche Öffentlichkeit durch eine schallende Ohrfeige der aus Paris angereisten Beate Klarsfeld erst erinnert werden mußte. Und als Kiesinger von Willy Brandt abgelöst wurde, hörte ich von einigen meiner israelischen Bekannten keine Seufzer der Erleichterung. Einige bedauerten sogar, daß der Widerständler infolge fehlenden schlechten Gewissens weniger erpreßbar, also für Israel weniger profitabel sei als sein Vorgänger, der unter Hitler Karriere gemacht hatte. Wie man sieht, ist die Frage, wen man Antisemit nennt und wen nicht – und mit wem man lieber Geschäfte macht – ein weites Feld.
     Israel hat im Grunde genommen nur ein Problem: daß Juden, um ihrem Exil ein Ende zu machen, ein anderes Volk vertrieben haben, das nun seinerseits in das Land zurückwill, aus dem es verjagt wurde. Dies ist sein Geburtstrauma. Dieses Trauma ist so stark und reicht so tief, daß es geleugnet werden muß. Man habe die Palästinenser nicht vertrieben, sie seien von selbst geflüchtet, wird in Israel kolportiert, weil ein Mufti aus Jordanien kurz vor Ausbruch des Kriegs, den Juden den „Unabhängigkeitskrieg“ nennen und Palästinenser „Die Katastrophe“ (naqba), in mehreren Radiosendungen die arabischen Einwohner Israels aufgefordert hätte, ihre Dörfer und Städte zu verlassen, damit sie bei Kriegsausbruch nicht zwischen die kämpfenden Fronten gerieten. Tatsächlich hatten israelische Einheiten sie mit Hilfe von Gewalt, Drohungen und Massakern vertrieben, wobei Massaker zu den Strategien beider kriegsführender Lager gehörten. Seither sind die Palästinenser und ihre Kinder und Kindeskinder in die Welt verstreut oder sie leben an den Grenzen Israels, in der illusorischen Hoffnung, dereinst in ihre Heimatorte oder die ihrer Eltern oder Großeltern zurückkehren zu können. Die Juden haben ihre Koffer weitergereicht. Das Problem ist einfach zu benennen, aber schwer zu lösen.
     Das Thema ist so explosiv, daß man es, zusammen mit der Frage der Einheit Jerusalems, aus den Gesprächen des Osloer Friedensprozesses zwischen Arafat und Rabin ausschloß. Man hob es sich, als das haarigste aller Probleme, für eine spätere Verhandlungsrunde auf, zu der es dann nie kam, weil einer der religiösen Fanatiker, die seither in Israel das Sagen haben, den „Verräter“ Rabin kurzerhand erschoß. Diese Schüsse waren der Urknall, aus dem das heutige Israel entstand: der triumphale Einzug des Religiösen in die Politik.

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Benjamin Korn
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 66

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