LI 124, Frühjahr 2019
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Koloniales Erbe

Afrikanische Künste, transkultureller Tausch, ethnologische Sammlungen

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Daß ein beträchtlicher Teil der Objekte in ethnologischen Museen aus Diebstahl, Raub und Plünderung stammt, war ja von Anfang an bekannt. Am besten wußten es die, welche sich solche Objekte in situ durch Betrug und List, erzwungenen oder unfairen Tausch und allzuoft mit Gewalt angeeignet hatten, entweder selbst oder durch ihre einheimischen Helfer. Dabei waren solche Praktiken offiziell von jeher verpönt. Auch in den drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, als ethnologisches Sammeln Hochkonjunktur hatte, landeten Laien unter den Sammlern, wenn sie einschlägiger Machenschaften überführt wurden, auf den schwarzen Listen europäischer Museen. Doch sich selbst räumten Ethnologen mitunter großzügige Lizenzen ein. Und dazu gehörten nicht nur schwarze Schafe, die es damals wie heute gab, sondern sogar Forscher, die sonst viel Wert auf die Ethik ihres Fachs legten und noch heute zu Recht hochgeachtet sind.

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Wenn ethnologische Museen ganze Sammlungen aufkauften, haben sie zwar wohl kaum akribisch überprüft, wie die Verkäufer sich die Objekte angeeignet hatten. Immerhin folgten sie aber einer Ethik des Sammelns, die Zwang und Gewalt ausschloß, allerdings weniger rigoros, als es inzwischen Standard ist. Insbesondere galt der heute so verpönte Erwerb von Kriegsbeute in der Hochzeit ethnologischen Sammelns als legitim, weil man dieses Raubgut als „gerechten Ersatz der Kriegskosten“ verrechnete. Daher hatten deutsche Museen keine Bedenken, mit Hilfe reicher Sponsoren einen großen Teil der mehr als 2 400 Kunstwerke aus Bronze und Elfenbein aufzukaufen, die britische Soldaten 1897 im Zuge einer sogenannten Strafexpedition im Palast des Oba von Benin erbeutet und notfalls mit Bajonetten von den Wänden geschlagen hatten (Abb. 1). Und wenn in diesem Fall Museen nur Nutznießer von Kriegsbeute waren, so avancierten sie in einem anderen Krieg zu Antreibern und Agenten des Kunstraubs. Direktoren deutscher Völkerkundemuseen hatten ihre Lektion aus der britischen Strafexpedition gegen Benin gelernt; und als englische, französische und deutsche Truppen sich anschickten, den Boxeraufstand von 1900 in China niederzuschlagen, wandte sich Adolf Bastian, Direktor des Ethnologischen Museums in Berlin, zu dem bis 1906 auch die asiatischen Sammlungen gehörten, an die Behörden, um auf diese seltene Chance zur Aneignung von Ethnographica aufmerksam zu machen. Ohne deutsche Intervention, so Bastian, würden diese Schätze wie die Benin-Bronzen nur zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt zu haben sein; er stellte Napoleons Kunstraub als Vorbild hin und erinnerte an eine Gelegenheit, die Deutschland verpaßt hatte, nämlich die Plünderung des Sommerpalasts in Peking 1860 durch britische und französische Truppen. Im übrigen hatte die Kaiserliche Kriegsmarine ohnehin Order gegeben, bei „Strafexpeditionen“ das Eigentum der „Schuldigen“ zu konfiszieren und dem Ethnologischen Museum in Berlin zu übergeben. Schließlich setzte er beim Auswärtigen Amt durch, an der Niederschlagung des Boxeraufstands einen Ethnologen teilnehmen zu lassen, der dank seines Sachverstands erkennen werde, welche Antiquitäten und Manuskripte bevorzugt zu akquirieren seien.
   Alle Übergriffe der genannten Art – Beutezüge wie erzwungener Handel, Diebstahl, Raub und Plünderung – widersprachen den Idealen von Wissenschaftlern, denen ich keine laxe Moral unterstellen möchte. In den drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg schienen eigentlich illegitime Sammelpraktiken dennoch hinnehmbar, weil sie, wie wieder und wieder betont wurde, durch das „Interesse der Wissenschaft“ gerechtfertigt seien. Doch weshalb man sich gerade Objekte aneignen wollte, und zwar so viele und so schnell wie möglich, war nicht wissenschaftlich begründet, sondern durch die bloße Annahme, daß die Kulturen der unterworfenen Völker unvermeidlich schnell untergehen und aussterben, die Objekte aber allen Forschungszwecken genügen würden. Wohlgemerkt, nicht das „physische Aussterben“ von Menschen oder Völkern war damit gemeint, sondern das „psychische“, der Verlust der „ethnischen Originalitäten“, so Adolf Bastian, der dabei „den allmächtigen Geschichtsgang“ am Werk sah, „der weder zu hemmen noch abzuwenden“ sei. Unter dieser Voraussetzung schien sich allerdings jede Aneignung, sogar jeder Diebstahl, jede Plünderung in ihr Gegenteil zu verkehren: in eine Rettung.
   Für etliche Sammler – einige Namen waren und sind bekannt – war das offenkundig allenfalls ein Vorwand; bei Bastian und den meisten Ethnologen seiner Zeit handelte es sich dagegen doch wohl um ein aufrichtiges Bekenntnis, nämlich um das Credo der Geschichtsphilosophie, die das europäische Denken vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg und darüber hinaus ungebrochen dominierte. Denn sowohl die Überzeugung vom unabwendbaren Untergang der anderen Kulturen als auch die Rede vom „allmächtigen Geschichtsgang“ fügt sich in das Konzept der Universalgeschichte, in der alle vergangenen Zeiten – und zur Vergangenheit rechnete man die eigentlich doch zeitgenössischen Kulturen in den Kolonien – nur als Vorstufen für die Gegenwart Europas und allein durch sie für die Zukunft der Menschheit zu betrachten seien. Ihre Dokumentation schien von höchstem wissenschaftlichen Interesse, aber nicht weil sie in sich ihren Wert hätten – Bastian nannte sie „ärmlich“ –, sondern als Stufen der Weltgeschichte – jener Geschichte, die, wie Odo Marquard schrieb, „universal ist, weil sie alle Geschichten in eine wendet, in die eine einzige Fortschritts- und Vollendungsgeschichte der Menschheit“. Unter dieser Prämisse stand für Bastian und seine Zeitgenossen fest, daß die kolonisierten Völker in Zukunft keine eigenständige Geschichte haben würden, weil sie dann in der einen Fortschrittsgeschichte aufgehoben seien.
   Seither haben Ethnologen nach und nach eingesehen, daß die meisten der Kulturen, deren Artefakte ihre Vorgänger vor dem Ersten Weltkrieg so hektisch sammelten, sich zwar transformieren, wie krisenhaft und gebrochen auch immer, daß sie aber sehr wohl eine eigenständige Zukunft hatten und haben, daß ihre vielen Geschichten sich zwar noch mehr als in der Vergangenheit untereinander zu partiell gemeinsamen, geteilten Geschichten verflechten, sie deswegen ihre Besonderheiten aber keineswegs verlieren. An die Stelle der einen, homogenen Moderne tritt, wie S. N. Eisenstadt argumentiert hat, die Vielfalt der Moderne; und die Einsicht in diese, mit Marquard zu sprechen, Multiversalgeschichte hat seit langem auch den Blick auf die ethnologischen Sammlungen verändert.

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In den aktuellen Debatten erscheinen die Kolonisierten, heute meist „Herkunftsgesellschaften“, besser wohl „Urhebergesellschaften“ genannt, noch immer lediglich als Objekte und Opfer europäischen Handelns. Das kommt der Erinnerungskultur entgegen, verkennt aber, daß die kolonisierten Gesellschaften sich selbst, außer in Fällen von Gewalt, Raub und Plünderung, wie Ethnologen und Historiker seit langem betont haben, als handelnde Subjekte mit eigener agency, eigener Handlungsmacht gesehen haben und sehen. Zumindest die ihnen verbliebenen Spielräume verstanden sie geschickt auszunutzen. Nicht weniger einseitig und bedenklich scheint mir, daß in den aktuellen Debatten stets stillschweigend unterstellt wird, die ethnographischen Objekte hätten in den Urhebergesellschaften eben den Status gehabt, den man in der europäischen Moderne Kunstwerken und anderen Museumsexponaten zuschreibt, nämlich sie für den Blick der Zukunft aufzubewahren.

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Fritz W. Kramer
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Im Heft auf Seite 12
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