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Cover Lettre International 136
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Inhaltsverzeichnis

LI 136, FrĂŒhjahr 2022

Christus in Kalabrien

Pasolini zwischen dem imaginÀren Anderen und den realen Anderen

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RÜCKSTÄNDIGKEIT
Italien war ein „rĂŒckstĂ€ndiges“ Land, das sich in den 1960er und 1970er Jahren zu einer Wirtschaftsmacht entwickelte. In dieser RĂŒckstĂ€ndigkeit entdeckte Pasolini einen kulturellen Reichtum – eine „Vergangenheit“ –, der in den Jahren seines Schaffens verlorenging. Sein Film Uccellacci e uccellini (Große Vögel, kleine Vögel, 1966) ist das einzige Beispiel, wo es ihm gelang, ĂŒber das zu lachen, was er als eine Tragödie betrachtete. Von dieser Modernisierung waren die anderen Nationen Westeuropas bereits vor dem Zweiten Weltkrieg oder sogar noch frĂŒher erfaßt worden; Pasolini war somit der bedeutendste Autor, der diesen Verlust mit der Kamera festhielt. Aber in all seiner SubjektivitĂ€t war sich dieser Dichter immer auch bewußt, daß zwischen ihm und dem Volk, wie er es sich ersehnte, eine Kluft bestand – und zwar nicht nur sprachlich:

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KRITIK AN ITALIEN
In den frĂŒhen 1970er Jahren wurde Pasolini zu einer weltbekannten Figur. Er drehte seine Trilogia della vita (Trilogie des Lebens). 1971 vollendete er den ersten der drei Filme, Il Decameron, nach Giovanni Boccaccios Decamerone. Auf der Suche nach authentischen Körpern und authentischem Sex, bevor MĂ€nner und Frauen ihre Lust und ihre Leidenschaft verloren, gestaltete er die OriginalschauplĂ€tze um und ersetzte das Florenz der Renaissance durch Neapel. Der Film feiert das VergnĂŒgen von MĂ€nnern und Frauen an allen möglichen Arten von Sex und anderen VerstĂ¶ĂŸen gegen die christliche Moral. Der Film gewann bei den 21. Internationalen Filmfestspielen Berlin einen Silbernen BĂ€ren. 1972 drehte Pasolini I racconti di Canterbury (Pasolinis tolldreiste Geschichten), basierend auf Geoffrey Chaucers Canterbury Tales. Bei seiner Verfilmung jener Epoche ging er davon aus, daß die Gesellschaften des Mittelalters und der Renaissance befreit waren und die Menschen alte Tabus lustvoll ĂŒbertraten. Diesmal erhielt der Film in Berlin den Goldenen BĂ€ren. 1974 drehte er Il fiore delle mille e una notte (Erotische Geschichten aus Tausendundeiner Nacht), hauptsĂ€chlich im SĂŒdjemen. Der Film gewann einen weiteren prestigetrĂ€chtigen Preis, und die Feier von schönem Sex und dunklen Körpern wurde Teil von Pasolinis Karneval.
     In jenen Jahren wurde Pasolini zu einem wichtigen Kritiker der Kultur, des Establishments und der politischen Gesellschaft Italiens. Er brachte die tragische Erkenntnis zum Ausdruck, daß Fortschritt und Moderne vom Kapitalismus vereinnahmt worden waren. Mit anderen Worten: Das BemĂŒhen um den Aufbau einer Volkskultur in Gramscis Sinn war tot. Pasolini veröffentlichte seine wĂŒtenden Klagen in den großen Zeitungen. Nachfolgend eine Passage, die seinen Ton und seine Haltung in jenen fĂŒnf Jahren vor seiner Ermordung gut wiedergibt:
     „Kein faschistischer Zentralismus hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumzivilisation geschafft hat. Der Faschismus propagierte ein reaktionĂ€res und monumentales Modell, das aber auf dem Papier blieb. Die verschiedenen Sonderkulturen (die der Bauern, der Subproletarier, der Arbeiter) orientierten sich weiter unbeirrt an ihren ĂŒberlieferten Modellen: Die Repression beschrĂ€nkte sich darauf, einen verbalen Konsens einzufordern. Heute dagegen ist der vom Zentrum geforderte Konsens zu den herrschenden Modellen bedingungslos und total. Die wirklichen kulturellen Modelle werden verleugnet. (
) Man kann daher behaupten, daß die vom neuen System von Herrschaft gewollte Ideologie der hedonistischen ‘Toleranz’ die schlimmste aller Repressionen der Menschheitsgeschichte ist. Wie war es möglich, diese Repression durchzusetzen? (
) Mit Hilfe des Fernsehens hat das Zentrum das ganze Land, das historisch außerordentlich vielfĂ€ltig und reich an originĂ€ren Kulturen war, seinem Bilde angeglichen. Ein Prozeß der Nivellierung hat begonnen, der alles Authentische und Besondere vernichtet. (
) Der Faschismus, ich wiederhole es, hat die Seele des italienischen Volkes nicht einmal angekratzt: der neue Faschismus hat sie mit seinen neuen Informations- und Kommunikationsmitteln (vor allem mit dem Fernsehen) nicht nur angekratzt, er hat sie zerfetzt, geschĂ€ndet, fĂŒr immer beschmutzt.“
     TatsĂ€chlich wurde er in diesen unruhigen Jahren Italiens zu einer Ein-Mann-Opposition. Bereits Jahrzehnte vor 1973 hatten die Theoretiker der Frankfurter Schule eine Ă€hnliche Entwicklung prophezeit, doch Pasolini beklagte den Tod der Volkskulturen Italiens und nicht Adornos Hochkultur. Noch bemerkenswerter ist, wie exakt seine dĂŒstere Prophezeiung eintraf. Er schrieb zwanzig Jahre, bevor Berlusconi und seine Firma Mediaset Italien ĂŒbernahmen, und dreißig Jahre vor dem Niedergang der italienischen Linken und dem völligen Verschwinden der KPI. Auch seine kontroverse Stellungnahme gegen die Abtreibung wĂ€hrend der Debatte im italienischen Parlament und innerhalb der Linken war „skandalös“.
     Er betrachtete Abtreibung als Mord, doch seine Ablehnung grĂŒndete auch in seiner Diagnose einer, wie er es nannte, „falsa tolleranza“ des italienischen Konsumverhaltens, das auch safe sex einschloß. Im Januar 1975 veröffentlichte er hierzu einen Artikel:
     „Heute ist die sexuelle Freiheit der Mehrheit in Wirklichkeit eine allgemeine Norm, ein Muß, eine soziale Pflicht, ein gesellschaftlicher Zwang, ein gesellschaftliches Streben, ein unverzichtbarer Bestandteil der LebensqualitĂ€t des Konsumenten. Kurz gesagt: Die von der Wohlstandsgesellschaft bescherte Scheinliberalisierung hat eine Situation geschaffen, die mindestens genauso ungesund ist wie das, was in der Zeit der Armut galt. Denn: Erstens ist das Ergebnis dieser von den Herrschenden ‘geschenkten’ sexuellen Freiheit eine ausgesprochen kollektive Neurose. Die MĂŒhelosigkeit hat einen inneren Zwang erzeugt, denn sie ist ‘manipuliert’ und verordnet und hat ihren Ursprung in der Tatsache, daß die herrschende Toleranz sich ausschließlich auf diejenigen sexuellen BedĂŒrfnisse bezieht, die vom Konformismus der Mehrheit formuliert werden.“
     TatsĂ€chlich Ă€ußerte er sich in allen seinen Stellungnahmen kritisch gegenĂŒber der Rechten und der Linken. Aus seiner Wut ĂŒber die Neue Linke nach den Ereignissen in der Valle Giulia wurde ein Ressentiment gegen die jungen Leute. Der erste Aufsatz seiner posthum erschienenen Lutherbriefe trĂ€gt den Titel „Die unglĂŒcklichen Jugend­lichen“:
     „Inzwischen hat sich alles von Grund auf geĂ€ndert: Wenn wir von VĂ€tern und Söhnen sprechen, meinen wir mit VĂ€tern immer noch bourgeoise VĂ€ter, mit Söhnen aber sowohl bourgeoise als proletarische Söhne. Das apokalyptische Bild von den Söhnen, das ich oben umrissen habe [die Konsumgesellschaft, YL], gilt daher fĂŒr Bourgeoisie und Volk. Beide GeschichtsstrĂ€nge haben sich vereint, und zwar zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte.“
     Seine große Liebe zu den Jugendlichen in den borgate wird enttĂ€uscht. Und er ist sich bewußt, daß seine Kritik nicht nur das Regime trifft: „Faschisten und Antifaschisten, Ausbeuter und RevolutionĂ€re, sie alle haben offenbar eine gemeinsame Schuld.

(...)

Pasolini ist unermĂŒdlich auf der Suche nach AuthentizitĂ€t als einer Form von Wahrheit, die unter den TrĂŒmmern der Modernisierung liegt, als wollte er seine eigene Vorstellungswelt rekonstruieren, die schöne Kunstwerke hervorgebracht hat. Manchmal unterscheidet er zwischen dem authentischen Dialekt oder der KoinĂš und dem Italienischen, manchmal zwischen dem Italienisch des Humanismus, der Renaissance und der Literatur auf der einen und der konsumistischen Sprache des Fernsehens auf der anderen Seite, welche die Politiker (die „palazzisti“, „Palastbewohner“, Pasolinis Bezeichnung fĂŒr die politische Gesellschaft) benutzen; dann wieder unterscheidet er (wie in den obigen Zitaten) zwischen der nonverbalen (authentischen) Sprache und der verbalen Sprache als einem fremden PhĂ€nomen, einem „Kolonisator“. Hier verlĂ€uft die Kluft zwischen Pasolini, dem Lehrer, und seinem intellektuellen Umfeld:
     „Schau, Gennariello, die meisten laizistischen und demokratischen Intellektuellen in Italien bilden sich viel darauf ein, mĂ€nnlich unerschrocken ‘mit der Geschichte’ zu leben. Als wackere Realisten akzeptieren sie historische VerĂ€nderungen von Wirklichkeit und Menschen, fest davon ĂŒberzeugt, daß eben dieses ‘realistische’ Akzeptieren der Inbegriff von Vernunft sei.
     Ich nicht, Gennariello. Denk daran, daß ich, Dein Lehrer, nicht an diese Geschichte und an diesen Fortschritt glaube. Es ist nicht wahr, daß man – wie auch immer – vorwĂ€rtsgeht. Sehr oft regredieren und verkommen sowohl einzelne Menschen als ganze Gesellschaften. In solchen FĂ€llen darf man die VerĂ€nderungen nicht akzeptieren.“

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Die kommende Ausgabe Lettre 142 erscheint Ende September 2023