LI 131, Winter 2020
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Politisierung der Künste

Strategien im Konflikt zwischen Kommunitarismus und Kosmopolitismus

Die politische Polarisierung der Gesellschaft hinterläßt ihre Spuren auch in der Kultur und hat zu einer starken Politisierung der Künste geführt. Im Kontrast zur postmodernen Kunst, die in den letzten Jahrzehnten tonangebend war, herrscht heute im Kunstsystem ein anderes Betriebsklima vor. Nichts war noch vor ein paar Jahren uncooler als der heute so selbstverständlich gewordene Habitus, die Welt retten zu wollen und Haltung zu zeigen. Was ist geschehen, daß in den liberalen Demokratien des Westens innerhalb kürzester Zeit die politisch engagierte Kunst derart prominent werden konnte? Und ist die engagierte Kunst das neue „post-postmoderne“ Paradigma, das nun wiederum für Jahrzehnte zum bestimmenden Leitbild der Künste wird?
     Es sind vor allem drei Faktoren, die hier zusammenspielen und sich wechselseitig verstärken: Prozesse der Gruppenpolarisierung bei denjenigen, die Kunst produzieren und rezipieren; die Digitalisierung, welche eine neue Schnittstelle im Kunstsystem für den politischen Aktivismus geschaffen hat; und ein politisches Realignment in den liberalen Demokratien, das der Politisierung der Kunst zugrunde liegt.

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Zur Politisierung der Künste gehört wesentlich, daß die politische Botschaft, die einem Werk zugeschrieben wird, wichtiger wird als das Werk selbst; und hier dürften es wiederum Prozesse der Gruppenpolarisierung sein, die einzelne Kunstszenen zu normieren beginnen. Sobald im Zuge einer allgemeinen gesellschaftlichen Politisierung politische Diskussionen ein soziales System erfassen, beginnt sich das Meinungsspektrum zum politischen Positivwert hin zu verschieben. An einem bestimmten Umschlagpunkt werden dann nicht länger künstlerische, sondern die in der Szene akzeptierten politischen Kriterien die Inklusions- und Exklusionsregeln ihrer Mitglieder definieren. Für jeden einzelnen schnellen dann die Kosten in die Höhe, eine skeptische, moderate oder gar abweichende Meinung zu vertreten. Schließlich macht sich eine Atmosphäre breit, in der die meisten Akteure sich genötigt sehen, durch virtue signaling ihre Gruppenzugehörigkeit zu bekräftigen – entweder, um die eigene Reputation zu schützen, oder, um unliebsame Konkurrenten auszumanövrieren.

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Die Politisierung der Künste spielt sich im Windschatten eines politischen Realignments ab. Der instabile Phasenübergang des politischen Systems ist die spezifische Voraussetzung dafür, daß es überhaupt zu starken Interferenzen zwischen politischer und ästhetischer Kommunikation kommt, die wir dann als „Politisierung der Künste“ registrieren. Erst aufgrund der starken politischen Polarisierung der Gesellschaft können sich Gruppenpolarisierungsprozesse aufschaukeln, durch die es zur Übermalung von Gedichten, zur Entfernung von Kunstwerken aus Museen oder zum Ausschluß von Künstlern aus Gruppenausstellungen kommt, und nur weil die Themen „Migration“ und „AfD“ die Öffentlichkeit polarisieren, können Arbeiten wie die von Ai Weiwei und Philipp Ruch ein breites Medieninteresse auf sich ziehen.
     Pauschalisiert kann man sagen, daß es bei dem derzeitigen Realignment zu einer Überschreibung und Reformulierung der traditionellen Links-rechts-Unterscheidung durch einen neuen politischen Konflikt kommt, und zwar den Konflikt zwischen den Globalisierungsgewinnern in den urbanen Zentren, die kosmopolitische Werte vertreten, und den Globalisierungsverlierern, die eher im Umland leben und ihre Interessen besser durch ein Prinzip der Gemeinschaft im Dorf, in der Region und im Nationalstaat vertreten sehen.

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In Realignment-Zeiten geraten nicht nur das Parteiensystem, sondern viele Bereiche der Gesellschaft wie die Presse, die Bildung, die Massenmedien und auch die Kunst in einen stark polarisierten Zustand, weil die Programme von politischen Aktivisten jetzt stellvertretend für die sich im Krisenmodus befindlichen Parteien eine temporäre Orientierungsfunktion übernehmen. Bei solchen Politikangeboten handelt es sich notgedrungen um einfache Antworten auf komplexe Fragen. Der zweipolige politische Aktivismus mit seinen radikalen Lösungen – das heißt heute: mit einer linken Identitätspolitik an dem einen und einer rechten Identitätspolitik an dem anderen Pol – formuliert keine praktikable Politik, sondern er gibt der politischen Auseinandersetzung einen neuen Richtungssinn vor. Der Preis hierfür sind große Simplifizierungen, die jederzeit in einen populistischen Politikstil umschlagen können, weil es eben keine moderaten, auf Ausgleich bedachten politischen Kräfte sind, sondern radikale Bewegungen, die neue Themen setzen, die eine neue politische Rhetorik einüben und neue Feindbilder schaffen.

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Mehr von:
Harry Lehmann
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 56

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