LI 123, Winter 2018
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Programmierte Traurigkeit

Vom Leben in den Ruinen der Luftschlösser der digitalen Kommunikation

„Einsame Tränen sind nicht verschwendet.“ René Char – „Ich habe letzte Nacht von Autokorrektur geträumt.“ Darcie Wilder – „Das Persönliche ist unpersönlich.“ Mark Fisher – Motivationsredner: „Nach links wischen und weitermachen.“ – „Nein sagen ist keine Option.“ Maisa Imamović – „Why don’t you just meet me in the middle? I am losing my mind just a little.“ Zedd, Maren Morris, Grey – „Wenn der Geist schwindet, erscheint die Form.“ Charles Bukowski – „I don’t care, I love it.“„Wenn du zu lange ignoriert wirst, überprüfe den ‘Zuletzt-online-Status’ der Leute, um sicher zu sein, daß sie nicht tot sind.“ Addie Wagenknecht – „Ich mag nicht schreiben, was ich eben geschrieben habe, aber ich mag es auch nicht löschen.“ Søren Kierkegaard – „Das eigentliche Ziel unseres Lebens ist die Suche nach Glück.“ Dalai Lama

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Träume, wenn du kannst, von einer trauernden App. Das Handy ist unserem psychischen Knochen gefährlich nahegekommen, bis zu einem Punkt, an dem die beiden nicht mehr getrennt werden können. Wenn mein Telefon nur leise weinen könnte. McLuhans „Erweiterungen des Menschen“ sind direkt ins innerste Selbst implodiert. Social Media und Psyche haben sich vereinigt und machen das tägliche Leben zu einer „sozialen Realität“, die – ähnlich wie künstliche und virtuelle Realität – unsere Wahrnehmung der Welt und ihrer Bewohner in Besitz nimmt. Die soziale Realität ist ein körperschaftlicher Hybrid zwischen den mobilen Medien und der psychischen Struktur der Nutzer. Eine verteilte Form des sozialen Rankings, die sich nicht mehr auf die Interessen staatlicher und privatwirtschaftlicher Plattformen reduzieren läßt, da Online-Subjekte zu tief involviert sind. Das soziale Leben ist in den Peer-to-Peer-Modus übergegangen. Es geht nur um dich und dein Profil. Dein Status wird bestimmt durch die Zahl deiner Follower. Aber was geschieht, wenn einen nichts mehr motivieren kann, alle Selbstoptimierungstechniken versagen und man beginnt, die Emotionsanalysen sorgfältig zu vermeiden? Im Vergleich mit den anderen rangierst du weit unten – und das macht dich traurig.

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In Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, fragt Jaron Lanier: „Warum enden so viele berühmte Tweets mit dem Wort ‘traurig’?“ Er assoziiert dieses Wort mit dem Fehlen einer echten Verbindung. „Ja, es ist toll, wenn Menschen miteinander vernetzt werden, aber warum sollten sie die Manipulation durch Dritte als Preis für diese Vernetzung hinnehmen?“ Als Gründe für die Traurigkeit in den sozialen Medien nennt Lanier unter anderem „die Herausbildung unrealistischer Schönheits- und Statusideale … oder die Gefahr von Troll-Angriffen“. Google und Facebook wissen, wie man negative Emotionen leichter nutzen kann, und so findet ein solches System auch immer personalisierte Wege, um bei seinen Nutzern eine schlechte Stimmung zu erzeugen. Es gibt nicht die eine Methode, mit der man alle unglücklich macht. Lanier stellt auch an sich selbst fest, daß bestimmte Online-Designs unglücklich machen, weil die sozialen Medien ihm eine Untergebenen-Rolle zuweisen und schon strukturell demütigend sind. „Es macht mich unglücklich, süchtig zu sein und manipuliert zu werden. (…) Aufgefallen sind mir diese Eindrücke schon bei den Anfängen von Social Media, selbst bei urtümlichen Formen der Vernetzung wie Usenet stellte ich nach der Sitzung ein seltsames, hohles Gefühl in mir fest, eine tiefgreifende Verunsicherung, die Befürchtung, durchzufallen, abgelehnt zu werden. Wie aus dem Nichts war es wieder da.“ Lanier beschreibt auch seinen „inneren Troll“, einen Troll, der durch die von ihm so genannte „Arschloch-Verstärkungstechnologie“ hervorgerufen wird und ein Spiegel dessen ist, wie die sozialen Medien auf ihn selbst einwirken. „Ich mag es absolut nicht, wenn eine Masse von Nutzern mich gedankenlos abschätzt oder ein dämlicher Algorithmus Macht über mich hat. Ich mag es nicht, wenn ein Programm zählt, ob ich mehr oder weniger Freunde als andere habe.“ Er will keiner Rangordnung unterworfen werden und stellt fest: „Daß ich mir keinen Freiraum mehr schaffen und mich darin ungestört neu erfinden kann, ohne ständig beurteilt zu werden – das macht mich unglücklich.“

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Natürlich gab es Traurigkeit auch schon vor den sozialen Medien. Und selbst wenn das Smartphone außer Reichweite ist, kann man sich immer noch elend und abgehängt fühlen. Verlassen wir das deterministische Karussell, das sich allzu schnell von der kapitalistischen Entfremdung über verheerende Gemütszustände bis hin zur Schuldzuweisung an Silicon Valley für die eigene Misere dreht. Sogar technologische Traurigkeit ist ein Style, wenn auch ein kalter. Das Leiden, egal wie kurz es anhält, ist real. Es passiert gerade, wenn wir nicht mehr zwischen Handy und Gesellschaft unterscheiden können. Wenn wir unsere Profile nicht ändern können und uns zu schwach fühlen, die App zu löschen, haben wir keine andere Wahl, als die kurzen Zwischenmomente unserer vollgepackten Tage dafür zu nutzen, fieberhaft nach Updates zu suchen. In Sekundenbruchteilen hat uns die Echtzeitmaschine aus unserer aktuellen Situation herausteleportiert, auf ein anderes Spielfeld voller Kurzberichte, denen wir kurz mal nachgehen müssen.

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Der unablässige Wechsel zwischen Telefon und Leben kann leicht in Kontrast gestellt werden zu dem, was Anthropologen als Metamorphose beschreiben. Initiation und Ritual sind langsame Ereignisse, die Zeit erfordern und von Phasen der freiwilligen Einsamkeit eingeleitet werden. Das immerwährende Jetzt, das den „smarten“ Zustand definiert, ist dagegen alles andere als ein Härtetest. Wenn wir durch die Updates browsen, nähern wir uns der Maschinenzeit an – zumindest so lange, bis wir unter dem Gewicht der Partizipationsermüdung zusammenbrechen. Organische Lebenszyklen werden kurzgeschlossen und bis zu einem Punkt beschleunigt, an dem das Privatleben von Milliarden endlich zur Kybernetik aufgeschlossen hat. Es ist Zeit, sich mal auszuklinken, despacito.

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Traurigkeit hat angrenzende Gefühle, die wir in Augenschein nehmen können. Da wäre das Gefühl von Wertlosigkeit, Leere, Trübsal, die Angst vor zunehmender Langeweile, ein Gefühl der Nichtigkeit, blanker Selbsthaß, während man versucht, von der Sucht loszukommen, die Aussetzer des Selbstwertgefühls, das morgendliche Sichwegducken, Gefühle der Überwältigung durch Furcht und Entfremdung bis hin zu lähmender Angst, Selbstverletzung, Panikattacken, tiefer Entmutigung und regelmäßig wiederkehrenden Verzweiflungszuständen. Man kann sich die Online-Traurigkeit auch als einen Moment kosmischer Einsamkeit vorstellen, wie Camus sie sich vorstellte, nachdem Gott die Erde geschaffen hatte. Ich wünschte mir, daß jeder Chat endlos wäre. Aber was, wenn deine Unfähigkeit zu antworten überhandnimmt? Dein Herz ist gebrochen, und du löschst die Konversation. Nach einer weiteren Strecke unfreiwilliger Beschäftigung mit diesen grausamen Likes, albernen Kommentaren, leeren Textbotschaften, losgelösten E-Mails und geistlosen Selfies macht sich Leere und Gleichgültigkeit in uns breit. Wir schweben einen Moment, vage unzufrieden. Du möchtest ruhig bleiben, aber wirst schon wieder unsicher, angewidert von deinen eigenen Facebook-Erinnerungen. Was ist denn da jetzt wieder reingekommen? Seltsam. Haben sie geantwortet?

(…)

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Mehr von:
Geert Lovink
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 17
Aus dem Englischen von Andreas Kallfelz
Heftpreis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
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