LI 124, Frühjahr 2019
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Die Wunder der Gewalt

Leonardo da Vinci zum 500. Todestag

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   In der Rolle des Forschers und Erfinders wird Leonardo nach und nach die Gebiete der Geologie und Mineralogie, der Optik und Akustik, der Ballistik und Hydraulik, des Schiffs- und Kanalbaus, der Bewegung und Schwerkraft, der Botanik und Zoologie, der Mathematik und Astronomie, der Anatomie und Embryologie erobern. Der Aufprall eines Regentropfens interessiert ihn nicht weniger als die Dichte des Mondes, die Zunge des Spechts genauso wie ein versteinertes Fossil. Er knackt alte Nüsse wie die Quadratur des Kreises mit der gleichen Leidenschaft, mit der er zukunftsweisende Projekte wie etwa die Umleitung des Arno oder einen Brückenschlag über den Bosporus verfolgt. Diese manische und schier endlose Erkundung und Vermessung der Welt fördert ein ungemein breites Wissen zutage, niedergelegt in Form einzelner Blätter oder eingetragen in unzählige Arbeitshefte. Die Logbücher seiner Forschungen sind ihm heilig, doch Leonardo unterläßt es, sie zu einer großen Enzyklopädie zusammenzufassen, noch diskutiert er sie mit den Koryphäen seiner Zeit. Den Anschluß an die intellektuell tonangebenden Kreise bei Hofe hat er nie gesucht. Nach grober Einteilung scheinen die unterschiedlich gewichteten Einzelstücke (die er nach seiner Art liegenläßt und wieder aufgreift) um zwei Brennpunkte zu kreisen; Brennpunkte, die ihr nie erlöschendes Feuer einer Obsession verdanken – und an alte Menschheitsträume rühren: die Kunst, fliegen zu können, und die Macht, die Kraft des Wassers zu bändigen. Unersättliche Wißbegierde heißt also die Triebkraft dieser Seite Leonardos. Aber was liegt diesen endlosen Mühen zugrunde? Wonach sucht er so beharrlich?

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   Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist der zerstückelte und in seinen Teilen weit abgetriebene zweite Körper des Mannes aus Vinci wieder soweit zusammengesetzt, daß seine wahre Größe erkennbar wird. Die osirishafte Reise endet mit der Wiederbelebung Leonardos und seinem Einzug ins Pantheon. Erst jetzt wird er als herausragendes Universalgenie gefeiert, als wahrer Heros der Renaissance in sein Recht eingesetzt. Raffael und Michelangelo, die Großen seiner Zeit, die ihm einst voraus waren: er hat sie und all die anderen überholt, hat sie alle hinter sich gelassen. Im Zeitalter der Weltausstellungen mit ihren technischen Höchstleistungen begreift man den kühnen Erfinder als einen Vordenker und Pionier, der seiner Zeit weit voraus war, ein Moderner avant la lettre. Die Intellektuellen – Literaten, Künstler und Kunstgeschichtler – verneigen sich vor dem ingegno des göttlichen Meisters. Jacob Burckhardt rühmt Leonardo als „den erstgeborenen Sohn der vollendeten Kunst“. Paul Valéry sieht in ihm „einen unbegrenzten, von allen körperlichen und materiellen Zwängen befreiten Geist“. Zwei Blüten des Geniekults, die anzeigen, daß um 1900 der Mythos den Platz von Leben und Biographie eingenommen hat. Die kaum abgeschlossene Geschichte der Wiederentdeckung Leonardos wird abgelöst durch eine neuartige Faszinationsgeschichte, deren Wellen bis heute nicht verebbt sind. Leonardo – der Maler, Spielmann und Erfinder – ist von einem der großen Renaissancekünstler zum unvergleichlichen Schöpfer einer Weltkultur avanciert, die als universell nicht zuletzt deshalb gilt, weil ihr einsamer Träger im ehrwürdigen Louvre genauso zu Hause ist, wie er es zeitweise in der Factory des Andy Warhol war – eine Begegnung der anderen Art, die den Dandy Leonardo in eine Pop-Ikone verwandelte und damit diesem Part seiner Persönlichkeit ein ganz eigenes Nachleben bescherte. Da steht also kein Beliebiger mehr, sondern ein vom Schicksal Auserwählter. Ein Mann für alle Fälle.
   „Universalgenie“ reimt sich auf „Universum“. Und tatsächlich hat man die Explosion des Geistes – Valéry spricht ohne Scheu von Leonardos „monströsem Gehirn“ – mit einem kosmischen Feuerwerk verglichen, das einen sich stetig ausbreitenden Sternenregen von großer Schönheit in die Welt geschickt hat. Und es stimmt, das Universum Leonardo da Vinci breitet sich mit ungebrochener Kraft und Geschwindigkeit immer weiter aus in Raum und Zeit. Und diese Ausdehnung, die nun schon über ein halbes Jahrtausend andauert, vollzieht sich augenscheinlich im Zeichen eines geheimnisvollen non finito, jenes frühen Prägestempels einer vorauseilenden und immer wieder einzuholenden Zeit, dem Leonardo selbst die Form eines endlosen Knotens gegeben hat. Aber wohin geht die Reise (selbst wenn ihr Ende ungewiß wäre)? Welche Energie hält die komplexe Materie mit ihren unzähligen Partikeln zusammen? Vor allem: Was wissen wir über die Anfänge? Gab es einen Auslöser, etwas wie einen Urknall?

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Umfangreiche Recherchen zur historischen Gestalt von Leonardos Mutter, einer Frau aus dem Umfeld der Familie da Vinci mit dem Namen Caterina, haben zu einem einzigen Treffer geführt. Als Teil eines verwickelten Erbes, das ein Florentiner Geschäftsmann namens Vanni di Niccoló nach seinem Tode dem Ser Piero da Vinci vermacht hat, ist (kein junges Mädchen aus dem Dorf, sondern) eine orientalische Sklavin, die nach dem Brauch der Zeit auf den Namen Caterina getauft wurde, in den Haushalt der da Vincis aufgenommen worden. Die schnell erfolgte Schwangerschaft, salopp gesprochen, ein zeittypischer Kollateralschaden für das weibliche Gesinde, räumt mit der vielfach kolportierten Wunschvorstellung auf, der unehelich geborene Leonardo sei (zumindest) ein Kind der Liebe gewesen. Noch im Jahr der Geburt wird Caterina mit einem gewissen Antonio Buti liiert und schon im nachfolgenden Jahr Mutter einer Tochter. Alessandro Vezzosi, der Direktor des Leonardo-Museums in Vinci und eine der Spürnasen dieser so wichtigen Fährte, hat aus den Fakten den einzig naheliegenden Schluß gezogen: Caterina hat ihren Sohn weder gestillt noch sich sonst um ihn gekümmert (kümmern können). Wahrscheinlich hat Leonardo seine Mutter nach der Entbindung nie mehr zu Gesicht bekommen. Damit fällt die von Freud vorgetragene Annahme einer langjährigen, erotisch aufgeladenen Mutter-Kind-Beziehung in sich zusammen. Die ins Auge gefaßte Kindheitsszene verlangt nach einer anderen Deutung.

Der kleine Leonardo wurde mit großer Wahrscheinlichkeit einer (Säug-)Amme übergeben, der sogenannten balia, einer festen Institution in der Toskana jener Zeit. Selbst Vasari erwähnt beiläufig, etwa am Beispiel des Michelangelo, diese tiefverwurzelte kulturelle Selbstverständlichkeit – und vergißt nicht mit dem Verweis auf Raffael, der von seiner Mutter gestillt worden sei, die Ausnahme zu erwähnen, welche die Regel bestätigt. Die Übernahme und Versorgung eines Babys durch eine bezahlte Amme dauerte normalerweise bis zum Zeitpunkt der Entwöhnung, also in etwa zwei Jahre. Bedeutsam in diesem Zusammenhang ist der in jener Zeit übliche Brauch, die Kleinen fest mit Bändern zu wickeln, von den Füßen aufwärts bis zu den Schultern, so daß nur der Kopf frei blieb. So lagen sie viele Stunden in der Wiege, um zwei-, dreimal am Tage aufgehoben und entwickelt, gesäubert und gestillt zu werden. Da Leonardo in seiner Kindheitserinnerung ausdrücklich erwähnt, der Milan habe ihn in der Wiege liegend angeflogen, kann es sich also bei jener Szene nicht um „eine Reminiszenz an das Saugen oder Gesäugtwerden an der Mutterbrust“ (so Freud) handeln. Vielmehr scheint der geschilderte Angriff des Vogels auf Lippen und Mund genau auf den Fall des streng gewickelten Säuglings gemünzt zu sein, der sein offenes Gesicht wehrlos seiner Umwelt darbietet. Man fragt sich unwillkürlich, ob nicht eine andere tieftraurige Bemerkung Leonardos genau diesen Schrecken einfängt: „Mein Gesicht ist ein Kerker der Liebe.“

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