LI 126, Herbst 2019
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Ich heisse Antonino Calderone

Bekenntnisse eines Mafiabosses – ein Theaterstück

   (…)

   Bis zu meiner Flucht aus Sizilien war ich bei der Mafia ein hohes Tier. Mein Bruder Pippo und ich waren die Capos der Mafiafamilie von Catania. Mein Bruder wurde im September 1978 umgebracht, danach haben sich die Ereignisse überstürzt. Eigentlich haben sie sich schon vorher überstürzt.
   Zuerst gab es in Catania nur eine Mafiafamilie. 1950 sind dann ein paar Mafiosi aus dem Süden, aus Palma di Montechiaro, nach Ramacca in die Provinz von Catania gezogen, um dort Arbeit zu suchen. Sie baten die Familie in Catania um Erlaubnis, ihre eigene Familie zu gründen. Seitdem gibt es in Catania zwei Mafiafamilien.
   Ich muß aber klarstellen, daß wir das Wort „Mafia“ unter uns nie benutzen. Wir sagen „Cosa Nostra“. Die Cosa Nostra ist eine Geheimorganisation, es ist die Vereinigung der „Uomini d’onore“, also der Ehrenmänner. Es gibt auch gewöhnliche Verbrecher, sehr viele sogar, ganze Heerscharen sind es in letzter Zeit geworden. Daß ich diesen Unterschied zwischen der Mafia und dem gewöhnlichen Verbrechen mache, müßt ihr mir verzeihen. Ich lege großen Wert auf diesen Unterschied. Er ist wichtig, weil unsereins ist ein Ehrenmann. Wir sind nicht irgendwer. Wir sind was Besseres als die gewöhnlichen Verbrecher. Wir haben Gesetze und wir befolgen sie.
   Die Zuhälterei zum Beispiel, bei der Cosa Nostra ist sie nicht erlaubt. Für uns ist das ein schmutziges Geschäft. Freiheitsberaubung ist eine andere Sache. Gegen Freiheitsberaubung haben wir bei der Mafia kein Gesetz, und ein Ehrenmann akzeptiert sie. Für ihn ist sie eine saubere Angelegenheit, anders als die Prostitution. In letzter Zeit, so sagt man, hat die Mafia in Sizilien keine Entführungen durchgeführt. Sie macht das woanders, in Turin oder Mailand, aber nicht in Sizilien. Na ja, manchmal gibt es auch Ausnahmen von der Regel.
   Es gibt viele Gründe, ein Ehrenmann zu werden. Man wird nicht ernannt, sondern beobachtet. Die Älteren studieren aufmerksam die Jüngeren. Die ganze Gruppe verfolgt die jungen Männer, und wenn einer hervorsticht, weil er besonders aufgeweckt, durchsetzungsfähig und machthungrig ist, dann wird er von den älteren Männern ermutigt. Sie bringen ihm alles bei, lenken ihn und nehmen ihn bei der Hand. Der Junge ist stolz auf so viel Anerkennung und schottet sich gegen andere Einflüsse ab. Er liest keine Zeitungen oder Bücher mehr, geht kaum noch zur Schule und selten in die Kirche.
   Ich bin in Catania geboren. Im schlimmsten aller Viertel und unter den schlimmsten aller Leute, am äußersten Stadtrand, in einem der letzten Häuser. In einem Niemandsland. Dort, wo das Wohnviertel endet und die Straße nach Syrakus beginnt, zwischen dem Meeresufer und der Autobahn nach Palermo. Ein Stück weiter gibt es eine Schlucht, einen Steinbruch, in dem wir als Kinder ab und zu Fußball gespielt haben – damals, kurz nach Kriegsende. Manchmal kamen ältere Jungs, die hatten Waffen aufgeklaubt, die Soldaten irgendwo weggeworfen hatten. Sie setzten sich an den Rand des Steinbruchs und warfen Handgranaten, Maschinengewehre und Munition hinunter. Sie wollten, daß das Zeug explodiert, und schmissen darum Steine oder angezündete Kartons hinterher.
   Mein Vater war ein armer Bauer aus Catania. Er arbeitete als Tagelöhner und bewirtschaftete ein winziges Stück gepachtetes Land an der Küste, schon fast im Ufersand gelegen. Wenn er nicht für andere arbeitete, harkte er seinen Weinberg, wo er zwischen Rebstöcken etwas Gemüse gepflanzt hatte. Weder mein Vater noch mein Großvater waren Mafiosi.
   Ganz anders die Familie meiner Mutter. Die erste Mafiafamilie in Catania wurde 1925 vom Bruder meiner Mutter gegründet, von meinem Onkel Nino, der später verschwunden ist. Danach hat Luigi, ein anderer Onkel von mir, seinen Platz im Kaffeeschmuggel eingenommen. Auch bei der Cosa Nostra ist er an Onkel Ninos Stelle gerückt und ist Vize-Capo der Mafiafamilie von Catania geworden.
   Ein Capo, das Oberhaupt einer Mafiafamilie, wird durch eine Wahl ernannt, eine reguläre Wahl mit gleichem Stimmrecht für alle. Ganz unten in der Familienhierarchie stehen die Soldaten. In Palermo nennt man sie auch „Picciotti“, das bedeutet „Freiheitskämpfer“. Bei uns in Catania heißen sie einfach nur „Soldaten“. Ganz oben stehen die „Rappresentanti“, also die Bosse oder Capos. Danach kommen die „Capidecina“, das sind Gruppenführer, die befehligen auch schon mal an die dreißig Mitglieder. Wenn die Gruppe sehr groß ist, kann es sein, daß ein Capo auch einen Stellvertreter hat.
   Jede Familie hat ihr Hoheitsgebiet, in dem sie frei schalten und walten kann. Auch der Capo ist unabhängig in seinen Entscheidungen. Einmal angenommen, es steht an, daß einer umgebracht werden muß, als Strafe für einen Verstoß gegen die vorgegebenen Regeln. Ein Büttel zum Beispiel, der bei der Polizei „gesungen“ hat. Da gibt der Boß den Tötungsbefehl, der Gruppenführer führt ihn aus und die betreffende Person verschwindet.

   (…)

Eines Tages versammelten sich in unserer Wohnung viele Ehrenmänner. Pippo stellt sie mir vor: Totò Greco, genannt Cicchiteddu, Antonio Salamone, Nenè Geraci, Gianni La Licata, der später von Pippo Calò erschossen wurde, und noch einige. Insgesamt waren sie zu siebt oder zu acht. Im Dachgeschoß breiteten sie Matratzen aus. Ich brachte ihnen ab und zu frischen Kaffee und hielt es kaum aus vor Neugier. Schließlich erklärte mir Pippo, daß auf der Versammlung entschieden werden sollte, wie man Angelo La Barbera beseitigt. Er würde aus Mailand kommen und sollte in der Pension Corona in der Via Etnea absteigen.
   Angelo La Barbera und sein Bruder waren die Bosse der Mafiafamilie von Palermo-Zentrum. Sie lag im Krieg mit den Grecos aus dem Vorort Ciaculli sowie der gesamten Cosa Nostra von Palermo. Es hatte eine Reihe von Anschlägen und Morden an wichtigen Mafiosi gegeben. Zwei mit Dynamit vollgestopfte Alfa Romeo Giulietta waren in die Luft geflogen, einer davon hatte im Juni 1963 das Blutbad von Ciaculli angerichtet, bei dem sieben Carabinieri starben. Sowohl die Cosa Nostra wie die Polizei dachten, die Gebrüder La Barbera wären die Urheber des Massakers, und so waren alle hinter ihnen her.
   In Wahrheit waren es nicht die Gebrüder La Barbera, was wir aber erst erfuhren, als es schon zu spät war. Der Drahtzieher von allem war in Wirklichkeit einer, der gegen alle war. Ein gewisser Michele Cavataio, der Boß vom Mafiabezirk Acquasanta in Palermo. Cavataio lag im Clinch mit der Elite der Cosa Nostra, weil sie seinen Freund ermordet hatten. Aus Rache beseitigte er Calcedonio Di Pisa – und zwar so, daß der Verdacht auf die La Barberas fiel.
   Cavataio war bösartig, unerbittlich. Wenn er einen Feind erledigen wollte, war er imstande, einen ganzen Palazzo in die Luft zu jagen, ohne sich um die unschuldigen Toten zu scheren. Sein Plan war, alle gegeneinander auszuspielen, um am Ende oberster Boß der gesamten palermitanischen Mafia zu sein.
   Aber diese Genies der Cosa Nostra kapierten das nicht und beschuldigten die Gebrüder La Barbera. Also berief man die Provinzkommission ein. Dort wollte Salvatore Greco von Angelo La Barbera wissen, warum sein Bruder Totò, der mit Nachforschungen über den Mord an Di Pisa beauftragt war, noch nichts herausgefunden hatte. Die Erklärungen der beiden Brüder überzeugten keinen, und so wurde Totò La Barbera noch am gleichen Tag mitten auf der Versammlung erdrosselt.
   Aber sein Bruder Angelo konnte fliehen. Er setzte daraufhin alles Mögliche in Bewegung, um zu beweisen, daß er nichts zu tun hatte mit dem Mord an Di Pisa und den ganzen Attentaten. Einige Jahre später starb er im Zuchthaus, man hat ihn erstochen, aber wegen einer anderen Sache.
   Jedenfalls hat sich bei der Cosa Nostra allmählich die Vorstellung durchgesetzt, daß man Cavataio unschädlich machen muß. Mein Bruder und Tommaso Buscetta wurden beauftragt, ihn zu kontaktieren. Bei dem Treffen waren sie dann total verblüfft, als Cavataio einen Stadtplan von Palermo aus der Tasche zieht, in den er alle Bosse der Cosa-Nostra-Familien mit vollem Namen eingetragen hatte. „Hier müssen wir das so machen und da muß das erledigt werden“, diktierte er gleich seine Bedingungen. Mein Bruder meinte zu mir, der ist verrückt, größenwahnsinnig. Und wie! Eine der Regeln der Cosa Nostra lautet schließlich: Niemals was Schriftliches.
   Zu dem Zeitpunkt kannte die Polizei die wahre Struktur der sizilianischen Mafia noch nicht. Es hatte noch keine Aussteiger gegeben, keine Pentiti, die Namen genannt und die Hierarchie und die Methoden beschrieben hätten. Die Richter begingen häufig, gerade deshalb, weil sie den Aufbau der Mafia nicht kannten, Ermittlungsfehler. Viele waren sogar der Ansicht, daß es die Mafia überhaupt nicht gebe. Und der Typ läuft mit einem Stadtplan mit lauter Namen durch die Gegend! Also beschlossen einige Familien der Cosa Nostra, ihn umzubringen.
   Doch es war nicht einfach, Cavataio aus seinem Versteck zu locken.

   (…)

 

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Mehr von:
Dacia Maraini
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 68
Aus dem Italienischen von Gudrun Jäger

Genre

Hauptthema
  • Geschichte der sizilianischen Cosa Nostra

Schlagworte

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