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Cover Lettre International 137
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LI 137, Sommer 2022

Frauen auf der Flucht

Ein Bericht aus dem polnischen Grenzland

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Die in Polen ankommenden ukrainischen Frauen erleben ein Land, das sich in einem ganz anderen Konflikt befindet. Vor kurzem hat die polnische Regierung das ohnehin fast vollstĂ€ndige Abtreibungsverbot weiter verschĂ€rft und den Zugang zu NotfallverhĂŒtung, aber auch zur Pille generell erschwert. Viele Frauen benötigen bei ihrer Ankunft medizinische Hilfe fĂŒr eine Vielzahl von Komplikationen, angefangen mit Problemen aufgrund von sexueller Gewalt (Geschlechtskrankheiten, Schwangerschaft, Traumata) ĂŒber Infektionen und Verletzungen bis hin zu bereits bestehenden Erkrankungen. Eine angemessene medizinische Versorgung kann außerdem Erkenntnisse ĂŒber die HĂ€ufigkeit von Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen in der Ukraine allgemein liefern. Bei ihrer Ankunft in Polen werden viele FlĂŒchtlinge an Bahnhöfen und GrenzĂŒbergĂ€ngen von religiösen Gruppen und militanten Abtreibungsgegnern empfangen, welche die Notlage dieser Frauen nutzen, um in Polens schon lĂ€nger tobendem Kampf um religiöse Freiheit und das Recht auf Abtreibung eine weitere Front zu eröffnen. Im ganzen Land konkurrieren GemeinderĂ€te, BĂŒrgermeister und die Zentralregierung mit unterschiedlichen politischen Zielen um die Kontrolle der humanitĂ€ren Maßnahmen. Bei der Behandlung von FlĂŒchtlingen gibt es gewaltige Unterschiede. Dies ist einer der GrĂŒnde dafĂŒr, daß am Osterwochenende erstmals mehr Ukrainerinnen in ihr Land zurĂŒckkehrten als ausreisten.

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MenschenhÀndler
Die unregulierte Fluchtbewegung von Millionen Frauen und Kindern, von denen viele so verstört und erschöpft sind, daß sie nicht mehr klar denken können, hat den Vereinten Nationen zufolge zu einer humanitĂ€ren Krise gewaltigen Ausmaßes gefĂŒhrt. Eine Helferin erzĂ€hlte mir, daß die Frauen, die sie an der Grenze traf, oft nicht wußten, was sie erwartete, nicht immer bei klarem Verstand waren und befĂŒrchteten, daß sie fĂŒr alles, was ihnen angeboten wurde, bezahlen mĂŒĂŸten. Obwohl neben den Polen Tausende Freiwillige aus der ganzen Welt herbeiströmten und obwohl die UN-Organisationen bei der Koordinierung ihrer Hilfsmaßnahmen mit der polnischen Regierung zusammenarbeiten, ĂŒbersteigt die Versorgung einer so großen Zahl von FlĂŒchtlingen alle Möglichkeiten. Die Gefahr, Menschenhandel, EntfĂŒhrung und sexueller Gewalt zum Opfer zu fallen, ist extrem hoch. Eine Freiwillige im Tesco erzĂ€hlte mir, in den ersten Kriegstagen, als private Fahrer ihre Autos noch nicht bei der Polizei anmelden mußten, habe eine Mutter mit ihrem Kind eine Mitfahrgelegenheit angenommen, sei dann aber auf halber Strecke aus dem Auto geworfen worden. Das Kind wurde bis heute nicht gefunden. Jedes Aufnahmezentrum kennt solche Geschichten aus der chaotischen Anfangsphase des Krieges. Maßnahmen wie das System mit den ArmbĂ€ndern im Tesco und die Kontrollpunkte an den ZugĂ€ngen setzen sich zwar zunehmend durch, werden aber nicht immer konsequent angewandt.
     Bereits kurz nachdem ukrainische Frauen an der polnischen Grenze ankamen, waren auch die MenschenhĂ€ndler zur Stelle. Organisationen zur BekĂ€mpfung des Menschenhandels wie die in den Niederlanden ansĂ€ssige La Strada hielten sich bereit. In der Freiwilligenlounge im Tesco sprach ich mit Irena Dawid-Olczyk, Leiterin von La Strada Polen, die mir erzĂ€hlte, daß MenschenhĂ€ndler ihre Opfer oft ĂŒber Tinder und andere Apps suchen. Zu den Online-AktivitĂ€ten gehörte das sogenannte Grooming: das Versprechen von Freundschaft, Transport, Unterkunft. Ritter in glĂ€nzender RĂŒstung. Eng damit verbunden war aber auch ein PhĂ€nomen, das die Menschen nur ungern wahrhaben wollten: „Wir haben in Europa in vielen Kriegen beobachtet, daß sich Frauen freiwillig fĂŒr die Prostitution entscheiden, weil sie Geld fĂŒr ihre Familien brauchen.“ Und sie fĂŒgte hinzu: „Wenn man es mit der Arbeit an einer Supermarktkasse vergleicht, mag es attraktiv erscheinen, drei NĂ€chte in der Woche zu arbeiten und dann Zeit und Geld fĂŒr seine Kinder zu haben.“
     Ich Ă€ußerte mich besorgt ĂŒber die Anwesenheit so vieler internationaler Freiwilliger, von denen die meisten ĂŒberhaupt keine Ausbildung hatten.
     Die AtmosphĂ€re in Medyka erinnerte mich an Kabuls frĂŒhe Expat-Szene, bevor es in Afghanistan gefĂ€hrlich wurde: als eine junge Boheme fĂŒr ein Auslandsjahr dorthin ging, oder Voyeure, um sich einen Krieg aus der NĂ€he anzuschauen. Iulija, eine Menschenrechtsaktivistin aus Donezk, die fĂŒr mich ĂŒbersetzte, loggte sich, wĂ€hrend wir im Tesco waren, in ihren Tinder-Account ein, um zu sehen, was dort so los war. Es gab Dutzende von auslĂ€ndischen Freiwilligen, US-Soldaten im aktiven Dienst, SanitĂ€ter in Uniform und KĂ€mpfer der ukrainischen Fremdenlegion. Das Profil von Matt aus Portland verriet, er sei hier, um eine „Ehefrau zu finden“ und in die Vereinigten Staaten mitzunehmen. Ein Mann erklĂ€rte, er lebe in Abu Dhabi, könne aber „in die Ukraine kommen, wenn die Situation es erfordert“. Viele Profile enthielten den gleichen Satz: „Bei mir bist du in Sicherheit.“ Ein Mann, der sich Tom nannte, postete, er schlafe „in einer Lagerhalle voller Proviant, wĂŒrde aber viel lieber die Nacht in deinem Bett verbringen“. Sean aus Maine gab an, er sei als Freiwilliger nach Polen gereist, habe sich aber mit Corona infiziert und suche „eine Frau, mit der er zusammen sein“ könne und „die Corona habe oder kĂŒrzlich gehabt“ habe.

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Angeln und Jagen
Die online verfĂŒgbare Menge an persönlichen Informationen ĂŒber diese vertriebenen Frauen hat die Aufmerksamkeit krimineller Banden auf sich gezogen. Heutzutage passiert es selten, daß MenschenhĂ€ndler Frauen mit physischer Gewalt unter ihre Kontrolle bringen. Die Anwerbung beginnt in offenen Gruppen auf Viber oder Telegram, wo zum Beispiel Reisen nach Frankreich organisiert und Jobs oder UnterkĂŒnfte in Luxusvillen angeboten werden. Die Banden suchen sich Orte wie Lourdes, von denen sie wissen, daß sie den Frauen bekannt sind. Sobald eine Gruppe genĂŒgend Follower hat, werden die Kontakte persönlich, und die Anwerbung wird intensiviert. Aktivisten, die gegen Menschenhandel kĂ€mpfen, geben sich als Teilnehmer dieser Gruppen aus, um sie zu ĂŒberwachen und die Nutzerinnen zu warnen, wenn sich die Inhalte in Richtung Sexarbeit entwickeln. Oft werden diese Aktivisten dann von Administratoren aus dem Gruppenchat geworfen unter dem Vorwurf, sie seien ZuhĂ€lter. Irena von La Strada erzĂ€hlte mir, viele polnische Gastgeber wĂŒrden sich melden aus Sorge darĂŒber, daß ihre ukrainischen GĂ€ste dubiose Kontakte im Internet knĂŒpfen. Es gab Berichte ĂŒber MĂ€nner in Mexiko, die junge Ukrainerinnen einluden und behaupteten, sie könnten leichter in die Vereinigten Staaten gelangen, wenn sie ĂŒber eine Landgrenze einreisten und dann Asyl beantragten. Ein Mann in Schweden lud drei MĂ€dchen im Teenageralter zu sich ein.
     MenschenhĂ€ndler auf Tinder und anderen Dating-Plattformen nutzen die Methoden des „Angelns“ (ein attraktives Angebot an FĂŒrsorge oder Romantik) und des „Jagens“, um die vulnerabelsten Frauen zu identifizieren. Das ist nicht schwer. In der Facebook-Gruppe Help for Ukrainian Refugees beispielsweise, die FlĂŒchtlinge mit britischen UnterstĂŒtzerfamilien zusammenbringt, finden sich viele Profile hĂŒbscher junger Frauen, die beim Versuch, potentielle UnterstĂŒtzer zu finden, Informationen preisgeben, die den MenschenhĂ€ndlern nĂŒtzlich sind. Eine Frau möchte eine Band grĂŒnden oder Französisch lernen, eine andere schreibt, ihre Eltern seien in der Ostukraine geblieben und sie sei allein unterwegs. Die MĂ€nner nehmen den Kontakt oft mit vĂ€terlicher Besorgnis auf, erzĂ€hlte mir Irena. Sie sagen beispielsweise: „Ich habe eine Tochter im gleichen Alter, die sich auch dafĂŒr interessiert!“ Teenager, die von ihren Familien getrennt sind und sozial isoliert, sind ein ideales Ziel.

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