LI 128, Frühjahr 2020
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Après Brexit

Die neue Orthodoxie oder der rechte Marsch durch die Institutionen

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Dubioses Vorbild Perikles
Der Begriff der „entsetzlichen Vereinfacher“, der terribles simplificateurs, wurde zuerst von dem Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt gegen Ende des 19. Jahrhunderts gebraucht. Burckhardt sagte voraus, daß eine unvorstellbare Zunahme materiellen Wohlstandes mit einer brutalen Simplizität der politischen Kultur einhergehen werde, welche das Ende der Herrschaft des Rechts bedeuten und die gesellschaftlichen Beziehungen nivellieren würde. Diese Kritik beschränkte sich nicht auf die Bedrohung, die er in seiner Gegenwart wahrnahm.
     Boris Johnson beschwört gerne Perikles als seinen großen politischen Helden. Es heißt, er habe in der Downing Street eine Büste des großen Mannes mit Generalshelm auf dem Schreibtisch stehen. Für viktorianische Schulmeister und klassisch gebildete Imperialisten war in der Tat Perikles die herausragende Ikone, wie er es in jüngerer Vergangenheit für die Mitbegründer des amerikanischen Neokonservatismus war, den Yale-Althistoriker Donald Kagan und dessen Söhne Robert und Frederick (die beide beim Anzetteln des zweiten Irakkrieges eine wichtige Rolle spielten). Und doch war für die Gründerväter der Vereinigten Staaten, für Alexander Hamilton und James Madison insbesondere, Perikles ein Kriegstreiber und Imperialist, der den fatalen Krieg mit Sparta begann und starrsinnig weiterführte und der die politische Kultur Athens zuschanden werden ließ. Dies war auch die Meinung Burkhardts. Wie die späteren römischen Kaiser habe Perikles das Volk verführt – er war „gezwungen, … [dessen] Gier – nicht zu stillen, denn das war nie möglich, sondern mit Genüssen aller Art hinzuhalten“. Perikles mag den Ausbruch des Peloponnesischen Krieges sogar willkommen geheißen haben, weil dieser den Unmut des Volkes von ihm ablenkte.
     Wir wissen aus den Schriften von Thukydides, Aristoteles und Plutarch, daß Perikles streng rassische Kriterien für das athenische Bürgerrecht einführte: Jeder Bürger mußte zwei athenisch gebürtige Eltern haben, was Schwierigkeiten für Perikles’ zweite Frau Aspasia ergab. Er war an die Macht gekommen, indem er in einer Kampagne, die in ihrer Rücksichtslosigkeit und Schläue von Cambridge Analytica hätte geplant werden können, seinen Gegner durch ein Scherbengericht verbannen ließ. Um seinen Einfluß zu stärken, beschnitt er die Macht der oberen Kammer, des Areopags, der als Korrektiv der Volksversammlung gewirkt hatte. Und er verwendete die Tributzahlungen der athenischen Verbündeten (tatsächlich Kolonien) nicht für die gemeinsame Verteidigung, für welche sie bestimmt waren, sondern zur Ausschmückung der Stadt und zu Zahlungen an die Bürger, damit sie die Versammlungen besuchten – eine Politik nach der Devise Brot und Spiele, mit der eine abhängige Bürgerschaft geschaffen wurde, auf deren Wiederwahl von Perikles als strategos man sich immer verlassen konnte.
     Seine berühmten Reden sind in der Tat Meisterwerke der Eloquenz, doch sind sie auch typisch für die Ansprachen aller Kriegsführer: Wir haben das Recht auf unserer Seite, wir sind großartig, wir gewinnen, glaubt dem düsteren Gerede nicht. Nachdem Perikles an der Pest starb, deren Ausbruch vielleicht eine Nebenwirkung der Hungersnot war, verloren die Athener ihr Zutrauen zu seinem Demokratiemodell. Nach und nach, aber entschieden wandten sie sich zurück zu dem komplexeren und stärker nuancierten System, das Kleisthenes ein Jahrhundert zuvor eingerichtet hatte: Der Areopag wurde wiederbelebt, und man verließ sich stärker auf Fachkräfte in der Verwaltung und professionelle Generäle, denen man längerfristige Verträge gab. Mit anderen Worten: eine Rückkehr zu den Eliten, obwohl die demokratische Tradition immer noch blühte. Man könnte sagen, daß die athenische Demokratie im Lauf der Jahre re-kompliziert wurde.

Tarnkappe der Normalisierung
Man ist immer versucht, zu glauben, daß die Normalität sich durchsetzen wird, daß die Regierung, die wir jetzt haben, im Grunde eine Fortsetzung früherer Regierungen ist, lediglich mit anderem Personal und einem anderen Stil. Jeder neue Premierminister mit einer gewissen Schläue wird diese Tarnkappe der vermeintlichen Normalisierung gerne aufsetzen. Von Johnson wird bereits gesagt, er regiere „wie ein Pragmatiker der Mitte“. Er läßt verbreiten, er sehe sich als eine Art reinkarnierten Michael Heseltine, einen „Brexit-Hezza“. Solche frühen Monate, sogar Jahre, sind typisch für autoritäre Regimes, die ihre Position stabilisieren und das Vertrauen von Wählern gewinnen möchten, die etwas nervös sind, was sie sich da wohl eingehandelt haben mögen. Es ist schmerzlich, sich daran zu erinnern, mit welch leuchtendem Blick ausländische Besucher nach ihren frühen Reisen in die Diktaturen der dreißiger und vierziger Jahre zurückkehrten.
     Nun, zu Derartigem muß es nicht unbedingt kommen. Unter dem Druck der Umstände könnte die Regierung Johnson – und andere derselben Machart – tatsächlich in die Normalität zurückweichen oder durch genuin aus der Mitte regierende Politiker ersetzt werden. Eines ist gewiß klar: daß dies keine Fortsetzung des Thatcherismus ist. Es gibt kaum irgendwelche Hymnen auf den freien Markt oder die Deregulierung, kein Zögern vor Interventionen, keinen Widerwillen, eine ganze Menge Geld auszugeben (oder dies zumindest zu versprechen). Man benutzt jede Gelegenheit, um die Etikettierung als Vertreter einer Austeritätspolitik oder als Neoliberale zu vermeiden.
     Wie und wann ist dieser neue Stil zur neuen Orthodoxie geworden? Wie konnte ein Politiker, der noch vor wenigen Jahren allgemein als gescheiterter Blödmann betrachtet wurde, eine so unbestreitbar dominante Position erringen?

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Mehr von:
Ferdinand Mount
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 56
Aus dem Englischen von Joachim Kalka

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Hauptthema
  • Ein neuer Stil und eine neue Orthodoxie der Tories nach dem Brexit

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