LI 118, Herbst 2017
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A-Atheismus

A-Atheismus: Ist das ein Stottern? Vielleicht, aber dann von jener Art Stammeln, das bestimmte Menschen in der Gegenwart „Gottes“ ergreift (Johannes vom Kreuz zum Beispiel). Oder aber es handelt sich gar nicht um ein Stottern, sondern um den Versuch, die Negation einer Negation anzuzeigen, dann aber so, daß sie von zweiterer weder die dialektische Aufhebung noch die pure Annullierung wäre.
Der Atheismus ist in dem Maße, in dem unsere – westliche/globale – Kultur sowohl in ihrer Struktur als auch in ihrem Verhalten durchgehend ohne wirklichen, aktiven, organisierenden und kollektiven Bezug zu einer Vorstellung des Göttlichen auskommt, die einzige Denkhaltung. In dieser modernen Haltung kommt aber nur ein Keim zur Reife, der seinem Wesen nach bereits in den Anfängen der abendländischen Wende der Welt angelegt war. Die bestimmendste Eigenschaft dieser Wende war nämlich das „Entschwinden der Götter“. Die Politik der Polis, die Philosophie des logos und eine Ökonomie, in der die Produktion an die Stelle bloßer Reproduktion tritt, definieren eine Welt, die sich nicht mehr an der Gegenwärtigkeit der Götter orientiert.
Daraus folgt, daß der Monotheismus, in jener verwandelten Form, die er in der Hellenisierung der Juden sowie dann in der Geburt des Christentums annehmen wird, eine sehr tiefreichende und überaus bemerkenswerte Ambivalenz in sich trägt: In ihm verbindet sich nämlich eine neue Gegebenheit Gottes mit der Übernahme des Atheismus selbst. Der Gott des Monotheismus ist kein Gott der Gegenwärtigkeit mehr, sondern ein Gott der Abwesenheit. Er zieht sich in eine andere – oder jenseitige – Welt zurück. Nun ist diese andere/jenseitige Welt aber auch die, nach welcher ein Denken verlangt, das von nun an auf der Suche nach einem Prinzip oder einem Grund für die Welt der gegebenen Wirklichkeit ist.
Auf diese Weise konnte der Gott des Juden-Christentums – zumindest für einen Teil seiner selbst (auf den anderen Teil werden wir später noch zu sprechen kommen) – zum Träger dieses prinzipiellen oder grundlegenden Werts werden. Davon ausgehend können wir die moderne Entwicklung des Atheismus verstehen oder vielmehr das, was ihm jene Prägung verleiht, die ihn als eigentlich modern erscheinen läßt.

(…)

Es hat also, ernsthaft betrachtet, nie einen metaphysischen Gott gegeben, und „Gott ist tot“ ist nur der verspätete Ausdruck der gereiften und erklärten Wahrheit der gesamten Philosophiegeschichte. Die Philosophie ist in ihrem Prinzip atheistisch, und mit ihr die gesamte Onto-Theologie, in der „Gott“ der putativ angenommene Name oder die bequeme Chiffre einer Notwendigkeit des Gegebenen ist, jener Name, der von dem Wunsch postuliert wird, die Kontingenz der Welt zu begründen.
Die These oder Hypo-These Gottes verfügt über keinerlei philosophische Konsistenz. Der Theismus ist nur die nominale und bunte Kehrseite des Atheismus, der seine wirkliche, logische und zugleich materielle Wahrheit darstellt, eine Logik, die kalt und grau ist, wie die Einsamkeit der Welt inmitten von nichts.
Auf diese Weise entdecken wir die Nutzlosigkeit des Begriffs „Atheismus“.

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Mehr von:
Jean-Luc Nancy
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 44
Aus dem Französischen von Markus Sedlaczek
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