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Cover Lettre International 31, Nusret Pasic
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Inhaltsverzeichnis

LI 31, Winter 1995

Die Pilatus-Taktik

Frieden f├╝r Europa - das Ende f├╝r Bosnien?

(...)

├ähnlich wie die UNO hat jede Nation f├╝r ihre Bosnien-Politik Entschuldigungen geltend gemacht, die vor dem Hintergrund der innenpolitischen Gegebenheiten dieser Nationen plausibel gewesen sind. Obwohl sich die Deutschen Ende 1991 nicht davor gescheut hatten, die internationale Anerkennung Kroatiens voranzutreiben, stellten sie sich danach auf den Standpunkt, die w├Ąhrend des Zweiten Weltkriegs auf dem Balkan begangenen Nazi-Verbrechen w├╝rden ihnen ein aktives Eingreifen in Bosnien verbieten. Im Sommer 1995 vertraute mir ein deutscher Politiker w├Ąhrend seines Informationsbesuchs in Kroatien an: ,,Unser Botschafter hier ├╝berl├Ą├čt praktisch alles den Amerikanern. Wie es scheint, ist er noch nicht mal ├╝ber den aktuellen Stand der Verhandlungen auf dem "laufenden". Aus deutscher Sicht mag dies zweifellos der weisere Kurs gewesen sein. Da man den Deutschen vorwarf, sie h├Ątten durch ihre ├╝bereilte Anerkennung Kroatiens und Sloweniens den Krieg in Bosnien erst heraufbeschworen, begn├╝gten sie sich nun mit einem Platz am Spielfeldrand: Dort, wo man eigentlich Europas st├Ąrkste Macht erwartet h├Ątte, klaffte ein diplomatisches und politisches schwarzes Loch.

R├╝ckblickend konnte ein Europa, aus dem die Deutschen verschwunden waren, niemals eine stringente Balkanpolitik verfolgen. Aber Deutschland gl├Ąnzte durch Abwesenheit, weil die Deutschen noch immer der Idee verhaftet waren, Deutschland habe sich aus der internationalen Politik herauszuhalten, selbst nach Ende des Kalten Krieges und nach Aufl├Âsung der Ordnung von Jalta, auf der das Modell Deutschland als ├Âkonomische Gro├čmacht und politisch und milit├Ąrisch weiterhin besetztes Land basiert hatte. Der Schritt zur diplomatischen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens war im Grunde Deutschlands erste Ma├čnahme, die im Widerspruch zu den W├╝nschen der Amerikaner und Franzosen stand. Und was die Deutschen ablehnten - aus Furcht vor jener vermeintlichen Lektion des zwanzigsten Jahrhunderts, wonach Deutschland entweder demokratisch oder politisch m├Ąchtig, aber nie beides zusammen sein k├Ânne -, das pa├čte der politischen und wirtschaftlichen F├╝hrungsschicht Deutschlands perfekt in ihr Konzept: Politisch Partei zu ergreifen war naturgem├Ą├č schlecht f├╝rs Gesch├Ąft. Und so deckten sich die Interessen der sentimentalen Linken und die der Bundesbank auf erschreckende Weise.

Der Druck der ├ľffentlichkeit, hervorgerufen durch sechs Monate Abendnachrichten und die Bilder, wie Vukovar in Echtzeit dem Erdboden gleichgemacht wurde, hatte Bonn - in weitaus st├Ąrkerem Ma├č als die Einflu├čnahme der kroatischen Diaspora in Bayern oder das Dr├Ąngen der ├ľsterreichischen Regierung - zur diplomatischen Anerkennung Kroatiens gezwungen. Zugunsten Bosniens gab es keinen solchen Druck. Ganz im Gegenteil: Gerade die deutsche Linke ereiferte sich gegen die Rufe nach einer milit├Ąrischen Intervention und klammerte sich an ihren, so einer ihrer Wortf├╝hrer, prinzipiellen Antibellizismus."

In Frankreich und in Gro├čbritannien, wo keine nennenswerte Tradition des Antibellizismus existierte, mit der sich die Politiker h├Ątten auseinandersetzen m├╝ssen, herrschte die weitverbreitete ├ťberzeugung, es lohne sich einfach nicht, den Frieden in Europa aufs Spiel zu setzen, blo├č um die Vernichtung der bosnischen Muslime zu verhindern, so bedauerlich deren Schicksal auch sein mochte. London und Paris wollten eine Beilegung des Bosnienkonfliktes zum fr├╝hestm├Âglichen Zeitpunkt. Ihnen war bewu├čt, da├č ihre W├Ąhler, im Gegensatz zu den Amerikanern, wegen des Verlusts einer relativ kleinen Zahl von Soldaten bei UN PROFOR-Eins├Ątzen auf dem Balkan nicht aufbegehren w├╝rden.

Doch auch wenn sie auf Verluste unter ihren Truppen gefa├čt waren, stand f├╝r die Briten und Franzosen fest, da├č die UNPROFOR-Truppen nicht f├╝r immer in Bosnien bleiben konnten. Und als der Krieg im Fr├╝hjahr 1995 wieder mit aller Heftigkeit losbrach, fiel den Briten und Franzosen die humanit├Ąre Rechtfertigung des UNPROFOR-Einsatzes noch schwerer als seinerzeit Shashi Tharoor und seinen Kollegen in der UN-Abteilung f├╝r friedenserhaltende Operationen w├Ąhrend der Bihac-Krise Ende 1994. Die Geiselkrise vom Juni 1995, bei der die Serben im Anschlu├č an ein paar begrenzte Luftangriffe der NATO Hunderte von Blauhelmen und UN-Milit├Ąrbeobachtern als Geiseln nahmen, verst├Ąrkte blo├č den Wunsch der Gro├čm├Ąchte nach einem R├╝ckzug der UNPROFOR. Forderungen nach einer Evakuierung des UNPROFOR-Personals aus den ├Âstlichen Schutzzonen Gorazde, Srebrenica und Zepa waren dem Weltsicherheitsrat in einer nicht ├Âffentlichen Sitzung schon am 24. Mai 1995 f├Ârmlich unterbreitet worden, von General Janvier. Und die Ausweichpl├Ąne f├╝r die Verlegung der UNPROFOR in sicherere Stellungen in Zentralbosnien, weit entfernt von den umk├Ąmpften Gebieten, wurden auf den neuesten Stand gebracht. Innerhalb der UNPROFOR ging man mittlerweile weitgehend davon aus, da├č die eigentliche Aufgabe der sogenannten Schnellen Eingreiftruppe aus britischen, franz├Âsischen und holl├Ąndischen Verb├Ąnden, die ein paar Monate fr├╝her stationiert worden war und deren Vorschriften f├╝r den Waffengebrauch weniger eng waren als bei anderen UNPROFOR-Truppen in Bosnien, darin best├╝nde, den Abzug der UN-Kontingente zu sichern.

Man konnte ├╝berall h├Âren, da├č sich die Briten bereits auf ihren Abzug vorbereiteten. Es war die franz├Âsische Regierung Fran├žois Mitterrands, die sich gegen einen Abzug str├Ąubte. Aber Mitterrands Nachfolger war Jacques Chirac, ein Mann der zwar keine besonderen Sympathien f├╝r die Seite der bosnischen Regierung hegte - ,,das sind doch alles Tiere, die reinsten Barbaren", sagte er bei seinem ersten offiziellen Besuch in Washington zu einer Gruppe von Kongre├čabgeordneten -, aber auch nicht die tiefsitzende, generationsbedingte und kulturelle Verbundenheit mit den Serben versp├╝rte, die seinen Vorg├Ąnger ausgezeichnet hatte. Chirac zeigte nur m├Ą├čiges Interesse f├╝r die 1915 vollbrachten Heldentaten General Franchet Despinays, die Franko-Serbische Freundschaft oder das Schreckgespenst ottomanischer Blutr├╝nstigkeit, das jedes Schulkind der Mitterrand-Generation durch die Geschichte ├╝ber den zu Nis aufget├╝rmten Berg aus Serbensch├Ądeln kennengelernt hatte. Chirac, der seinen Milt├Ąrdienst in vollen Z├╝gen genossen hat und in seiner Verpflichtung auf Frankreichs glorreiche milit├Ąrische Vergangenheit - wie er durch die zum f├╝nfzigsten Jahrestag von Hiroshima wiederaufgenommenen franz├Âsischen Atomtests im S├╝dpazifik unter Beweis stellen sollte - durch nichts zu beirren ist, lag die franz├Âsische Armee am Herzen. Und die franz├Âsischen UNPROFOR-Truppen wurden gedem├╝tigt.

So wie jede richtige nationale Armee ihren Traum von Ruhm und Ehre hat, hat auch jede ihren Alptraum. Der Alptraum der franz├Âsischen Armee hei├čt schm├Ąhlicher R├╝ckzug". Das Ende der Armee Napoleons III. in Mexiko im Jahre 1864, Frankreichs Untergang im Jahre 1940, Dien Bien Phu im Jahre 1954 und der 1962 besiegelte Verlust Algeriens sind die unertr├Ąglichen Ereignisse in den milit├Ąrischen Annalen Frankreichs. Im Sommer 1995 zeichnete sich ab, da├č die franz├Âsischen Einheiten im Sektor Sarajevo mehr oder weniger davor standen, wieder einmal gedem├╝tigt zu werden.

Wie fast immer in Bosnien, und allen anderslautenden Beteuerungen der UNPROFOR zum Trotz - durch die bosnischen Serben erfolgen. Das Waffenstillstandsabkommen, das der fr├╝here amerikanische Pr├Ąsident Jimmy Carter im Winter 1994/95 ausgehandelt hatte, war schon im Fr├╝hjahr 1995 Makulatur. W├Ąhrend des Waffenstillstands hatte die UNPROFOR die am S├╝dufer des Flusses Miljacka gelegenen Kontrolppunkte einer jener Br├╝cken besetzt, die das von der bosnischen Regierung kontrollierte Sarajevo mit dem von den Serben gehaltenen Stadtteil Grbavica verbinden. Ein paar Zivilisten gestattete man sogar, die Br├╝cke in dieser oder jener Richtung zu ├╝berqueren. Als die K├Ąmpfe wieder aufflammten, beschlossen die Serben, diese Kontrollpunkte zur├╝ckzuerobern. Zu diesem Zweck zogen sie sich erbeutete franz├Âsische Uniformen an. Warum der Sachverhalt, da├č sie sich als Franzosen verkleideten, Jacques Chirac derart auf die Palme gebracht haben soll, ist in Anbetracht dessen, was die Serben sonst noch in Bosnien getan haben, eine Frage f├╝r Psychohistoriker. Es steht jedoch au├čer Frage, da├č dies tats├Ąchlich so gewesen ist. Chirac pers├Ânlich ordnete die R├╝ckeroberung dieser Br├╝cke an. Zur gro├čen Belustigung der an der Frontlinie stationierten bosnischen Regierungstruppen mu├čten die mit dieser Aufgabe betrauten franz├Âsischen Einheiten die bosnische Seite um Feuerschutz bitten und darum, dieses Hilfsersuchen f├╝r sich zu behalten; die Bosnier kamen der ersten Bitte nach.

Danach ├Ąnderte sich die Einstellung der Franzosen. Franz├Âsische Bodentruppen, die sich bis dahin vorbehaltlos den offiziellen" Blickwinkel der UN-Abteilung f├╝r friedenserhaltende Operationen zu eigen gemacht hatten, wonach alle Konfliktparteien die gleiche Schuld traf, sprachen von da an mit unverh├╝lltem Ha├č ├╝ber die Serben. Und Chirac wollte nichts mehr mit den Serben zu tun haben. Durch ihre Geiselnahmen und ihren Angriff in Sarajevo hatten die Serben den Bogen ├╝berspannt. Zun├Ąchst war dies freilich noch nicht klar zu erkennen. Das Leichenhaus Srebrenica stand erst noch bevor. Es war jedoch offenkundig, sogar noch vor dem erneuten Engagement der Amerikaner, da├č die Tage der UNPROFOR-Mission gez├Ąhlt waren. Angesichts Srebrenicas war jedoch v├Âllig unklar, was die Zukunft bringen w├╝rde: einen uneingeschr├Ąnkten Sieg der Serben oder irgend ein anderes Ergebnis, was nach so vielen entt├Ąuschten Hoffnungen nur schwer vorstellbar schien.

Im Gegensatz zu Frankreich war der britischen Regierung das Schicksal Bosniens im Grunde immer gleichg├╝ltig gewesen. Die Franzosen begriffen, da├č Bosnien eine Dem├╝tigung Europas bedeutete, auch wenn sie sich weigerten, ihre eigene Rolle in dieser sch├Ąndlichen Trag├Âdie klar einzugestehen. Die Engl├Ąnder waren v├Âllig indifferent. Ein h├Âherer Beamter des Foreign Office sagte zu Michael Williams gegen Ende einer Lagebesprechung, bevor sich drr UN-Beauftragte f├╝r die ├ľffentlichkeitsarbeit im ehemaligen Jugoslawien f├╝r 1993 und 1994 nach Zagreb aufmachte, um seinen Posten anzutreten: ,,Mein lieber Mann, das sind dort alles Kannibalen."

Kein amerikanischer Diplomat, mag er noch so gef├╝hllos oder uninformiert gewesen sein, hat je so ├╝ber Bosnien gedacht. Es ist den Amerikanern hoch anzurechnen, da├č sie sich weigerten, ihr Gewissen drau├čen vor der T├╝r zu lassen, wenn sie die Bosnienfrage er├Ârterten. Madeleine Albright, die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, begr├╝ndete die amerikanische Ablehnung des Vance-Owens-Friedensplans mit dem Argument, die USA k├Ânnten keinem Plan zustimmen, der ethnische S├Ąuberungen in so starkem Ausma├č belohne". Europ├Ąer m├Âgen diesen amerikanischen Moralismus, den sie in der Regel als eine Spielart von Naivit├Ąt erachten, besp├Âtteln, doch auch wenn sich manche amerikanische Politikwissenschaftler neuerdings zu einer eher europ├Ąischen Realpolitik hingezogen f├╝hlen, bedarf die amerikanische Au├čenpolitik unbedingt einer moralischen Komponente, da sie sich andernfalls selbst zum Scheitern verurteilt. Nat├╝rlich besteht hierbei immer die Gefahr, da├č Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Und genau das ist in Bosnien passiert.

Von dem Zeitpunkt, als die Clinton-Regierung dem Vance-Owen-Plan ihre Unterst├╝tzung entzog, bis zum Sommer 1995, als sie sich mit der konkreten Aussicht konfrontiert sah, Truppen zu entsenden, um den Abzug der UNPROFOR abzusichern - oder, mit anderen Worten, die schwierigste und gef├Ąhrlichste aller milit├Ąrischen Operationen zu ├╝berwachen: einen R├╝ckzug unter feindlichem Feuer -, hatten sich die USA damit begn├╝gt, Initiativen der Europ├Ąer und der Vereinten Nationen zu blockieren, die der bosnischen Regierung eine Teilung ihres Landes aufzwingen sollten, und politischen Rat sowie, in geringf├╝gigem Ausma├č, verdeckte Milit├Ąrhilfe zur Verf├╝gung zu stellen. Manche Mitarbeiter der Regierung - etwa der Nationale Sicherheitsberater Anthony Lake, Madeleine Albright und Richard Holbrooke, der Bosnien-Sonderbeauftragte des Au├čenministeriums - wollten mehr tun. Doch Strobe Talbott, de Stellvertretende Au├čenminister, war der Ansicht, da├č eine st├Ąrkere Unterst├╝tzung der bosnischen Regierung die Jelzin-Regierung in Moskau in Bedr├Ąngnis bringen w├╝rde, und seine Ansichten ├╝berzeugten einen Pr├Ąsidenten, der nach Entschuldigungen suchte.

Die unerm├╝dlichen Bem├╝hungen des Senators zur Aufhebung des Waffenembargos gegen├╝ber der bosnischen Regierung - mochten sie noch so sehr von politischer Berechnung gepr├Ągt sein - sorgten daf├╝r, da├č Bosnien ein Thema blieb, dem die Regierung nicht v├Âllig ausweichen konnte. Und als Senator Dole - nach den Ereignissen von Srebrenica - im Kongre├č genug Stimmen beisammen hatte, um nicht blo├č ein Gesetz zur Aufhebung des Waffenembargos durchzubringen, sondern wom├Âglich auch das von Clinton in Aussicht gestellte Veto au├čer Kraft zu setzen, begann die Regierung energisch zu handeln. Der Bosnien-Sonderbeauftragte Holbrooke, der seine Unzufriedenheit mit der US-Politik und seinen Wunsch, aus der Regierung auszuscheiden und ins New Yorker Bankengesch├Ąft zur├╝ckzukehren, nie verhehlt hatte, erhielt pl├Âtzlich die Befugnis, im Namen der Vereinigten Staaten aktiv zu werden.

Das Friedensabkommen f├╝r Bosnien, das bei seinen Verhandlungen herauskam, wurde im November 1995 in Dayton, Ohio, paraphiert. Es ist in der Tat Holbrookes Verdienst. Anders als seine englischen und franz├Âsischen Kollegen oder die Beauftragten der Europ├Ąischen Union und der UNO hat er nie geglaubt, da├č seine moralischen ├ťberzeugungen bei seiner T├Ątigkeit als Diplomat keine Rolle spielen d├╝rften. Seine Frau, Kati Marton, hat B├╝cher ├╝ber den Grafen Bernadotte und Raoul Wallenberg geschrieben, ├╝ber Diplomaten, die sich vor die Entscheidung gestellt sahen, entweder mit den Nazis zu verhandeln oder die Menschen, denen sie helfen wollten, ihrem Schicksal zu ├╝berlassen. In Privatgespr├Ąchen hat Holbrooke des ├Âfteren auf das Dilemma dieser M├Ąnner hingewiesen, genauso wie er und Mitglieder seines Teams ihre Wut auf die Serben ganz offen ausgesprochen haben. ,,F├╝r die Muslime", sagte mir einer von ihnen, ,,ist eine Anerkennung der `Republika Srpska' wie eine Anerkennung des Dritten Reiches." Ein UN-Beamter h├Ątte dasselbe sagen k├Ânnen. Aber den folgenden Satz h├Ątte keiner von ihnen auch nur im Traum ausgesprochen: ,,Die Bosnier sind im Recht", fuhr der Diplomat fort, doch sie sind nicht stark genug, um die Serben auf dem Schlachtfeld zu bezwingen."

Deshalb baute Holbrooke, wie schon das Vance-Owen-Team, bei seiner Diplomatie auf einem Handel mit Slobodan Milosevic, dem Ausl├Âser der jugoslawischen Katastrophe; oder, anders formuliert, auf eine Trennung des Zauberers von seinen Lehrlingen. Zwar vertraten manche Leute nach Dayton die Ansicht, Holbrooke h├Ątte unter Umst├Ąnden einen besseren Vertrag aushandeln k├Ânnen, doch niemand glaubte ernsthaft, da├č es au├čer einem Frieden, der Milosevic fast alles gab, was er haben wollte, und einer R├╝ckkehr zum Krieg noch andere Alternativen gegeben h├Ątte. Doch was die Amerikaner von den UN-Beamten und den Diplomaten der Europ├Ąischen Union unterschied, war die Tatsache, da├č sie die bosnische Trag├Âdie mit moralischen Begriffen erfa├čten - ,,das gr├Â├čte Versagen des Westens seit den 30er Jahren", pflegte Holbrooke zu sagen.

Trotz seiner Aggressivit├Ąt und seines legend├Ąren Selbstbewu├čtseins schien Holbrooke nie aus dem Auge zu verlieren, was in Bosnien auf dem Spiel stand. Vielleicht war dies der Grund, weshalb der von ihm formulierte Friedensllan eine v├Âllig andere Qualit├Ąt aufzuweisen schien als der, den die franz├Âsische Regierung achtzehn Monate fr├╝her vorgelegt hatte, obwohl beide Pl├Ąne de facto eine Teilung des Landes vorsahen. Holbrooke sp├╝rte einfach, da├č es keine Alternative gab: Entweder k├Ąmpften die Bosnier weiter oder sie akzeptierten den am wenigsten ungerechten Frieden, den die Amerikaner f├╝r sie herausholen konnten. Bei den diplomatischen Verhandlungen, nach den NATO-Luftangriffen gegen die Serben, aber vor den Gespr├Ąchen in Dayton, ergab sich eine Situation, in der die Bosnier auf stur schalteten. Holbrooke, so erz├Ąhlte sp├Ąter einer der bosnischen Verhandlungsf├╝hrer, habe die Achseln gezuckt und gesagt, wenn es ihnen damit ernst sei, m├╝├čten sie eben wieder zum Krieg zur├╝ckkehren. Und genau das war der Punkt. H├Ątte die Weltgemeinschaft gleich zu Anfang interveniert und Truppen in Bosnien stationiert, als Pr├Ąsident Izetbegovic sie zum ersten Mal darum gebeten hatte, dann h├Ątten die Serben, wie Radovan Karadzic in einem BBC-Interview selbst einger├Ąumt hat, vom Krieg absehen m├╝ssen. W├Ąre das Waffenembargo 1993 aufgehoben worden, dann h├Ątten sich die milit├Ąrischen Tatsachen wom├Âglich anders dargestellt. Doch im Herbst 1995 war es einfach zu sp├Ąt.

Man sagt den Bosniern nach, sie seien Tr├Ąumer, und f├╝r lange Zeit hielten sie Wirklichkeit von sich fern, so wie Sarajevo seinen serbischen Belagerern die Stirn bot. Doch als es der bosnischen Regierungsarmee im Mai 1995 nicht gelang, den serbischen Belagerungsring um Sarajevo zu sprengen, und besonders nach dem Gemetzel von Srebrenica, war den Bosniern klar, da├č ihnen nur noch eine Alternative blieb: nachzugeben. Die Amerikaner bestanden jetzt auf Frieden und r├╝ckten von ihrer Zusage ab, f├╝r einen einheitlichen bosnischen Staat einzutreten. Die Aussicht, zwischen den Serben und einem unzuverl├Ąssigen kroatischen Verb├╝ndeten sowie einem ihnen gegen├╝ber weitgehend feindlich eingestellten Europa und einer gleichg├╝ltigen UNO zerrieben zu werden - diesmal jedoch ohne die offene diplomatische und die verdeckte milit├Ąrische Unterst├╝tzung durch die Amerikaner -, war mehr als be├Ąngstigend. Schon bevor sie in Dayton eintrafen, wu├čten sie, da├č es keine echte Alternative zu der von Holbrooke zusammengeschusterten humanen Version einer ethnischen Teilung ihres Landes gab.

Pr├Ąsident Alija Izetbegovic dr├╝ckte das in seiner bewegenden Rede bei der Unterzeichnungszeremonie folgenderma├čen aus: ,,Angesichts der gegenw├Ąrtigen Situation und angesichts der gegenw├Ąrtigen Welt konnte kein besserer Frieden erreicht werden." Er f├╝gte hinzu, da├č er alles in seiner Macht Stehende getan habe, um zu gew├Ąhrleisten, ,,da├č das Ausma├č des Unrechts, das unserem Volk und unserem Land angetan wurde, gemindert wird." Izetbegovic tat das einzig Richtige, als er unterschrieb, auch wenn das Abkommen von Dayton bei n├╝chterner Betrachtung kaum mehr war als die Ratifizierung der Niederlage Bosniens ... genauso wie Holbrooke das einzig Richtige tat, als er ein Abkommen durchpeitschte, von dem er tief in seinem Innern zweifellos wu├čte, da├č es ungerecht war. Und zweifellos hatten die meisten Serben, trotz all ihrer Spr├╝che ├╝ber die Opfer, die sie gebracht haben, das Ausma├č dessen erkannt, was sie gewonnen haben. In einer Rede im serbischen Fernsehen, die am Tag der Paraphierung des Dayton-Abkommens in Bosnien ausgestrahlt wurde, gratulierte Slobodan Milosevic dem serbischen Volk zur Errichtung der Republika Srpska" und las eine Liste mit all den St├Ądten vor, die im Einklang mit dem Abkommen unter serbische Kontrolle geraten w├╝rden. Ganz oben auf dieser Liste standen Srebrenica und Zepa. Selbst Radovan Karadzic, der das Abkommen anfangs in Bausch und Bogen verdammt hatte, sagte ein paar Tage sp├Ąter, da├č es ganz im Sinne der Serben ausgefallen sei. ,,Wir kriegen halb Bosnien", sagte er, wir kriegen vierzig St├Ądte und viel guten Boden."

Die Bosnier dagegen erkannten genauso deutlich, da├č sie verloren hatten. Unbeantwortet blieb die Frage, ob die Bosnier - unter der Voraussetzung der Entsendung von NATO-Truppen nach Bosnien - ihre Niederlage akzeptieren und sich genug handfesten Gewinn vom Frieden versprechen w├╝rden, um die Weisheit in Pr├Ąsident Izetbegovics dr├Ąngenden Worten erkennen zu k├Ânnen: ,,Dies mag kein gerechter Frieden sein, aber es ist zumindest gerechter als eine Fortf├╝hrung des Krieges." Denn Frieden und die Stationierung amerikanischer Bodentruppen sind der einzige handfeste Gewinn, der den Bosniern in Dayton einger├Ąumt wurde. Es gab keine bindenden Zusagen zur Bewaffnung und Ausbildung der bosnischen Regierungstruppen durch die Amerikaner. Ebenso unklar blieb, ob man den Bosniern die f├╝r einen echten Frieden in ihrem Land ben├Âtigte Form der Wiederaufbauhilfe tats├Ąchlich gew├Ąhren wird.

In der wohl wichtigsten Frage herrschte dieselbe Unklarheit: Wie ernst w├╝rde es der Welt damit sein, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die in Srebrenica und unz├Ąhligen anderen bosnischen St├Ądten und D├Ârfern Massenmord begangen hatten? Ohne die Katharsis von N├╝rnberg h├Ątte sich Deutschlands R├╝ckkehr in die zivilisierte Welt weitaus schwieriger gestaltet. Ohne einen vergleichbaren Proze├č in Bosnien - als vordringliche Aufgabe, nicht als Nebensache, zu der die Politiker ihre Lippenbekenntnisse ablegen, bevor sie sich wieder ihrem eigentlichen Tagwerk widmen und mit nationalen F├╝hrern Kompromisse aushandeln, egal wieviel Blut an deren H├Ąnden kleben mag - wird der n├Ąchste Krieg nicht lange auf sich warten lassen. Wer den Frieden will, mu├č sich um Gerechtigkeit bem├╝hen.

Was auch┬ágeschehen mag, diejenigen, die gek├Ąmpft und so schreckliche Entbehrungen auf sich genommen haben, um den Traum von einem einheitlichen bosnischen Staat wachzuhalten, werden sich wahrscheinlich nicht dadurch bes├Ąnftigen lassen, da├č die Welt beteuert, das jetzige Abkommen sei das beste, das man erzielen konnte. Drei Jahre lang konnten sie beobachten, wie die NATO-Flugzeuge kreuz und quer den Himmel ├╝ber ihrem Land durchschnitten: Flugzeuge, denen es ohne weiteres m├Âglich gewesen w├Ąre, die serbischen Granatangriffe auf Sarajevo zu unterbinden, die ethnische S├Ąuberung in der Bosanska Krajina zu beenden und Srebrenica und Zepa zu retten. Denen, die behaupten, da├č man mit Luftangriffen allein keine Kriege gewinnen kann, k├Ânnen diejenigen von uns, die den Bodenkrieg in Bosnien vor Ort verfolgt haben, nur antworten, da├č die Androhung eines Luftangriffs ausreichte, um Gorazde zu retten. Die Luftangriffe der NATO bewiesen, da├č das ganze Gerede ├╝ber eine Unbesiegbarkeit der Serben, das innerhalb der NATO und des britischen und franz├Âsischen Au├čenministeriums sowie, mit gewissen Abstrichen, innerhalb der UNO verbreitet wurde, dummes Zeug war. Serben, so stellte sich heraus, konnten tats├Ąchlich ohne Gewissensbisse t├Âten. Vielleicht brauchten wir erst Srebrenica, um das erkennen zu k├Ânnen. Doch was immer ihre F├╝hrer vollmundig von sich gegeben hatten, bevor die NATO ihre Jagdbomber starten lie├č: die Serben waren nicht bereit zu sterben, ohne mit der Wimper zu zucken. Um das erkennen zu k├Ânnen, h├Ątte es gar nicht der NATO-Luftangriffe bedurft. Die Serben waren ganz normale Menschen, keine Monster und auch keine Superm├Ąnner, und wie alle anderen normalen Menschen handelten sie vern├╝nftig, jedenfalls dann, wenn es um ihr eigenes Leben ging. Und ihre F├╝hrer hatten ebenfalls so gehandelt, denn sie brachen den Krieg aus politischem Kalk├╝l vom Zaun, nicht aus unbez├Ąhmbarem Ha├č. Sich etwas anderes vorgestellt zu haben, k├Ânnte die gr├Â├čte Selbstt├Ąuschung sein, die die bosnische Trag├Âdie hervorgebracht hat.

Doch was au├čer untr├Âstlicher Verbitterung sollte man von der Bev├Âlkerung Sarajevos und den Menschen ├╝berall im Freien Bosnien angesichts des Vertragsergebnisses erwarten, wenn man bedenkt, da├č der Westen, h├Ątte er nur die n├Âtige Entschlossenheit aufgebracht, den Genozid an den bosnischen Muslimen seit April 1992 jederzeit h├Ątte beenden k├Ânnen ... etwas, das so lange von den Gro├čm├Ąchten und der UNO geleugnet wurde, aber inzwischen durch die vom Internationalen Gerichtshof zur Verfolgung von Kriegsverbrechen in Den Haag gegen Radovan Karadzic und General Mladic erhobenen Anklagen wegen V├Âlkermordes seine offizielle Best├Ątigung gefunden hat. Unter der einfachen Bev├Âlkerung herrscht trotz der Erleichterung wegen der Aussicht auf Frieden und eine gewisse Normalit├Ąt das ├╝berw├Ąltigende Gef├╝hl, die Leiden und Entbehrungen der letzten vier Jahren seien v├Âllig umsonst gewesen. Nur wenige von ihnen werden eine Friedensvereinbarung feiern, die im Grunde das Verschwinden jenes Bosniens ratifiziert, das es bis 1992 gegeben hat. Auch wenn es f├╝r Westeurop├Ąer - von denen sich ja viele fast von Kriegsbeginn an mit dem Verschwinden Bosniens abgefunden hatten - schwer nachvollziehbar sein mag, ist es die Verteidigung des Ideals eines multinationalen, multikonfessionellen Bosniens gewesen, f├╝r das die Bosnier ihr Blut vergossen und unmenschliche Entbehrungen auf sich genommen haben. Dem ganzen zungenfertigen Gerede ├╝ber den islamischen Fundamentalismus zum Trotz haben die meisten Bosnier nicht daf├╝r gek├Ąmpft, ihren Staat in einen monoethnischen Staat wie Serbien oder Kroatien zu verwandeln, sondern eher daf├╝r, da├č er als etwas anderes, etwas Besseres fortbestehen k├Ânne - als die Art von Staat, die die Bosnier in ihrer Naivit├Ąt als die europ├Ąische Norm angesehen hatten.

,,Wir verk├Ârperten schon das europ├Ąische Ideal, als es noch gar kein Europa gegeben hat", pflegt der in Sarajevo lebende Maler Edin Numankadic zu sagen. Damit spielt er auf das gute Einvernehmen an, das zwischen Katholiken, Griechisch-Orthodoxen, Muslimen und Juden geherrscht hat, unter der t├╝rkischen, der ├Âsterreichischen und sogar unter der jugoslawischen ├ägide. Dieser Glaube wird von vielen in der bosnischen Hauptstadt geteilt, eine ├ťberzeugung, die Sarajevo in die Lage versetzte, der l├Ąngsten Belagerung in der Geschichte des neuzeitlichen Europas standzuhalten, selbst nachdem sich herausgestellt hatte, da├č es keine milit├Ąrische Intervention von au├čen geben w├╝rde, ja noch nicht einmal eine Aufhebung des Waffenembargos, das den Widesstand gegen Gesch├╝tze, die die Serben auf den Bergen rings um die Stadt in Stellung gebracht hatten, so sinnlos erscheinen lie├č. Au├čerhalb Sarajevos, als die Kanonen zum Schweigen gebracht wurden und es klar war, da├č der ungerechte Frieden, gegen den die Bosnier so lange gek├Ąmpft hatten, kurz vor seiner Verwirklichung stand, gab es viele, die davon ├╝berzeugt waren, da├č sich das Kriegsgl├╝ck nun auf ihre Seite schlagen w├╝rde. Mit kroatischer Unterst├╝tzung hatten sie gro├če, von Serben besetzte Gebiete zur├╝ckerobert und glaubten nun, da├č sie ├╝ber kurz oder lang Banja Luka und Prijedor in Westbosnien einnehmen und den Brcko-Korridor schlie├čen k├Ânnten, der die serbisch besetzten Gebiete in Ostbosnien mit dem eigentlichen Serbien verbindet. Ob die bosnischen Regierungssoldaten mit ihrer Einsch├Ątzung recht hatten, war genauso irrelevant wie die Frage, ob die Deutschen mit ihrem Gef├╝hl recht hatten, da├č sie 1918 nicht besiegt, sondern verraten worden waren. Die Deutschen glaubten daran. Und die Bosnier glauben es auch. Oder, anders formuliert, die grundlegenden Molek├╝le einer Nachkriegsinstabilit├Ąt sind bereits vorhanden.

Sie k├Ânnen nicht begreifen - und weshalb sollten sie das auch tun? -, warum der Frieden in Europa beinahe die Ausl├Âschung ihres Volkes erforderlich gemacht h├Ątte. Die Tatsache, da├č die NATO-Bomber erschienen, 1995, ist f├╝r sie kein Trost. ,,Es w├Ąre besser gewesen, wenn die Amerikaner vor vier Jahren gekommen w├Ąren", sagte Ejup Ganic nach der Paraphierung des Dayton-Abkommens, wobei er sich nur wenig M├╝he gab, die Wut in seiner Stimme zu unterdr├╝cken. Nach Ganics Ansicht h├Ątte Bosnien etwas Besseres verdient gehabt. Doch es w├Ąre auch f├╝r Europa und f├╝r die Amerikaner besser gewesen, h├Ątte der ethnische Faschismus auf dem Balkan nicht triumphiert. In f├╝nfzig Jahren werden die Erkl├Ąrungen, warum die Welt tatenlos der Vernichtung Bosniens zugesehen hat, genauso hohl klingen wie die Erkl├Ąrungen, warum man seinerzeit daf├╝r sorgte, da├č keine Waffen in die Spanische Republik gelangen konnten. Liest man die Berichte des Sanktionskomitees von Lord Plymouth aus dem Jahre 1938, in denen von der positiven Rolle die Rede ist, die die internationale Staatengemeinschaft in Spanien gespielt habe, denkt man auf der Stelle an die Berichte, die die nach der Devise des Pilatus verfahrenden Verantwortlichen der UNPROFOR und der UN-Abteilung f├╝r friedenserhaltende Operationen zwischen 1992 und 1995 ver├Âffentlicht haben. Ja, jeder hatte seine guten Gr├╝nde: die Franzosen, die Briten, die Deutschen, die Europ├Ąische Union, die UNO. Ja, es gab die Notwendigkeit, eine Ausweitung des Konfliktes zu verhindern. Ja, die Amerikaner befanden sich in einer Phase intensiver Bssch├Ąftigung mit sich selbst. Ja, die paneurop├Ąischen Institutionen, die man h├Ątte einsetzen k├Ânnen, steckten noch in den Kinderschuhen. Ja, ohne echte Partizipation der Deutschen konnte von einem vereinten Europa noch nicht die Rede sein. Ja, die Vereinten Nationen wollen nicht selbst├Ąndig handeln und werden von ihren Mitgliedstaaten auch nicht dazu ermutigt. Ja, es gab ein unausgegorenes und widerspr├╝chliches Mandat des Weltsicherheitsrates. Und ja, ├╝berall im Westen herrschte unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges Verunsicherung. Ja, ja und nochmals ja. Zu verstehen bedeutet jedoch nicht, zu vergeben.

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Die kommende Ausgabe Lettre 141 erscheint Mitte Juni 2023