LI 129, Sommer 2020
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Es geht weiter ums Ganze

„Die Pest“ von Albert Camus als verborgene Wahrheit einer korrupten Welt

SEITDEM das Coronavirus da ist – in Westeuropa angekommen etwa Ende Januar –, sind die Verkaufszahlen für Albert Camus’ Roman Die Pest aus dem Jahr 1947 hochgeschnellt und von einer Dynamik, die fast beängstigend den Verlaufskurven der täglich erfaßten Infektions- und Todesfälle ähnelt. Im Vereinigten Königreich lag der Absatz der Ausgabe von Penguin Classics Ende März bei monatlich mehreren Tausend statt der sonst wenigen Hundert Exemplare, Tendenz steigend. Daten zur Verbreitung eines Virus sind nur bedingt verläßlich, es bleiben Näherungswerte, und doch werden sie gehandelt wie ein ehernes Gesetz. Als könnten wir uns bei allem Schrecken durch das Herunterbeten der Zahlen nach der immer gleichen Formel vergewissern, daß wir eine Lage zu beherrschen imstande sind, die sich – nicht nur wegen der Versäumnisse der Politik – unserer Kontrolle entzieht. Was Die Pest uns unter anderem lehrt, ist, daß wir uns im selben Moment, da wir glauben, uns der härtesten Realität zu stellen, womöglich selbst belügen. Zählen ist gleichermaßen Bemühen um belastbare Daten und eine Art magisches Denken. Zahlen sollen uns wappnen, uns auf das Schlimmste vorbereiten, sie gaukeln uns Beherrschbarkeit vor, scheinen uns Instrumente zur Klassifizierung und Bändigung des Grauens an die Hand zu geben. Denn was sagen uns schon die jeweils verkündeten jüngsten Fallzahlen: ein steter Anstieg, ein leichter Rückgang, erneuter Zuwachs? Doch nur, daß wir nicht wirklich fassen können, was geschieht. Wir tun, was getan werden muß, und zwar – je nachdem, wo und wer wir sind – genug oder nicht genug. Und wir warten.
    In Camus’ Roman begreift die Bevölkerung erst, als Menschen und nicht bloß Hunderte Ratten sterben. Und selbst dann nur zögernd. Als in der dritten Woche der Epidemie 302 Tote gezählt werden, sagt das den Menschen zunächst wenig: „... weil die Pest unvorstellbar oder nur falsch vorstellbar war.“ [Albert Camus, Die Pest, Reinbek 2020, Rowohlt; alle anderen Zitate, wenn nicht anders angegeben, aus Die Pest] In seinem Tagebuch notiert Camus im Dezember 1942: „Was ihnen fehlt, ist die Phantasie ... Sie denken nicht im Maßstab der Heimsuchungen. Und die Heilmittel, die sie ersinnen, entsprechen kaum einem Schnupfen. Sie werden zugrunde gehen (entwickeln).“ [Albert Camus, Tagebücher 1935–1951, Reinbek 1997, Rowohlt] Aber vielleicht, wenden im Roman manche ein, sind ja gar nicht alle Todesfälle der Pest zuzuschreiben. Es ließe sich doch kaum sagen, meinen sie, wie viele Menschen in einer Stadt von der Größe der ihren in normalen Zeiten pro Woche sterben. Das sind nahezu wörtlich die Losungen, zu denen Donald Trump und Jair Bolsonaro im frühen Verleugnungsmodus griffen (und von denen Bolsonaro kaum abrückt). Camus tut solche Reaktionen keineswegs als Gefasel gefährlicher Irrer ab, selbst wenn sie das natürlich, auch, sind. Ihn interessiert vielmehr, wie der Mensch mit Katastrophen umgeht. Leugnung und Abwehr sind bei Überforderung typische Bewältigungsmechanismen. Wir begegnen Kriegen und Plagen mit Ungläubigkeit. Daß es sie gibt beziehungsweise daß ein solcher Affront gegen die menschliche Würde – ihre „Dummheit“ sagt Camus – fortdauern könnte, ist unvorstellbar: „Es hat auf der Welt genauso viele Pestepidemien gegeben wie Kriege. Und doch treffen Pest und Krieg die Menschen immer unvorbereitet.“ – „Erst auf die Dauer, als sie die Zunahme der Todesfälle feststellte, wurde sich die öffentliche Meinung der Wahrheit bewußt.“

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In Die Pest ist die Seuche zugleich Plage und Offenbarung. Sie bringt die verborgene Wahrheit einer korrupten Welt ans Licht. Darauf wird im Roman schon früh angespielt, nämlich als die breiig-weichen Kadaver toter Ratten nachts unter die Füße geraten, aber noch keine Menschen gestorben sind:
    „Man hätte meinen können, daß die Erde selbst, auf die unsere Häuser gestellt waren, sich von ihrer Ladung Körpersäfte entschlacke, daß sie Furunkel und Eiterwunden an die Oberfläche aufsteigen ließ, die bisher in ihrem Innern gärten. Man stelle sich nur die Bestürzung unserer bis dahin so ruhigen und in wenigen Tagen völlig verwandelten kleinen Stadt vor, wie ein gesunder Mensch, dessen dickes Blut auf einmal in Aufruhr gerät.“

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In Camus’ Roman verhungern Menschen. Profiteure machen sich die Knappheit zunutze, die Kluft zwischen Arm und Reich wächst: „Spekulanten hatten sich eingemischt, und Grundnahrungsmittel, die auf dem normalen Markt fehlten, wurden zu Phantasiepreisen angeboten. Die armen Familien befanden sich dadurch in einer äußerst bedrängten Lage, wohingegen es den reichen Familien an fast nichts fehlte.“ Zu glauben, der Tod sei der große Gleichmacher, ist irrig: „Während die Pest durch die wirkungsvolle Unparteilichkeit, mit der sie schaltete und waltete, die Gleichheit unter unseren Mitbürgern hätte verstärken sollen, verschärfte sie durch das natürliche Spiel des Egoismus in den Herzen der Menschen noch das Gefühl von Ungerechtigkeit.“ Als die Armen von Oran „Brot oder Luft“ skandierend auf die Straße ziehen, werden ihre Proteste gewaltsam niedergeschlagen. Camus klagt das Unrecht an. Die Pest ist – oder sollte es sein – eine Chance auf eine gerechtere Welt. Er ruft zur Revolte auf, macht sich aber auch keine Illusionen, was wahrscheinlich passieren wird, wenn die Armen die Sache – Brot, Luft, Leben – selbst in die Hand nehmen.

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Etlichen zeitgenössischen Kritikern ging Camus’ Ruf nach Gerechtigkeit, ja einer Revolte nicht weit genug. Als Die Pest erschien, hatte ihr Autor die 1930er und damit die Zeit des Ausschlusses aus der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) wegen seiner Unterstützung Messali Hadjs, des Gründers der „Partei des algerischen Volkes“ (Parti du Peuple Algérien, PPA), hinter sich gelassen. Hadj kämpfte um die Emanzipation – nicht unbedingt sofortige Unabhängigkeit – Algeriens und wurde nach landesweiten Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen als Aufwiegler des Landes verwiesen. Aus Sicht der PCF stellte Camus den Antikolonialismus über den Klassenkampf. Es scheint eine Ironie der Geschichte, daß gerade Camus der Verrat an der arabischen Sache vorgeworfen wurde, Camus als scharfsinnigem Kritiker des Kolonialismus und als solcher seiner Zeit voraus; er sah die „institutionelle Diskriminierung“, die hartnäckige „Lüge“ der Assimilation, die eklatante Ungerechtigkeit der Besitz- und Einkommensverhältnisse, das „psychische Leid“ und den Schaden, den die „Verachtung“ der Kolonisatoren für die Kolonisierten anrichtete. Am Ende jedoch mochte man Camus nicht verzeihen, daß er nicht eine volle Unabhängigkeit Algeriens befürwortete. Für Sartre, mit dem es zum spektakulären Bruch kam, war auch Camus’ Abkehr vom Sowjetkommunismus ein fataler Irrtum: Er spiele im Kalten Krieg der falschen Seite in die Hände und stelle einen Verrat am Kampf gegen den US-amerikanischen Imperialismus in Vietnam dar.
    Vor dieser Wende war Camus in Frankreich vor allem für seinen Einsatz im Widerstand bekannt. Er war ab 1943 Mitarbeiter und dann Chefredakteur der Untergrundzeitung Combat gewesen (ein längerer Auszug aus La Peste wurde heimlich mit weiteren Résistance-Texten verbreitet). Die Pest fand bei Erscheinen gleich reißenden Absatz. Schon zehn Tage nach der Erstveröffentlichung mußte nachgedruckt werden, innerhalb weniger Monate waren über 50 000 Exemplare verkauft. Daß er als Allegorie auf den Widerstandskampf gelesen wurde, war für ein Land, das die Schande der Kollaboration vergessen wollte, gleichermaßen Hauptattraktion und Anlaß heftiger Kritik. 1947 empfand Simone de Beauvoir die Allegorisierung der jüngsten französischen Geschichte als Ausflucht, da sie dem Leser erlaube, die Schmach von Vichy zu verdrängen. Die beiden Hauptfiguren des Romans, Bernard Rieux und Jean Tarrou, dessen Pest-Journal Rieux für seinen Bericht heranzieht, werden zu Verbündeten im Kampf gegen die Epidemie; sie können zu Recht als Helden bezeichnet werden, obwohl keiner von beiden die Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen würde. Dieses Attribut wird vielmehr der Figur des Joseph Grand vorbehalten, dem so menschlichen kleinen Angestellten der Stadtverwaltung mit dem „läppischen“ Tageslohn von 62,30 Francs, wohlwollend und ganz der einen Sache hingegeben, nämlich dem Roman, an dessen erstem Satz er seit Jahren feilt. Für seine Kritiker war Die Pest Apologie der unrühmlichen Rolle, die so viele Franzosen im Krieg gespielt hatten. Im Roman selbst ist nur eine Figur, nämlich Monsieur Cottard, eindeutig Kollaborateur.
    Camus mußte sich darüber hinaus den Vorwurf gefallen lassen, er enthebe, indem er den Roman nur als ein weiteres Kapitel im ewigen moralischen Kampf gegen das Böse inszeniere, seine Geschichte vollends der Historie. Sehe man den Faschismus als Plage der Natur, sei niemand verantwortlich. „Nur zeigt das Böse manchmal ein menschliches Antlitz“, schrieb Roland Barthes in seiner zweiten Besprechung des Romans 1955, „aber dieses sagt Die Pest nicht.“ Die Nazis waren Akteure der Geschichte, nicht Mikroben (um hier eines ihrer eigenen Sprachbilder für die verfolgten Juden zu wenden). Da zählte wenig, daß die Anspielungen auf die Schoah in Camus’ Roman, wie Shoshana Felman gezeigt hat, unübersehbar sind: Hunderttausende über die Geschichte verstreute Leichen sind in der Vorstellung „nur Rauch“; die täglich zehntausend Toten, nach Rieux’ Berechnung so viele, als würde man die Leute am Ausgang von fünf Kinos einsammeln, auf einen Platz führen und „auf einem Haufen“ sterben lassen.
    Noch schien von Belang, daß die beiden Vorwürfe – er habe die Geschichte neu geschrieben bzw. er habe ahistorisch geschrieben – sich gegenseitig aufheben. Camus fühlte sich falsch gelesen. Der Roman, schlug er vor, könne auf drei verschiedene Weisen verstanden werden: als Bericht einer Epidemie, als symbolische Darstellung der Nazi-Besetzung (beziehungsweise jeder totalitären Machtübernahme „gleich wo“) oder als Erkundung der metaphysischen Frage nach dem Bösen, wie sie Melville in seinem Moby-Dick („mit Genie“) unternommen habe. Ob auch nur eine der Lesarten die Kritiker befriedigt hätte, scheint fraglich.

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Wer ist für die Pest verantwortlich?

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Die Pest wird immer wieder aus ihren Löchern kriechen – aus Zimmern, Kellern, Koffern, Taschentüchern und Papieren –, solange Menschen die Grausamkeit und das Unrecht ihrer gesellschaftlichen Übereinkünfte nicht in Frage stellen. Wir alle sind für das Übel der Welt verantwortlich.

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Mehr von:
Jacqueline Rose
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 43
Aus dem Englischen von Uda Strätling

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