LI 138, Herbst 2022
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Die Plutokratentour

Spaziergänge auf der Suche nach dem großen Geld in London

Eine in Londons Straßen und laubbeschatteten Vororte gehend durchgeführte Studie zum extremen Reichtum in der britischen Hauptstadt mit dem Titel „Serious Money: Walking Plutocratic London“ hatte auf mich die Wirkung eines Stachels im Fleisch, eines Kiesels im Schuh. Ich bildete mir ein, daß irgendwo hinter und jenseits von Caroline Knowles’ scharfsichtigen soziologischen Exkursionen eine Allgemeine Weltformel zu finden war. Eine Aufklärung über die schreckliche, von allen Seiten über uns hereinbrechende Sintflut: unser endgültiger ökologischer, kultureller, finanzieller und moralischer Kollaps. Entropie: GET IT DONE! Es scheint, daß wir in einer trostlosen nachzeitgenössischen Gegenwart angelangt sind, in der nichts mehr Tiefe oder Tragfähigkeit oder Bedeutung hat. Sie ist schon da, oder fast da, aber auch gleich wieder weg: Politik als Tanz blinder Männer, die mit weißen Stöcken Luftlöcher schlagen, ohne einen einzigen Treffer auf dem Struwwelpeter-Königsclown zu landen, der sich zur langsamen Abdankung in Phototerminen entschlossen hat und dazu jeden Abend in ein neues Gewand oder Land schlüpft. Der Mann ändert die Spielregeln, wenn er Gefahr läuft, einen für ihn wertvollen Spielstein zu verlieren. Nichts ist wahr, schon gar nicht heute. Die über viele Jahre ausgebrüteten Schrecken erheben ihr Haupt: Die Lage ist schwierig, möglicherweise fatal, aber keinesfalls ernst. Unsere Nachzeitgenossenschaft ist der Dampfschleier auf einem Jahrmarktzerrspiegel.
     Money? Geld ist das Dämmaterial in einer Hohlwand nach dem zufälligen Drogengeldsegen von Breaking Bad. Geld ist ein blutiges Kissen aus Banknoten mit einem abgetrennten Kopf darauf, dem der Schock den Schrei von den Lippen geraubt hat. Für Knowles sind die Bauten, die wir sehen dürfen, bloß zur Schau gestelltes Geld. Gebiete mit wachsweichen Bauvorschriften wie die City of London oder die Docklands sind wie die Fitneßstudios eines Kults des Rahmabschöpfens durch gesichtslose Entitäten. Den hochtrabenden Stachel von Renzo Pianos Shard bezeichnet Knowles als „ein Finanzarrangement des Katarischen Staatsfonds in Glas und Stahl“. Die eklatantesten Verbrechen verstecken sich vor aller Augen. Schauen Sie sich um, sie sind unübersehbar. Sie zeichnen die Topographie einer selbstzufriedenen Kapitulation.

(…)

Knowles unterscheidet diese Unglücklichen, denen die Welt ein trauriges Gefängnis ihrer Privilegien ist, in dem die ewig Schmachtenden sich jede Lust und Laune im Handumdrehen befriedigen lassen können, von den schuftenden Durchschnittsmillionären und -multimillionären, den bloßen Bankern und Lottogewinnern. Unüberbrückbar ist diese Kluft zwischen den Besitzenden und den Jachtbesitzenden. Und denen mit größeren Jachten. Den Jachten mit Helipads und Raketenstartrampen. Und Picassos, Warhols und Bacons. Jachten, die größer sind als manche Steuerfluchtinsel. Wenn alles Eis geschmolzen ist und alle Tiere ertrunken oder verbrannt sind, wird die mächtige Geisterflotte der Oligarchen die Weltmeere beherrschen. Ein Trupp Elite-Noahs mit den nötigen Paaren an Domestiken –
Butler und Zofe, Koch und Köchin, Putzmann und Waschfrau, Seemann und Meerjungfrau, Sicherheitsbeauftragte*r.

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„Der Reichtum im heutigen London“, schreibt sie, „liegt in Händen einer internationalen, globalisierten Plutokratie.“ Diesem Umstand hat eine britische Regierung nach der anderen den Boden bereitet, indem alle behaupteten, eine dicke Kruste Reichtum in privater Hand führe zum Wohlstand für alle. „Eine Flut hebt alle Boote.“ Eine gute Theorie für Jachtbesitzer. Weniger gut für alle ohne Bootssteg oder jene, die auf dem Trockenen sitzen. „Es ist alles im Fluß“, pflegen Nichtssager zu sagen. „In London entspringt das Geld im Osten und fließt in den Westen.“ Serious Money folgt diesem Lauf. Es beginnt mit „Ortsbesuchen in Shoreditch und der City, wo mittels Finanzinstituten, Immobilienspekulation, Handelsgeschäften und vor allem Informationstechnik Geld gemacht wird … Auf dem Weg nach Westen geht es durch einen Strudel des Reichtums … Und zuletzt in die unheimlich stillen Straßen von Virginia Water im suburbanen Surrey.“
     Die Stille ist ein charakteristisches Merkmal von Reichtum. Hergestellt wird sie von Security-Männern, die in ihre Fäuste flüsternd durch diese Zone des Mißtrauens patrouillieren. Stille schützt vor fragwürdigen Fremden mit der Chuzpe, einen der kurzgeschorenen Golfplatzteppiche Surreys unerlaubt zu betreten. Hier liegt der geheimnisvolle äußerste Rand dieser Welt, der meisterhafte Pastiche eines ruhigen Vororts, in dem ein weitgespannter Bogen fußgängerischer Erkundungen sein Ende findet. Knowles war schon von der „berückenden Ruhe“ in Belgravia begeistert. Es gibt aber auch noch die Stille der ernsthaft Reichen, die London besitzen: königliche Familie, Adelige, Gewinnler der fossilen Energienutzung, Mittelsmänner zweifelhafter Regimes. Sie alle reden auch nicht. Dafür haben sie Personal. Dienstbeflissene Zeugen, mit denen Knowles nach der Sicherheitsprüfung sprechen darf. Das wirkliche Geld ist stumm, trappistisch. Es gleicht der Dichtung, es ist, was es tut.

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An der Schnittstelle von Finanzwelt und Technologie, der Fintech, gibt es beträchtliche, von Knowles genau verzeichnete Abflüsse. Das Rausgeld beim Brokern und dem algorithmischen Abrahmen stiehlt sich aus der City in die Café-Bars und das schillernde Nachtleben von Shoreditch und Hoxton. Freizeitbusiness und Lifestyle grenzen an Hedgefonds-Biotope. Vom Glück geküßte Aktienmarktzocker sponsern Craft-Cafés in der Hackney Road, Nischentresen mit ambitionierten Cocktail-Karten, kahlen Wänden und ungleichen Tischen. An Straßen, die einst von Amts wegen dazu bestimmt waren, daß man durch sie das Vieh auf echte Märkte und zur Schlachtbank trieb, sind heute in Hinterzimmern Privatbars zu mieten. In einem Bezirk mit ständig steigenden Immobilienpreisen erhalten die Start-ups der Spaßbranche lässig Darlehen von Risikomanagern, die mal Lust auf Risiko haben. Ihr Produkt sind Daten und Prophezeiungen: „Was ist der wahrscheinliche Entwicklungspfad in die Zukunft, und worin besteht das Risiko, wenn wirklich alles schiefläuft?“ Dabei liegt das Risiko bei den Nichtspielern, die das Geldverdienen ausführen.

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Auf der Spur des Geldes durch Shoreditch, die City of London und Canary Wharf wandernd, sucht Knowles vor allem nach gesprächsbereiten Reichen. Es gibt nicht nur genug Geld, es gibt so viel davon, daß es mühsam wird, sich darum zu kümmern. Es zu hüten, beiseite zu schaffen und zu vermehren. Knowles stellt eine krasse, wachsende Kluft zwischen den unanständig Reichen und dem Rest fest, aber das Ausmaß des Reichtums ist noch vorstellbar. Man kann sich selbst ein Bild davon machen oder das Internet das für sich erledigen lassen: Villen, Kleider, Bedienstete, Pools im Keller, Autos, Flugzeuge. Aber das richtig große Geld, fiel mir auf, war woanders; weiter weg und gesichtslos. Es floß unbemerkt und unbehelligt zwischen Behörden, Bauunternehmen, Immobilienentwicklern und visionären Architekten hin und her – und ohne ernsthafte Erklärung. Die Fakten sprachen ja für sich: Mit 4 Milliarden Pfund über Budget war die in „Elizabeth Line“ umbenannte Crossrail-Strecke ein Schnäppchen. Dieses Geld ist flüchtig, aber es hinterläßt tiefe Spuren. Es steckt das Gebiet ab, in dem sich womöglich die Logik der Allgemeinen Weltformel auffinden läßt. Viele Leute reden, geben Statements ab, liefern Updates und spielen sich selbst in Werbedokus, aber niemand sagt etwas von Bedeutung. Sind die Milliarden erst einmal angehäuft, ist das Geheimnis unhintergehbar. Es scheint, als balle sich Geld genau dann zu einer Gleichung jenseits des gewöhnlichen Verständnisses, wenn das Gesicht des Megakonzerns, ein grinsender Geldscheffler, in einem irren Bond-Schurken-Amoklauf zu dem Schluß kommt, daß ihm die Welt nicht genug ist und er als Sternenmann auf Zeit ins All fliegt. Ein Menschheitspionier, im Außeneinsatz zur Kolonisierung des Nichts.

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Iain Sinclair
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 17
Aus dem Englischen Jürgen Ghebrezgiabiher und Sven Koch

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