LI 123, Winter 2018
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John Stanislaus Joyce

Aus dem Gesicht geschnitten – Porträt des Vaters als verlassener Mann

„Ein Vater ist ein notwendiges Übel“, sagt Stephen Dedalus im Ulysses. In seinem Buch Yeats: The Man and the Masks zitiert Richard Ellmann Iwan Karamasow: „Wer wünscht sich nicht den Tod seines Vaters?“ „Vom Ural bis Donegal“, fährt Ellmann fort, „kehrt das Thema wieder – bei Turgenjew, bei Samuel Butler, bei Edmund Gosse. In Irland ist es besonders markant.“ George Moore beschreibt in seinen Confessions of a Young Man ostentativ das Gefühl der Befreiung und Erleichterung, das er empfindet, als sein Vater stirbt. Synge macht einen versuchten Vatermord zum Thema seines Stücks The Playboy of the Western World; James Joyce beschreibt im Ulysses, wie Stephen Dedalus, der seinen eigenen Erzeuger nicht mehr anerkennt, nach einem anderen Vater sucht.
   So, wie Oscar Wilde im Jahre nach dem Tod seines Vaters zu seiner eigenen Identität fand, als er 21 war; so, wie es John Butler Yeats symbolisch gelang, seinen Sohn zu töten, als er 1907 ins Exil ging, so brachte es James Joyce fertig, seinen Vater umzubringen, als er ihn 1904 in Dublin seinem Schicksal überließ und nur auf wenige kurze Besuche zurückkehrte. Da der Schatten seines Vaters so lang über der Stadt lag, mußte Joyce fortgehen, damit der Mann, der ihn gezeugt hatte, verblassen konnte. Erst dann konnte der Vater im Werk seines Sohns nacherschaffen und wieder beschworen werden.
   John Stanislaus Joyce wurde 1849 in Cork in eine Familie wohlhabender Kaufleute und Hausbesitzer hineingeboren, die in der lokalen Politik eine wichtige Rolle spielten. Sein Vater schickte ihn – um die Gesundheit des Sohnes zu kräftigen – zur Arbeit auf den Lotsenbooten im Hafen von Cork, wo er, wie sein eigener Sohn Stanislaus (der jüngere Bruder von James) es später formulieren sollte, „von den Queenstown-Lotsen das reichhaltige und geläufige Beschimpfungsvokabular lernte, das in späteren Jahren seine Wirtshauskumpane entzücken sollte.“ Als er 18 war, ein Jahr nach dem Tod seines Vaters, begann John Stanislaus ein Medizinstudium an der Universität von Cork. Er beendete es nie, genoß jedoch seine Studentenzeit enorm, da er eine schöne Tenorstimme hatte und in einem Amateurtheater mitwirkte. Er begann in Cork als Buchhalter zu arbeiten, ehe er im Alter von 24 Jahren mit seiner Mutter nach Dublin zog, um dort in Chapelizod am Ufer der Liffey die Leitung einer Brennerei zu übernehmen, an der er Anteile erworben hatte. Es dauerte nicht lange, bis die Firma in Konkurs ging. Joyce verlor seine Stellung und den größten Teil seiner 500 Pfund (35 000 in heutigem Geld). Er fing wieder als Buchhalter an, mit einem Büro in der Westland Row, wo die Wildes einmal gelebt hatten und wo Oscar Wilde geboren worden war. Er durchstreifte die Stadt auf der Suche nach Aufträgen, machte kleinen Unternehmen die Buchführung und half bei der Abwicklung von Konkursverfahren.
Er war allgemein beliebt und seine Gesangskünste wurden viel bewundert. Sein Sohn Stanislaus berichtet, daß bei einem Galadiner, das man zu Ehren des Vaters bei dessen Fortgang aus Cork gab, ein bekannter englischer Tenor sagte, „er würde gerne auf der Stelle 200 Pfund hinlegen, wenn er dadurch in der Lage wäre, diese Arie so zu singen, wie mein Vater sie gesungen hatte.“ In Dublin trat John Stanislaus Joyce bei Konzerten auf und hörte die Gastvorstellungen der führenden Sänger der Epoche. Er fand auch eine neue Stelle als Sekretär des United Liberal Club, der sowohl Liberale wie Anhänger des Home-Rule-Prinzips willkommen hieß – zu einer Zeit, da die Führung der Irish Parliamentary Party von Isaac Butt auf Charles Stewart Parnell überging. Der Klub in der Dawson Street war ein Ort, wo man sich traf, rauchte, trank und politisierte. Joyce spielte eine aktive Rolle bei den Wahlen zum Parlament in Westminster 1880, wo er half, die Niederlage der zwei konservativen Kandidaten des Wahlkreises herbeizuführen, an deren Stelle ein Liberaler und ein Home-Ruler gewählt wurden. Er erhielt eine Prämie für seine unermüdliche Wahlkampfarbeit.

(…)

   Als James Joyce sechseinhalb Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern auf das Clongowes Wood College, eine exklusive, von den Jesuiten betriebene Schule. Er war selten zu Hause und sah deshalb wenig von den wechselhaften Launen seines Vaters. Stanislaus jedoch blieb und erzählte später, der Vater sei damals „in seinen Stimmungen ganz und gar unberechenbar geworden. Ich erinnere mich gut: Häufig saß er abends am Eßtisch und war zwar nicht geradezu betrunken (dazu vertrug er damals den Alkohol noch zu gut), hatte aber doch soviel intus, daß er keinen Appetit verspürte und übler Laune war … In späteren Jahren erzählte mir meine Mutter, sie habe sich oft sehr gefürchtet, mit ihm allein zu sein, obwohl er für gewöhnlich nicht gewalttätig war … Er saß da, knirschte mit den Zähnen, starrte meine Mutter an und murmelte halbe Sätze wie: ‛Besser gleich Schluß machen.’ Zeitweilig dachte sie daran, eine Trennung von ihm zu erwirken, aber ihr Beichtvater war so zornig, als sie das andeutete, daß sie es nie wieder erwähnte.“
   Die finanzielle Lage des Vaters wurde immer prekärer; Geldverleiher verfolgten ihn, und die Miete für das augenblicklich bewohnte Haus (in Blackrock) war längst überfällig. Gerichtsbeschlüsse wurden gegen ihn erwirkt. Man beschlagnahmte die Möbel und ließ ihm nur die Porträts seiner Eltern und Großeltern, die sein Sohn James später nach Triest mitnehmen und dort stolz aufhängen sollte. Ende 1892 oder Anfang 1893 war er gezwungen, mit der Familie in den Norden Dublins umzuziehen, in das Viertel um den Mountjoy Square. Am 1. Januar 1893 traten neue Regelungen in Kraft, die es der Stadt Dublin erlaubten, die Abgaben direkt einzuziehen. Alle Kontrolleure verloren ihre Stelle, erhielten aber eine generöse Abfindung: drei Viertel ihres Jahresgehalts als jährliche Pension, gleichgültig, wie lange sie angestellt gewesen waren. Doch galt dies wegen seiner schlechten Führung nicht für John Stanislaus, dem man zunächst gar nichts anbot und der dann schließlich nur die Hälfte dessen erhielt, was seine Kollegen bekamen. Das lief auf ein Drittel seiner bisherigen Bezüge hinaus.
   So begann im Alter von 44 Jahren eine Art düsterer Lebensabend für John Stanislaus. Nachdem er sich im Glanz gesonnt hatte, der einem Anhänger Parnells zukam, blieben ihm jetzt nach dessen Tod nur die Langeweile und Ranküne, die herrschten, seit sich die Irish Parliamentary Party gespalten hatte. Und nun mußte er wieder alle erdenklichen Arbeiten übernehmen, die ihm zufielen, als Buchhalter oder Schreiber. Mittlerweile hatte er neun Kinder zu versorgen. Ende 1893 war er gezwungen, den gesamten Besitz in Cork, auf dem zum größten Teil Hypotheken lagen, zu verkaufen.

(…)

   Stanislaus zeichnete all die Trunkenheitsexzesse auf, darunter die Episode, als John Stanislaus „einen konfusen Versuch machte, [seine Frau] zu erwürgen“: „In wütender Besoffenheit lief er zu ihr hin, umklammerte ihren Hals und brüllte: ‛Jetzt, bei Gott, ist es Zeit, Schluß zu machen.’ Die Kinder, die im Zimmer waren, drängten sich schreiend zwischen die beiden, mein Bruder aber sprang mit größerer Geistesgegenwart auf den Rücken des Vaters und riß ihn mit sich zu Boden. Meine Mutter griff sich die beiden jüngsten Kinder und floh mit meiner älteren Schwester in das Haus eines Nachbarn.“
   Während James Joyce seine Studien am Belvedere College und am University College Dublin absolvierte und schließlich nach Paris entrann, behielt Stanislaus seinen Vater fest im Blick. Am 26. September 1903 schrieb er in sein Tagebuch: „Er ist aggressiv und streitsüchtig und besitzt in ungewöhnlichem Maße die vulgäre, wortreiche Beleidigungssuada, wie sie typisch ist für den Trunkenbold aus Cork … Er ist lügenhaft und heuchlerisch. Er betrachtet sich als Opfer unglücklicher Umstände und redet sich alles schön. Seine Willenskraft ist abgewrackt und sein Intellekt ist von der Trinkerei getrübt, so daß er jetzt ein verrückter Saufkopf ist. Er ist boshaft wie alle Trinker, denen es nicht nach ihrem Willen geht, und er ersinnt die feigsten Beleidigungen, die ein lästerliches Hirn und eine natürlicherweise höhnische Zunge erfinden können.“
   Er hielt auch fest: „Wenn Papa nüchtern und einigermaßen komfortabel ist, ist er gut zu haben und freundlich, wenn er auch dazu neigt, zu seufzen, sich zu beklagen und nichts zu unternehmen. Seine Unterhaltung ist erinnerungsgesättigt und sehr humorvoll, spöttisch ohne Bosheit; er erkennt dann in der Friedfertigkeit eine Bedingung angenehmen Lebens.“ Im April 1904 schrieb er: „Wenn Geld im Haus ist, ist es unmöglich, etwas zustande zu bringen – wegen Papas Trunkenheit und Streitsucht. Wenn kein Geld da ist, dann ist es ebenfalls unmöglich, wegen des Hungers und der Kälte und des Mangels an Licht.“ Und dann: „Papa ist eine tückische kleine Ratte. Wenn er Geld hat, glaubt er, Macht über die zu besitzen, die er ernähren sollte, und es entspricht seinem Charakter, daß er sie triezt, sich von ihnen hofieren läßt und sie am Ende um ihre Wünsche betrügt.“ Im Juli 1904 schrieb er über den Konflikt zwischen seinem Vater und dem Bruder James: „Papa ist seit drei Tagen betrunken. Er brüllt immer herum, daß man James in den Arsch treten sollte. ‛O ja! Tretet ihn kräftig, bei Gott! Brecht ihm den Arsch mit einem Tritt, brecht ihm seinen gottverdammten Arsch mit drei Tritten. O ja! Nur drei Tritte!’ Und so fort mit komplizierten Obszönitäten. Es widert mich an, widert mich an." Am 6. August notiert er: „Es ist kein Abendessen im Haus.“

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Mehr von:
Colm Tóibín
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 70
Aus dem Englischen von Joachim Kalka
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