LI 123, Winter 2018
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Die Comics meines Lebens

Abenteuer mit Struwwelpeter, Tim & Struppi und Fritz the Cat

SEICHERL UND STRUPPI

Ich glaube, es war in den späten zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, daß in Österreich die sozialdemokratische Partei beschloß, neben ihrer allzu dogmatischen Arbeiter-Zeitung, ein kleinformatiges Massenblatt herauszubringen, das Kleine Blatt. Ein genialer Wurf, der bald seine 200 000 Leser erreicht. Kernstück des Ganzen für uns Jugendliche: einer der ersten politischen Comics Europas, der Seicherl. Gezeichnet von dem Urwiener – er stammte aus dem Arbeiterbezirk Ottakring – Ladislaus Kmoch. Tobias Seicherl, was im Wienerischen kleines Sieb – „er hat ein Hirn wie ein Sieb“ – bedeutet, ist ein kurzbeiniger, schnauzbärtiger „Schropp“ von einem Nichtstuer mit Gurkennase, einem lächerlichen Spitzhut und einer ganz inkongruenten Shagpfeife. Ein bornierter ewig raunzender Spießer, ein Neidhammel und Stänkerer, zutiefst reaktionär, wenn auch im gemütlichsten Wienerisch. Kurz, die ideale Feindfigur des „klassenbewußten österreichischen Arbeiters“ ... und natürlich auch sein Spiegelbild! Denn er stellt ja nicht minder (daher sein Massenappeal) den kleinen Mann dar, dem alles danebengerät, den ewigen Pechvogel, Dick und Doof in einem. Seicherl, das sind letztlich wir selbst in unseren blamabelsten Momenten. Diese Jammergestalt, die im Schlußpanel jedes Strips in der Patsche steckt, verprügelt oder per Fußtritt hinausbefördert wird, ist der politische Feind von rechts, in Form eines nur allzu menschlichen Zwergerls. Beigegeben ist dem Seicherl ein sprechender Hund unbestimmbarer Rasse, Struppi genannt, der den gesunden Menschenverstand vertritt und demgemäß den Sozialismus. In welche Bredouille Seicherl auch immer hineingerät, Struppi hat es ihm vorausgesagt, Struppi triumphiert. Aber schon am nächsten Tag ist Seicherl wieder aktionsbereit, um von neuem alles besser zu wissen und jede Dummheit auszuprobieren. Ob er sich nun dem Kanzler Seipel als Minister anträgt, Hitler im Braunen Haus seine Ratschläge verzapft oder den Genfer Völkerbund in unverständlichem Wienerisch um eine Anleihe für Österreich anschnorrt: „Schaun S’, meine Herrn, mir brauchen dringend a ‘Marie’! Unsere Industrie is ‘tschari’, der Außenhandl is’ ‘habidehre’, die Bevölkerung is ‘Neger’.“ Auch sein Vorbild Charlie Chaplin wird, in einem hintergründigen Strip, bei einem Wiener Aufenthalt im Hotel besucht. Und hält Seicherl für eine der gelungensten Masken, die ihm je unterkamen. Dazu Seicherl: „Wieso Maske? Des bin ja i!“
   Ein Seicherl-Strip von 1932 – diesmal sogar 18 Bilder lang – spielt im kommenden Dritten Reich. Judenmord ... Aufnordung (wobei blondbezopfte Hausfrauen in einem „Rassenzuchthaus“ lauter kleine Seicherl zur Welt bringen) ... bis hin zum neuen Weltkrieg. An dessen Ende der „Führer“ persönlich auftritt. Und, auf ein endloses Gräberfeld weisend, proklamiert: „Na, habe ich meine Versprechungen nicht gehalten? Keine Arbeitslosigkeit mehr, keine Judenfrage, kein Klassenkampf. Ruhe und Frieden über allen deutschen Gauen!“ Dazu Seicherl begeistert: „Des nenn i a Leben!“ Dies all jenen ins Stammbuch, die nach dem Krieg behaupteten: „Das hat sich ja niemand vorstellen können.“
   Dann, 1933, fünf Jahre sind es noch bis zum Anschluß durch Nazi-Deutschland, kommen in Österreich die christlichsozialen „Vaterländer“ ans Ruder. Die sozialistische Partei wird verboten. Die bewaffneten rechtsextremen Milizen der „Heimwehr“ unter ihrem Führer Starhemberg, und nach ihrem ländlichen Hutschmuck die „Hahnenschwanzler“ genannt, stellen sich unerwartet der neuen Regierung zur Seite. Und damit andererseits den lokalen Nazis entgegen, den Hakenkreuzlern, auch „Hakinger“ genannt. Tobias Seicherl, darob schwer enttäuscht, plant die Gründung einer faschistischen Einheitspartei.
   Panel 1:
   Seicherl und Struppi auf der Straße, im Hintergrund zwei lauschende Heimwehrler. Seicherl mit Zeitung: „Wos les i do? Der Starhemberg is ganz harb [bös] auf die Hakenkreuzler? Struppi, soll i jetzt zu den Hahnenschwanzlern oder den Hakenkreuzlern halten?“ Struppi: „Wos waß denn i, welche die Blederen san?“
   Panel 2:
   Seicherl: „Struppi, i hab a Idee! I gründ a neuche Partei für alle zwa miteinand. An g’schickten Namen brauchat ma halt.“
   Panel 3:
   Seicherl: „Hakenschwanzkreuzlhahner? Schwanzlkreuzlhahnenhakler? Kreuzlerschwanzlhakenhahnler?“ Struppi (skeptisch): „Er wird scho drauf kumman.“ Daß am Ende fast sämtliche Österreicher, mit Ausnahme der Juden, sich unter dem Zeichen des Hakenkreuzes vereinigen würden, konnte auch ein Struppi nicht voraussehen.

(…)

Zu den wenigen Frauen, die in der Geschichte des Comics eine Rolle spielen, gehört Annie Goetzinger, die – vor allem mit Christin als Autor – unbekannte oder vergessene Frauenschicksale beschreibt. Daneben Claire Bretécher mit ihrer pointensicheren Serie Die Frustrierten. Ein getreues, wenn auch nörglerisches Abbild des täglichen Kleinkriegs der Pariser um ihre Selbsterhaltung – dabei ihrer nervenaufreibenden Stadt in ewiger Haßliebe verbunden. Und auch Ausdruck der enttäuschten Gemengelage in der französischen Linken nach dem Hochgefühl der Achtundsechziger-Großrevolte. Die Reihe erscheint zuerst in der populären Zeitschrift Nouvel Observateur, ihre Mißgestimmtheit ist damit offiziell abgesegnet.
    „Warum sind Ihre Leute eigentlich so frustriert und frustrierbar?“ frage ich die Dame in dem etwas verkommenen Café Select am Montparnasse, das mir irgendwie in die Stimmung zu passen scheint. Darauf Madame: „Wie lange warten wir jetzt schon darauf, daß der Garçon nach unserer Bestellung fragt?“ „Aber das ist doch nicht das Ende der Welt?“ „Nein, aber es symbolisiert unser heutiges Großstadtgefühl, nicht wahr? Faßt es zusammen. Eigentlich haben wir doch alle den Eindruck, irgendwie falsch zu liegen, im falschen Zug zu sitzen.“ „In welchem Zug denn?“ „In dem, der uns statt ins Paradies in ein Pariser Café führt, wo der Garçon keine Lust hat, uns zu bedienen.“ „Aber sind wir nicht im Grund zumeist an uns selber frustriert? Dem Gefühl, daß wir uns nicht wirklich realisiert haben?“ „Wie wahr, oder glauben Sie, ich habe jahrelang Kunst studiert, um zuletzt kleine Männekens hinzukritzeln?“

(…)

Cupertino, Kalifornien, im Februar 1972, eine Einsiedlerklause zwei Autostunden von San Francisco. Auf diese entlegene Farm (derzeitiger Bestand ein Pferd und drei Hühner) büchste der Comiczeichner Robert Crumb aus, als die Welt begann, ihn zum „Guru der Untergrundcomics“ zu krönen. Verlegene Begrüßung am Eingang der Holzbaracke, die Crumb sein Atelier nennt: eine schlaksige Schießbudenfigur in Strickjacke mit mangelndem Kinn und kollerndem Adamsapfel, ein Skelett geradezu von hohlbrüstigem Jüngling. Kugelrunde fragende Kinderaugen hinter fensterglasdicken Gläsern. Darüber ganz inkongruent, wie von einem anderen Menschen stammend, die breite, ernste Künstlerstirn. Kapiert überhaupt nicht, was wir von ihm wollen. Gackert, kichert, deckt beim Reden seinen Mund ab: „Warum gerade ich? Warum gerade jetzt?“ Wir verweisen auf seine inzwischen klassisch gewordenen Figuren wie den weißbärtigen Herrn Natürlich, diesen falschen Guru, oder Herrn Weissmann, den Rassisten. Dazu die taffe Lenore Goldberg und ihre „Girlkommandos“.
   Aber vor allem Fritz den Kater (letzte Reminiszenz wohl an Wilhelm Busch). Ein ironisches Selbstporträt als irrsinnig potenter Hippie, der durch die Subkulturen der Westküste streunt, alle diese süßen Schnecken antörnt und zuletzt mit drei von ihnen gleichzeitig in der Badewanne trioliert. Aber da kommt jetzt aus der Küche Mrs. Dana Crumb, geschätzte 200 Pfund. Und damit genau dem auswuchernden Lustobjekt entsprechend, das er so beschrieben hat: „Groß, volle Lippe, breite Zähne, starker Hals und Schultern, feste Brüste, vorgewölbter Bauch, außergewöhnlich große und feste, möglichst waagerecht herausstehende Hinterbacken, muskulöse Beine mit watschelndem Gang.“ Es ist die Riesenmama, auch schon mal als Yetiweib gezeichnet, die Crumb begehrt. Und sein ganzes Sinnen ist darauf gerichtet, sich von ihr vernaschen zu lassen. Darum ist er ja auch Zeichner geworden: „Ich hatte null Sex-Appeal, und mit irgendwas mußte man schließlich glänzen. Sonst hätte ich sie ja nie gepimpert, die Zweihundert-Pfünder!“ In den späten Sechzigern hat Crumb dann begonnen, seine Zap-Comix selbst zu drucken und persönlich aus einem Kinderwagen an den Straßenecken des Haight-Ashbury-Distrikts feilzubieten, wo seine Opfer (und gleichzeitig Kunden) lebten. Dann auf einmal stieg der Absatz sprunghaft auf 100 000, und Crumb wurde zum Großverdiener: „Nur ohne blasse Ahnung, was mit dem ganzen Zaster anfangen. Die Groupies kriegte man ja jetzt gratis und für LSD hatte ich immer schon genug.“
   Empfindet sich nach wie vor als Randerscheinung dieses kalifornischen Zoos, den er liebevoll karikiert: „Die Joint-und-Lendentuch-Brahmanen, die hüpfenden Hare-Krishna-Kahlköpfe, die Höllenengel in Leder, die Sadomaso-Revoluzzer, die Nicht-aus-noch-ein-Wisser. Amerika, das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Diese ganzen ausgeflippten Mittelklassekinder auf der Suche nach ihrer Perfektion.“ Ob er selbst sich als Antikonformist einschätze? „Eigentlich habe ich bloß die Tür zu meinem Unbewußten aufgemacht und das Horrorvideo herausgelassen, das drin war. Lauter Spiegelungen meines mißlungenen Ich.“ „Sind Sie einverstanden mit dem Titel Diogenes der Westküste?“ „Absolut, weil ich nicht weiß, wer Diogenes war.“ „Wie wär’s mit Kafka für Anfänger?“ „Das schon eher. Aber schreiben Sie doch einfach: Dieser Typ war immer bereit, alles zu probieren, bevor er es parodierte. Oder schreiben Sie: Er ist sexbesessen, aber nicht ichbesessen.“ Frage: „Warum machen Sie eigentlich so destruktive Sachen, sadistisch, monströs?“ „Weil, wenn ich das nicht könnte, wäre ich wahrscheinlich noch viel geschaffter. Dauernd werde ich angestänkert von irgendwelchen Emanzen, daß ich diese irren Bilder mache von Frauen, die sexuell gedemütigt werden und so. Ich erkläre ihnen dann: Wenn ich das nicht zeichnen könnte, müßte ich es wahrscheinlich tun.“ „Sie tun es also nicht?“ „Ich versuche, Dana nicht allzustark zu malträtieren.“
   Schlußeinstellung von Ehepaar Crumb, total angetörnt auf einem gewaltigen Wasserbett schaukelnd und schunkelnd. Nach der Verabschiedung fehlt uns allerdings noch Kit, unsere Aufnahmeleiterin aus New York, maximal ein Viertelportiönchen von Dana. Zuletzt stürzt sie schreckensbleich heraus zum Auto: „Er hat mich mit einem Mal aufs Bett gezerrt. O Mensch, diese Gliedmaßen, wie Spinnenbeine, grotesk. Sonst hätte man ja, in Gottes Namen ...“

(...)

 

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