Direkt zum Inhalt
Cover Lettre International, Gunter Rambow
Preis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis

LI 108, FrĂŒhjahr 2015

Hitler kaputt!

Mein Kriegsende 1945

1.

Seit einem knappen halben Jahrhundert muß dieser Koffer jetzt in unserem engen Pariser Keller lagern, in den ich so ungern hinabsteige. Vielleicht weil er mich an allerhand Orte erinnert, die man lieber verdrĂ€ngt. Den Buchbinderkeller zum Beispiel, in dem man seinerzeit die Kristallnacht ĂŒberlebte, wenn auch nur knapp. Die unterirdischen WaschrĂ€ume in französischen Internierungslagern. Und dann im Elsaß der Granatwerfereinschlag dicht neben dir, und das panische Hinabtauchen in diesen dreckigen Unterstand voller Blut. Schon gar nicht mochte ich an all das Zeug erinnert werden, das diesen Koffer bevölkern mußte. Die KriegstagebĂŒcher. Die Fotos. Die Liebesbriefe, zunehmend trĂŒber, meiner Erinnerung nach (wer hatte mich auch geheißen, direkt in der TrĂŒmmerzeit mit einem deutschen MĂ€dchen anzubandeln?). Dazu die entsprechende Prosa, in Form von Novellen, Einaktern und Dreiaktern, oder was immer damals aus einem hervorquoll. Und die Gedichte, natĂŒrlich die Gedichte. Unvermeidlich alle gereimt, etwas anderes kannte man ja nicht.

Und dann bist du schließlich doch in den Keller hinunter, immerhin begleitet von der Familie. Hast den Koffer herausgestemmt, zwischen altmodischen Lampen und ehrwĂŒrdigen Plattenspielern. Jetzt liegt das alles fein aufgebahrt da. Die Gedichte habe ich gelesen, nicht unberĂŒhrt von diesem kaum mehr nachvollziehbaren Überschwang. Die Prosa aufgehoben fĂŒr spĂ€ter, sprich nie. Die meisten Fotos fand ich leider ziemlich verblaßt. Oder es war ein guter Entwickler gar nicht mehr aufzutreiben, damals in diesem zerdepperten Deutschland. Was die Liebesbriefe betraf, so schĂ€lte ich sie nicht einmal aus den roten SeidenbĂ€ndchen, mit denen das Konvolut verschnĂŒrt war. Warum sich diesen ganzen Harm noch einmal antun, jetzt nach siebzig Jahren? Blieb schließlich das Kriegstagebuch. Ich fand es bloß stichwortartig verfaßt und in Miniaturschrift, denn das war ja alles strikt verboten, im Fall, daß es den Nazis in die HĂ€nde fiel. Außerdem hatte ich es zu meiner Überraschung nicht auf englisch geschrieben, der Sprache der U.S. Army, der man schließlich angehörte. Und die einen mit Nahrung und Weltanschauung versorgte. Sondern auf deutsch, der Sprache des Feindes. Der allgemein von uns nur die „Krauts“ genannt wurde, die „Jerries“, manchmal auch die „Heinis“. Letzteres vielleicht in Bezug auf Heinrich Himmler, dem ja seit neuestem der Oberbefehl ĂŒber die Westfront zustand. Trotzdem hatten wir kaum mehr Angst vor ihnen, zu diesem Jahresende 1944. Auch wenn sie ĂŒberraschend noch manchmal ihre ZĂ€hne zeigen konnten.

2.

Aber wieso war ich ĂŒberhaupt hier, auf diesem elsĂ€ssischen Land mit seinen Kirchlein und FachwerkhĂ€uschen. Das ich unversehens zu lieben begonnen hatte, vielleicht nur, weil man hier deutsch sprach. Eine Sprache, nach der man sich sieben Emigrationsjahre hindurch gesehnt hatte („Ich hab es getragen sieben Jahr 
“), wie man sich sonst nur nach einer Mutter sehnt. Ja, wieso war ich hier mitten im Schlamassel der Offensive, und nicht auf sicherem Posten in den Staaten? Oder aber lĂ€ngst krepiert, gegen den schlauen Rommel in Nordafrika? Vielleicht weil seinerzeit im Ausbildungslager Camp Croft (SĂŒdkarolina) so ein Hillbilly auf mich zugetreten war mit der anzĂŒglichen Frage: „You from Tschermany? Da mußt du ja ein guter Freund von Adolf Hitler sein.“ Worauf ich, was sonst, unverschĂ€mt zurĂŒckgab: „Ja, mein bester Kumpel.“ Und er mich prompt in der Schreibstube anzeigte, als gefĂ€hrlichen Nazi. Es dauerte fast ein Jahr, bis ich, auf mein dringendes Ansuchen, „shipped out“ wurde nach Übersee. (
) Nun war ich also Gefangenenvernehmer beim 179. Regiment der 45. Infanteriedivision, genannt die Donnervögel („Thunderbirds“).

(
)

4.

„DienstĂ€lteste vor!“ Ein kurzes Gemurmel unter unseren PWs, da spritzen schon die ersten auf uns zu. Lauter Feldwebel und ihres Rangs bewußt. „Na, Spieß, auch ganz schön lang beim Barras?“ Keine zwei Wochen, und ich habe deren AusdrĂŒcke weg, daß es flutscht. „Grad aus dem Osten versetzt? Nicht viel Spaß gegen die Iwans, oder? Na ja, bei uns gibt’s wenigstens anstĂ€ndig was zu futtern. Jetzt stellen Sie mal die Leute nach Einheiten auf, aber bißchen dalli, wenn ich bitten darf!“ Eigentlich braucht er, laut Genfer Konvention, nichts weiter zu verraten als Name, Rang und das, was bei uns die „dog tags“ heißt, die Hundenummer. Schon haben wir ihn zu uns herĂŒbergezogen, er weiß es bloß noch nicht. „Soldbuch vorzeigen!“ In fĂŒnfzehn Minuten wird er in unserem Zelt bei Sergeant Adler an der Landkarte sitzen und voller Sachverstand „die Bohnen ausspucken“, alles in guter Frontkameradschaft.

Und ich? Ich lerne eine ganze neue Sprache, statt dem verachteten „Emigranto“, mit dem ich mich sieben Jahre zufrieden geben mußte. Jetzt kenne ich nur noch: Einsatz. Landser. Frontbegradigung. Befehlsnotstand. Himmelfahrtskommando. Unsere „bazooka“ heißt Panzerfaust. Unsere „frontline“ ist die HKL, die Hauptkampflinie, die es „vorzutragen“ oder aber „fanatisch“ zu verteidigen gilt. Allerdings nicht von dieser Volkssturmdivision, deren grauhaarige Schullehrer oder sechzehnjĂ€hrige HJ-Pimpfe sich jetzt massenweise zu uns absetzen. Angeregt durch den Abwurf unseres genialen „Passierscheins“. Welcher, von General Eisenhower persönlich unterzeichnet, nur von „ehrenhafter Übergabe“ redet, und mit GrĂŒnzeug eingerahmt ist wie eine Aktie. Inzwischen ist auch hier im Elsaß die Offensive der Krauts festgefahren, ihre kurzlebige Siegerlaune verblaßt. Aus der Traum.

Was fĂŒhle ich eigentlich diesen deutschen Vaterlandsverteidigern gegenĂŒber? Schwer es auf einen Nenner zu bringen. Da ist natĂŒrlich die Urangst vor der Mordlust dieser fröhlichen Schinder, herĂŒberlangend aus Kristallnachtschrecken, illegalen GrenzĂŒbertritten, auch ersten GerĂŒchten von Todeslagern. Da ist aber auch der Triumph ihrer Unterwerfung, der fast etwas Sexuelles hat. Als wĂ€ren diese einst so ĂŒbermĂ€chtigen Kraftkerle nun von uns zu Weibchen gemacht, und damit unsere eigene MĂ€nnlichkeit bestĂ€tigt. Aber dann auch dieses Verschwiegene, Verbotene, nie zu Verratende: Ein GefĂŒhl der Zugehörigkeit zu diesen armen Hunden in ihren stinkenden Uniformen mit Fußlappen und Gamaschen, denen es schon lang nicht mehr reicht fĂŒr die einst so stattlichen Knobelbecher. Wenn auch manche von ihnen noch an kommende Wunderwaffen glauben. An die Umkehrung des KriegsglĂŒcks ab Hitlers nahendem Geburtstag; und Ă€hnliche Mirakel. Sie sind ja allesamt groß geworden mit Glaubensartikeln und ZaubersprĂŒchen. Wabern in einer MĂ€rchenwelt von Trommelwirbeln, FackelzĂŒgen, Ehrenwachen, Blutfahnen, Sondermeldungen, erhobenen Armen und aufgerissenen MĂ€ulern 
 Sehen sie in uns „den Juden“? Sie blicken da nicht mehr durch. War da was? Die sind doch alle abgehauen damals, oder etwa nicht, mit ihren geklauten Millionen? Und wenn schon einige draufgingen, haben nicht auch die Amis ihre Indianer umgebracht, die Spanier ihre Ketzer? Na also.

Waren sie eigentlich Nazis, diese unsere Gefangenen im KĂ€fig? Mir schien, daß die meisten von ihnen Nazis waren in dem Sinn, wie eben ein Schwarzer sich als Schwarzer empfindet, ein Teeny als Teenager. Es war sozusagen ihr Naturzustand. Wenn wir sie einmal gegen das Verbot danach befragten, so starrten sie einen bloß verstĂ€ndnislos an. Was hatte der Krieg mit dem Nationalsozialismus zu tun, wo es doch nur darum ging, das Abendland gegen die Bolschewisten zu verteidigen und die Plutokraten.

„Und warum ewig auf der Diktatur herumreiten in euren FlugblĂ€ttern? Einer muß fĂŒhren, das wird bei Ihnen nicht viel anders sein als bei uns, stimmt’s? Nur hatte der gute Adolf leider eines nicht geschnallt: Geld regiert die Welt, mein Freund, und das ist eben Mangelware bei uns, die Kohle, die Moneten. Stattdessen hat er es mit dem deutschen Idealismus schaffen wollen, einer fĂŒr alle, alle fĂŒr einen. Aber was zĂ€hlte das schon gegenĂŒber eurer materiellen Überlegenheit? Ich werd Ihnen mal was flĂŒstern: Zusammen hĂ€tten wir damals gehen sollen gegen den Iwan! Sie mit Ihrem Material und wir mit unserem KĂ€mpfertum, dann hĂ€tten wir das geschafft. Aber mit dem Roosevelt war ja nicht zu reden, von wegen seiner jĂŒdischen Mischpoche. Und dann erst mit diesem SĂ€ufer und Gangster, dem Churchill. So ist eben alles schiefgelaufen, und wir Kleinen mĂŒssen das jetzt ausbaden, hab ich recht?“

(...)

11.

(...)

NatĂŒrlich verstehe ich die Trauer, die in der Luft liegt. Um Gefallene, Vermißte, VerkrĂŒppelte. Auch um die verlorenen HĂ€user und Wohnungen. Und um das Geld, das man in die Kriegsanleihen gesteckt hatte. Und doch, warum sind die Menschen nicht optimistischer, jetzt wo das große Schlachten zu Ende ist und sie ĂŒberlebt haben. Stattdessen dieses sture Übelnehmen, dieses muffige Beleidigtsein. Abends versuche ich, bei dauernd unterbrochener Stromzufuhr, meine GefĂŒhle zu diesem Volk niederzulegen. Was ist es, das mich letztlich so unbefriedigt, so ungestillt lĂ€ĂŸt? Mir scheint, das, was Hitler mit Stumpf und Stiel ausgerottet hatte, das war auch das einzige, weswegen man die Deutschen je auf der Welt zu lieben vermochte. NĂ€mlich die Herzenstöne, die NaivitĂ€t, das romantische GemĂŒt. Und nun? Anstatt der erhofften Innerlichkeit waren solche EntlastungssprĂŒche angesagt wie: Die Juden? „Furchtbar, furchtbar. Wenn ich auch persönlich 
“  – Die Kriegsschuld? „Gott, sagen wir fifty-fifty. Oder meinen Sie im Ernst, die Herren Churchill und Roosevelt 
“ – Der Adolf? „Was wollen Sie, eben ein typischer Eesterreicher, eine Importe.“ Andererseits mag man hierorts auch „die Preißen“ nicht, die zweifelsohne das ganze Schlamassel ausgelöst haben. Man liebt ĂŒberhaupt niemanden, so kommt es mir vor, in dieser Stunde Null. Und am wenigstens sich selber. DafĂŒr trieft alles von Selbstmitleid. Es scheint fast, als schwelgten die Leute in ihrer Agonie, einer Art Untergangsrausch. Jene GötterdĂ€mmerung, die ja auch die letzte Wagneroper war, die Hitler je besuchte. Und auf welche er vielleicht insgeheim zugesteuert hatte sein Leben lang.

(
)
 

Preis: 13,90 € inkl. MwSt. 7%
Inhaltsverzeichnis
⌃ Zum Seitenanfang

Die kommende Ausgabe Lettre 144 erscheint Mitte MĂ€rz 2024