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Cover Lettre International 137
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Inhaltsverzeichnis

LI 137, Sommer 2022

Die Treppe von Odessa

Die Königin des Schwarzen Meeres und das Schicksal der Tyrannen

(...)

III. Ein dreifacher Erbe
Rußland war zu seinem UnglĂŒck unter die Fuchtel eines obskuren und erbĂ€rmlichen KGB-Agenten geraten, der es einer Zwangslage und dem Zufall zu verdanken hatte, daß er zum Faktotum des SĂ€ufers Boris Jelzin wurde, wobei dieser selbst durch einen Unfall der Geschichte an die Macht gelangt war, als Perestroika und Glasnost sich totgelaufen hatten. Nach und nach, planvoll, sicherte sich jener untergeordnete Laufbursche fĂŒr die Drecksarbeiten seinen Platz, gewann UnterstĂŒtzer und machte sich bald zum Oberhaupt der Kleptokratie, des Clans der Raubtiere, einer Autokratie, die nicht mehr auf dem Blutserbe, sondern auf der brutalen Aneignung des öffentlichen Eigentums beruhte. Er war gefĂŒrchtet.
     Dieser Putin mit dem heute aufgedunsenen Gesicht war seit langem als Mörder bekannt. Daraus machte er im ĂŒbrigen kein Geheimnis. Seine Gegner starben wie die Fliegen, mit Polonium vergiftet oder mit einem Revolver erschossen. Wenn er eine Comic-Strip-Figur verkörpern mĂŒĂŸte (was fĂŒr dieses Genre keine gute Nachricht wĂ€re), wĂ€re Putin der Mörder Wormy Marrons in Dick Tracy, der Verbrecher mit dem undeutlichen und gummiartigen Gesicht, oder der grinsende Joker in Batman, der Clown des Verbrechens: unheilvolle Personen, welche die wahren Helden unschĂ€dlich machen konnten. Doch als Staatschef, was Putin nun war, wurde er hofiert. Man empfing ihn prunkvoll in Paris, mit einer ĂŒberreichen FĂŒlle von Luxus und Ehrungen, wie vor ihm Zar Nikolaus II. und vor diesem Zar Alexander III. – und noch frĂŒher Zar Alexander II., der Gast Napoleons III. (Bei dieser Gelegenheit, als man von einer MilitĂ€rparade in der Pferderennbahn Longchamp zurĂŒckkehrte, gab ein junger polnischer Emigrant zwei PistolenschĂŒsse auf den Zaren ab, den UnterdrĂŒcker seiner Heimat, aber er verfehlte ihn. – Der SenatsprĂ€sident Ă€ußerte diesen Kommentar: „Die Hand Gottes, die mĂ€chtiger als die eines Frevlers ist, hat den erhabenen Monarchen beschĂŒtzt, den der Kaiser eingeladen hatte und den Frankreich so herzlich empfangen hat.“)
      Putin war also willkommen. Nach altgewohnter Art brĂŒsteten sich Politprofis, ParteifĂŒhrer, Publizisten, Pressevertreter und GeschĂ€ftsleute, ja sogar Filmemacher mit seiner Freundschaft und kassierten die Dividenden in Rubeln oder in DiĂ€ten von VerwaltungsrĂ€ten.
     Soweit lief alles wie am russischen SchnĂŒrchen.
     Putin, der dreifache Erbe von KGB, NKWD und Ochrana, fĂŒhrte sein Leben, wie er es verstand. Abwechselnd PrĂ€sident und MinisterprĂ€sident, um die Verfassung, diesen ordinĂ€ren Papierfetzen, auszutricksen, rechnete Putin so: Alexander I., der Zar Rußlands, König Polens und GroßfĂŒrst Finnlands, hatte 24 Jahre, acht Monate und acht Tage geherrscht, wobei er hier und da Krieg fĂŒhrte, Dissidenten reihenweise aufhĂ€ngte und den Dichter Puschkin verbannte. Sein Bruder und Nachfolger Nikolaus I. herrschte 29 Jahre, drei Monate und einen Tag. Alexander II., der Sohn des Vorigen, herrschte 26 Jahre und zehn Tage, bis zu jenem Nachmittag im MĂ€rz 1881, als ihn ein Attentat gen Himmel schickte. Alexander III., „der Henker“, herrschte nur 13 Jahre, sieben Monate und 19 Tage. Er besaß so gut wie alle europĂ€ischen Orden, angefangen mit der französischen Ehrenlegion, dem preußischen Orden Pour le MĂ©rite, dem dĂ€nischen Elefanten-Orden, dem spanischen Goldenen Vlies, dem brasilianischen Kreuz des SĂŒdens usw. usw. Auf ihn folgte Nikolaus II., der letzte der Romanows, der 22 Jahre, vier Monate und 14 Tage herrschte, dann abdankte, im Jahre 1917 vom Lumpengesindel gestĂŒrzt, den RĂŒpeln, Arbeitern, Bauern, Soldaten und Matrosen, nachdem er den Warnschuß von 1905 ignoriert und ausgiebig aufgehĂ€ngt, deportiert, eingesperrt und verbannt hatte.
     Es wĂ€re unnormal und ungerecht, im Bereich des Absolutismus die lange – sagen wir 27 Jahre lange – Herrschaft Josef Stalins zu vernachlĂ€ssigen, die am Anfang unsicher, bald aber fester und hĂ€rter als keine andere vor ihr war. Stalin, der Woschd, der unbeschrĂ€nkte FĂŒhrer, der alle SchlĂ€chter ĂŒbertreffende SchlĂ€chter, starb eines natĂŒrlichen Todes in seiner Datscha, nachdem er ein Vierteljahrhundert lang in Rußland, der Ukraine und allen Unionsrepubliken grĂŒndlich aufgerĂ€umt und einen katastrophalen Krieg ĂŒberlebt hatte, dies trotz seiner offenkundigen Inkompetenz, die General Pjotr Grigorenko 1967 in einer kurzen Studie zusammenfassend darstellte: „Stalin und der Zweite Weltkrieg“. Stalins Abstieg kam erst nach seinem Tod. Übrigens sagt und erzĂ€hlt man, Stalin sei am Tag seines Todes oder kurz zuvor von einer Hirnblutung niedergestreckt worden und rechtsseitig gelĂ€hmt gewesen, habe jedoch fĂŒr einen Augenblick das Bewußtsein wiedererlangt und ein Auge aufgerissen, und sein Polizeichef Lawrenti Beria, der an seinem Bett gestanden habe, sei zu ihm gestĂŒrzt, um ihm die Hand zu kĂŒssen. (Man sagt und erzĂ€hlt auch, bei der Konferenz von Jalta im Februar 1945 habe Roosevelt, der amerikanische PrĂ€sident, Stalin gefragt, wer dieser Mann neben ihm sei, und Stalin habe mit einem seiner höchst persönlichen EinfĂ€lle geantwortet: „Das ist unser Himmler, das ist Beria.“)
     Stalin wurde am 5. MĂ€rz 1953 fĂŒr tot erklĂ€rt. Man balsamierte ihn ein und stellte seine schnurrbĂ€rtige Mumie im Mausoleum auf dem Roten Platz aus. Weniger als einen Monat danach kĂŒndigte man die baldige Freilassung eines großen Teils der 2 526 402 HĂ€ftlinge der Arbeitslager an. Was nun den Polizeichef Beria betraf, so wurde er im Sommer bei einer Sitzung verhaftet – eine segensreiche Aktion, an der Marschall Schukow, der Held des letzten Krieges, und General Moskalenko, ein Sohn ukrainischer Bauern, beteiligt waren. Das muß einen komischen Eindruck auf Beria gemacht haben, als er hörte: „HĂ€nde hoch!“ Er, der doch so viele foltern und verschwinden lassen hatte! Sein Schicksal wurde ohne Gerichtsverfahren unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden entschieden.
     Somit gibt es hier fĂŒr jeden Grund zum Nachdenken ĂŒber das Schicksal der Tyrannen im allgemeinen und ganz besonders in Rußland. Das bietet einem sozusagen Anschauungsunterricht.

 

Kumpel und Tyrannen
Wladimir Putin hatte also im Jahre 2000 den Gipfel der Macht erreicht und rechnete damit, erst mit den FĂŒĂŸen voran in fernster Zukunft wieder hinabzusteigen, so krĂ€ftig, wie er war und es zeigte. (Oft fĂŒhrte er sich selbst mit nacktem Oberkörper vor, um seine Brustmuskeln vorzuweisen, was keiner von seinen VorgĂ€ngern gewagt hatte; am Hals ließ er ein christliches Kreuz baumeln, um den anderen weiszumachen, daß er ein GlĂ€ubiger sei, und um das Wohlwollen der orthodoxen Kirche und des Moskauer Patriarchats zu gewinnen.) Putin hatte die Verfassung mĂŒhelos so manipuliert, um bis zum Jahre 2036 an der Spitze zu bleiben, das heißt 36 ganze Jahre, wodurch er so mit einem Rekord in allen Kategorien Josef Stalin, Alexander I., II. und III., Nikolaus I. und II. ĂŒbertreffen wĂŒrde. Möglicherweise könnte er an langer Herrschaftsdauer sogar Kaiserin Katharina II. ĂŒbertrumpfen, die Friedrich Engels ohne die geringste ZurĂŒckhaltung als „die große Hure“ bezeichnete.
     Lange Zeit bewahrte Putin sein Ansehen bei seinen Amtskollegen. Jacques Chirac, der zweimalige PrĂ€sident der Französischen Republik, erhob Wladimir Putin zur WĂŒrde eines GroßkreuztrĂ€gers der Ehrenlegion. Man sah, wie Chirac mit konzentrierter Miene das Ordensband am Anzugsrevers Putins anheftete. Dieser trug eine gestreifte Krawatte und stand vor dem vergoldeten Kamin in einem Salon des ÉlysĂ©es. Ein ehemaliger deutscher Kanzler, der offenbar aus der Sozialdemokratie kam, verkaufte dem Herrn des Kreml fĂŒr Rubel seine Seele. Man sah, wie Gerhard Schröder demonstrativ die Hand auf die Schulter seines Kumpans Putin legte. Man hatte sie sogar alle drei zusammen – Putin, Schröder und Chirac – gesehen, in bester Laune, Freunde wie Pech und Schwefel unter der russischen Sonne von Swetlogorsk. Chirac trug einen perlgrauen Anzug, Schröder einen anthrazitfarbigen Sakkoanzug, Putin einen petrolblauen Anzug. Man sagt und erzĂ€hlt, sie hĂ€tten ĂŒber einen Witz auf Kosten der EnglĂ€nder gelacht: „Man kann Leuten nicht trauen, die so schlecht kochen.“ Hahaha!!! Statt dessen und offensichtlich konnte man einem gewöhnlichen KGB-Agenten trauen und sich auf ihn verlassen. Macht bringt NĂ€he, Macht bringt Komplizenschaften. Das ehrwĂŒrdige New Yorker Magazin Time ehrte Putin als Mann des Jahres 2007: „Tsar of the New Russia“ – Zar des neuen Rußlands. Dieser Titel und dieses Privileg wurden ihm zugesprochen „in Anerkennung der Rolle, die der russische FĂŒhrer dabei gespielt hat, aus Moskau einen wesentlichen Dreh- und Angelpunkt des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu machen“, ein Argument, dessen Hellsichtigkeit es verdient, besonders hervorgehoben zu werden.

(...)

Zur allgemeinen Überraschung und weltweiten BestĂŒrzung schickte Putin am 24. Februar 2022 seine Panzer zum Angriff auf die unabhĂ€ngige Ukraine los. Das war kein Krieg, nein, ganz und gar nicht, sondern eine „militĂ€rische Spezialoperation“. Außerdem war es fortan in Rußland auf Befehl von oben und unter Androhung einer GefĂ€ngnisstrafe verboten, das Wort „Krieg“ auszusprechen. So kehrte denn in Moskau mit dem Wiedererstarken des Totalitarismus der schwarze und bittere Humor nach sowjetischer Art zurĂŒck, von dem man geglaubt hatte, daß er zur Vergangenheit gehörte: „Haben Sie Lew Tolstois Buch MilitĂ€rische Spezialoperation und Frieden gelesen?“ Die einfachen Russen waren zu bedauern. Aber nicht so sehr wie die Ukrainer. Putin bombardierte die StĂ€dte Charkiw und Kiew. (In einer Intourist-BroschĂŒre, die in den fĂŒnfziger Jahren in Moskau herauskam, konnte man lesen: „Kiew bietet eine glĂŒckliche Kombination von Naturschönheiten und von GebĂ€uden und Monumenten mit bewundernswerter Architektur.“) Die Russen nahmen Mariupol am Asowschen Meer unter Dauerfeuer. Die Putinsche Armee kam nicht voran. Man bombardierte stĂ€rker. Das Theater, die Entbindungsklinik, die Schulen, das Rote Kreuz. Es wurden Tausende Tote gezĂ€hlt. Leichen verwesten in den TrĂŒmmern. In Mariupol blieb kein Stein auf dem anderen. RaketeneinschlĂ€ge. GeschĂŒtzsalven.
     Odessa am Schwarzen Meer verbarrikadierte sich. Vom oberen Treppenpodest aus erkannte man am Horizont die graue Linie der Putinistischen Schiffe. Hinter den Barrikaden spielte das Orchester der von den Österreichern Fellner und Helmer entworfenen Oper im Freien, in der WinterkĂ€lte, die Nationalhymne, mit Violinen, KontrabĂ€ssen, Blechblasinstrumenten und Celli. Der Zoo nahm die Haustiere der fliehenden Einwohner auf. Das Standbild des Herzogs von Richelieu wurde unter einem schĂŒtzenden Stapel von SandsĂ€cken begraben, nur der Kopf des Herzogs ragte darĂŒber hinaus.
     So war es. Wie einstmals Pest und Cholera war der Krieg nach 77 Friedensjahren in Europa zurĂŒckgekehrt. (Allerdings muß man bei dieser Rechnung den jugoslawischen PrĂ€zedenzfall, die Belagerung von Sarajevo, ignorieren.)
     Der Sprung ins Kriegsabenteuer ist nicht rĂŒckgĂ€ngig zu machen und ĂŒberfordert alle Vernunft.
     SelbstverstĂ€ndlich kommt es vor, daß Tyrannen den Kopf aus der Schlinge ziehen. Das galt fĂŒr Franco und Salazar. Als AntĂłnio de Oliveira Salazar aus dem Amt schied, wurde er schonungsvoll behandelt und aus GesundheitsgrĂŒnden durch Marcelo Caetano ersetzt. (Dieser wird dann von den Hauptleuten der Nelkenrevolution des April gestĂŒrzt und stirbt im wohlverdienten brasilianischen Exil.) Francisco Franco starb von SchlĂ€uchen durchbohrt in vorgerĂŒcktem Alter im Madrider Hospital de La Paz – dem „Krankenhaus des Friedens“ –, wĂ€hrend auf den Straßen der europĂ€ischen StĂ€dte die Rufe widerhallten: „¡Franco asesino!“ („Mörder Franco!“) Diese zwei wurden gehaßt und verabscheut, doch sie endeten in ihren Betten.
     So etwas gilt selten fĂŒr Diktatoren, die einen Krieg angestiftet haben. Man erinnert sich an den mit dem SchnurrbĂ€rtchen, der sich in seinem Berliner Bunker das Hirn wegpustete, und an den anderen, der in Italien mit den FĂŒĂŸen an den DachtrĂ€gern einer Esso-Tankstelle aufgehĂ€ngt wurde. Was nun den Conducător Antonescu betrifft, den Henker von Odessa, der das Eiserne Kreuz um den Hals trug, so beendete er seine Karriere vor einem Erschießungskommando.
     So verschwinden Tyrannen oft.
     Rußland, das muß man anerkennen, hat eine fest begrĂŒndete Tradition im Tyrannenmord.

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