LI 118, Herbst 2017
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Bastian Schneider

Ein Intertextueller ergreift das Wort am Rand der letzten Klippe

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4
Mein Amt – Sammler literarischer Zitate – hat irgendwann meine vordem in sich ruhende Persönlichkeit verbogen.
Ich heiße Bastian Schneider und bin Assistent eines Autors, für den ich lediglich der Lieferant aus dem Kontext gelöster Sätze bin. „Der Intertextuelle“ nennt er mich. Letztlich werde ich nie mehr sein als das, der „Intertextuelle“, da ich nur der Assistent einer Sparte seines Werkes bin.
Ich bin sein Beschaffer literarischer Zitate, die ich ihm alle – in zuvor abgewandelter Form – von Zeit zu Zeit abliefere. Dabei ist mein Ton stets bescheiden, denn in meinem Alter werde ich mir nichts mehr vormachen: Ich besetze das Negativ seines Bildes als Autor. Gewiß, das ist vielleicht gar nicht so schrecklich. Wer weiß, ob ich nicht eines Tages, zum Beispiel gleich heute, aus dem Negativ dieses Bildes heraus werde sprechen können.

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8
Die Originalität dieses Planeten kann ich nirgendwo entdecken. Und was ich da sage, leitet sich nicht nur aus meinem Amt als intertextueller Assistent ab, sondern auch von meinem ewigen Eindruck, daß alles, was man auf Erden sehen kann, die Kopie von etwas ist, das seinerseits die Kopie einer anderen Kopie war. Ich selbst bin nur der Abklatsch anderer, die vor mir bereits ebensolches mutmaßten. Machen wir uns also nichts vor. Hier ist alles falsch, angefangen beim Planeten. Sich in einer Welt ohne erkennbaren Ursprung für ursprünglich zu halten ist folglich nichts als das Verlangen, sich vergebliche Illusionen zu machen. Dessen eingedenk, habe ich eines Tages beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und, wenn ich schon nicht auch nur im Traum daran denken kann, nach Originalität zu streben, mich zumindest einer extremen Haltung zuzuwenden. Seither habe ich die Neigung, möglichst radikal unoriginell zu sein.

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12
Meine Arbeitsmethode? Plünderung. Indem ich den Sinn der Sätze gehörig umschreibe, verändere ich sie sogar noch, bevor ich sie in einen anderen Kontext versetze; ich kreise sie in ihrem eigenen Umfeld ein und transformiere sie – schonungslos – gleich an Ort und Stelle, lasse sie so verdreht und serviere sie anschließend dem überheblichen, unnahbaren Autor auf dem Tablett.

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14
Es ist unabdingbar, daß wir zwanglos unoriginell werden und es ein für allemal zulassen, daß unsere Gehirne von Massen besucht werden, damit etwa all die „unzähligen Besucher“ uns sehen können, die stillschweigend in Emily Dickinsons Zimmer eindrangen; diese unzähligen Gäste, die weder Kleidung noch Namen, weder Zeit noch ein Land oder ein Lachen hatten, aber Emily alles sagten, was sie gehört hatten, noch bevor es gehört wurde.

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31
Ich kann mich noch an den Abend erinnern, als Marlene Dietrich mit einer Gummimaske auftrat, die ihr eigenes Gesicht zeigte, und das Publikum sprachlos war. Hatte sie vielleicht noch einen Unfall gehabt? War sie womöglich eine Betrügerin? Die Stimme klang gleich. Falls sie eine Vertretung war, machte sie ihre Arbeit sehr gut. Sie sang eine Weile mit aufgesetzter Maske, doch am Ende riß sie sie ab und schleuderte sie weit von sich. Da haben wir sie leibhaftig in Fleisch und Blut! Die Echte! Es war ein schockierender Akt, und die Leute ließen nicht einen Moment ab, sich zu fragen, ob es tatsächlich Marlene Dietrich war oder nicht.

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35
„Wenn wir beim Schreiben nicht originell sein können, welchen Sinn hat dann der Versuch, uns dem Schreiben zu widmen?“, stellte ich mir vor, daß der unnahbare Autor mich von seinem fernen Haus in der fernen Stadt aus fragte.
„Es hat einen Sinn, wenn man Schriftsteller ist“, erwiderte ich ihm.
Dann ging mir noch durch den Kopf, daß jeder Schriftsteller auf seine Weise schreibt, so wie jeder Torero die Kunst des Stierkampfs so betreibt, wie es ihm beliebt. Natürlich gibt es nur wenige, die Stil haben, denn in der Schriftstellerei kann man alles lernen, absolut alles, nur nicht, ein Schriftsteller zu sein, genauso wie man in der Kunst des Stierkampfs alles lernen kann, absolut alles, außer, ein Torero zu sein.

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44
Egal, wo ich sie entdecke. Die literarischen Zitate, die mir brauchbar erscheinen, greife ich mir sofort heraus, schreibe sie leicht oder zutiefst um und speichere sie in einem Word-Dokument, das ich Notizbuch für Künftiges nenne.
„Ich nehme, was dienlich ist, wo immer ich es finde.“ (Jacques Lacan)
„Ich bin Phönizier und mache mir alles zunutze.“ (Salvador Dalí)

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48

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Ich schlendere über den Père-Lachaise und bleibe stehen vor Balzacs Grab, unmittelbar gegenüber von Nervals letzter Ruhestätte, in der Division 48. Ich halte inne, um mich darauf zu besinnen, daß wir immer nach anderen schreiben, was keiner besser weiß als ich, denn nicht umsonst bringe ich mein ganzes Leben damit zu, mit geraubten und umgeschriebenen Sätzen alles, selbst mein eigenes Erscheinungsbild, auf der Basis fremder Züge zusammenzufügen. So habe ich mir den Weg geebnet, um immer weiter in mein eigenes Dickicht vorzudringen, stets in dem Wissen, daß mich, um voranzukommen, nichts so sehr beruhigen würde wie eine Maske.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 35
Aus dem Spanischen von Petra Strien
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