LI 088, Frühjahr 2010
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K.U.K.-Geflüster

Geisterstimmen von den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs

Oktober, Herbst, Nebel. Die Karpaten. Die Bäume stehen nackt, und man sieht die verlassenen Vogelnester. Gleich kommt der November und dieser heidnische Brauch, Lichter auf den Gräbern anzuzünden. Das wurzelt tiefer als der Katholizismus, als das Christentum. Am 1. November brechen alle an die Orte auf, an denen ihre Angehörigen in der Erde liegen. Das ist älter als alle Religionen: die Erinnerung daran, wo deine Mutter vergraben liegt, dein Vater oder dein Kind. Die Erinnerung daran, wo unter der Erde ein Teil deines Lebens ruht. Das ist der November. Der 1. November ist der Tag der Allerheiligen, die schon im Himmel weilen, und der 2. November: der Tag der unterirdischen Leiber und Seelen, von deren Schicksal wir nichts Sicheres wissen.

Der älteste Feiertag. Die Sonne geht um 15 Uhr 37 unter. In der Dunkelheit flackern die Lichter. Auf den Hügeln, in den Tälern, in Städten, in dunkler Einöde. Der süßliche Duft von Chrysanthemen und der Geruch von Stearin. Der Wind trägt das davon. Man fährt durchs Land und riecht es überall. Man fährt und erkennt schon von weitem, wo die Skelette liegen. An keinem anderen Tag denken wir so intensiv über uns nach, darüber, was von uns bleiben wird, und darüber, was andere Menschen uns hinterlassen.

Der Oktober geht zu Ende. Karpaten. Das Rückgrat der Berge im Leib der Erde. So sieht das auf der Karte aus. Als läge da jemand auf der Seite, zusammengerollt. Ende Oktober, Wind weht und reißt die roten Blätter von den Buchen. Dieses Rascheln, wenn man darin watet, dieser Herbstlaut, dieser Endklang. Ein letzter Sonnenglanz schlüpft durch die Wolken, wie ein Messer.

Die Fliegen verenden auf dem Fensterbrett, gleich dahinter öffnet sich der gewaltige Blick ins Gebirge. In die Täler, durch die vor hundert Jahren die Armeen der drei Kaiser gezogen sind. Dreck, Blut und Schnee. Im Dezember, im Januar, im Februar. Schwarz, Rot und Weiß. Im Frühling wird man nur den Dreck sehen, in dem das Blut spurlos versickert ist, wenn sie über Regetów, über Magura und durch Grab gezogen sind. In Stiefeln voller Blut und Dreck. Die Österreicher marschieren in graublauen Uniformen. Sie stinken nach Kälte und Tod vom ewigen Liegen in Schlamm und Scheiße, man kann nicht eben mal aus dem Schützengraben hüpfen und scheißen gehen, darauf wartet ja der Russe mit seinem fünfschüssigen Mosin nur.

„Genau! Darauf wartet er! So wie auch ich gewartet habe. Fähnrich Afanassi Gusjew vom 191. Infanterieregiment. Ich wartete und wartete und liege jetzt in dem Dorf Grab auf dem Friedhof Nummer 5. Ich hatte Glück und wurde in einem Einzelgrab beerdigt. Am 21. Januar durchschlug mich eine Kugel aus einem Mannlicher, mir wurde ganz kalt und dann wieder warm, und ich dachte, ich würde nach Rußland zurückkehren, aber ich blieb hier. Der Zar hat mich geschickt und nicht wieder heimgeholt. Jeden Morgen höre ich, wie die Kinder zur Schule gehen.“

„Und ich höre nur die Tiere. Am deutlichsten im Herbst, wenn das Laub raschelt. Danach kommt der Winter, und es wird still.“

„Wer spricht?“

„Der Gemeine Jussuf Kusturic, 4. Bosnisch-Herzegowinisches Infanterieregiment, Friedhof in Przyslup. Sammelgrab, das erste links vom Eingang.“

„Wann bist du gefallen?“

„Am 2. Mai in der Früh’. Am ersten Tag der Schlacht von Gorlice. Ich stieg aus dem Graben und war tot. Ich war aus der Gegend von Mostar. Ich bin hierhergekommen, um zu sterben.“

„Aber du hast vier Monate länger gelebt.“

„Ja. Aber im Mai zu sterben, das tut weh. Ich weiß nicht einmal, was es war. Ich war einfach plötzlich tot. Die Buchen trieben kleine grüne Blätter. Ich lag auf dem Rücken, bis schließlich alles still wurde und erlosch. Im Winter hört man hier keine Geräusche. Dann rufe ich mir in Erinnerung, wie Mostar im Dezember duftete, wie Travnik duftete und Sarajevo. Sie dufteten nach Eichenrauch.“

„Mein Dorf roch nach Kiefern- und Birkenrauch. Der Frost kam im Oktober, tausend Werst östlich von Moskau. Doch der Zar hat’s befohlen, deshalb kam ich hierher, um von einem Mannlicher Kaliber 8 zu sterben.“

„Und unser Kaiser ließ uns rote Feze tragen, darin gingen wir zum Angriff. Wir trugen rote Feze und waren durch die Bäume meilenweit zu erkennen, denn der Kaiser wollte in seinem Reich kaiserliche Türken haben, deshalb liefen wir mit diesem Rot auf den Köpfen herum wie die Hähne, wir brachen aus Mostar, Tuzla und Sarajevo auf, um auf den Hängen von Magura zu fallen. Wir trugen hellblaue Uniformen, und man sah sofort, wer sich in die Hosen geschissen hatte.“

„Süß und ehrenvoll ist es, sich für den Kaiser in die Hosen zu scheißen.“

„Wer spricht denn da?

„Schütze Mendel Brod. 4. Feldschützenbataillon. Friedhof in Magura. Grab 51. Auch am 2. Mai, so wie der muslimische Kollege. Vermutlich ein Schrapnell.“

„Woher?“

„Bircza bei Przemysl.“

„Garnison?“

„Braunau am Inn.“

„Mach keine Witze.“

„Im Ernst. In Braunau bin ich gedrillt worden. In Braunau hat man mir beigebracht, mit dem Mannlicher zu schießen und für den Kaiser zu sterben. 4. Feldschützenbataillon. Schade, daß ich nicht mehr lebe. Ich hätte weiter für den Kaiser leben und ein bißchen später sterben können, sagen wir, nach 25 Jahren. Ich habe kein Land, mein Volk ist zerstreut, also würde ich die kaiserlichen Völker und Länder verteidigen. Hauptsache, ich würde noch leben.“

„Pah! Leben würde jeder gern, doch süß und ehrenvoll ist es, für den Kaiser zu sterben.“

„Ehrenvoller ist es, zu sterben, als zu leben.“

„Aber bis vierzig oder so hätte ich gern noch gelebt.“

„Aber dann hätte es keine Durchlaucht mehr gegeben.“

„Warum nicht? Keinen gnädig Herrschenden mehr?“

„Darum nicht. Bis 110 hätte auch er es nicht geschafft. Dann wäre Karl dran gewesen.“

„Ferdinand wäre besser gewesen.“

„Die verdammten Serben.“

„Liegt hier irgendein Serbe?“

„Selbst wenn hier einer liegt, wird er nicht Piep sagen.“

„Und du, Jussuf, bist du nicht auch ein bißchen Serbe?“

„Eher nicht. Jedenfalls nicht für einen Serben. Für den bin ich eine miesere Art Türke.“

„Und für Ihre Durchlaucht warst du der, der du warst: ein Bosnier aus dem Bosnisch-Herzegowinischen Regiment, der sein Leben für ihn gegeben hat.“

Hvala lepo. Aber an solchen Tagen wie heute, wenn rings um mich her das Wasser gluckert, wäre ich gern jemand anders. Ich würde lieber auf dem Trockenen liegen und in der Nähe meiner Angehörigen. In der Herzegowina gießt es nicht so.“

„Mecker nicht. Du liegst in einem kaiserlich-königlichen Grab, im kaiserlich-königlichen Wald in deiner kaiserlich-königlichen Heimat. Kein Serbe kommt hierher und pißt dir aufs Grab.“

(...)

Mehr von:
Andrzej Stasiuk
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94
Aus dem Polnischen von Olaf Kühl

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