LI 062, Herbst 2003
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Operation Schatoi

Tschetschenien - von Schrecken und Schande eines Krieges

Nochtschij-Keloi steht unter Schock. Für lange Zeit. Dieses kleine Dorf, dessen Häuser sich im Gebirge an der Straße nach Dagestan entlangziehen, hat im Sommer 1999 den Durchmarsch der Truppen Bassajews und Chattabs erlebt. Diese eilten den dagestanischen Wahhabiten zu Hilfe, die ihre Republik in ein neues Emirat umwandeln wollten. Das ganze Dorf, 60 ärmliche, unter Hunger und Tuberkulose leidende Familien, kann allerdings bestätigen, daß diese Truppen auf ihrem Rückmarsch von der Armee der Russischen Föderation nicht "beunruhigt" wurden. Doch dieses Dorf hat niemals ein derartiges Drama erlebt …

Niemals. Und darum haben die Einwohner zuerst den Leuten aus dem sieben Kilometer entfernten und etwas abseits von der Straße nach Dagestan liegenden Dai nicht geglaubt, als diese am 12. Januar 2002 zu ihnen kamen und erklärten: "Anscheinend hat man eure Leute ermordet, nicht weit von hier an der Straße, neben einem verlassenen Bauernhaus. Die Soldaten haben den Wagen mit den Knochen nach Schatoi abgeschleppt. Sie haben ihn in einem Park stehenlassen. Alle gehen dorthin und wollen die Überreste identifizieren. Ihr müßt auch hingehen."

Einige Männer, Verwandte der Leute, die am Tag zuvor nach Schatoi gefahren und nicht zurückgekommen waren, machten sich auf den Weg. Sie haben die zerbrochenen und verkohlten Knochen nach Wladikawkas in das kriminaltechnische Labor der Nachbarrepublik Nordossetien gebracht. In Tschetschenien gibt es trotz des Krieges und der vielen Toten immer noch kein derartiges Labor.

In Wladikawkas erfuhren sie, daß es keine fünf Leichen waren, wie die Alten im Dorf gedacht hatten, sondern sechs. Den Verwandten der Verstorbenen übergab man Totenscheine, aus denen ich hier einige von den Gerichtsärzten unterschriebene Auszüge wiedergebe.

Schachban Bachajew, Förster. "Todesursache: an mehreren Stellen eingeschlagener Schädel und tödliche Kopfwunde durch einen Schuß." Das heißt, daß er vor seiner Hinrichtung gefoltert wurde und daß man seine Leiche danach verbrannt hat.

Said-Magomed Aslachanow, Schuldirektor. "Todesursache: nicht festgestellt. Leichenreste vollständig verbrannt." Von ihm ist also derart wenig übriggeblieben, daß man nicht einmal seine Todesursache feststellen konnte …

Sainap Dschawatchanowa, kinderreiche Mutter. "Todesursache: nicht festgestellt. Leichenreste vollständig verkohlt." Auch diese Bäuerin ist vollständig verbrannt. Sainap hatte zu den Tschetschenen gehört, die nach Georgien geflohen waren. Während eines großen Teils des Krieges hatte sie mit ihrem Mann und ihren Kindern in der Pankisi-Schlucht gelebt. Kurz vor der Ermordung der Frau war diese Familie nach Tschetschenien zurückgekehrt, weil sie an die Versprechungen der russischen Offiziellen geglaubt hatte, die die Flüchtlinge nachdrücklich zur Rückkehr aufforderten und ihre Sicherheit garantierten.

Hätte sie wirklich zurückkehren sollen? Damit von ihr und ihrem ungeborenen Kind nur ein Fuß übrigbliebe?

Wir befinden uns im Hof des ärmsten Hauses von Nochtschij-Keloi. Hier wohnte der Geschichtslehrer Abdul-Wahhab Satabajew, dessen Schädel man nicht gefunden hat. Man hat seine in ein "Bündel" gewickelten Reste ohne den Kopf beerdigt.

Baisark ist Abdul-Wahhabs Witwe. Die fünf Waisenkinder kommen nicht aus dem Haus und beteiligen sich nicht am Gespräch der Erwachsenen. Sie haben ihre Gesichter an eine kleine Fensterscheibe gepreßt. Die jungen Mädchen mit den schwarzen Schultertüchern mustern mich mit strengen und geringschätzigen Blicken, als hätte ich ihren Vater umgebracht. Die Witwe streckt nun ein wenig die Hände auseinander, als wollte sie einen Suppenteller nehmen, um mir zu zeigen, was sie beerdigt hat: gerade einmal zwei verkohlte Knochen.

"Tatsächlich waren die Knochen ziemlich groß", erklärt Baisark. Sie erschauert und blickt zu den sich ans Fenster drängenden Töchtern hinüber. "Wir haben eine Regel: Man muß die Toten in eine große Menge Stoff einhüllen. Also haben unsere Alten viele Laken benutzt, damit es Ähnlichkeit mit einem Leichnam hat."

Wortlos weint die Frau, und die Alten des Dorfs, die allmählich im Hof zusammenkommen, seufzen vorwurfsvoll: Hier ist es nicht üblich, daß eine Witwe weint, wenn sie von ihrem verstorbenen Mann spricht. Die Töchter haben das Recht zu weinen, aber nicht Baisark.

"Was soll ich tun?" fragt Baisark, die sich beruhigt hat, wie es die Tradition verlangt. "Wie kann ich die Wahrheit herausfinden? Wer sind die Schuldigen? Und wer wird mir helfen, sie zu entdecken?"

"Alle haben uns und unser Leid vergessen", bestätigen die Alten.

Niemand – weder der tschetschenische Ministerpräsident Stanislaw Iljassow noch Präsident Achmat-Chadschi Kadyrow, ja nicht einmal ihre Stellvertreter und Helfershelfer, die sich hinter dem hohen Zaun des Verwaltungsgebäudes in Grosny verschanzt haben – hat sich nach der Gruppenhinrichtung vom 11. Januar 2002 in Schatoi blicken lassen. Niemand, und das, obwohl dieser Vorfall ganz beispiellos ist.

Iljassow, Kadyrow und Co. verkörpern die sogenannte neue Zivilmacht in Tschetschenien, die Wladimir Putin anstelle von Aslan Maschadow und seiner Regierung eingesetzt hat. Man kann darüber streiten, ob diese "neuen Persönlichkeiten" recht haben oder nicht, doch das ist nicht die Hauptsache. Diese Macht hat wie zuvor jene Maschadows nicht den geringsten Nutzen für die Zivilbevölkerung. Sie hat Angst vor allem, verkriecht sich in Grosny, steht unter dem Schutz der Armee und unterstützt nicht ihr Volk, wenn es Hilfe braucht. Nun ist gerade das aber die einzige Aufgabe einer Regierung. Welchen Sinn hat sie sonst?

Die Familien der Opfer erwarteten wenigstens, daß ihnen diese Führer kondolierten. So etwas ist in Tschetschenien üblich: Man muß sein Beileid in Worten äußern.

Es gab keine Beileidsbezeigungen.

"Besonders getroffen hat uns, daß Schamajew, der jetzige Mufti, sich genauso benommen hat wie Kadyrow und Iljassow", haben mir die Leute aus Nochtschij-Keloi erzählt. "Und das, obwohl er aus Schatoi stammt. Wir waren dermaßen stolz, als er Mufti von Tschetschenien wurde: Wir hatten ihn auf Veranstaltungen unterstützt, wir hatten Briefe geschrieben, die für ihn eintraten …"

Nach dem 11. Januar wurde im Dorf eine Versammlung abgehalten. Oberst Plotnikow, der von den ihn begleitenden Offizieren als der Leiter der militärischen Operation vorgestellt wurde, die Sainap und die anderen das Leben gekostet hatte, trat herausfordernd auf. Ohne daß ihn die Anwesenheit der Witwen und Waisen im geringsten störte, brüllte er lauthals: "Warum macht ihr solches Geschrei? Dieses ganze Theater wegen sechs Leichen?! Vor kurzem habe ich in Argun 92 umgelegt, und da ist nichts passiert!" Die Leute waren dermaßen vor den Kopf gestoßen, daß sie Plotnikow nicht in Stücke gerissen haben.

Major Witalij Newmerschitskij, der Chef des militärischen Nachrichtendienstes im Führungszentrum des Kreises Schatoi, hatte ihn ins Dorf gebracht.

"Warum? Man hätte den Oberst töten können."

"Ich habe es mit Absicht getan", antwortet der Major. "Damit er mit eigenen Augen sieht, was er angerichtet hat."

Newmerschitskij ist 29 Jahre alt. Er ist sehr groß und hat ein schönes, offenes Gesicht. Er hat eine Frau in Nischnij Nowgorod und viele Probleme in seinem Privatleben, denn er kämpft seit dem ersten Krieg und kommt selten nach Hause. In Schatoi ist er eine bekannte und geachtete Persönlichkeit, und darauf ist er stolz. In diesem Kreisort läuft er unbewaffnet und ohne Wachen umher, was sich kein anderer Offizier erlauben kann. Nach dem 11. Januar ist er eine legendäre Gestalt geworden, denn er war der Hauptzeuge der Tragödie, die sich bei dem Dorf Dai abspielte.

Als das Drama begann, war er in einem Panzerwagen mit einer kleinen Gruppe Soldaten an den Männern des GRU vorbeigefahren, ohne daß er wußte, was später geschehen würde. Nachdem er seine Inspektionsfahrt beendet hatte, machte er sich auf den Rückweg und traf nach dem Massaker dort ein. Er ließ Untersuchungsbeamte der Staatsanwaltschaft zum Tatort kommen. Sie trugen unwiderlegbare Beweise zusammen und verhafteten die Schuldigen – was in Tschetschenien praktisch nie geschieht, wenn es sich um Verbrechen von Militärs handelt.

In der Sprache der Bundestruppen heißt so etwas: die eigenen Leute "verpfeifen". Der Major hat sogar vor der Staatsanwaltschaft gegen "seine Brüder" ausgesagt, wie er es selbst nennt. Daher befindet er sich in einer schwierigen Lage. Er ist ein mutiger und gebildeter Mann, der genau begreift, was vor sich geht, und der darunter leidet, daß er die Dinge zu gut versteht.

"Es tut mir leid, daß ich gegen ‘unsere Leute’ auftreten mußte. Das ist wahr."

"Warum haben Sie es dann getan? Sie hätten in Ihrem Panzerwagen vorbeifahren können, ohne anzuhalten, wie dies bei Militärs üblich ist."

Der Major macht eine lange Pause, doch das ist kein Zeichen von Verunsicherung. Er sucht nach den richtigen Worten, das ist alles. Man muß verstehen, wer dieser Major ist. Denn seit dem ersten Krieg gehört er zum militärischen Nachrichtendienst, sein Persönlichkeitsprofil ist klar: Er hat das unerschütterliche Gesicht eines Berufskillers.

"Aber vorher haben Sie doch ähnlich gehandelt. Wenn es nicht am 11. Januar war, dann eben früher." "Das stimmt. Hier gibt es keine Engel. Entweder erledigst du sie, oder sie erledigen dich. Aber es kommt der Augenblick, in dem man sich fragt, warum es so lange dauert. Wie viele soll man noch umbringen? Also, Chankala will nichts davon wissen … Die machen Fehler über Fehler. Die GRU-Kämpfer haben lediglich ausgeführt, was die Generäle in Chankala geplant hatten."

Ich verspüre ein sonderbares Gefühl. Der Major regt sich nicht auf. Während jeder andere einen Wutanfall bekommen hätte, bleibt er vollständig ruhig und beherrscht … Seine Worte machen nicht den Eindruck, als glaube er selbst an das, was er sagt … Gewiß hat er einen sehr starken Charakter, er ist mutig und zu Heldentaten fähig. Trotzdem stimmt bei ihm irgend etwas nicht, etwas, das ihn wie einen übellaunigen Totschläger wirken läßt: Er redet, aber seine Augen bleiben nichtssagend. Als hätte er ein großes Unglück erlebt. Oder als gäbe es bei ihm einen doppelten oder gar dreifachen Boden. Als hätte er eine Schandtat begangen oder würde sie bald begehen … Er ist ein Verbrecher und gleichzeitig ein Held, ein Henker und das Opfer von Henkern … Und unterm Strich, wer ist er wirklich?

Wir setzen unser Gespräch fort.

(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 28
Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann

Genre

Hauptthema
  • Verbrechen russischer Miltärs in Tschetschenien

Schlagworte

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