LI 040, Frühjahr 1998
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Ein Moment im Zeitlosen

Die Jahrtausendwende ist nur eine Illusion. Allerdings eine nützliche und wirkungsvolle Illusion, mit deren Hilfe wir der Wirklichkeit näherkommen können. Die Zeitenwende ist kein Zeitpunkt, der vom Universum, der Natur, den Jahreszeiten oder den Sternen vorgegeben ist. Wir selbst haben diesen Punkt in den Strom der Zeitlosigkeit gesetzt. Es handelt sich also um einen menschlichen Augenblick; wir sind es, die ein Ritual daraus machen, ein Drama, eine Träne vergießen für die Ewigkeit; wir zähmen die Unendlichkeit. Die Jahrtausendwende ist ein Augenblick, in dem ein Großteil der Menschheit nachzudenken beginnt und sich den ewigen Fragen von Zeit, Tod, Neuanfängen, Erneuerung, von Zyklen und dem Unbekannten ausgesetzt sieht.
Jenseits des künstlich kalendarischen Ereignisses ist dies der Augenblick, an dem bisher unbeachtete Regionen der Zeit in unser Bewußtsein vordringen. Das kann Ängste auslösen, aber auch tiefste geistige Befreiung bringen, ganz so, wie die Auseinandersetzung mit dem Tod manche Menschen lähmt, andere mit Verzweiflung erfüllt, wieder andere dazu bringt, sich mit Nihilismus zu vergiften, und bei einigen wenigen Glücklichen eine neue Qualität der Erkenntnis bringt, ein Gefühl für die begrenzte Zeit, die wir hier auf Erden haben, um gut zu leben, um so groß und glücklich zu werden, wie wir nur können, um unser Potential so weit wie möglich auszuschöpfen und so unsere Todesangst zu verlieren, weil wir eine stärkere Liebe und Achtung vor dem Leben und dessen unerschöpflicher strahlender Kürze gewonnen haben.
Nicht anders mit dem neuen Jahrtausend, denn tatsächlich ist die Jahrtausendwende ein ungeheurer Tod und eine riesige Geburt zugleich.
Gewisse Illusionen sind nur dann nutzbringend, wenn wir sie als Symbole auf dem Weg zur Wirklichkeit betrachten - zu unserer wahren Wirklichkeit. Genau darin liegt die Kraft aller Initiationen und Rituale: Sie ermöglichen uns den Übergang von den Illusionen, die wir uns über unser geringeres Selbst machen, hin zur Realität eines größeren Selbst, unserer größeren Kraft. Sie befreien uns von unserer Kleingeistigkeit, von dem, was Camus "unser gedemütigtes Gewissen"A nannte, und sie erlauben uns, das zu sein, was wir wirklich sind, von dem wir manchmal glauben es zu sein, jenes Etwas, das wir in der Liebe zu erhaschen suchen, etwas Mysteriöses und Erhabenes, das in der Lage ist, aus der Wildnis der Erde und den dunklen Orten unseres Bewußtseins Zivilisationen zu erschaffen.
In mancher Hinsicht sind wir selbst die Gestalten der Mythen und Legenden, die wir erfunden haben. In den Fabeln und heroischen Erzählungen stecken verborgene Autobiographien der menschlichen Rasse, Beschreibungen ihrer Kämpfe, aus dem Dunkel ins Licht und erneut durch das Dunkel.
Das menschliche Bewußtsein kann nicht allzu lang mit der Vorstellung oder der Wirklichkeit von Unendlichkeit leben. Dazu ist nur der Geist in der Lage. Dies ist der Grund, warum Rituale, der eigentliche Ursprung des Theaters, einen Anfang haben. Und dies ist auch der Grund, warum es so wichtig ist, daß wir uns an der Schwelle eines unbekannten, ungeschriebenen, unvorhergesehenen Aktes des sich weiterschreibenden menschlichen Dramas sammeln, unseren Verstand läutern, uns unserer selbst und unserer Zeit gewärtig werden, daß wir hellwach sind, daß wir uns konzentrieren, zuhören und uns in aller Ernsthaftigkeit und voller Freude auf das vorbereiten, was wir in dieser Gemeinschaftsproduktion noch erschaffen und hervorbringen werden.
Die Jahrtausendwende ist ein materielles Ereignis. Aber sie ist auch ein geistiges Ereignis, ein Augenblick, der einen ungeheuren Eindruck auf die Psyche der Menschheit machen wird. Das geistige Ereignis, das ist der Augenblick, wenn das gleißende Licht der Wirklichkeit sich durch das Unwirkliche, das Irreale bohrt und zerreißt, nicht unähnlich dem Augenblick, da Paulus auf dem Weg nach Damaskus vom befreienden Licht des wahren Sehens geblendet wurde. Das Zelluloid der Illusion dessen, was wirklich scheint, wird fortgerissen, und darunter sehen wir die Dinge, wie sie sein könnten; wir sehen eine bessere Welt, eine neue, erneuerte Welt. Darin liegt das geistige Ereignis. Die Jahrtausendwende könnte so ein Ereignis sein, wir sollten sie auf uns wirken lassen. Sie ist die beste Ausrede dafür, endlich den Schutt aus unserem Bewußtsein und unserer Geschichte zu entfernen, den wir sonst weitere tausend Jahre mit uns herumschleppen.
Jedes Frühjahr erledigen wir unseren Hausputz, und danach fühlen wir uns besser. Nun eröffnet sich uns die grandiose Gelegenheit, einen Jahrtausendputz zu machen. Die ganze Menschheit, der ganze Alptraum unserer Geschichte kann einer umfassenden Reinigung unterzogen werden. Darin liegt der materielle Aspekt der Zeitenwende.
Das Gegenteil eines geistigen Ereignisses ist ein alptraumhaftes Ereignis, die Halluzination, die einen überkommt, wenn man sich der Erkenntnis widersetzt, der Epiphanie, der Aufklärung. Dann beginnt der Verstand, die Illusion von den Dingen so lange zu verstärken, bis sie nicht zu Göttern, sondern zu Ungeheuern werden.
Die Alpträume Bruegels, die entsetzliche Hölle von extrem Drogenabhängigen, all dies sind nur die mentalen Erzeugungen von Illusionen, die völlig außer Kontrolle geraten sind. Deshalb sind Visionen von der Apokalypse für uns von so großer Bedeutung: Sie zeigen uns, wie die Welt sein wird, wenn wir uns nicht der anderen Seite, dem Licht, dem freien Denken öffnen, wenn wir uns nicht von der Hölle der Illusionen befreien. Sie stellen die moralischen Straßenschilder auf dem Weg zur Hölle dar.
Unsere Wahl ist einfach. Wird die Jahrtausendwende zu einem Alptraum werden, zu einem Ereignis, das durch Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit zu einem ganz gewöhnlichen Augenblick verkommen wird, oder wird es sich um ein bewußtseinsveränderndes Ereignis handeln? Werden wir zulassen, daß wir im universalen Chaos untergehen, in der Dunkelheit, in einer Welt ohne Hoffnung, ohne Liebe, ohne Ankerplatz, ohne Licht, ohne jede Entwicklungsmöglichkeit für die kommende Generation, in einer Welt, die voller Massenmörder und Serienkiller dahintaumelt, in der alle nach Vorstellungen leben, in denen es vor Gesetzlosigkeit und Amoral nur so wimmelt und in der Totschlag, Vergewaltigung und Völkermord als normal gelten. Werden wir zulassen, daß wir in ein Zeitalter des Ewiggleichen hinübergleiten, in eine Zeit ohne jede Bedeutung, Erregung oder Erstaunen, eine langweilige, vorhersagbare Zeit, oberflächlich, öde und ohne jeden Gewinn, durch die wir teilnahmslos hindurchgleiten, zu gelangweilt und passiv, um uns darüber Gedanken zu machen, was für merkwürdige Dinge manchmal in unseren Tagen und Nächten ihr Haupt erheben, eine Zeit, in der sich alle nur um ihren Kram kümmern, bis schon bald das Schlimmste überhand gewinnen und alles verschlingen wird, eine Zeit, in der wir zu spät aufwachen, um noch irgend etwas tun zu können gegen das, was unser Leben mit unserer Duldung beherrschte, weil wir so einfach dahintrieben und uns nicht um Sturm oder Sonnenschein kümmerten?
Oder entscheiden wir, die Zeitenwende zu einem geistigen Ereignis zu machen, einem Erwachen, einem Augenblick weltweiter Ermunterung; einem Augenblick, zu dem wir alle, jeder für sich, geloben, überraschender zu sein, wacher, toleranter, spielerischer, liebender, verantwortungsbewußter, wach für die unermeßlichen Möglichkeiten und die unerwarteten Kräfte des Verstandes und der Kreativität.
Wir haben die Wahl. Durch diese Entscheidung werden wir uns erheben oder untergehen. Doch diese Entscheidung ist zutiefst abhängig von dem Licht, das wir ausstrahlen, von dem Licht, das wir nutzen, von dem Licht oder den Lügen, auf die wir unser Leben gründen.
Die Jahrtausendwende ist kein politisches, sondern ein evolutionäres Ereignis. Die großen unerwarteten Bewußtseinssprünge, die spontanen Abstürze in blanken Atavismus mögen zu ihrer Zeit revolutionär erscheinen ` doch handelt es sich dabei nur um den Samen, der lang verborgen im Boden lag und nun keimt; es tritt nur der Augenblick ein, in dem all das, was verborgen war und in den tieferen Schichten der Geschichte gedieh, plötzlich hervorbricht, seine wahre Gestalt annimmt, seine wahre Natur annimmt. Die Geschwindigkeit und Plötzlichkeit dieser Erscheinung liegt nur in diesem Augenblick, an dem wir erkennen, daß sich etwas verändert hat, eine Veränderung, die schon die ganze Zeit stattgefunden hat, ohne daß wir es bemerkten.
Das ist auch der Grund, warum unter der kräftigen Sonne und der fruchtbaren Intensität der Jahrtausendwende viele Gedanken, Philosophien, Formen, Tendenzen, Rück- und Fortschritte, Kombinationen, Verzerrungen und Hybride hervorbrechen und sich lärmend aus all den zahllosen Orakeln der Menschheit erheben. Es wird eine Flutwelle geben, viele Dinge aus dem alten Jahrtausend, den alten Jahrhunderten werden sich beeilen, Frucht zu tragen oder zu verschwinden, sich dem ersten Sonnenstrahl entgegenzustrecken oder den groben Sonnenuntergängen zu stellen, viele werden zu schnell, zu früh, zu grob, zu harsch, zu gewalttätig, zu leise geboren werden. Plötzlich wird es so aussehen, als gäbe es zu viele Götter, zu viele Delphis in all dem unheiligen Gebrabbel der Phänomene ringsherum im weiten Raum der Menschheit.
Überall wird es einen Überfluß an Träumen, Omen, Kunstformen, Interpretationen und Prognosen geben, ein Übermaß an Ritualen, Wegen, Pfaden, Zeichen und Wundern, an Alpträumen und Visionen. Mitten unter uns wird Babel auferstehen.
Die Menschheit kennt nur zwei Reaktionen auf das Unbekannte: Ehrfurcht oder Lärm, Stille oder Schrecken, Ehrerbietung oder Alptraum, Demut oder Erstarren, Schweigen oder Sprechen, Auf-der-Hut-sein oder Mythologie, Klarsicht oder Erfindung dessen, was wir sehen, Stehenbleiben oder Fliehen, Beten oder Panik, Vernunft oder Wahnsinn, Mut oder Feigheit.
Eben wegen der kritischen Masse unseres Verstandes ist die Jahrtausendwende angesichts einer derart bedeutsamen menschlichen Erfindung ein evolutionäres Ereignis, ein besonderer Augenblick in der menschlichen Entwicklung. Die Menschheit wird geradezu radioaktiv sein, verschmelzen und sich spalten, wird Energien freisetzen wie kleine Sonnensysteme. Sie wird Samen verstreuen wie die großen Wälder zur fruchtbaren Zeit. Aus diesen Energien und aus dem Sichten, der Aufgabe der Zeit, wird eine neue Zukunft entstehen, die wir, die heute leben und atmen, uns gar nicht vorstellen können.
Aus all diesen Samen und Kreuzungen wird eine neue Menschheit entstehen, die dem Scheitelpunkt, diesem Augenblick, an dem wir leben, dem Jetzt und Hier, während wir auf das neue Jahrtausend zuschreiten, sehr viel zu verdanken haben wird. Wir stehen an der bestmöglichen Stelle, um die lebensfähigen Keime zu säen und die vitalen Energien zu versprühen, die eine entscheidende Rolle in der Großartigkeit oder Monstrosität der Zukunft spielen werden. Wir stehen als Bauern auf dem besten Acker des neuen Jahrtausends. Wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt des Eisprungs der Zeit. Wir befinden uns an jener seltenen Weggabelung der Ereignisse, von der Magie so geliebt, von der Geschichte bewundert, von der Legende nicht weiter auszuschmücken, da es sich auf wundersame Weise schon um einen legendären Augenblick handelt.
Wie oft schon haben große Geister in der Vergangenheit darum gebetet und gefleht, zu einer besseren Zeit zu leben, um der Menschheit ihre größten Fähigkeiten zu widmen? Dies ist ein solcher Zeitpunkt; er erfüllt einen mit geradezu unerträglicher Demut und Staunen. Doch ertragen müssen wir es, mit klarem Verstand, ruhigem Trachten und einem Lächeln auf der Seele, wie es nur jene glücklichen Menschen kennen, die sich am richtigen Zeitpunkt wiederfinden, an jener makellos mythischen Weggabelung, jenes lebendigen Augenblicks, den wir gerade durchleben.
Wir leben in einer verzauberten Zeit. Vom richtigen Geist beseelt können wir es schaffen, die Zukunft zu verzaubern und unserer Vergangenheit eine andere Bedeutung zu verleihen.
(...)

Mehr von:
Ben Okri
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 4
Aus dem Englischen von Peter Torberg

Genre

Hauptthema
  • Jahrtausendwende und Menschheit

Schlagworte

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