LI 052, Frühjahr 2001
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Die Tränen der Liebenden

Über Colette Peignot (Laure) und Georges Bataille

Ein Mann und eine Frau, die zueinander hingezogen sind, verbinden sich durch Wollust. Die Kommunikation, die sie vereinigt, rührt von der Nacktheit ihrer Risse her. Ihre Liebe bedeutet nicht, daß der eine im anderen sein Wesen erblickt, sondern seine Wunde und das Bedürfnis, verloren zu sein: Es gibt keine größere Begierde als die eines Verwundeten für eine andere Wunde.
Bataille, 1944
(...)
Nach gut zwei Jahren geht das Paar das Wagnis des Zusammenlebens ein. Erst im September 1936 teilt Colette mit Georges das spärlich möblierte Appartement in der Rue de Rennes 76bis. Um die Flucht/Trennung zu vollziehen, hatte sie Boris’ Reise nach Italien genutzt.
Äußerlich und auf den ersten Blick hat sich Bataille mit der Gründung der Geheimgesellschaft Acéphale, auf deren Basis er insgeheim eine atheologische Religion stiften will, weit von seiner einstigen politischen Revolte entfernt. Er ersinnt Lebensregeln für die Verschworenen, alternierend zwischen Enthaltsamkeit und Zügellosigkeit, er vollzieht mit den Adepten nächtliche Riten im Wald, schafft mit Acéphale dem Kreis der Kopflosen ein theoretisches Forum. Ganz allgemein kommt ihr als Nietzscheanerin Georges’ geistig-spirituelle Neuorientierung entgegen, und so zählt Colette, neben Isabelle Waldberg, zu den einzigen weiblichen Eingeweihten der Geheimgesellschaft (die Gruppe umfaßt maximal nie mehr als zehn Mitglieder).
Ein zeitgenössisches Foto macht die von ihr ausgehende Faszination verständlich. Von ihrem Gesicht ist zwar nicht der Anflug von Melancholie, dieser "Apotheose des Umsonst" (Cioran), gewichen, aber ihr Blick hat nicht mehr das Fragende und zugleich Fordernde wie in den Jahren zuvor, sie deutet sogar ein Lächeln an. Ihr brünettes Haar trägt sie meist streng nach hinten frisiert, die Eleganz, mit der sie sich Ende der zwanziger Jahre kleidete, hat einer nonchalanten Lässigkeit Platz gemacht. Sie sitzt da in Pullover, Strickjakke und Rock mit dem Selbstbewußtsein einer sich begehrt wissenden Frau. Davon abweichend gibt es jenes Gedächtnisbild Michel Leiris’, in dem ihr Äußeres mehr der Pariser Raffinesse jener Frauen gleicht, die regelmäßig in Batailles Nähe zu finden waren: "Eine junge, sich wiegend bewegende Frau mit einem leicht neurotischen Aussehen – ein wohlklingender, aber leicht tadelnder Ausdruck, dessen Gebrauch hier einzig durch das Bedürfnis gerechtfertigt ist, sie außerhalb der Norm zu stellen (...), oder mit dem verschlossenen Gesichtsausdruck einer Rauschgiftsüchtigen (...) sie erscheint in meiner Träumerei mit langen kastanienbraunen oder venezianischblonden Haaren, bis zu den Knöcheln in ein seidenartiges Kleid gehüllt, inmitten eines unmöglich zu beschreibendes Dekors, das ich aber von großem Luxus weiß, eingehüllt in die Rauchschwaden einer Zigarette (gewiß aus dem Orient) und die Düfte wohlriechender Substanzen."
Was ergriff, faszinierte Georges an Colette, mit der geistige Gespräche zu führen er vermied? Zum einen ist es die Transparenz, mit anderen Worten: das intuitive Wissen um die Wünsche, das Denken des anderen und deren Gleichklang. "Laure und ich glaubten oft, daß die Wand, die uns trennte, zusammenbrach: dieselben Worte, dieselben Begierden gingen uns im selben Augenblick durch den Kopf, was uns um so mehr beunruhigte, als der Anlaß ergreifend sein konnte. Laure war sogar empört über das, was sie manchmal als einen vernichtenden Verlust ihrer selbst empfand." Zum anderen verkörpert die Geliebte für ihn sein Schicksal. Rückblickend resümiert er: "Der Schmerz, das Entsetzen, die Tränen, das Delirium, die Orgie, das Fieber, dann der Tod sind das tägliche Brot, das Laure mit mir geteilt hat, und dieses Brot hinterläßt in mir die Erinnerung einer furchtbaren, aber maßlosen Sanftheit; es war die Gestalt, die eine Liebe annahm, die begierig war, die Grenzen der Dinge zu überschreiten, jedoch wie viele Male haben wir gemeinsam Augenblicke nicht zu verwirklichenden Glücks erreicht, sternklare Nächte, fließende Bäche: im Wald (...), die Nacht war hereingebrochen, lief sie schweigsam neben mir her, ich betrachtete sie, ohne daß sie es bemerkte – habe ich mich jemals mehr auf das verlassen können, was das Leben als Antwort auf die unergründlichen Regungen des Herzens gibt? Ich betrachtete mein Schicksal, das neben mir in der Dunkelheit herging; es ist nicht möglich, daß ein Satz ausdrückt, in welchem Maße ich sie erkannte: ich kann auch nicht ausdrücken, in welchem Maße Laure schön war, ihre unvollkommene Schönheit war das unstete Bild eines brennenden und ungewissen Schicksals."
Bataille entfaltet hier die Facetten des Unmöglichen, die einer transgressiven Leidenschaft. Sollten die intensivsten Emotionen (es sind Entfesselungen, Selbstverschwendungen) Voraussetzung für souveräne Augenblicke "nicht zu verwirklichenden Glücks" sein? Der Übergang von "Schmerz" und "Entsetzen" zu einer "furchtbaren, aber maßlosen Sanftheit" ist so paradoxal wie der Sprung von der Angst zur Ekstase.
Colette folgt, wenn auch unter innerem Widerstand, Georges’ dionysischen Gewohnheiten. Die Stationen der sinnlichen Entgrenzungen heißen: das Naturerleben, mystische Rituale im Wechsel mit der Bar, dem Bordell oder den privat arrangierten Orgien. Im alkoholischen Exzeß, in der sexuellen Ekstase sucht er die rauschhafte Nähe zum Tod. Michel Leiris hielt einen Moment fest, in dem Colette die Ausschweifung abstößt: "An einem Abend, als wir zu mehreren in den Bars von Montmartre herumlungerten und sie sich betrunken hatte – wie es oft geschah, wenn sie sich nicht mehr durch die nötige Anstrengung aufrecht halten konnte, um ein Gleichgewicht zu bewahren, das immer nur an einem Faden hing –, hatte ich ihr, die sie in der Schwebe war zwischen Eis und Feuer durch ihre Strenge und ihre Leidenschaft, ihren Überdruß und ihre Lust am Leben, ihren sozialen Messianismus und ihre Unfähigkeit, einen Zwang zu ertragen, meine Hand auf die Stirn gelegt, um ihr zu helfen, sich von ihrem Ekel durch Erbrechen zu befreien, die einzige Liebkosung, an die meine rechte Handfläche – auf der dieser Kopf lastet, der sich ebensosehr durch die Wirkung des Alkohols hingab wie durch die gnadenlosen Widersprüche, die fortwährend an ihr zerrten – sich immer erinnern wird."
Leiris, der ihr ein Vertrauter geworden ist, wird Colette ihr Hadern eingestehen "Ich habe alles versucht: mich zu verlieren und zu vergessen, dem ähnlich zu werden, was mir nicht ähnlich ist, Schluß zu machen... und manchmal fand ich mich so furchtbar fremd, das wurde kriminell (...). Vielleicht brauchte ich bloß ein Wort auszusprechen, damit all das aufhört – diese lächerliche... gemeine... unwürdige Hölle. Ein Wort, das ein Name wäre." In ihrer vehementen Klage fällt nicht einmal Georges’ Name, dafür ein "er", das sich leicht durch "der Tod" ersetzen ließe: "Ich kann nicht mehr weinen: ich kotze. Ich kann nicht mehr lachen: ich knirsche mit den Zähnen.(...) Es ist Zeit, diese Komödie zu beenden und mit meinem Leben in den Händen da zu sein (...) – ich – und nicht eine andere, die mir kaum ähnelt. Alle Tage meines Lebens – hören Sie – verfolgte er mich." Einerseits leidet Colette unter ihrem Begehren nach Georges, das sie als aufzehrenden Selbstverlust wahrnimmt, andererseits begeistert er sie weiter, revidiert sie nicht den Treueschwur, das Bekenntnis zu Georges, das sie am liebsten sterbend hauchen möchte, gleich einem Fanal, bei dem Worte die Wirklichkeit auf den Kopf stellten. Der im Todesenthusiasmus antizipierte Tod verdankt sein ekstatisches Element dem Umstand, daß der Tod unterschiedslos alles entwirklicht. Es gäbe weder länger Unmögliches noch Unüberwindbares. "Oft habe ich gewünscht, mich in dem Augenblick zu befinden, wo man ‘zufällig’ stirbt. Dann wiederholt man sich ‘das letzte Wort, das sie ausgesprochen hat’, und das wäre jenes, dieses Wort, das sein Name ist." War Colette 1934 von der Phantasie von Georges’ Tod besessen, so ist es jetzt ihr eigener. Aus ihr spricht die Todesfreude, in der sich der Wunsch zu lieben mit dem Wunsch zu sterben vermischt.
Trotzig beschließt sie den Brief mit den Worten: "Und wenn er lacht: nichts wird sich ändern, werde ich einfach stärker lachen als er." Einzig der Widerspruch kennzeichnet ihr Gefühlsleben: "Feststellen, daß sogar diese Zärtlichkeit bloß eine unlösbare Beklemmung ist – zugleich eine Befreiung und ein Gefängnis, und gewiß auch für ihn. (...) die Zärtlichkeit höhlte mich aus." Freuds instruktive Narzißmusstudie scheint mir die Zerrissenheit Colettes exemplarisch einzukreisen, wenn es heißt: "Es ist ferner leicht zu beobachten, daß die Libidobesetzung der Objekte das Selbstgefühl nicht erhöht. Die Abhängigkeit vom geliebten Objekt wirkt herabsetzend; wer verliebt ist, ist demütig. Wer liebt, hat sozusagen ein Stück seines Narzißmus eingebüßt und kann es erst durch das Geliebtwerden ersetzt erhalten. Die Wahrnehmung (...) des eigenen Unvermögens zu lieben (...) wirkt im hohen Grade herabsetzend auf das Selbstgefühl ein. (...) Die Hauptquelle dieser [i.e. Minderwertigkeits-] Gefühle ist aber die Ichverarmung, welche sich aus den außerordentlich großen, dem Ich entzogenen Libidobesetzungen ergibt, also die Schädigung des Ichs durch die der Kontrolle nicht mehr unterworfenen Sexualbestrebungen. (...) Das Lieben an sich, als Sehnen, Entbehren, setzt das Selbstgefühl herab, das Geliebtwerden, Gegenliebe finden, Besitzen eines geliebten Objekts hebt es wieder. Bei verdrängter Libido wird die Liebesbesetzung als arge Verringerung des Ichs empfunden, Liebesbefriedigung ist unmöglich, die Wiederbereicherung des Ichs wird nur durch Zurückziehung der Libido von den Objekten möglich. Die Rückkehr der Objektlibido zum Ich, deren Verwandlung in Narzißmus, stellt gleichsam wieder eine glückliche Liebe dar, und andererseits entspricht auch eine reale glückliche Liebe dem Urzustand, in welchem Objekt- und Ichlibido voneinander nicht zu unterscheiden sind."
Colettes Wut über ihre Selbstentfremdung entsprechen ihre vermehrten Anstrengungen, das Vulgäre, Niedrige, Schäbige, Banale zu fliehen. "Nichts akzeptieren, was dich verringert", "herabwürdigt".
Nach einem halben Jahr des Zusammenlebens wird ihr klar, daß es für Georges keine Monogamie, keine ausschließliche Liebe geben kann. Sie stößt "Haßschreie" aus und wird von "irrwitzigen Lachanfällen" geschüttelt, gerät außer sich, ohne aber zu gehen, "da ich ja erlebe, wie er lügend zurückkommt, ohne lügen zu können, und aufrichtig in seinem ganzen aufschreienden Leben". Trotz aller Untreue berührt sie Georges’ Ungeschütztheit, und man kann sich vorstellen, daß er sie, wenn sie mit Trennung droht, mit den Worten beschwört: "Ich bin da, weil ich dich liebe. ‘Wenn du fliehst, verrätst du mich’." Colette empfindet ihre Liebe zu Georges mitunter als lähmende Fremdbestimmtheit: "Erneut befindet sich mein Leben nicht mehr in meinen Händen. (...) Ich habe den Eindruck, daß meine eigene Freiheit tot ist, da seine Gesten, sein Gang, der Ton seiner Stimme so stark auf mir lasten, daß das Leben in meinem Herzen erstickt und in meinem Körper stillsteht."
Während ihres gemeinsamen Sizilien-Urlaubs im Juli/August 1937 ergreift sie allerdings die Flucht, sie reist ohne Georges allein zurück. Die beiden hatten den Ätna bestiegen, wurden vom Einbruch der Nacht überrascht und "ahnten in der Ferne (...) den Krater des Vulkans (...), es war unmöglich, sich irgendeinen Ort vorzustellen, wo die grauenvolle Unbeständigkeit der Dinge offensichtlicher war; Laure wurde plötzlich von einer derartigen Angst gepackt, daß sie, von Sinnen, die Flucht ergriff und schnurstracks davonrannte: das Entsetzen und die Trostlosigkeit, in die wir eingedrungen waren, hatten sie verwirrt." An diesem erschreckenden Erlebnis möchte Colette ihr gegenwärtiges Handeln messen. "Auf diese Weise fällt es mir leichter, die Zähne zusammenzubeißen", schreibt sie an Jean Gremillon. Als Georges Colettes Mitteilung (posthum) vor Augen kommt, versteht er ihren tieferen Sinn nicht, wie er zugibt. Da Colette vor ihm verbirgt, daß sie schreibt, weiß er auch nichts von Donalds Geschichte, jener vor Ironien strotzenden Kritik an ihrem Gefährten.
Colette vergleicht Georges in seiner Praxis der Ausschweifung mit dem Spießer per se, Donald Duck oder dem "Milchhändler an der Ekke", der lieber stürbe, als nicht den Schein zu wahren. Die klandestine Lasterhaftigkeit, nicht Georges’ gewohnheitsmäßige Bordellbesuche als solche, empört sie, zumal sie weiß, wie heftig er gewisse Sade-Verehrer angreift, deren Leben in nichts mit dem Denken des Marquis korrespondiert. Gleichzeitig ahnt sie den der Dialektik von Verbot und Überschreitung inhärenten Mehrwert, d.h. den Lustgewinn, zu dessen Gunsten Georges notfalls artifizielle Verbote konstruiert:
"– Um dich frei zu machen, mußt du dir Ketten ausdenken, die ich wären. Folglich gibt es etwas zu zerbrechen, eine Ordnung von etablierten Dingen zu übertreten. (...) Ich muß deinen Freuden Fesseln anlegen, damit sie sich verzehnfacht finden.(...)
– Und du gibst vor, dich auf Sade zu berufen!(...) Du berufst dich in der Tat auf katholische Pfarrer. Anstatt einer Libertinage, die (...) eine Art von kraftvoller und gIücklicher Bewegung sein könnte, willst du, daß es einen schmerzlichen Grund zwischen uns gibt.(...) Du handelst wie der Milchhändler an der Ecke, der sich ebenfalls in ein Bordell begibt ‘ohne es zu sagen’, indem er Verschwiegenheit geloben läßt.
– Deine volle Freiheit und die meine kann mit mehr Stolz, und sogar ohne das Gelächter auszuschließen, bewahrt werden."
(...)

Mehr von:
Bernd Mattheus
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 18

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  • Colette Peignot und Georges Bataille

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