LI 070, Herbst 2005
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Diplomatische Mission

Zagreb, Sarajevo, Belgrad - Rückkehr in ein zerrissenes Land

Aufs neue müssen wir den Boden eines Landes im Übergang bewältigen, den von den Löchern der Vernachlässigung und Lethargie aufgewühlten Bürgersteig; ich denke: Schon ein kleiner Teil eines derart ruinierten Trottoirs in einer einzigen Straße wäre in der Lage, die psychopathologische Geschichte über die depressive Seele ihrer Bewohner zu erzählen. Sonst hätte wenigstens irgendeine besonnene Person aus diesen Häusern Werkzeug in die Hand genommen, es hätte sich wohl auch ein bißchen notwendiges Baumaterial gefunden, um ein Stück unseres alltäglichen Lebenswegs in Ordnung zu bringen, um ihm irgendeine Perspektive zu erbauen. Aber da das nicht der Fall ist, beginnen wir in einem Staat, in einer Polis des seelischen Unbehagens und der verdeckten Bedrücktheit zu leben; dies läßt sich schwerlich durch Sitzen in den zahlreichen Straßencafés, unter Sonnenschirmen und bei riesigen Krügen mit Bier, widerlegen. Denn das Bier ist nur der Schaum ihres Lebens, unter dem die Flüssigkeit eigentlich unfreundlich bitter bleibt. In der Stadt Belgrad gibt es viel aus der Region des Verdeckens. Denn in dieser mittlerweile großen Stadt gibt es ein nie gesehenes Tempo; der Verkehr nimmt ein fast wahnsinniges Ausmaß an, die Menschen, vor allem die jungen, sind in einer hohen Beschleunigung, in wer weiß welche Richtung – und dennoch: Was verdeckt sie eigentlich, diese ganze kinetische Euphorie, wer weiß? Ich denke, in ihrer Bewegung am Tag drückt sich ebenfalls der Grundsatz jeden Reisens aus: Reisen, aber nirgendwo ankommen! Ich denke, die vortrefflichen jungen Belgrader haben überhaupt kein besonderes Ziel, während sie durch die Straßen jagen, außer: in irgendein Lokal, in eine kleine Gesellschaft zu gelangen, und sei dies auch am anderen Ende der Stadt. Vielleicht ist das der Grund dieser Hast in den Straßen, daß man von diesem Ende an jenes kommt und umgekehrt. Jetzt ist als Meile mit Dutzenden kleinen Lokalen eine früher sehr stille Straße in der Nähe der Donau sehr beliebt, die Strahinic-Ban-Straße. Einst habe ich dort gewohnt, neun Jahre lang. Und kenne diese stille Ecke, mit dem ziemlich schmalen Bürgersteig, fast tot für den Verkehr, unter Linden. Zu der Zeit wohnte dort der berühmteste jugoslawische Chirurg, Isidor Papo; zwei, drei Schauspieler, Schriftsteller und Maler waren dort, ein Baumeister aus der Zeit des Art déco, Brasovan, ein Photograph, ein Cineast, und nur etwa hundert Meter weiter begann der Zoologische Garten, das Brüllen der Löwen drang oft in meine Träume. Jetzt ist das eine andere Gegend, eine andere Straße, in jene vorherige gepflanzt und doch völlig neu. Entlang den einst ruhigen Fassaden ohne einen einzigen Laden – und das war charakteristisch für viele Straßen des Sozialismus – sind jetzt ganze kleine Städte der Bewirtung entstanden: ein Hafen, in dem Restaurantschlepper, Cafébarken, Bistroboote, eng aneinandergedrängt, aufgelaufen sind. Wie zwischen ihnen hindurchschwimmen, um ans Ende zu kommen, zum Eingang in das Haus Nummer zehn, das Domizil meines Schreibens, die Wiege des Buches Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution. Werden in dieser Gegend noch immer Bücher geschrieben, so ähnliche wie meins oder andere, werden in jener Republik der Speisen und Getränke überhaupt irgendwelche geschriebenen Sachen gelesen, wer weiß? Wenn meine Frau mich vor diesem Tor photographiert, produziert sie kein aktuelles Bild, sondern eins von früher und von vorher. Ich denke dann, welche Häuser meines Lebens in Belgrad ich meiner Frau zeigen sollte, damit sich dieser Teil meiner Biographie mit Hilfe eben dieser Gebäude zusammenfügt. In meiner frühen Kindheit, vor dem Zweiten Weltkrieg, fand meine Mutter wie eine Verrückte alle sechs Monate eine neue Wohnung, in der Meinung, unsere damalige, ziemlich unsichere Lage würde dadurch verbessert. Nur daß sie in jeder neuen Siedlung einen neuen Mangel entdeckte: den Lärm der Straßenbahn, den unangenehmen Geruch der nahen Keksfabrik oder die verrückte Familie im Stockwerk über uns, die einen Heidenlärm veranstaltete. So schwammen unsere Sachen ununterbrochen, wie bei einer Überschwemmung auf den Lastkahn der regelmäßigen Umzüge geladen, auf einer unklaren Zukunft wie durch hohe Meereswellen. Und ich suche einzelne Häuser meiner Vergangenheit auf, um für meine Gefährtin das, was einmal war, zu beschwören, aber manchmal bin ich gar nicht sicher, ob das die Häuser sind, in denen ich gewohnt habe, oder ob es mir nur so vorkommt. Was, denke ich, auch nicht mehr wichtig ist, denn das, was ich ihr und den anderen zeigen möchte, ist, daß ich ganz in dieser Stadt gelebt habe, mit einem Wort: überall. Denn die Bruchstücke meines Aufenthaltes dort waren auf so viele Stellen in Belgrad verteilt, das als Ganzes mein Haus, die Wohnung meines Schicksals war. Dann möchte ich, daß sie auch andere Stationen dieser Geschichte, manchmal sehr dramatische, sieht. Und so führe ich sie vor das Haus, in dem sich die ganze im Buch Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution erzählte Geschichte abspielte, vor das Gebäude am Zeleni Venac Nummer zehn, nur etwa hundert Meter von dem Haus entfernt, wo während der deutschen Okkupation Ivo Andric lebte und wo er in diesen paar Jahren seine wichtigsten Werke schrieb. Aufs neue kehre ich zu der Siedlung an der Donau zurück, in diese Belgrader Gegend, nach Dorcol, das einmal die Heimat jüdischer Händler, vermischt mit den nichtjüdischen Lehrern des nahen Gymnasiums, mit uns, den Schülern dieser Schule, mit den bescheidenen, an diese Mischung der Gewohnheiten, Kulturen und Bräuche gewöhnten Bürgern, war. Nur ein paar Straßen oberhalb davon, wenn man zum Zentrum hochsteigt – weil man in Belgrad alle Augenblicke von irgendwo auf einen Gipfel steigen muß –, steht die einzige übriggebliebene Belgrader Moschee, die in den Jahren der nationalistischen Diktatur teilweise verwüstet wurde. Das ist ein weiteres Ausrufezeichen zwischen jenen einmal produktiv toten – weil in ihren Nekropolen der Geist dieser Stadt geboren wurde – Straßen, die heute übermäßig lebendig sind, auf die Art animierter Marionetten, des klirrenden neuen Lebens, ähnlich den Puppen von Sizilien. Alles klirrt von diesem Theater der Gegenwart, und eigentlich neigt die ganze Bevölkerung, die die dortige sizilianische Bühne ausfüllt, dazu, in der Ecke zusammenzusakken, wie die Puppen, über die ich rede. Ich suche diesen Hang ab, der am Fuß durch die Dusan-Straße markiert ist, in der wacklige Straßenbahnen ihre Arbeit tun, und oben durch die Straßen des Zentrums, vor allem durch die Knez-Mihajlo-Straße; ich versuche, das Haus meines verstorbenen Freundes, eines Fernsehregisseurs, wunderbaren Kochs, Liebhabers des Lebens in dieser in vielem amateurhaften Stadt, zu finden, nur um meiner Frau das Haus unserer einstigen, Jahrzehnte währenden Freundschaft zu zeigen, überreich an Einzelheiten, die zu erzählen man fast nicht schafft. In der Nähe praktizierte der Psychiater und Theaterregisseur Hugo Klajn, dort wohnte der klassische Dichter und Diplomat Milan Rakic, dann der surrealistische Poet Aleksandar Vuco, und ganz dazwischen leuchtete gelb das Haus meines Freundes Stankovic und seiner Mutter, die einmal hundertundein Jahr alt war. Jetzt sind sie alle tot, und in dem Haus des Freundes ist ein beliebtes Restaurant. Es heißt Jevrem, aber nicht nach dem verstorbenen Freund, sondern nach der Straße, in der es sich befindet, eigentlich nach dem Bruder des rabiaten serbischen Fürsten Milos Obrenovic. Das Restaurant wird von sehr freundlichen und unternehmungslustigen jungen Menschen betrieben, und als sie von meinen Absichten hören, führen sie uns durch die Säle des Restaurants, damit ich mich einigermaßen orientieren kann, wo ich jahrelang gesessen und dabei in den Büchern aus der Bibliothek des Freundes geblättert, mit ihm und seiner jungen Freundin geschwatzt, ein abgesondertes Leben gelebt habe, wie es das in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts an vielen Orten gab. Dann denke ich, daß dies ein ganz annehmbares Schicksal für das Haus meiner Erinnerungen ist; lieber halte ich mich in einem vornehmen Restaurant auf, das auf bürgerliche Art, wie in der Mitte des letzten Jahrhunderts, eingerichtet ist, als daß die Erben meines Freundes ihr Haus als Bürogebäude an eine Tycoonbande vermietet hätten; es ist schöner, hier in der Ecke unter einer Uhr aus der Empirezeit zu sitzen, als daß in diesen Zimmern unserer Vergangenheit die Computer einer Firma, die gestohlenes rumänisches Erdöl oder türkische Opiate verkauft, belfern. Ich atme so noch ein paar Augenblicke lang die Luft jener Tage ein, wobei ich sie durch die Aura meines damaligen Empfindens der Dinge, meines verkümmerten Temperaments wahrnehme und einsehe, daß ich in Wirklichkeit diese Enklave, diese Ampulle der Besonderheit, in der wir lebten, schnuppere. Nach der ich auch heute suche. Denn auch jetzt lebt diese Welt, diese Belgrader, die gerade dabei ist, im Meer der Nichtigkeit zu ertrinken, bisweilen in einer Enklave, wie auf einer Insel der Ruhe. Vielleicht lebt man überall so, nur daß sie in unseren Ländern, die sich dieser Allgemeinheit des Lebens langsam annähern, am sichtbarsten ist. Jene Überschwemmung der Gewöhnlichkeit und dieses Floß der Medusa, des Besonderen, von dieser Gewöhnlichkeit Abgespalteten! Ein Rettungsbrett finde ich so auch in der Gospodar-Jevrem-Straße, im Haus meines verstorbenen Gefährten im Kampf für die Besonderheit des Lebens, das in ein vornehmes Lokal verwandelt ist. Danach folgt der Aufstieg zum Plateau beim Nationaltheater und in die gesamte Theaterwelt. Um einige Vorstellungen des neuen Belgrader Theaters zu sehen, um ein paar überlebende Akteure der Schauspielkunst zu finden, mit denen ich zusammengearbeitet und Umgang gepflegt habe; um die Personen wiederzuerkennen, die Mitglieder meiner in die Weltrevolution verwickelten Familie gespielt haben. So finde ich einen unechten Vater, eine gespielte Tante von mir, die anderen sind seit langem begraben mitsamt der Bedeutung des Theaters Atelje 212, das den Ruhm des Belgrader Theaters in der Welt verbreitet hat. Dort, auf dem BITEF, dem regelmäßig stattfindenden Theaterfestival in den siebziger Jahren, sah ich zum ersten Mal Grotowski, Krejca, Ljubimov, Nuria Espert und einen damals sehr bescheidenen jungen Autor mit Brille, Handke. Der sich im Hintergrund hielt, ein wenig erschrocken von seinem eigenen Erfolg und allem, was um ihn herum geschah. Erst viele Jahre später explodierte diese Schüchternheit zu einer nie gesehenen Arroganz und zu einer Haltung, einer rückwärtsgewandten, zum Eintreten für das verknöchertste Verbrecherregime in Europa, wie es bis vor kurzem in Serbien herrschte. Er hat ebenfalls eine Reise durch dieses Land gemacht, wie ich das jetzt tue. Nur daß das mein Land ist, mein Geburtshaus, über das ich gerecht und gebührend zu urteilen versuche. In diesem Gebäude also, wo ich weder eine Platzanweiserin noch eine Garderobenfrau noch die meisten Schauspieler wiedererkenne, sind alle, zusammen mit der Frau Intendantin, meinem Regisseur und den anderen, auf verdiente oder weniger bedeutende Grabstätten des Belgrader Friedhofs verstreut; dennoch spielt ein alter Freund, vielleicht der größte serbische Schauspieler heute, Ljuba Tadic, auf dieser Bühne, wie es sich gehört, eine neue Version seines König Lear. Wobei er sich, wie man es erwarten kann, größtenteils im Rollstuhl bewegt. Denn auch er selbst, privat, ist schon schwach auf den Beinen, was er jetzt durch die Schwäche des gealterten Königs unmittelbar und wie es dieser Rolle zukommt spielt. Gerade Doktor Klajn, an dessen Haus ich eben erst vorbeigekommen bin, genau er hat in einer Vorlesung vor langer Zeit erklärt, was geschieht, wenn ein Darsteller, der spielt, daß ihm das Herz wehtut, selbst, privat, auf der Bühne spürt, wie ihm der Atem ausgeht und der Kreislauf versagt. Jetzt macht Ljuba das deutlich: wie sich der alte König fühlt, wenn er, wie er persönlich, nicht mehr auf den Beinen stehen kann, sondern in einen Rollstuhl, für Invalide, sinken muß. Außer alldem verkörpert er auch das Alter, das dieses ganze Land und diese ganze Stadt erfaßt hat, erklärt er uns; wie es ist, wenn ein fundamentales Altern und Altsein in die Knochen einer Nation kriecht. Vergebens rennen dann die Scharen junger Leute von Lokal zu Lokal – das Volk meines Landes sitzt im Rollstuhl, ist invalid, aber ob es sich daraus wie Lazarus erheben wird, hängt von ihm selbst ab.

Mehr von:
Bora Ćosić
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Serbokroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber

Genre

Hauptthema
  • Zerfall Jugoslawiens

Schlagworte

Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript