LI 071, Winter 2005
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Ostdeutscher Herbst

In diesem Herbst gehe ich viel in den Wäldern und auf den Wiesen bei Berlin umher. Das Wetter begünstigt lange Spaziergänge und jenen Blick zurück, der sich an stillen Septembertagen aufdrängt, sehr weit reicht das Auge, in Raum und Zeit. Es gibt seltsame Gegenstände auf diesen plötzlich aufgetauchten Feldern um Potsdam, wenn man die königlichen Gärten und Paläste verläßt und sich alles auf einmal in eine Ödnis verwandelt, wie nach einem Sturm oder einer Vertreibung der Bevölkerung: zugewachsene Pfade, verwilderte Gewächse und diese unklaren Stücke Eisen, Beton, abgerissenen Drahts. Als hätten an diesen Plätzen außerirdische Wesen gewühlt, mit unverständlichen Plänen; was diese Geschöpfe in diesen sanften Gegenden an den Seen und an den weichen, wie in Plüsch gearbeiteten Wäldern gesucht haben?

Jedenfalls ist dies der Rest eines militärischen Besitzes, hier führten die Angehörigen einer heute verschwundenen Armada unsinnige Manöver durch, bereiteten sie sich auf einen Krieg vor, den es zum Glück nicht gab. Und da ihre Rekrutenzeit unverhofft, über Nacht, durch eine Entscheidung der Geschichte, abgebrochen wurde, hinterließen diese Soldaten alles in einer Riesenunordnung, ähnlich wie wenn die Geheimpolizei eine ganze Familie zwingt, vom Tisch aufzustehen und sie in unbekannte Richtung verschleppt. Und dort, in dem Haus, in den Zimmern mit ungeschlossenen Fenstern und unverriegelten Türen, ein großes Durcheinander zurückbleibt. Es sind schon gut fünfzehn Jahre, daß die Teile dieser Ausrüstung, dieser militärischen, im Freien verrotten, sich in Requisiten von Filmen interplanetaren Inhalts verwandeln. Weil auch diejenigen, die sie bis dahin genutzt haben, würden sie unverhofft zurückkehren, nicht mehr wüßten, was sie mit den Betonstücken aus der ehemaligen Mauer, mit den Eisenabfällen von unbekannten Geräten, was sie mit dieser Szenerie allgemeinen militärischen Abfalls ohne Publikum anfangen sollten.

So können auch wir in dieser Kulisse nichts anderes tun, als uns auf die dort ebenfalls sehr vernachlässigten Reste der Natur zu stürzen. Weil auch ein Wald und eine Lichtung jenem Zimmer ähneln können, aus dem die Menschen gewaltsam und jäh vertrieben wurden, und auch dieses Stück Feld und die kleine Wiese kommen nicht allein zurecht, ohne die Hand des Menschen, ohne wenigstens seinen Blick. Lidija sagt dann, wir sollten Pilze suchen. So schlüpfen wir unter den niedrigen Zweigen durch, die sich in einer Art Depression zum Boden hinabgeneigt haben. Ich weiß nicht, ob in einer Psychopathologie der Natur außer den Trauerweiden am Wasser ein Fall depressiver Bäume, ganz ähnlich wie bei einem Menschen, dem an nichts mehr etwas liegt, verzeichnet ist. Dann passen wir auf, daß wir diese niedergedrückten Eichen und Birken nicht in ihrer Bedrücktheit stören, aber wo sind die Pilze, wie ist es möglich, daß es in diesem ganzen Raum keine Pilze gibt?

Ich weiß, daß es in Dänemark keine Flüsse gibt, und meine, daß die Flüsse aus Protest vor Dänemark geflohen sind, noch zur Zeit der Hamletschen Mörder. Ich denke, auch die Pilze haben sich schon vor langer Zeit, während des Honekkerregimes, geweigert, ans Tageslicht zu kommen, und diese Gewohnheit bis heute beibehalten. Mir scheint, diese Gottesgewächse machen, während sie sich weigern, aus dem Schoß der Erde herauszukommen, ferne Wege ausfindig, und es kann passieren, daß sie irgendwo in Patagonien zum Vorschein kommen. So schreiten wir über das unordentliche Gras wie durch eine verwahrloste Wohnung, und wenn wir dieses kleine Geschenk der Natur, diese fröhlichen Köpfchen auf dem dünnen Stiel haben wollen, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den Kopf zu zerbrechen, wo und warum sie sich vor den Blicken der Menschen versteckt haben. Voller Argwohn, daß es hier in der Gegend doch etwas geben muß, das den gewöhnlichen Berliner Pilz daran hindert, sich in seinem Wachstum aufzurichten.

(…)

Wundersam sind die Tage dieses Oktobers. An denen wir nicht anders können, als uns in einen kleinen Ort an der Havel, in der Nähe des Wannsees zu begeben oder in das Seengebiet beim Schloß Glienicke. In das kleine Lokal Prinz Leopold, ganz in der Sonne, mit nur wenigen Gästen. Weil die Mehrheit der Hungrigen an diesem Mittag ein nahegelegenes Restaurant besetzt hat, das eher einer Sport- oder Studentenkolonie gleicht, mit vielen Bänken und einem Mittagessen, das man sich selbst holen muß, auf einem Tablett. Ich weiß nicht, warum ich darin ein Relikt des alten Staates sehe – überall auf der Welt gehen Massen von Bürgern am Mittag mit solchen verrückten Tabletts umher und bedienen sich selbst –, hier gibt es allerdings irgendwelche Bänke, angeordnet wie im Klassenzimmer, etwas Internatsmäßiges schwebt in der Luft, das Essen ist schwer, fast bayerisch, sehr fett und billig. Viele Leute ringsum, solche, wie ich sie schon anderswo bemerkt habe, Personen im vorgerückten Alter, dicklich und in einer ziemlich unscheinbaren Kleidung, wie aus einem Museum der Vergangenheit. Diese Menschenansammlung ist fast ein bißchen verwunderlich, die Menschen in diesen Gegenden scheinen mir gewöhnlich viel verstreuter zu sein.

So leben die Leute von heute, in ihrem Herbst, dem Herbst Ostdeutschlands. So kommt es zumindest jemandem vor, der dies ähnlich wie wir, von der Seite aus beobachtet. Uns scheint in einer Art, da sie gut essen und keinen Mangel an grundlegenden Dingen leiden, weit davon entfernt, wie man in Albanien oder der Ukraine lebt. Und trotzdem ziehen sie sich an, als wollten sie dieses eigene, ziemlich angenehme Leben verbergen. Es gibt eine Art Mimikry bei der Kleidung in ähnlichen Milieus, im Übergang. Irgendwo in Rumänien, in Serbien, aber erstaunlicherweise auch hier, im wiedervereinigten Deutschland, nur in seiner östlichen Ecke. Da ihr ganzes Leben in ähnlichen Anzügen vergangen ist, weil es nichts anderes gab, und jetzt wird das in der Zeit des Wohlstands und ohne Mangel fortgesetzt. Das sind jene Jacken, Mäntel und Joppen von undefinierbarer Farbe, als wollten sie vor einem Blick aus der Höhe die Existenz ihrer Spezies, der menschlichen, unter diesem Himmel, verbergen. Eine, die ihre eigene Existenz maskieren möchte und daß sich ihr Dasein der Wahrnehmung entzieht. Denn die Nuancen dieser Garderobe fließen leicht mit der Gegend, der herbstlichen, zusammen, so daß ein Jäger auf der Jagd nach dieser Population, und sei es auch ein ganz harmloser und neugieriger, gewöhnlicher Beobachter von der Seite, diese Leute kaum bemerken würde.

Und das sind Leute, die keine besonderen Sorgen mehr haben, und als wären sie auf Dauerurlaub. Einige sind zwar ohne Arbeit, aber nicht unbedingt ohne das tägliche Brot, andere sind im Vorruhestand. Sie alle ziehen ihre gräulichen und bräunlichen Jacken über, haben sich jene Würstchen und ihr Bier geholt und saugen, im Gras verteilt, die Sonnenwärme ein wie Muttermilch. Als wäre ganz Ostdeutschland in der Sommerfrische, als wäre das ganze Volk dieses Landes in Rente und in einem dauerhaften Ruhestand.

Dann ertappe ich mich bei dem Gedanken, daß mir diese Spezies, diese schwerfällige, auch anderswo in diesem Teil des großen Landes aufgefallen ist, vielleicht teilt sich Deutschland heute in Schlanke und Runde, letztere sind hauptsächlich in den Städtchen des Ostens dicht gesät. Das ist auf jeden Fall ein Zeichen, nicht nur der Trägheit, wie sie die Depression mit sich bringt. Weil es auch sehr fröhliche Personen gibt, besonders die in Bayern, die vor Dickleibigkeit platzen möchten; nicht nur die durchgedrehten, einsamen und unzufriedenen amerikanischen Mädchen sind so monströs beleibt wie bei Botero. Die dicklichen Paare unter den Ostdeutschen, vor allem die im Ruhestand, haben wohl in diesen fünfzehn Jahren Gewicht zugelegt, weil sich ihr Leben ungewöhnlich gebessert hat. Diese Bürger können in der Tiefe ihrer Seele über diesen oder jenen Vorteil, den sie verloren haben, klagen, aber sie scheinen durch die historische Veränderung auch genug bekommen zu haben. Es gibt kein verbrieftes Recht mehr auf eine Wohnung, auf eine feste Arbeit, besonders auf die schludrige Arbeit, wie sie im Sozialismus üblich war, aber die überwiegend mittelalten Leute, die Händchen haltend in den kleinen Städten Richtung Oder strömen, haben das Ihre hauptsächlich getan, jetzt bleibt ihnen noch, an einem Kuchen zu knuspern, der unvergleichlich größer ist, als der, den Honecker ihnen gebacken hat. Bei allem haben sie auf ihrem dicklichen Spaziergang, beinahe ein Kullern irgendeinen Abhang hinab, in Gabow und anderswo, keinerlei Geheimpolizei auf den Fersen. Nicht nur, daß sie keine Angst vor ihrer Roheit zu haben brauchen, sie müssen auch nicht mehr bei ihren finsteren Machenschaften mitmachen.

(...)

Mehr von:
Bora Ćosić
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Serbokroatischen von Katharina Wolf-Grießhaber

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  • Ostdeutschland

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