LI 059, Winter 2002
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Hüter der Lüge

(...) Der Herbst säte in ihm leichte Reizbarkeit. Der Hauch von Frost und das geschrumpelte Laub, das unter den Füßen knisterte wie dünn geschnittene Kartoffelchips, und die Ströme kalten Winds, die die Pfützenränder in der Früh verglasten, verwandelten seine gewohnte Menschenscheu in finstere Grimmigkeit, verkrampften, verkleinerten sein Gesicht, dessen grobe Haut zur Hälfte der Mund beanspruchte, weshalb sämtliche Reliefs des Schädels, die nicht mit Haar bedeckt waren, wie glatte Wackersteine eines versiegenden Flusses hervortraten. Dennoch, die Zeit wie Brennstoff verschlingend, bewegte er sich auf den beginnenden Winter zu, einer lautlosen Lokomotive gleich, die eine immer länger werdende Wagenkette von leeren Tagen hinter sich zog.
Er bemühte sich auf jede Art, der Zwangsumsiedlung in die mütterliche Wohnung zu entgehen, indem er ohne Diskussion ihre Überredungsversuche abschlug, obwohl sie ihm lediglich anbot, bis zum nächsten Sommer bei ihr zu wohnen. Sie hatte ihren Trumpf reichlich früh ausgespielt, indem sie anfing, über Geldmangel zu klagen und ihn insgeheim darauf zu bringen, daß er, wenn er mit ihr zusammenwohnte, die Miete zahlen und die Last von ihren Schultern nehmen könnte, worauf er erklärte, daß es gar keine Last auf den Schultern mehr gebe – heute nehme ich alle Zahlungsanweisungen an mich, schlag dir den Rest aus dem Kopf. Nach langem Geplänkel, das damit endete, daß er ihr mit Gewalt die Zahlungshefte entriß, fragte die Mutter– wo willst du sie denn aufbewahren?–und fragte – du wirst sie doch nicht etwa immer bei dir tragen?; er antwortete ihr – sie werden bei mir auf Arbeit liegen; dann sagte – vielleicht willst du auch noch auf Arbeit wohnen?; er sah sie nachdenkend an und sagte langsam – schon möglich. Und am nächsten Tag, als er die Zahlungshefte im unteren Schubfach der Werkbank, die in einer engen Kammer, zwei Meter vom Schaltraum im letzten Stock der Telefonzentrale stand, verstaute, dachte er – warum eigentlich nicht, Olga, warum nicht, sollen sie denken, was sie wollen, und es sieht auch nicht so aus, als hätte ich eine andere Wahl, ich muß nur diesen Omas vom Werkschutz Bescheid sagen – und dachte – ein, zwei Tage Bedenkzeit und ich ziehe vielleicht doch hier ein.
Diesem Ereignis ging eine Nacht voraus, in der Koshuchin die Schlaflage länger als gewöhnlich suchte und offenbar deshalb eine falsche Wahl traf – er erkannte es noch schlafend, weil er im Traum die Lichtgarbe eines Projektors sah, der Bilder über die riesige Flanke eines laufenden Nashorns jagte – es waren walzertanzende Frauen, den Trugbildern weißer Segelschiffe ähnlich, die von der Leinwand auf die sich im schweren Lauf rhythmisch bewegenden verhornten, verwarzten Panzerungen übertragen wurden. Am frühen Morgen – glücklicherweise war es Samstag – wäre er beim Versuch, aufzustehen, von einem brennenden Schmerz beinahe verglüht, so als hätte man seine Wirbelsäule angezündet wie einen trockenen Ast, und er war gezwungen, anderthalb Stunden lang in völliger Reglosigkeit zu verharren, mit dem schweren Getrappel aus dem Traum im Ohr. Erst nach Ablauf dieser Frist versuchte er, überdeckt von einer Wolke gelber Fliegen, die Finger zu bewegen und stellte fest, daß er es tun konnte, ohne gleich im Jenseits zu landen.
Der Anfall fesselte ihn ganze zwei Tage ans Bett, da er aber dergleichen vorausgesehen hatte, hielt er Wasser und Zwieback im Nachtschränkchen, das er, ohne vom Bett aufzustehen, erreichen konnte. Nach Ablauf des ersten Tages im Nebel des Morgens, nach einer schlaflosen Nacht und einem in der Reglosigkeit verstrichenen Tag, an dem er nur daran dachte, daß bloß nicht neugierige Kinder oder, schlimmer noch, besoffene Arbeiter von der benachbarten Baustelle im Haus auftauchten, fand er im Nachtschränkchen, krampfhaft tastend, die angebrochene Wodkaflasche, öffnete sie mühsam, brachte sie, ruckartige Bewegungen vermeidend, an die Lippen und versuchte, einen Schluck im Liegen zu tun, verschluckte sich jedoch und verspürte einen inneren Ruck, der den ganzen Körper erbeben ließ, und sein Mund explodierte wie ein Zerstäuber, eine Alkoholwelle versengte die Nase und es war ihm, als schössen prallheiße Fontänen flüssigen Schwefels aus seinen Ohren. Wieder zu sich gekommen, röchelte er – ah, verdammt, Olga, hatte doch Vater immer gesagt, ich dürfe nie im Liegen trinken, - und röchelte – nicht mal Milch, nicht mal Medizin. Und den ganzen langen, von unklaren Geräuschen erfüllten Tag lang schwammen vor seinen Augen Visionen – Ausschnitte aus zahllosen Filmen, die er in den letzten Monaten gesehen hatte, wobei er jenen Streifen den Vorzug gab, wo das Leben der Bohème zu sehen war und er besonders stark den allgegenwärtigen, gleichmäßigen Druck verspürte, mit dem das brodelnde Jahrhundert ihn hinausdrängte, denn es hatte nicht die Kraft, den Stein seines Glaubens zu verdauen.
Das erste, was er entdeckte, als er aufstehen konnte, war das Fehlen des Petroleums in der Lampe und er murmelte dumpf – macht nichts, Olga, ich weiß, wie ich ans Dieselöl herankomme. Bemüht, den Rücken nicht zu krümmen, mit hölzern steifem Leib setzte er sich, wie ein Equilibrist, auf dessen Schultern mindestens zwei Mann aufrecht stehen, weg vom Haus in Bewegung, mal schlurfend, mal fest auftretend, besonders sorgfältig den Weg zwischen den Haufen von Baugerümpel und Löchern, die mit ausgedienten Holzpaletten abgedeckt waren, suchend. Nach dem Verlassen des Ödlands ging er in Richtung der Baustelle, wo er einen Traktor und einen Bagger gesehen hatte, einen klappernden Teekessel und einen Gummischlauch in verkrampfter Hand. Beim Überqueren der Straße erblickte er im Dunkeln die schwarze, reglose Masse eins überfahrenen Hundes, der auf dem weißen Mittelstreifen lag, und auf dem Rückweg, mit dem dieselölgefüllten Teekessel und dem hartnäckigen Ölgeschmack im Mund, blieb er plötzlich mitten auf der Straße stehen und dachte - das ist es doch, was ich brauche, Olga, das ist ja Hundefell. Und er ging, immer noch mal schlurfend, mal festen Schritts, auf das verwahrloste Haus zu, vor sich hin schauend und ratend, wo er hintreten könne, um nicht einzubrechen, und murmelte – bloß gut, daß ich nicht in den ersten Stock gezogen bin, wie ich zuerst wollte, - und murmelte – die Treppe würde ich jetzt nicht mehr schaffen, Olga, nie und nimmer würde ichs schaffen. Und da dachte er, daß er nochmal zur Straße zurückgehen mußte, und stöhnte dumpf. Er ließ es, den Kocher zu füllen, denn dieser stand auf dem Fußboden und er hätte sich bücken müssen, aber er füllte die auf dem Nachtschränkchen stehende Lampe, riß ein Streichholz an und zündete den Docht an und ging erst dann mit einem Messer, das er nicht einmal in die Tasche steckte, zurück, die Luft mit einem Pfeifton durch die zusammengebissenen Zähne stoßend und den Schmerz überwindend, auf die Signale der Knochen horchend, so als wäre das Kernstück seines Körpers der Lauf eines von Zeit zu Zeit gen Himmel schießenden Gewehrs. An der Straße angekommen, blieb er unter einer Pappel stehen, wartete ab, bis die Rücklichter zweier aneinander vorbeifahrender Autos verschwunden waren, erreichte mit aller ihm noch möglichen Schnelligkeit die Straßenmitte, kniete sich nieder, ohne den Rücken zu krümmen, ergriff mit der rechten Hand den überfahrenen Hund am harten, vom Dreck starrenden Nacken und brachte es fertig, aufzustehen und den Hund von der Straße wegzuzerren, stur die Welt mit ihren zitternden, verschwommenen Bauten und irrenden Lichtern mit sich fortschiebend. Er zerrte den Hund nicht weit von der Straße weg und hielt kurz nach dem niedrigen Gebüsch inne.
Kniend und vor sich hin blickend, machte er zwei tiefe Atemzüge, hielt beim dritten die Luft an und machte vier tiefe Schnitte in Form eines Quadrats an der Flanke des Hunds, spürend, wie die Klinge von den Rippen abrutschte. Dann ballte er fest die Faust mit dem Fell in der Mitte des herausgeschnittenen Quadrats und riß, seine Kraft überschätzend, am Fell und heulte sofort auf, biß sich auf die Lippen, schloß die Augen, auf die ein Hieb mit einem Fichtenzweig niedergeprasselt zu sein schien, und war genötigt, die angehaltene Luft rauszulassen, damit der Kopf nicht platzte, und erneut Atem zu holen – und die Gerüche des Herbstes waren vom Geruch des Hundes, des Blutes und des rohen Fleisches verdrängt. Dann zischelte er – es klappt nicht, Olga, ich muß, um das Fell abzuziehen, von der Seite anschneiden und immer zu mir ziehen, sonst gehts nicht ab, sonst geht gar nichts. Seine Finger klebten vom dicken, zähen Blut, als er, in der einen Hand das Stück Fell, in der anderen den Hundenacken haltend, das Gebüsch knakkend niederwälzte und den Hund zurück auf die Straße schleppte. Er blickte um sich, ob Menschen oder Autos in der Nähe seien, zog den Hund an die Stelle, wo er überfahren wurde, und ließ ihn auf den Mittelstreifen fallen.
Er mußte zurück zur Baustelle, wo er einen Metallbottich für flüssigen Zement gesehen hatte, der zur Hälfte mit Regenwasser gefüllt war. Er ließ sich auf die Knie sinken, ohne sich zu bücken, wusch sorgfältig den Fetzen Hundefell und das Messer, warf jedoch, nach einigem Nachdenken, das Messer in die Baugrube und begab sich langsam zu seinem Asyl im Vorgeschmack einer baldigen Linderung.
(...)

Mehr von:
Dmitrij Bakin
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 55
Aus dem Russischen von Sergei Gladkich

Genre

Hauptthema
  • Überleben
  • Leiden und Haß in einer Mutter-Sohn Beziehung

Schlagworte

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