LI 059, Winter 2002
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Die Grüne Fee kehrt wieder

Berauschendes Wermutkraut - kleine Kulturgeschichte des Absinths

(...) In seinem Buch Absinthe: History in a Bottle erklärt Barnaby Conrad: „Das grüne Glas auf dem Cafétisch symbolisierte [gegen Ende des 19. Jahrhunderts] Anarchie oder eine entschiedene Ablehnung der Normen und Pflichten des Lebens." Dieses Getränk wurde von der „dekadenten" Boheme nicht nur als Aphrodisiakum, sondern auch als künstlerische Inspirationsquelle geschätzt. Zur Reihe der berühmten Trinker gehören Edgar Allan Poe, Jack London, der Dramatiker August Strindberg und Oscar Wilde, nach dessen Ansicht ein Glas Absinth „so poetisch wie ein Sonnenuntergang" ist.
Der Chemiker, Musiker, Erfinder, Lyriker und Maler Charles Cros (1842–1888) trank gar 20 Gläser Absinth täglich. Das hinderte ihn nicht daran, den automatischen Telegraphen, den ersten (paréophone genannten) Phonographen und ein frühes Verfahren der Farbphotographie zu entwickeln. Alfred Jarry, der Autor von Ubu roi, genoß den Absinth nur pur, und oft fuhr er Fahrrad mit grünbemaltem Gesicht oder Körper, um seine Verehrung für die „Fee" zu bekunden. „Whisky und Bier sind für Dummköpfe, der Absinth hat Zaubermacht", behauptete der englische Lyriker Ernest Dowson, der Autor der Ode an den Alkohol Absinthia Taetra, die er während eines Parisaufenthalts schrieb, bei dem er mit Baudelaire und Mallarmé zusammenkam.
Der Lyriker Paul Verlaine war bereits ein unverbesserlicher Alkoholiker, als er sich dem Absinth zuwandte. Berichtet wird, daß er gewaltige Mengen zusammen mit seinem Freund und Geliebten Arthur Rimbaud genoß. Ein Photo zeigt ihn im legendenumwobenen Café Procope, wie er ein Glas mit dem unerläßlichen Löffel vor sich stehen hat. In einem seiner Verse sagt er: „Moi, ma gloire n’est qu’une humble absinthe éphémère".
Doch der am meisten bekannte Fall ist vielleicht der Vincent van Goghs. Anscheinend wurde er von seinem Freund und Kollegen Paul Gauguin in diese Erfahrung eingeführt. Einige schreiben sogar seinen Selbstmord oder den Verlust seines Ohrs der toxischen Wirkung des Getränks zu. Als van Gogh im Jahre 1890 starb, hatte sich schon das Wort absintheur („Wermutbruder") eingebürgert, um die diesem Schnaps Verfallenen zu bezeichnen, und man erörterte bereits, ob dessen freier Verkauf zweckmäßig sei oder nicht.
Viele Autoren, wie etwa Barnaby Conrad, fragen sich, ob die Gerüchte über ein mögliches Verbot nur dazu beitrugen, den Konsum und die Anziehungskraft zu vergrößern, die der Nimbus dieses verfemten Getränks ausübte. Heute behauptet man sogar, der Absinth besitze halluzinogene Eigenschaften. Andere halten das für unzutreffend (außer wenn man 40 Gläser trinken würde), meinen jedoch, daß seine entspannende Wirkung zu surrealistischen oder obszönen Träumen führe. „Nach dem ersten Glas sieht man die Dinge so, wie man sie gern sehen möchte. Nach dem zweiten sieht man Dinge, die es nicht gibt. Am Ende sieht man die Dinge so, wie sie sind, und das ist das Entsetzlichste, was geschehen kann", sagte Oscar Wilde über seine Erfahrung.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man die „grüne Fee" in „grüne Gefahr" oder den „grünen Dämon" umbenannt, und das nicht nur in Frankreich. Ein christlicher Verein in den Vereinigten Staaten verbreitete damals eine Broschüre mit dem Titel: Absinth, das Getränk des Teufels. „Die Absinthtrinker sterben alle an Tuberkulose, Wahnsinn oder Paralyse", verkündete ein Flugblatt, das eine Gesellschaft zur Bekämpfung des Alkoholismus 1897 in Paris an Passanten verteilte.
Wer ein Absinthverbot forderte, bemühte sich um wissenschaftliche, positivistische Argumente. 1859 war ein gewisser Doktor Motet zu dem Ergebnis gekommen, Absinth bewirke epileptische Anfälle, wenn man ihn in konzentrierten Dosen zu sich nehme. 1892 stellte ein weiterer Arzt, der Ott hieß, angeblich stets „Krämpfe und Gliederzittern" fest, wenn er sich „zwei Tropfen Absinthessenz" in die Drosselvene injizierte. Man muß betonen, daß die Experimente nicht mit Absinth, sondern mit „Absinthessenz" durchgeführt wurden, was nicht das gleiche ist.
Heute steht die Tatsache zuverlässig fest, daß das Getränk zwei psychoaktive oder narkotische Bestandteile enthält: Athylalkohol und Thujon. Das Thujon ist eine Substanz, die in Pflanzen der Gattung Artemisia natürlich vorkommt. Trotzdem meinen heute einige Forscher, der gefährlichste Bestandteil des Absinths sei nicht das Thujon, sondern … der Alkohol. Tatsächlich enthalten auch andere, allgemein verbreitete Getränke (Wermut, Bitterer, Chartreuse) niedrige Thujonanteile, und das soll auch bei einigen Hustensäften der Fall sein.
Allgemein durchgesetzt hat sich die Überzeugung, daß der Niedergang des Absinths im Jahre 1901 begann, als ein gewaltiger Blitz in die Fabrik Pernod Fils in Pontarlier einschlug und die Brennereien fünf Tage lang in Flammen standen – was auf die starke Wirkung des Athanols zurückzuführen war. Dieser Anekdote kommt ein symbolischer Wert zu (im Russischen heißt Absinth ironischerweise tschernobyl), doch der Kreuzzug gegen den Alkohol und vor allem gegen den Absinth hatte schon einige Zeit zuvor begonnen, und er setzte alle verfügbaren Mittel ein: von den ersten Pathé-Filmen bis zu den sogenannten „antialkoholischen Schauspielen", die sich seit 1880 großer Beliebtheit in den Theatern erfreuten.
Wie Didier Nourrisson in seinem Buch Le buveur du XIXe siècle („Der Trinker im 19. Jahrhundert") anführt, enthielten die damaligen Lehrpläne Diktatvorlagen aus literarischen Werken wie etwa Zolas Der Totschläger, der als Wegbereiter einer ganzen Reihe von antialkoholischen Romanen angesehen wird. Zolas Werk war 1876 als Fortsetzungsroman in einer Zeitung erschienen, die einem Schokoladenfabrikanten gehörte. „Nichts ließ vorausahnen, daß Zola die Rolle eines Abstinenzpredigers zufallen würde, denn in den vorhergehenden Jahren hatte er sich sogar gegen die Verurteilung öffentlicher Trunkenheit ausgesprochen", schreibt Nourrisson. Nach Ansicht Zolas war der Alkoholismus eine Folge des Elends, und nicht die Erscheinungsform eines Lasters. Allerdings befürchtete er dessen Zunahme.
Die antialkoholischen Qualitäten von Der Totschläger wurden nicht sofort erkannt, wie Nourrisson erklärt, bis eine Gruppe von Vaudeville-Schauspielern eine Bühnenbearbeitung aufführte. Damit, urteilt Nourrisson, erhielt der Originaltext eine „melodramatischere" Form. „Coupeau, einer der Protagonisten, starb auf der Bühne als Opfer eines Anfalls von Delirium tremens."
Aus dieser Zeit stammt auch der Roman Absinth: ein Pariser Drama der romantischen englischen Schriftstellerin Marie Corelli.
Nourrisson weist in seinem Buch nach, daß Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts das europäische Land mit dem höchsten Alkoholkonsum war. Dessen durchschnittlicher Jahresverbrauch von 22,93 Litern lag weit über dem Italiens (17,29) und Spaniens (14,02).
Edouard Manets Bild Der Absinthtrinker entstand 1859; Degas’ Der Absinth ist von 1876; Picassos Absinthtrinkerin wurde 1901 vollendet.
In dem Zeitraum, in dem diese drei Bilder entstanden waren, hatten sich sehr viele Frauen in die Heerschar der Absinthtrinker eingereiht. Nichts empörte die Prohibitionisten so sehr wie die Tatsache, daß sich die Frauen ebenso wie die Männer dem Trunk ergaben oder daß auf beinahe allen Plakaten, die für dieses Getränk warben, Mädchen abgebildet waren. Doch man muß auf einen weiteren, sehr bedeutsamen Umstand hinweisen. Nahezu alle Historiker des Absinths geben an, daß sich in die ehrenwerten Temperenzvereine einige Weinhersteller eingeschlichen hatten, die diesen Handelskonkurrenten ein für allemal ausschalten wollten.
Aufschlußreich ist, was Doris Lanier an einer Stelle ihres Buches Absinthe: The Cocaine of the 19th Century sagt: „Die meisten Franzosen glaubten, daß der Wein […] nicht zum Alkoholismus beitrage, daß der Alkoholismus in Frankreich bis zum Aufkommen des Industriealkohols kein Problem dargestellt habe." Mit anderen Worten, der Wein war als etwas „Natürliches" willkommen.
(...)

Mehr von:
Eduardo Berti
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 102
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann

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Hauptthema
  • Geschichte des Absinths

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