LI 035, Winter 1996
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Die belagerte Existenz

Die elektronische Masse und die Einsamkeit des Sadovoyeurs

Es ist üblich, außergewöhnliche Ereignisse einen Autounfall, eine gesellschaftliche oder Naturkatastrophe ... in eine territoriale Demarkationslinie einzuschließen. Deren minimaler Ausdruck ist ein Band in leuchtenden Farben, das metaphorisch Sicherheit demonstriert bzw. auf die Unzugänglichkeit des juristisch oder polizeilich eingegrenzten neuen Territoriums hinweist: Security Zone, No Trespassing, Police. Die Überschreitung einer derartigen Grenze bedeutet eine Mißachtung oder eine Aggression, und ein entsprechender Versuch wird vom Gesetz unter Strafe gestellt. Wenn es sich um einen wichtigeren Sachverhalt handelt, wie etwa eine politische Veranstaltung, wird der hermeneutische Sperrgürtel ausdrücklicher bezeichnet: durch einen schwerbewaffneten Polizeikordon. Die Isolierung eines kritischen oder unter Ausnahmebedingungen stehenden Territoriums kann solch extreme Formen wie eine Blockade, eine Quarantäne und die militärische Einkreisung von Städten, Inseln und ganzen Nationen annehmen, wenn es sich um einen außerordentlich bedeutsamen Sachverhalt handelt: Völkermord, ein verbrecherisches politisches Regime, einen Konflikt von großer politischer oder sozialer Tragweite.
Die scheinbare Funktion derartiger Demarkationslinien besteht in Ausschluß und Schutz. Oder genauer gesagt: Sie besteht im imaginären Schutz durch den Ausschluß des Realen. Um ein Unfallopfer, eine militärisch belagerte Stadt oder eine von Hunger und Seuchen bedrohte Menschengruppe zu schützen, werden deren territoriale Grenzen blockiert, wird deren Existenz im Raum ausgeschlossen und isoliert. Städte, Inseln, ganze Nationen verwandeln sich so in riesige Konzentrationslager.
Derartige isolierte Zonen schützen jedoch nicht wirklich die Ordnung oder das Gesetz. Vielmehr schließen diese politischen und Informationsquarantänen oder die hygienischen und militärischen Absperrungen die Erfahrung aus. Jenseits der realen oder imaginären Mauern, die von Polizeikordons oder semiotischen Quarantänen gebildet werden, verschwindet das Reale aus den Blicken und Handlungen der Menschen. Gleichgültig, ob das Unfallopfer ein Verwandter ist, ob das Erdbeben unser eigenes Haus zerstört hat oder ob der im Interesse der "ethnischen Säuberung" geführte Krieg das Dorf unserer Nachbarn vernichtet hat: Der Zutritt ist uns stets und in jedem Fall verboten; und immer wird unsere ethische Verantwortung, unser solidarisches Handeln oder unser Gemeinschaftsbewußtsein damit aufgehoben. Man isoliert das Reale und schließt die Erfahrung aus.
Doch einer einzigen Instanz steht das unumschränkte Privileg in jedem Fall zu, sich über diese politisch-epistemologischen Barrieren straflos hinwegzusetzen: den Informationsmedien. In den intimsten Situationen oder im tödlichsten Krieg, bei politischen Ereignissen oder Unfällen scheinen nur die Medien allgemeinen Zutritt zu haben.
Die Isolierung des Realen ist die notwendige Voraussetzung für dessen Aufbereitung als Medienereignis. Sie ist die unumgängliche Voraussetzung des ontologisch privilegierten Charakters der Kommunikationsmittel und ihrer ausschließlichen Aufbereitung der Realität. Die Isolierung der Erfahrung übernimmt im Zeitalter nach dem Ende der großen historischen Diskurse die Funktion der Ideologien selbst.
Die Absonderung des Realen ist nicht nur eine äußere Voraussetzung seiner Medienwiedergabe. Die elektronische Montage der Realität definiert bereits durch ihre Kompositionsformen und technischen Mittel die Bedingungen dieser Realität als die einer belagerten Existenz. Wenn man ein Bild schneidet, isoliert, aus seinem Kontext löst und editiert, setzt dies gleichzeitig voraus, daß man es von seinen räumlichen, zeitlichen und menschlichen Bedingungen trennt und ausschließt. Die technischen Verfahren der Medienmontage sind signifikatorischen Prozessen untergeordnet, die dazu beitragen, es aus seinem empirischen Erfahrungsbereich zu entfernen.
Einhergehend mit dem Konzentrationsprozeß des Realen und seiner symobolischen Isolierung als Informationspackage bildet sich die von den elektronischen Medien bestimmte Masse heraus. Auch sie wird vorrangig durch einen negativen Konzentrationsprozeß definiert. Historisch geht diese moderne Erscheinung auf den Zerfall der Bindungen zurück, die bisher die ethische Gemeinschaft prägten. Diese Masse übernimmt das Erbe des Individualitäts- oder Charakterverlustes, unter dessen Vorzeichen die Soziologie und die Poetik des Expressionismus die moderne Großstadtkultur definiert hatten. Die von den Medien bestimmte Masse leitet sich auch von der positivistischen Psychologie her, die seit Lévy-Bruhl die vorbewußten Wandlungen des kollektiven Verhaltens untersucht hatte. Sie ist ebenfalls untrennbar mit den modernen Totalitarismen verbunden.
Es handelt sich jedoch um eine neuartige Masse: eine aus dem urbanen Zusammenhang gelöste, von den traditionellen Kulturformen ausgeschlossene Menschenmasse; eine Masse, die in den modernen, minimalen, architektonisch geplanten Wohnräumen und in den urbanistischen Quarantänen der postindustriellen Riesenstädte isoliert ist. Aber vor allem ist es eine Masse, die sich mit Hilfe der Mediencontainer und -highways und als Teil ebendieser Behälter und elektronischen Kanäle herausgebildet hat. Eine Masse, die von den metadiskursiven Instanzen des Medienflusses hervorgebracht, definiert und kontrolliert wird.
Hierbei geht es um eine doppelte, einerseits ontologische und andererseits soziale Konstellation. Einerseits um die Erzeugung einer zweiten Realität durch die Medien. Die Erzeugung einer eigenständigen Realität, einer technisch, symbolisch, politisch unabhängigen Realität. Andererseits um eine Menschenmasse, die zusammen mit dieser elektronischen Erzeugung der Realität erzeugt wird. Eine Masse, die von den elektronischen Medien geschaffen und erhalten und in den elektronischen Kommunikationsnetzen unterhalten, stimuliert und organisiert wird. Diese Masse wird innerhalb des virtuellen Raums und der virtuellen Zeit isoliert, die die Kommunikationsmedien definieren, was mit dem körperlichen oder biologischen Zustand, dem Sitzen vor dem Bildschirm, beginnt und bis zur metonymischen Erzeugung von automatisierten Bildern reicht. Eine Masse, von der sich diese Medien nähren und die sie innerhalb der räumlichen und ontologischen Grenzen ihrer virtuellen Realitätsdarstellung enthalten, bewahren und beaufsichtigen. Die Masse des modernen Spektakels.
Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang die auf Canetti zurückgehende räumliche Interpretation der Masse. Nach Ansicht Canettis besteht ein zentrales Wesensmerkmal der Masse in der Vervielfältigung, der Expansion und gleichzeitig ihrer Konzentration und Kontrolle in räumlich definierten Behältern. Der Schwulst der architektonischen Szenographien des Dritten Reichs bildet in dieser Hinsicht ein klassisches Motiv, wie das auch für die großen Massenkonzentrationen der katholischen Kirche im Verlauf ihrer Geschichte und ganz besonders in den kolonialen und nachkolonialen Gesellschaften und für deren jeweilige architektonische Ausdrucksformen gilt.
Symmetrie, hierarchische Gliederung des Raums, Festlegung von eindeutigen Zentren und Symbolen der Massenidentität sowie die Beaufsichtigung und entsprechende Organisation der Masse sind inzwischen Gemeinplätze der von der Macht bestimmten Räume geworden. Es handelt sich stets um ein und denselben Begriff des Raums, der für die Funktionen konzipiert ist, die Masse in Fluß zu halten und zu konzentrieren, sowie gleichzeitig das individuelle Bewußtsein zu entleeren, zu säubern und umzugestalten. Und das finden wir wiederum in der spätindustriellen Zivilisation in Form von neuen Massenräumen, vom Olympiastadion bis zum Highway oder Großmarkt. Doch einige Wesenszüge, die Canetti sowohl in bezug auf die religiöse Masse der Vergangenheit als auch auf die moderne totalitäre Masse hervorhebt, sind weiter aufschlußreich, wenn man sie aus der Sicht der elektronischen Kommunikation betrachtet.
Der von Canetti in Masse und Macht analysierte Begriff der Masse wird von dem beherrscht, was er die "sichtbare Masse" nennt. Deren Wesensmerkmale unterscheiden sich offenkundig von jenen, mit denen sich die medienbestimmte spätmoderne Masse definieren läßt. Die sozialen Konzentrationserscheinungen der urbanen Gesellschaft, die den Tastsinn ansprechenden Begriffe der Dichte und Nähe, die räumlichen Kategorien des Ganges oder der Stockung, Ausdrucksmomente wie der kollektive Schrei oder der Tanz sind einige der relevantesten Aspekte dieser sichtbaren Masse, die gerade bei der modernen, von den elektronischen Medien geprägten Masse verschwinden. Die medienbestimmte Masse ist abstrakt, ätherisch, virtuell. Vielleicht muß man sie eher mit der Masse der Toten oder der Masse der Seelen in den traditionellen Religionen vergleichen. Gewiß sind wir hier mit einer "unsichtbaren" Masse konfrontiert, um bei Canettis Terminologie zu bleiben. Jedoch ist sie deshalb nicht weniger zugänglich, wenn man sich weiterhin der für die sichtbare Masse der Lebenden gültigen Kategorien bedient. Wir können vom durchschnittlichen Medienpublikum wie von einer "konzentrierten" oder in Behältern aus Kathodenstrahlen isolierten Masse sprechen, wobei diese Behälter den räumlichen oder architektonischen Behältern der kirchlich geprägten Masse oder der militarisierten Massen der totalitären Regime gleichen. Rundfunk und Fernsehen wären demzufolge als eine Übertragung der architektonischen oder urbanistischen Behälter auf den virtuellen Raum und die virtuelle Zeit des elektronischen Mediums zu verstehen.
Nunmehr handelt es sich um eine nicht greifbare Masse und um immaterielle Behälter. Um eine neue Masse, die durch unterschiedliche elektronische Erregungsintensitäten und durch die symbolische Stimulation definiert wird. Dennoch und gerade deshalb funktionieren die elektronischen Kommunikationsmittel als die Massenbehälter der gegenwärtigen Gesellschaft schlechthin. Im symbolischen Sinn ist ihre Masse desto effektiver und benutzbarer, je unsichtbarer und ätherischer ihre Existenz ist.
Es ist richtig, daß sich das Fernsehpublikum aus einer großen Vielzahl unterschiedlicher Gruppen zusammensetzt. Auf Grund dieser ökonomischen, kulturellen, sprachlichen usw. Unterschiede, die ja gleichzeitig Rezeptionsunterschiede sind, läßt sich sogar die Vorstellung von einer "elektronischen Masse" zurückweisen. Die dem Fernsehtext immanente Polysemie könnte ebenfalls gegen eine derartige Anerkennung einer von den Medien organisierten Masse sprechen. Trotzdem wäre das ein trivialer Einwand. Die elektronische Masse ist die elementarste Voraussetzung der Kommunikationsmedien. Sie ist die in den Medienbehältern der Realität, des Konsenses oder der Identität konzentrierte Masse, denn gerade diese drei Faktoren liegen den soziologischen, psychologischen oder sprachlichen Unterschieden eines Publikums zugrunde. Es handelt sich um eine doppelte Voraussetzung der Isolierung durch die Medien. Einerseits um die abgesonderte und verpackte Realität, andererseits um die Existenz, die in den minimalen architektonischen und urbanistischen Überlebenszellen eingekapselt ist. Beide Momente definieren die gegenwärtige elektronische Masse: die belagerte moderne Existenz.

In bezug auf die Menschenmasse, die sich als Folge der elektronischen Kommunikationsmedien herausgebildet hat, möchte ich an eine historische Betrachtungsweise erinnern. Diese Betrachtungsweise beschäftigt sich mit den zerstörten oder verfallenden Landschaften eines gemeinschaftlichen, ethisch begründeten und sozial transparenten Ideals, die im Zusammenhang mit den familiären und beruflichen Bindungen, den Beziehungen zu Natur und Ort und der Teilhabe an den geistigen Werten der Gemeinschaft entstanden waren. Aus dieser Perspektive wird die Entwicklung der Massenorganisationen und -konzentrationen im 20. Jahrhundert als Reaktion auf den Zerfall der großen Weltreligionen, insbesondere der christlichen, und auf der damit einhergehenden Verweltlichung ihrer sozialen Werte verstanden.
Dieser Aspekt der Konzentration erscheint bei der Beschreibung der modernen Menschenmasse erstmals in den architektonischen Kommentaren Schinkels über die Wohnverhältnisse in den englischen Industrievororten, in Engels' Untersuchung der Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse oder auch in der auf Tönnies zurückgehenden Interpretation des Verfalls der Gemeinschaft, in Simmels Beschreibung der Charakterlosigkeit des Massenmenschen, in der Vision einer von Spengler dargestellten modernen, neuartigen Barbarei als Ergebnis der Entwurzelung und der Todesneigung der urbanen Zivilisation oder in der von Mumford vorgetragenen Analyse der mechanischen Reduktion der Existenz im herrschenden Maschinenzeitalter.
Der moderne Begriff der Massenkonzentration wird nicht nur taktil durch seine Immaterialität oder insbesondere durch seinen virtuellen Charakter definiert. Es handelt sich auch nicht um eine Masse, die auf der Grundlage eines statistischen Algorithmus berechnet, dargestellt und definiert wird, wie Moscovici festgestellt hat. Die modernen Massen sind zweifellos auf Grund der Bedürfnisse einer Industrieproduktion entstanden, die in ihren technischen Produktions- und Konsumprozessen die Vermassung erzwingt und die Menschenmasse zur letzten Voraussetzung ihres Überlebens macht. Doch sie läßt sich nicht allein als Resultat der ökonomischen und technologischen Konzentrationsprozesse definieren.
Canetti hebt in dieser Hinsicht ein historisches Modell der modernen Masse hervor: die religiösen Massen, die sich um die Institution der Kirche und der theokratischen Mächte bilden, die Massen der Anhänger, die im Verlauf der Bekehrungsstrategien organisiert werden, die von den sakralen Spektakeln der Moderne dem Autodafé, den Fronleichnamsprozessionen ... gestalteten Menschenmengen.
Canetti bezeichnet offenbar auch einen aufschlußreichen Entwicklungsaspekt dieser religiösen Massen: so etwas wie eine translatio imperii von den kirchlich geprägten Massen zu den modernen Massen der Industriegesellschaft. Während des Zerfallsprozesses der ethisch-religiösen Systeme wurde deren soziale Integrationsfunktion auf die moderne industrielle Masse übertragen. Diese Verweltlichung der religiösen Masse wirkt sich nicht nur auf die sie organisierenden Mächte aus. Sie bedeutet auch eine Übertragung von Verhaltensnormen, Symbolen, Handlungsformen und Werten. Hieraus ergibt sich deren Bedeutung für die Analyse Canettis und für die Interpretation der Masse in der spätindustriellen Welt. Eine derartige "Überführung" oder Übertragung von Formen, Symbolen und Modellen auf die moderne weltliche Masse findet ihren radikalsten und vollkommensten Ausdruck in der Welt der audiovisuellen Kommunikation.
James Curran schreibt hierüber: "Die Massenmedien haben nun, in einem weltlicheren Zeitalter, die Rolle der Kirche übernommen, dem Massenpublikum die Welt zu interpretieren und ihr einen Sinn zu geben. Wie ihre priesterlichen Vorgänger erweitern die professionellen Kommunikationsexperten die Darstellungssysteme, die das Gesellschaftssystem legitimieren. Die Priesterschaft erzählte ihren Gemeinden, daß die Machtstruktur göttlich sanktioniert wäre; deren Nachfolger informieren ihr Publikum, daß die Machtstruktur durch die Wahlurnen demokratisch sanktioniert sei." Doch es geht nicht darum, diese Funktionsübertragung allein unter dem Aspekt einer früheren oder immer noch vorhandenen legitimierenden Funktion im traditionellen Sinn des Wortes "Ideologie" zu verstehen; es geht nicht allein um die ideologische Rolle der modernen Fersehnetze.
Die Übertragung ritueller und transzendenter Funktionen von den alten religiös-politischen Formationen auf die neuen Kathodenbehälter äußert sich in Wesensmerkmalen, die im Hinblick auf die Gestaltung der modernen Masse weitaus relevanter sind und die eher mit der technischen Struktur der elektronischen Kommunikation als mit deren Inhalten oder legitimierenden Funktionen zu tun haben. So etwa die strukturbedingte Passivität und Isolierung des Medienzuschauers wie auch dessen tatsächliche Unterordnung untereeine schauspielartig inszenierte, im voraus bearbeitete und sanktionierte Realität. Doch vor allem die Wesenszüge der historischen religiösen Masse, wie etwa das Monopol der Kirche auf die sanktionierte Realität, ihre weltweite Expansionspolitik und die von ihr bewirkte Bildung einer virtuellen oder transzendenten Gemeinschaft, erscheinen als ebenso grundlegende Wesensmerkmale der modernen elektronischen Masse wieder.
Erhellend wirken die Kategorien der Analyse, die Canetti in bezug auf die Übertragung ebenjener sozialen, die Realität monopolisierenden und die Instanzen der politischen Macht definierenden Integrationsrolle, wie sie die Kirche in ihrem klassischen Zeitalter kennzeichnete, auf die moderne Masse formuliert hat. Die erste derartige Funktion ist die rituelle Herausbildung der religiösen Masse selbst. Die Definition der Zeitrhythmen, die die Gewohnheiten des Alltagslebens gliedern von Ernährung und Sexualität bis zu der produktiven Zeit und jenen Stunden, in denen die Arbeitskraft regeneriert wird , die Aufteilung und Organisation der lebensnotwendigen Aktivitäten der Gemeinschaft, die Differenzierung und hierarchische Ordnung der Räume, in denen sich diese Aktivitäten vollziehen, und als allerwichtigstes die Definition einer "Richtung", die diesen Aktivitäten eine einheitliche Bedeutung zu geben vermag, sind einige Wesensmerkmale, die Canetti zufolge die Gestaltung der religiösen Massen in universalen Glaubenbekenntnissen kennzeichnen.
Die Definition der Zeitrhythmen, die Differenzierung der menschlichen Aktivitäten und ihrer Räume, die Regelung der Gewohnheiten von Kleidung und Ernährung bis zur Teilnahme am politischen Leben oder an der Sexualität und die Bestimmung einer allgemeinen Orientierung oder Richtung des individuellen Lebens sind rituelle Funktionen, die auch der moderne Mediendiskurs wahrnimmt. Beinahe unnötig sind Definitionen des Fernsehens als "Broadcast Calendar". Und überflüssig ist die Interpretation der elektronischen Medien als der bestimmenden Instanz für "die Übereinstimmung zwischen der Zeitbewegung in der fiktionalen Welt und der wirklichen Welt". Der ständige Zeichenaustausch zwischen dem Realen und der Fiktion kennzeichnet die Massenkommunikationsmittel als eine rituelle Vermittlung zwischen einer transzendenten Ordnung von Werten, Normen, Erwartungen und Zielen und der kontingenten Realität. Die gleiche Vermittlungsfunktion zwischen dem Zeitlichen und dem Jenseits wurde vom katholischen Ritual im Goldenen Zeitalter seiner Kolonialexpansion erfüllt. Wie es J.W. Carey in einer Auseinandersetzung mit dem die funktionalistische Kommunikationstheorie kennzeichnenden Formalismus genannt hat: Die elektronischen Medien haben vielmehr mit der "Schöpfung, Darstellung und Zelebration von gemeinsamen, wenn auch illusorischen Glaubensüberzeugungen" sowie mit solchen Begriffen wie "Beteiligung", "Teilnahme", "Vereinigung", "Gemeinschaft" und dem "Besitz eines gemeinsamen Glaubens" zu tun, das heißt mit sozialen Kategorien, die auf die virtuelle oder fiktive Wiederherstellung einer verlorenen religiösen Transzendenz ausgerichtet sind.
Der Parallelismus zwischen der Medienkonzentration und den Massenreligionen läßt sich auf den Begriff einer uniformierten, stockenden und beaufsichtigten Masse zurückführen: die "folgsame Herde", wie Canetti es nennt. Zwei Arten von Prinzipien betonen diese katholische Konzeption der Masse: einerseits Hierarchie und Gehorsam, Unterordnung und Beaufsichtigung; andererseits die Gleichheit. Eine derartige Dualität der Prinzipien könnte widersprüchlich scheinen. In Masse und Macht schreibt Canetti: "Am Katholizismus fällt bei unvoreingenommener Betrachtung eine gewisse Langsamkeit und Ruhe auf, verbunden mit großer Breite. Sein Hauptanspruch, daß er für alle Platz hat, ist schon in seinem Namen enthalten. Es ist erwünscht, daß jeder sich zu ihm bekehrt, und jeder wird unter gewissen Bedingungen, die man nicht gut als hart empfinden kann, aufgenommen. Darin, im Prinzip und nicht im Vorgang der Aufnahme, hat sich eine letzte Spur von Gleichheit erhalten, die von seinem sonstigen streng hierarchischen Wesen merkwürdig absticht."

Hierarchie und Gleichheit, dieses paradoxerweise komplementäre Paar von Gestaltungsprinzipien der religiösen Masse, sind mit anderen, ebenso zentralen Wesensmerkmalen der christlichen Verhaltensnormen verbunden. Die katholische Masse ist im wesentlichen passiv, geduldig, friedfertig. Sie ist eine zuschauende, spektakelversessene und abwartende Masse. Ihre Passivität wird nicht nur durch eine allgemeine Lähmung der menschlichen Aktivitäten gekennzeichnet. In der katholischen Bekehrungslehre erschien diese Lähmung als ebenso bedeutsam wie die Definition der sozialen Strategien der Kolonialexpansion, um Millionenmassen zu unterwerfen, und sie äußerte sich als tatsächliche Entfremdung des Bewußtseins und des Willens, der persönlichen Erinnerung, des Körpers und durchaus nicht zuletzt des Vermögens, das man Ketzern oder Heiden aus dem einzigen Grund wegnahm, weil sie Ketzer oder Heiden waren. Das gleiche geschieht auch, allerdings auf einer spirituell geläuterten Stufe, in einem mystischen Prozeß. Die Passivität wird im Mystizismus der Gegenreformationszeit in der Form eines völligen Verzichts auf empirische Erfahrung, auf den Willen und das rationale und selbständige Urteil über menschliche und göttliche Dinge institutionalisiert.
Ein derartiger Verzicht setzt gleichzeitig die Verdrängung und Vernichtung nicht nur des empirischen Subjekts, sondern auch der Gemeinschaft voraus. In dieser Hinsicht sind Canettis Überlegungen bedeutsam. Wie er erklärt, fühlt und erlebt die katholische Masse das Gemeinsame nicht als ihre eigene und gegenwärtige Realität, vielmehr als eine ihr radikal äußerliche Transzendenz. Die katholische Gemeinschaft ist ein virtuelles Jenseits, ein Ziel, das um so übermächtiger ist, je ferner oder sogar unerreichbarer es ist. Canetti bezieht sich in diesem Sinn auf eine "stockende Masse", eine Masse, die durch ihre geschlossene Organisation, eine stockende Dichte und den Aufschub einer gewünschten Entladung definiert ist; schließlich bezieht er sich auf eine "mumifizierte" Masse. Das Wesensmerkmal der katholischen Masse ist ihr ausschließlich einseitiges Verhältnis zum Priester als dem Vermittler, der ein "vorgekautes und dosiertes" heiliges Wort und gleichzeitig ein "geschütztes und verborgenes" heiliges Wort verabreicht, das als solches für jedes Gemeinschaftsmitglied äußerlich und unerreichbar ist.
Canetti veranschaulicht einen weiteren Aspekt der katholischen Masse: Ihre Mitglieder können untereinander keine horizontale Beziehung aufrechterhalten. Der Vorgang der Kommunion, der gleichberechtigten Teilnahme und Teilhabe am heiligen Wort, das innerhalb der Vermittlungsbedingungen dieser Äußerlichkeit und Transzendenz eines virtuellen und verborgenen Reiches aufgefaßt wird, trennt gleichzeitig jedes Mitglied der katholischen Masse von den übrigen Mitgliedern, womit die Möglichkeit einer authentischen Gemeinschaft selbst ausgeschlossen wird. Die Kirche "schwächt und mildert" nach Canettis Worten "das Gemeinsame unter den wirklich anwesenden Menschen und setzt dafür ein geheimnisvoll Gemeinsames in der Ferne, das übermächtig ist, das des Gläubigen nicht unbedingt bedarf und das die Grenze zwischen ihm und sich, solange er am Leben ist, nie wirklich aufhebt".
Es bietet sich allzuleicht an, diese Kategorien der religiösen Masse direkt auf die elektronische Masse zu übertragen und sie als eine stockende Masse, als eine in den Kathodenbehältern erstarrte Masse oder als eine Masse zu bezeichnen, die durch die halluzinatorische Wirkung der dem eigenen Ermessen überlassenen Lichtstimulation mumifiziert ist. Und es wäre auch nicht viel schwieriger, sich auf die verweltlichte Transzendenz eines neuen, von Kathodenstrahlen bestimmten Mystizismus und auf eine vollkommene, äußerliche und geheime elektronische Gemeinschaft der Fernsehbildschirme zu berufen. Die Unbeweglichkeit, die Passivität, die abwartende Haltung, der gleichberechtigte Zugang zum petit récit (kleinen Diskurs) der audiovisuellen Montage, die einseitig auf einen äußerlichen Vermittler der realen Welt gerichtete Aufmerksamkeit und andererseits das streng hierarchisch geordnete Wesen dieses tatsächlich universalen "großen Diskurses", all das zeigt eine mehr als offensichtliche formale Ähnlichkeit mit jener religiösen Masse.
Die Medienkommunikation übernimmt die gleiche doppelte Aufgabe, das Reale zu vermitteln und gleichzeitig zu verdecken, wie sie von der Kirche ausgeführt wurde. Und sie erfüllt ebenjene Funktionen, die den Katholizismus in der Geschichte als Vertretung einer äußeren und transzendenten Gemeinschaft auf der Grundlage einer zerstörten, zersetzten oder entstellten Gemeinschaft gekennzeichnet haben, einer Gemeinschaft, die von der hierarchisch geordneten und damit einhergehend auf Gleichheit ausgerichteten Struktur der elektronischen Kommunikation ebenfalls tatsächlich unerreichbar gemacht wird.
Die elektronischen Kommunikationsmittel sind auch die Medien, die die intersubjektive Erkenntnis auslöschen. Die Erkenntnis des Ich und des Du, die das individuelle Bewußtsein und die Gesellschaft als einen Geschichtsprozeß konstituiert, erscheint in der elektronischen Kommunikation als die einseitige und fiktive Gestaltung einer subjektiven Identität innerhalb des Medienflusses wieder, als die semiotische Illusion eines durch die ununterbrochene Beschäftigung mit elektronisch produzierten Bildern verstümmelten und verarmten Subjekts. In dieser verkehrten, schauspielartigen Welt wird die Möglichkeit einer Erkenntnis des anderen als eines Ich zugunsten eines absoluten Wertes des Mediums, seiner "priesterlichen" Rolle, seiner äußerlichen Bedeutung und daher auch seines totalitären Wertes blockiert. Der Medienfluß ist zum Träger der ganzen Wahrheit und des ganzen Wesens gegenüber einer individuellen Existenz geworden, die im Nichts ihrer Anonymität verborgen, von der Architektur eingegrenzt oder von der Statistik minimalisiert wird. Ein solcher Zuschauer hat nichts, was jenen Archimedischen Punkt bieten kann, der in der klassischen Erkenntnistheorie seit Descartes die Objektivität einer rationalen und subjektiven, gegen die Ordnung der elektronisch geschaffenen Realität widerstandsfähigen Erkenntnis gewährleistet hatte. Nichts ermöglicht eine dialogische Konfrontation seines isolierten Bewußtseins. Die Definition der elektronischen Masse ergibt sich gerade aus der strukturbedingten Isolierung und Trennung der Individuen und ihrer erkenntnismäßigen Fixierung auf eine äußere Realität, die vollständig über die Grenzen ihrer Erfahrung und Kontrolle hinausgeht, und diese äußere Realität ist zu einem bloßen Lichteffekt auf dem Bildschirm geworden. Die sozialen Beziehungen kehren sich in der elektronisch aufgelösten Gesellschaft, in der als Spektakel inszenierten Gesellschaft um, und das genau in dem Sinn, in dem Debord diese Vorstellung definiert hatte: als "von Bildern medial aufbereitete gesellschaftliche Beziehung zwischen den Menschen", als "konkrete Umkehrung des Lebens" und eine "abgesonderte Pseudowelt, das Objekt bloßer Kontemplation".

Die sadovoyeuristische Erfahrung, die man dem Fernsehen wegen der unendlich vielen von ihm gebotenen Spektakel realer oder fiktiver Gewalt häufig vorgeworfen hat, ist nicht unbedingt das direkte Resultat einer abartigen Programmgestaltung. Ebenso erweist sich die moralistische Verurteilung seiner ausdrücklich unmoralischen Inhalte als überflüssig. Das reale Problem, das der ständige und zunehmende Sadismus der Medien aufwirft, betrifft vielmehr die Beseitigung der sprachlichen Voraussetzungen einer ethischen Erkenntnis. Für ein empirisches Bewußtsein, das durch die technische Struktur der elektronischen Kommunikation vollständig von der Erkenntnis eines Du als eines Mitmenschen befreit wird, ist der Sadovoyeurismus vielmehr die bevorzugte Form der Fernsehkommunikation und der von ihr vorausgesetzten belagerte Existenz, die als eine verstümmelte Dialektik jener sozialen Erkenntnis angesehen wird. Der Voyeurismus ist die notwendige Folge dieser Befreiung des modernen Subjekts von der dialogischen sozialen Erkenntnis und deren Neudefinition als semiotische Fiktion. Um es mit Hegelschen Begriffen auszudrücken: Dort, wo Herr und Knecht unfähig sind, einander im Verlauf der sozialen Konflikte zu erkennen, die deren ursprüngliche Ungleichheit und die sich hieraus ergebenden Begrenzungen ihrer jeweiligen Existenzstrukturen notwendig herbeiführen, dort wird auch der eine für den anderen zum einfachen und stumpfsinnigen Schauspiel des Elends oder der Grausamkeit.
Der Andere auf dem Bildschirm ist nicht mehr das individuelle Du, das mich in der besonderen Beziehung zweier einander erkennender Menschen betrachtet. In den elektronischen Kommunikationsmedien ist der Andere sogar oder gerade dort, wo er den intensivsten emotionalen Ausdruck zeigt eine Verdoppelung des fiktiven und residualen Wesens, auf dessen Grundlage das Medium selbst unsere isolierte Existenz gestaltet. Der Blick, den der Zuschauer auf diesen virtuellen Anderen richtet, ist kalt und neutral. Er wird definiert durch die Distanz, die geringe Bildschärfe, seine fehlende Dichte, seine transparente und immaterielle Wirkung auf dem Bildschirm sowie durch eine intersubjektive Beziehung, die jeden anderen Sinn als die bloße Kontemplation verloren hat.
Der Andere erscheint vorwiegend in der äußeren Form seiner Nichtrealität, des Substanzlosen und Ephemeren, wie es die avantgardistischen Experimente der Videokunst oder der Werbung so oft hervorgehoben haben. Gleichzeitig ist dieser medienvermittelte, einseitige und in Hinsicht auf die Erkenntnisdialektik verstümmelte Blick auf einen Anderen gerichtet, der uns nicht sehen kann. Er hat keinen Blick. Seine Gegenwart auf dem Bildschirm ist die eines toten Bewußtseins. Die voyeuristische Lust enthält das doppelte Geheimnis einer erkenntnismäßigen Beseitigung des Du als eines anderen Ich, während sie gleichzeitig dessen Vergewaltigung oder Vernichtung aus der Ferne betrachtet. Nirgendwo wird diese doppelte Zerstörung mit solch vollendeter Perfektion wie in den heutigen Spektakeln der medial aufbereiteten Kriege ausgeführt, in denen wir den Anderen nur als mechanische Reproduktion im Augenblick seiner technischen Vernichtung erkennen.
Sobald der intersubjektive Austausch gerade durch den Akt beseitigt worden ist, der ihn begründen sollte, verschwinden auch alle ethischen Bindungen, die in einem nicht medienvermittelten Kontext jedes individuelle Bewußtsein in eine Gemeinschaft integrierten. Ein live übertragenes Verbrechen verliert jede moralische oder unmoralische Nebenbedeutung. Die gewalttätigsten Szenen menschlicher Grausamkeit, die von der Industrie am rettungslosesten verwüsteten Landschaften büßen jeden Eigenwert ein, sobald sie sich in eine Lichterscheinung verwandelt haben. Sie sind ein bloßes Spektakel, ein Kompositionsformat, eine virtuelle Realität.
Die sadovoyeuristische Gewalt entspricht einem heroischen Freiheitsbegriff. Es handelt sich nicht nur um jene formalen Freiheiten, die zu einem Toleranzprinzip führen, das den unbeschränkten Ausdruck der größten Greuel juristisch schützen kann. Es geht um die Auflösung der Gemeinschaft selbst, was subjektiv als eine soziale Befreiung bzw. eine heroische Überschreitung der Gesetze oder der Moral empfunden wird. Eine Analogie für diese Befreiung vom Sozialen bieten die Anonymität der Großstadt und die grenzenlose soziale Mobilität, die ursprünglich die Industriemetropole möglich machte, im Vergleich mit den beengten Verhältnissen der sozialen Erkenntnis im Dorfleben.
Dieses negative Moment des freien Schauspiels darf andererseits nicht dessen positives Korrelat verbergen: die heroische Überschreitung des Gemeinschaftlichen, deren illusionäres Bild die elektronische Kommunikation unaufhörlich durch ihr Prinzip radikaler Distanz und virtueller Allgegenwart vermittelt. Es handelt sich zweifellos um die Freiheit einer Existenz, die die virtuell unendliche Macht einer phantastischen Befriedigung der postmodernen Masse berücksichtigt, während gleichzeitig die absolute Ohnmacht verborgen wird, die deren von den Medien und den sozialen Formen eingegrenzte Existenzbedingungen definiert. Es geht um ebenjene "Dialektik der subjektiven Freiheit im Stande objektiver Unfreiheit", auf deren Grundlage die surrealistische Ästhetik und deren soziale Projektion von Adorno in Frage gestellt wurden.
Der Mißerfolg jener Medienutopien, die von Bertolt Brecht bis zu den verschiedenen Strategien der Medienguerilla in den sechziger Jahren für einen nicht einseitigen und nicht hierarchisierten, vielmehr horizontalen und demokratischen Gebrauch der elektronischen Kommunikationsmodelle eintraten, beruht nicht nur auf ihren technischen Schwierigkeiten oder auf politischen Behinderungen, sondern auch auf ihrem strukturellen Unvermögen, jene Überschreitungs-, Heroismus- und Machtphantasien zu verschaffen, die bereits die Sensation einer totalen Vernichtung von Schmutzkeimen in der Waschmittelreklame oder der pornographische Sadismus einer Deodorant-Werbung bieten.
In Masse und Macht weist Canetti auf zwei letzte komplementäre Aspekte der traditionellen religiösen Masse und der modernen faschistischen Masse hin. Bei der ersten wurde die direkte Möglichkeit einer horizontalen, der äußeren Autorität der Kirche nicht untergeordneten oder nicht von ihr abhängigen Gemeinschaft vernichtet. Beim Nationalsozialismus sind die symbolische Stimulation, die räumliche Konzentration, die quantitative Vervielfältigung der Masse unauflöslich mit deren Aufopferung, Vernichtung oder "Vergasung" verbunden. Das entsprechende Paradigma war der industriell geführte Massenkrieg oder der industriell betriebene Massengenozid in den Konzentrationslagern.
Gewiß ist das Fernsehen kein Vernichtungslager. Aber es stellt tatsächlich eine erste, vorgezogene Feuerlinie dar, deren tödliche Wirkung darin besteht, die geschichtliche Erinnerung zu beseitigen, die durch einen einheitlichen Raum und eine einheitliche Zeit definierte Sprachgemeinschaft aufzulösen oder auch die empirische Erfahrung des Realen aufzuheben. In einem Zeitalter globaler Wirtschaftssysteme, Kriege und Mächte bilden diese Medien ebenjenen neuen Behälter für die Konzentration, Ausrichtung und Beaufsichtigung der Menschenmassen im Weltmaßstab. Und ebenfalls für deren Vernichtung. Das gilt wenigstens in einem ganz besonderen Sinn dieses Wortes.
Der medienvermittelte Sadovoyeurismus ist das äußere Zeichen dieser Vernichtung. Wenn man auf den Ort der vernichteten Gemeinschaft und die übertretenen Gemeinschaftsnormen hinweist, veranschaulicht man die Auflösung der intersubjektiven Erkenntnis und stellt die Leere einer eingegrenzten individuellen Existenz und einer isolierten Realität der Welt auf obszöne Weise zur Schau. Wie es Kroker und Cook formuliert haben, ist die elektronische Kommunikation gleichsam die Antimaterie des Sozialen.
Die letzte Funktion des schauspielartigen Vernichtungs- und Sadismusrituals besteh gerade darin, die äußere Identität der elektronischen Gemeinschaft zu verstärken. Man untergräbt und beseitigt das Soziale als Dialektik der Erkenntnis und führt dessen fiktionale Darstellung ein. Das bedrohliche Äußere, die äußerliche Hölle in der ganzen unendlichen Vielfalt der audiovisuellen Genres, in denen es von Verbrechen und Katastrophen wimmelt, der sexuelle Sadismus oder die medial aufbereiteten Kriege werden vom erlösten Universum der elektronischen Werbung verdrängt, in der Waschmittel die Volksgesundheit propagieren, das Lächeln eines Präsidenten zur Grundlage eines vollkommenen Weltfriedens hochgelobt wird oder eine Feuchtigkeitscreme die Macht des Todes selbst überwindet. Das globale Dorf, wie es gerade McLuhan bezeichnet hatte und wie es zuvor von der Medienutopie Goebbels' und des Nationalsozialismus angekündigt worden war, enthält das Ideal einer sich erneuernden Gemeinschaft und eines neuen Menschen. Die Werbespots für irgendein Erfrischungsgetränk setzen sich für diese virtuelle individuelle Erneuerung durch die kommerzielle Kommunion ein, und ebenso werden die großen Medienereignisse, die Olympischen Spiele oder die politischen Gipfeltreffen, auf dem Bildschirm als die Erneuerung einer idealen Gemeinschaft szenisch stilisiert. Der erlösende Wert des Fernsehens äußert sich auch in einem elementareren Sinn: der magischen, übernatürlichen Wirkung, dem mimetischen und verführerischen Wesen des virtuellen Bildes. Auf den Ruinen der Sprachen und historischen Werte errichten die neuen Rituale ein System von Symbolen als allgemeingültigen Werten einer neuen Erlösungsordnung: "Gesellschaft als Spiegel des Fernsehens."

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 76
Aus dem Spanischen von Ulrich Kunzmann

Genre

Hauptthema
  • Mediale Konstitution der Realität und Masse

Schlagworte

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