Zwanzig Jahre Lettre – Gruss an die Leser

Als Lettre International im Mai 1988 in Berlin gegründet wurde, war die deutsche Ausgabe Teil eines europäischen Projekts, dem die Idee einer grenz- und sprachübergreifenden Zeitschrift zugrunde lag, die Publikationsort wichtiger und bereichernder intellektueller Beiträge, Treffpunkt europäischer und internationaler Kreativität werden sollte. Der Traum einer solchen Publikation war schon früher geträumt worden und war zuletzt in den frühen sechziger Jahren gescheitert, als Schriftsteller, Intellektuelle und Verlage – darunter Hans Magnus Enzensberger, Italo Calvino, Uwe Johnson, Maurice Blanchot, Dionys Mascolo und Elio Vittorini – einen Versuch in diese Richtung unternommen hatten. Im Mai 1988 also existierte Lettre in vier Sprachen, mit Redaktionen in Paris, Rom, Madrid und Berlin, und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sollte sie für einige Jahre in Ungarisch, Bulgarisch, Polnisch, Tschechoslowakisch, Rumänisch, Russisch, Kroatisch, Serbisch und Mazedonisch erscheinen. Aus dem Wunsch begann etwas Reales zu entstehen, ein multilinguales Sensibilitätsorgan, in dem westliche und östliche Erfahrungen, verschiedene historische Schicksale und Generationen aufeinandertrafen.
 

Lettre sollte Forum sein, nicht Organ einer Bewegung; interdisziplinär, und dabei nicht akademisch; intellektuell, jedoch nicht lebensfern; ideologiekritisch, aber nicht ideologisch; Ereignisse reflektierend, nicht Politik betreibend. Ein Ort der Aufklärung über kulturelle, gesellschaftliche und politische Bedingungen des Lebens. Eine Zeitschrift gegen den Provinzialismus der großen Länder, vom Wunsch getragen, sich auch mit den Augen anderer sehen zu lernen. Raum des Neuen sein, unerwartete und überraschende Perspektiven sichtbar machen. Ein Ort der Entdeckungen, des Dialogs und der Gastfreundschaft. Und so haben Hunderte von Autoren im Laufe der Jahre in Lettre ihren ersten Text in deutscher Sprache veröffentlicht, Photographen und Künstler zum ersten Mal hier publiziert.
 
Die Gründerjahre von Lettre International lagen in einer Zeit historischer Umbrüche. Der verheißungsvollen Perestroika folgte 1989 der Fall der Berliner Mauer, das sowjetische Imperium löste sich auf, der jugoslawische Völkerstaat zerfiel, doch aus den Trümmern krochen die dunklen Energien behaupteter ethnischer Identitäten und alter territorialer Ansprüche. Die Flitterwochen einer postideologischen Globalisierung in universeller Freiheit wichen bald der Ernüchterung angesichts der Wiederkehr vergangen geglaubter Konflikttypen. In Europa wurde wieder Krieg geführt, Städte belagert und beschossen, Minderheiten wurden vertrieben, und der Kontinent stand hilflos vor diesem Geschehen.
 

Konflikteskalationen dieser Art zeigten erneut, daß die Voraussetzungen geistigen Austauschs und kultureller Blüte mächtigere Feinde kennen als Sprachgrenzen. Nun wurden ethnische Wurzeln ausgegraben, Nachbarn zu Feinden erklärt, Bibliotheken in Schutt und Asche gelegt. Eine intellektuelle Zeitschrift, will sie nicht aus Opportunität oder Bequemlichkeit den Kontakt mit der aktuellen Wirklichkeit vermeiden, muß sich den Fragen nach Ursachen, Motiven und Akteuren von Kulturzerstörung stellen, schon weil es ihre eigenen Existenzbedingungen sind, die hierbei angegriffen werden. Um die Kausalität solcher Ereignisse verstehen zu können, muß das Geschehen beschrieben, müssen seine Hintergründe analysiert werden. Eine Zeitschrift ist auch eine Membran zu den historischen Konflikten ihrer Zeit. Wenn sie sich ein vitales Begreifen der Welt auf ihre Fahnen geschrieben hat, wird sie selbst zum Teil der Kontroversen ihrer Zeit. Will sie ihre Zeit schreiben, muß sie zur Manufaktur der Geistesgegenwart werden. Und doch braucht sie den Luxus einer skeptischen Distanz.

 
Der 11. September und seine Hintergründe, der „Krieg gegen den Terror“, die Angriffe auf Afghanistan und der Krieg gegen den Irak haben die Welt verändert. Im Schlachtenlärm und Kriegsgetümmel werden Film und Fernsehen, Radio und Presse, Werbe- und PR-Agenturen zu Instrumenten der Kriegsführung. Mit nie gekanntem Aufwand werden Bilder und Storys, Zahlen und Inszenierungen, Falschmeldungen, psychologischer Druck und historische Analogien zu Mitteln im Kampf um die öffentliche Meinung. Hier gilt es, wachsam und unabhängig zu bleiben. Zwischen erfundenen und fundierten Kriegsgründen zu differenzieren, die Darstellungen aller involvierter Seiten und nicht nur jene von embedded journalists zur Kenntnis zu nehmen, die Opfer auf allen Seiten zu zählen und nicht nur die eigenen, zwischen exzessiven und angemessenen Reaktion zu unterscheiden, nach einheitlichen Kriterien zu urteilen und sich nicht ans Messen mit zweierlei Maß zu gewöhnen, sind nicht Fragen der Vorliebe, sondern von politischer Wachheit und Moral. Wer langfristig die Konsequenzen destruktiver Machtpolitik teuer bezahlen muß, ist im eigenen Interesse zur Kritik verpflichtet.
 
Die Welt ist komplexer geworden. Neue Dynamiken, Kapitalströme, Kommunikationstechniken, wirtschaftliche Realitäten, Beziehungssysteme, Kurzschlüsse zwischen Kulturen und Migrationsbewegungen entstehen. Neue ökonomische Großakteure tauchen auf der Weltbühne auf, und neue soziale Schichten bilden sich, neue Funktionseliten, neue Kasten. Der Platz und die Funktion des Intellektuellen in einer sich transnational konfigurierenden Welt müssen immer neu erfunden werden. Lettre hat nicht nur durch seine publizistische Praxis, sondern auch durch weltumspannende Projekte versucht, auf diese Herausforderungen zu reagieren. In einer sich globalisierenden und partiell vergleichzeitigenden Welt kreative intellektuelle Formen herauszubilden, in denen Kooperation und Wettbewerb zusammenfinden, um neue Horizonte zu eröffnen und Verständigungsprozesse zu befördern – das haben wir versucht. So hat Lettre den Internationalen Essay-Wettbewerb initiiert oder in den letzten Jahren mit großem internationalen Anklang den Lettre Ulysses Award, einen Weltpreis für literarische Reportage, ins Leben gerufen und durchgeführt. In diesem Koordinatensystem soll Lettre International Ort eines kritischen Kosmopolitismus bleiben: von Intellektuellen, Literaten, Wissenschaftlern, Künstlern, Kreativen, Aktivisten und Weltsüchtigen, jenseits akademischer Konjunkturen, Karrieren und Moden; ein Ort der Reflexion, der Diskussion, aber auch der Freundschaft, der Verpflichtung, der Verausgabung im Sinne Batailles und, im Sinne alter Tugenden, auch einer gewissen Verantwortung.
 
Die reale und symbolische Funktion von Lettre – das Festhalten an Qualität, Gründlichkeit, langen Texten, Unabhängigkeit gegen die Trends und Moden – hat seinen Preis. Lettre International ist eine Zeitschrift ohne öffentliche oder private Förderung und ohne Verlagshintergrund. Hier werden nicht – wie im Sektor der öffentlich finanzierten Kultur – Steuergelder verausgabt, sondern alle Leistungen mit erwirtschaftetem Geld – mit Einnahmen aus Verkauf und Anzeigen – bezahlt. Nicht alle verlockenden Vorhaben können deshalb realisiert werden – der Handlungsradius ist beschränkt. Aber: Autoren publizieren hier nicht des Geldes wegen, sondern weil sie jene Leser zu erreichen hoffen, um die es ihnen geht.
 
Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Vielleicht haben sie ausgereicht, um zu beweisen, daß publizistische Arbeit durchaus auf internationalem Niveau realisiert werden kann. Anachronistisch mag den einen das Vorhaben erschienen sein im Zeitalter der virtuellen Leseräume, der medialen Geschwindigkeit, der Informationsflut, der konfektionierten Worthülsen – konsequent den anderen in der Freiheit der Themensetzung, der Stimmenvielfalt, den Textlängen, der Unnachgiebigkeit gegen vermeintliche Markt- und Mediengesetzen. Es ist ein Unterfangen, das als enthusiastischer Impuls begann, als Versuch, ein Instrument zu Entdeckungen zu schaffen, vor unserer Haustür wie am anderen Ende der Welt. Ein Traum, der Zukunft haben wird.
 
The Way We Live Now – So leben wir jetzt
Mit dieser Sonderausgabe wollten wir versuchen, die Energien und Potentiale unserer langen Erfahrung erneut zu bündeln, um etwas von der Physiognomie unserer Epoche sichtbar werden zu lassen. Wir haben Autoren und Künstler eingeladen, ihren Blick auf die Welt in einer Momentaufnahme zu bannen. Der Name unseres Vorhabens The Way We Live Now – Wie wir heute leben ist Konzept und zugleich eine kleine Hommage. Susan Sontags 1986 erschienener Text „The Way We Live Now“ erzählte vom jähen Einbruch von AIDS ins Leben der libertären Großstadtkultur New Yorks, von Schock und Angst, von der Veränderung von Lebensweisen. Ein tiefgreifender Umbruch wurde in dieser unerschrockenen Bestandsaufnahme der damaligen Situation erkennbar.
 
Und welchen Umwälzungen sind wir heute ausgesetzt? Lieben wir das Leben noch? Können wir noch überschauen, was geschieht? Woran sollten wir arbeiten? Worauf kommt es an? Welche Haltung, welche Moral, welches Wissen brauchen wir? Welche Möglichkeitsräume können Kunst, Literatur und Wissenschaft noch eröffnen? Das sind einige Fragen, die wir Autoren, Künstlern und Photographen als Anregung weitergegeben haben, damit sie The Way We Live Now persönlich interpretieren. Ob die letzten zwanzig Jahre im Blickfeld stehen oder ob andere Zeitbögen geschlagen würden; ob Poesie, Wissenschaft, Politik; ob Technik, Klima, Kunst, Medizin, Raumfahrt, Ästhetik, Tod und Leidenschaft oder das Leben der Tiere den Fokus bildeten; ob dies in einem Essay, einer Kurzgeschichte, einem Gedicht, einer Reportage oder einer Tagebucheintragung; ob es durch eine Zeichnung, eine Collage, eine Malerei, eine Skizze, eine Gouache oder eine Photographie geschehen würde, blieb der Entscheidung jedes einzelnen Teilnehmers überlassen.
 
Wir wünschten uns – wie könnte es anders sein – funkelnde Beiträge getragen von Originalität, Überzeugungskraft, Wissen, Weisheit, Temperament, Gefühl, Schönheit und Prägnanz; von der gesamten Freiheit und Energie, zu der ein Schriftsteller, Künstler oder Photograph fähig sein kann.
 
Und so entstanden die hier versammelten Positionen, Illuminationen zu einem Panorama der Gegenwart, vielleicht einer Topographie der Unruhe, zu einem Widerschein der Welt, leidenschaftlich und schön; Elemente einer Sternenkarte, die Fixpunkte bietet, die Auskunft gibt darüber, Wie wir heute leben. Dieses Heft halten Sie nun in den Händen.
 
Wir danken unseren Lesern und Abonnenten für ihre Treue, die Lettre erst möglich gemacht hat. Wir erhoffen uns, dass Sie weiter besteht.
 
Wir wünschen Ihnen eine spannende, schöne und reiche Entdeckungsreise!
 
Frank Berberich

 

Mehr von:
Frank Berberich
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 13

Genre

Schlagworte

No Javascript