LI 070, Herbst 2005
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Gefühl und Kalkül

Warum wir tun, was wir tun - Zuwendung zwischen Gewinnstreben und Moral

IM dritten Stock in einem gelb gestrichenen Korridor sitzt im ersten Zimmer links im schwachen Frühjahrsdämmerlicht ein junger Mann und hält dem sterbenden Vater meiner Ehefrau die Hand. Jetzt dauert es nicht mehr lang, sagt er, sieht auf und lächelt zärtlich, er lächelt weniger uns an als vielmehr den sterbenden Mann im Bett. Erst als Schwiegermutter sie ihm vorsichtig abnimmt, läßt er die Hand los.

Dann sitzen wir um das große Krankenhausbett herum und sprechen zu unserem Mann und Vater und Großvater und Schwiegervater, der uns womöglich nicht mehr hört, aber vielleicht weiß, daß wir da sind, und der vielleicht spürt, wenn wir seine Hände und seine abgemagerten Arme streicheln und ihm die Stirn abwischen und tun, was Menschen stets zu tun verstehen, wenn ein Mitmensch im Sterben liegt. Als alles vorüber ist und wir in den provisorischen Korridorverstecken eine Kerze gefunden und für ein wenig Andacht um das ruhige Bett gesorgt haben, als dann ein Arzt erscheint, um den Todesfall zu bestätigen, fällt mir der junge Mann ein, der Schwiegervater die Hand gehalten hat. Warum hat er das getan?
Man könnte auch die Frage stellen: Warum tun wir Dinge, obwohl wir keinen persönlichen Nutzen von ihnen haben, Dinge, die uns sogar Schmerzen und Leid bereiten? Denn so ist es doch. Wir tun ständig Dinge, die man nicht damit erklären kann, daß wir einen persönlichen Nutzen von ihnen haben. Solche Dinge tun wir natürlich auch, und manche meinen, daß eigentlich alles, was wir tun, eigennützig ist und daß sich sogar hinter dem, was uneigennützig zu sein scheint, ein diffiziles Kalkül verbirgt, das uns persönlich nutzt. Meine Erfahrung besagt jedoch, daß die meisten von uns überwiegend Dinge tun, die kein Kalkül der Welt uns persönlich gutschreiben kann. Womöglich können sie etwas anderem, Größerem nutzen als uns selbst und sind darum in gewisser Hinsicht auch für uns selbst gut – damit aber haben wir das Kalkül des persönlichen Eigennutzes verlassen. Daß das, was wir tun, als nützlich für die Familie oder die Gesellschaft oder die Nation oder die Menschheit gelten kann, bedeutet nicht immer, daß es für uns selbst von Nutzen ist. Besonders wenn wir daran zweifeln, daß unser persönliches Leben sich nach dem Tode fortsetzt. Jene, die nach wie vor glauben, was wir in diesem Leben tun, habe im künftigen Leben unmittelbare Auswirkung, besitzen zweifellos ein sehr eigennütziges Motiv, um uneigennützig zu handeln.
 
Die meisten Menschen glauben jedoch nicht mehr an ein persönliches Leben nach dem Tod. Vielleicht haben sie die Hoffnung, aber sie glauben es nicht. Damit sind alle Menschen gezwungen (beim selbstreflektierenden Bewußtsein handelt es sich um keinen Mechanismus, der sich ab- oder einschalten läßt), sich eine Vorstellung davon zu machen, was es heißt, zu sterben, und damit auch eine Vorstellung, was es heißt, zu leben. Jede Vorstellung von menschlichem Leben gründet in der Vorstellung vom Tod des Menschen.
„Gerüstet gegen alles sieht der Mensch in die Zukunft, ratlos nur vor dem einzigen: dem unvermeidlichen Tod“,
singt der Chor in der
Antigone
des Sophokles.
 
Ich glaube nicht, daß der junge Mann, der an einem Nachmittag im Mai in einem provisorischen Pflegeheim die Hand meines sterbenden Schwiegervaters hielt, an das Leben nach dem Tod dachte. Hingegen glaube ich, daß er an den Tod dachte. Wir denken nicht immer an den Tod, und versuchen es sogar zu vermeiden; angesichts eines sterbenden Menschen aber sind wir dazu gezwungen. Vor dem Tod sind wir alle gleich, heißt es, und in dieser Redensart liegt eine tiefere Wahrheit als jene, daß die Unterschiede des Erdenlebens aufgehoben werden und wir nichts mit uns nehmen können dorthin, „wohin wir gehen“. Angesichts des Todes stehen wir alle vor dem Dunkel der persönlichen Vernichtung, vor der Auflösung des unübertragbaren persönlichen Bewußtseins, das bis zuletzt jeden Menschen zwingt, sich selbst zu betrachten und sich zu fragen, was er auf der Welt tut. Angesichts des Todes ist unsere persönliche Einsamkeit am größten – jedoch auch die über unsere Person hinausgehende Zusammengehörigkeit mit jedem anderen Menschen. Angesichts des Todes sind wir alle am individuellsten – und zugleich am stärksten eingeschlossen in jene menschliche Gemeinschaft, die als einzige unserem verlöschenden individuellen Leben seinen universellen Wert und seinen Sinn verleiht.
 
In diesem Punkte haben sich die Lebensbedingungen des Menschen nicht verändert, seit Aristoteles sie beobachtete und feststellte, dem Menschen sei ein gutes Leben ohne die Vorstellung, was ein gutes Leben ist, unmöglich. Andere Tiere können mit unreflektierten Trieben und Bedürfnissen gut leben, der Mensch jedoch nicht, da er die Fähigkeit besitzt, darüber zu reflektieren, wie er lebt, und hierdurch erkennt, daß ihm ein besseres Leben möglich ist, wenn er bestimmte unreflektierte individuelle Bedürfnisse unterdrückt und bestimmte reflektierte allgemeinmenschliche Tugenden kultiviert. Für Aristoteles war unbestritten, daß sich ein gutes menschliches Leben nur in einer auf Selbstreflexion und Selbstbeschränkung gründenden Gemeinschaft mit anderen Menschen verwirklichen läßt.
 
Das Erkennen unserer menschlichen Einsamkeit und unserer menschlichen Zusammengehörigkeit, so fügte David Hume 2 000 Jahre später hinzu, bewirke bei uns (freilich in unterschiedlichem Ausmaß) eine
„milde Gefühlsregung gegenüber anderen und eine großzügige Fürsorge für unsere Art und Gattung“,
was seinerseits die Quelle dessen ist, was Hume unter Moral verstand und Aristoteles unter Tugend und was, wie ich meine, eine mögliche Erklärung dafür ist, warum ein junger Mann in einem provisorischen Pflegeheim im Süden Stockholms an einem späten Mainachmittag die Hand meines sterbenden Schwiegervaters hielt und dabei, wie ich gesehen zu haben meine, ein zärtliches Lächeln auf den Lippen hatte.
 
Angesichts des Todes drängt sich die Einsicht in unsere Zusammengehörigkeit auf. Das Individuelle löst sich unerbittlich auf, und das, was über das Individuum hinausgeht, ruft sich erbarmungslos in Erinnerung. Im Tode werden wir auf jene Spuren reduziert, die wir in anderen Menschen hinterlassen haben.
„Manchmal bin ich richtig traurig darüber, daß so viele Menschen, so unendlich viele, auf unserer Erde gelebt haben und gestorben sind, ohne Spuren zu hinterlassen, nichts, was uns heute Lebenden verkündet: Ich habe auch gelebt!“
schrieb Astrid Lindgren einmal. Daß sich unsere Individualität letztlich in anderen Menschen auflöst, ist ein unbequemer, für manche geradezu demütigender Gedanke in jenen Zeiten des Lebens, in denen unser Selbstbewußtsein am stärksten und unser Gefühl der Individualität am stärksten sind, und da dieser Gedanke unbequem ist, müssen wir uns ein wenig anstrengen, um ihn zu denken. Wir müssen uns anstrengen, damit sich unser individuelles Bewußtsein in unser kollektives Bewußtsein verwandelt, das tradierte, erlernte und mitunter lästige Wissen um unsere gemeinsame menschliche Situation.
 
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 112
Aus dem Schwedischen von Jörg Scherzer

Genre

Hauptthema
  • Altenpflege

Schlagworte

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