LI 034, Herbst 1996
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Guerilla 2000

Subcomandante Marcos - Folklore-Mythos in Cyberspace

Mit Sinn für die Magie historischer Daten besetzten Aufständische in den Bergen des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas die ehemalige Hauptstadt San Cristobal de las Casas exakt an dem Tag, als das Nordamerikanische Freihandelsabkommen zwischen Kanada, USA und Mexiko in Kraft trat. "Ya basta, Schluß jetzt - dem Neoliberalismus die Stirn bieten - gegen die Unmenschlichkeit des globalen Systems die Internationale der Hoffnung errichten" oder "Die Würde entzieht sich den Gesetzen des Marktes und gewinnt an dem Ort, der tatsächlich zählt, das heißt im Herzen", sind Botschaften, die aus den Wäldern Südmexikos an die Völker der Welt via Internet verbreitet werden. Revolutionsromantik, wortgewaltige Ohnmacht oder Netz-Lyrik? In Anspielung auf Emiliano Zapata, den legendären Bauernführer der Mexikanischen Revolution, gaben sie sich den Namen Zapatistische Nationale Befreiungsarmee, EZLN, und erklärten der Zentralregierung - im Namen der seit Jahrhunderten praktisch entrechteten und enteigneten Indios - den Krieg. Das war am 1. Januar 1994.
Nach Scharmützeln mit dem Bundesheer, das einige Dörfer der Region bombardiert hatte, veranlaßte der Protest im In- und Ausland eine Waffenruhe, während der Regierung und Rebellen verhandeln sollten. Seitdem hat sich - bis auf patrouillierende Militärfahrzeuge in den Bergen von Chiapas - kaum etwas bewegt, wenn man einmal von den politische Diskussionen, die die Rebellion in aller Welt ausgelöst hat, und den Homepages und Kommentaren im Internet absieht. Natürlich wurden, wie immer bei derartigen Ereignissen, Komitees, Unterstützungs- und Solidaritätsgruppen gebildet, die Spenden sammeln und Veranstaltungen organisieren, auf denen für die Interessen der Aufständischen geworben wird.
Mit dem Namen Zapata verbindet sich ein Aufstand von Bauern und Landarbeitern, dessen Wirkung weit über die Grenzen Mexikos hinausging. Sein Schlachtruf "Das Land denen, die es bearbeiten", mit dem er für die Rückgabe der großen Ländereien an die Dörfer kämpfte, stand für eine im Kern konservative Bewegung, die Produktions- und Besitzverhältnisse einer Zeit wieder herstellen wollte, in der Kapital und Privateigentum noch nicht Wirtschaft und Gesellschaft beherrschten. In der Phantasie sympathisierender Intellektueller verwandelten sich die altamerikanischen Opfergemeinschaften in ein bukolisches Arkadien, in dem friedliche Indios im Kollektiv ihre Felder bestellten - eine Vorstellung, die in den zwanziger Jahren zum Gründungsmythos des nationalistischen Mexiko stilisiert wurde. Zeitungen, Wandmalerei, Radio und vor allem der Film projizierten Wünsche und Hoffnungen der Rebellierenden in einen phantasierten sozialen Raum. Ihr Pathos, die Mythen und nationalrevolutionäre Stereotypen, sind mit den Medien um die Welt gegangen.
Der Führer der Aufständischen im Hochland von Chiapas heißt Subcomandante Marcos. Mit seinem Markenzeichen, Pfeife und Strickmaske, ist er in den Medien ständig präsent. Ein Popstar, den Oliver Stone schon als Held in Hollywood einreiten sah und welchem er Unterstützung zugesagt hat. Danielle Mitterand, Regis Debray und Eduardo Galeano, um nur einige Prominente zu nennen, kamen im August 1996 mit 3000 Gleichgesinnten aus aller Welt zum ersten Intergalaktischen Treffen für eine menschliche Gesellschaft und gegen den Neoliberalismus nach La Realidad, einem von den Rebellen so getauften Dorf in den Bergen von Chiapas, um der zapatistischen Befreiungsarmee EZLN und vor allem dem intellektuellen Führer ihre Solidarität zu bekunden. Seine bildhafte Sprache macht Marcos zum Idol der rebellischen Jugend an den Universitäten. Er selbst versteht sich als Übersetzer - ein Interpret, der Wünsche und Interessen der Indios in die Sprache der Medien überträgt, den Sprachlosen seine Stimme leiht. Das heißt, er übersetzt aus dem Spanisch der Indios in das Spanisch der Medien. Im Gegensatz zu Zapata, der noch mit der konkreten Forderung nach Rückgabe des Landes auftrat, geht Marcos aufs Ganze und reklamiert die Würde der Indios, die Jahrhunderte lang mit Füßen getreten wurde und nun wieder zurückgegeben werden soll. "Die Würde ist das einzige, was man nie verlieren darf", ist sein Motto, und er verrät damit eine geistige Nähe zu den Ordensrittern, die einmal das Land kolonisiert hatten. Als Sprecher und Führer der Indios - "wir sind die rebellierende Würde, das vergessene Herz des Vaterlandes" - bezieht er sich zugleich auf den Gründungsmythos des modernen Mexiko, das sich als Nachfahre der alten Indiogesellschaften stilisiert hat. Ein Ursprungsmythos, eine historische Erfindung, die Tradition da begründen soll, wo es keine glaubwürdige Überlieferung gibt. Wie der aztekische Adler mit der Schlange auf dem Kaktus als Nationalwappen die Nationalfahne ziert, ist der aztekische Gründungsmythos von Mexiko-Tenochtitlan in den nationalen Mythos integriert worden. Mit diesen Identifikationsmustern werden die unterworfenen Indios zum Schweigen gebracht und Herr und Knecht unter der Fahne der Nation vereint.
Ende des 16. Jahrhunderts fielen 90 Prozent der Indiobevölkerung Neuspaniens von Europa eingeschleppten Seuchen wie Pocken, Typhus und Masern zum Opfer. Zwei Generationen später war praktisch niemand mehr am Leben, der die präspanische Kultur hätte weitergeben können. Zudem haben die Eroberer und die mit ihnen reisenden Diener Gottes alle alten Kultplätze durch christliche ersetzt und den gesamten Opferkult der Indios getilgt. Dessenungeachtet hält der mexikanische Nationalismus an einer Erfindung fest, die Mitte des 17. Jahrhunderts von Kreolen aus Bruchstücken und neuen Mythen zusammenphantasiert wurde. Synkretismus ist das Zauberwort, mit dem die nationale Kultur von einer fabulierenden Wissenschaft charakterisiert wird. Wenn man einmal davon absieht, daß sich das Wort Synkretismus ursprünglich nicht auf Mischungen, sondern auf einen vorübergehenden Zusammenschluß der kretischen Stämme gegen feindliche Angriffe bezog, hat es diese Mischung nur als physische Mischung gegeben, wie das mestizische Mexiko beweist, eine Mischung der Kulturen hat es dagegen nie gegeben. Immer ging es um Subordination der Indios unter christliche Obhut. Mit der Liquidierung der Opferkulte war der geistige und materielle Zusammenhalt der Indiogesellschaften zerbrochen, mit dem Opfer verschwand die gesamte Kultur. Was folgte, war eine Erfindung der neuen Herren und hat mit der ehemaligen Kultur der Indios nur sehr wenig zu tun. Die Überlebenden wurden wieder in Stämmen zusammengefaßt, gekleidet und mit einer Kultur versehen, in der sie heimisch werden sollten: Indio-Folklore. Wir wissen so gut wie nichts wirklich von der präspanischen Kultur, weil die wenigen Zeugnisse aus der Zeit der Eroberung von Ordensleuten angelegt wurden, die als Missionare schon zu einer christlichen Interpretation und Sichtweise genötigt waren. Später ließen sie die Puppen tanzen - Indios mit Muschelschnüren an den Füßen, die sich rhythmisch im Kreis bewegten. Diese "Conchero-Tänze" wurden den Indios von Missionaren beigebracht, denen sie bei der Christianisierung des Nordens als Krieger dienten. In den Kriegspausen wurde getanzt - Tänze, die heute Touristen und ahnunglosen Ethnologen als Reste der präspanischen Kultur verkauft werden. Die Kulturen der Indios sind ein Kunstprodukt, erfunden von Spaniern und Mestizen, um den Unterworfenen ihren Platz und eine neue Identität im Imperium zu verleihen.
Mythen und Riten werden immer dann erfunden, wenn eine mehr oder weniger rationale Bewältigung sozialer Spannungen nicht möglich oder auch nicht erwünscht ist. In Mexiko reicht die Vorgeschichte phantastischer Mythenbildung bis in die erste Phase der Kolonisierung zurück. Die Priester, die mit den Eroberern kamen, haben das eben entdeckte Amerika mit dem Paradies identifiziert. Und Bartolome de las Casas, nach dem die ehemalige Hauptstadt von Chiapas heißt, hat die Indios als das auserwählte Volk bezeichnet. Frei von jeder Mischung, sollen sie das reine Volk des Paradieses gewesen sein, eines Paradieses freilich, in dem die Löwen möglicherweise friedlich, blutige Opferkulte aber ein unverzichtbarer Bestandteil des religiösen und sozialen Lebens der Indios waren. In Wahrheit gab es eine Reihe von Revolten und Aufständen, über die zu berichten den Chronisten von der Krone verboten war. An ihre Stelle wurden die Mythen vom irdischen Paradies gesetzt.
In der Tradition des mexikanischen Nationalismus geht Marcos über den christlichen Mythos hinaus, d.h. dahinter zurück. Nicht das Paradies, sondern ein altamerikanischer Mythos soll die Aufständischen mobilisieren und ihren Zusammenhalt garantieren: "Vereint mit Votán, dem Wächter und Herz des Volkes, erhebt sich Zapata noch einmal, um für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit für alle Mexikaner zu kämpfen. Votán-Zapata lebt in allen, die unter unserer Fahne marschieren. Wir sind alle eins mit Votán-Zapata und er ist in uns allen," wird Marcos von der Zeitung La Jornada zitiert. Votán-Zapata ist ein Mischgebilde, das die historische Figur im Mythos verankern und damit den Mythos in Realgeschichte verwandeln soll. Merkwürdigerweise hat der Votán aus dem Hochland von Chiapas nicht nur im Namen Ähnlichkeiten mit seinem germanischen Kollegen. Er ist ein Regen- und Donnergott, ein mythischer Weltschöpfer, von dem die Indios von Teopisca - ein Ort in den Bergen von Chiapas - abzustammen glauben.
Im Unterschied zu den christlichen Missionaren, die gottesfürchtigen Universalismus gepredigt hatten, versucht Marcos die Indios mit einer Mischung aus der romantischen Ritterwelt in Verbindung mit wiederbelebten Göttern und Mythen zu mobilisieren: "Die menschliche Würde gegen Markt und Geld," ist sein Slogan. Doch zu vermeintlichen Ursprüngen zurückkehren zu wollen, ist immer ein fundamentalistisches Verfahren. Anstatt über die reale Geschichte aufzuklären, wird Geschichte durch eine Erfindung verdrängt. Ein Verfahren, das der mexikanische Nationalismus vom europäischen Nationalismus des vorigen Jahrhunderts kopiert hat. Darüber hinaus fehlen den Indios im Hochland von Chiapas alle Voraussetzungen für ein derartig romantisches Selbstverständnis. Ihre Gemeinschaften sind ausgebrannte Ruinen, Reste einer Gesellschaft, die über Kaziken und Ältestenräte ihrer Dörfer und Stämme hinaus kaum eine Beziehung zur Kultur ihrer präspanischen Vorfahren haben. Mythen, Opferkulte und Riten, Produktion von Lebensmitteln, Medizin und Kindererziehung, der Bau von Kultstätten und Häusern, Elemente, die untereinander in Beziehung stehen und den Zusammenhalt und die Reproduktion einer Kultur bewirken, sind als Bezugsystem der Indios mit der Kolonisierung und Christianisierung verschwunden. Die wenigen überlieferten Märchen und Mythen stehen beziehungslos im Raum und werden, wie Scherben auf Grabungsfeldern, von Anthropologen und Ethnologen eingesammelt und registriert. In Wahrheit leiden die Indios im Hochland von Chiapas unter extremem Hunger, der in Verbindung mit der fehlenden medizinischen Versorgung zur Wiederkehr einer Reihe von Seuchen geführt hat, die man längst ausgerottet zu haben glaubte, wie Tuberkulose und Cholera. Die Zahl der Analphabeten ist außerordentlich hoch, nicht allein weil Schulen fehlen, sondern auch, weil die Indios, in die Berge verdrängt und zu Almosenempfängern degradiert, über ein eigenes regionales Gesellschafts- und Wirtschaftssystem nicht mehr verfügen. Buchstabieren zu können heißt auch, die eigene soziale wie ökonomische Welt buchstabieren zu können. Alphabetisiert ist, wer einen Begriff, eine Vorstellung von der Welt hat, in der er lebt, und vor allem - das ist die erste Funktion des geschriebenen Wortes -, wer eine Erinnerung an die eigene Geschichte hat.
In diesen geschichtslosen Raum, der durch die vollständige Liquidierung der präspanischen Indiokulturen und ihre Ersetzung durch folkloristische Erfindungen entstanden ist, tauchten die Gründerväter der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee im November 1983, eine Gruppe von sechs Guerrilleros. "Wir sind das Skelett des neuen Menschen", sagt Marcos in Anlehnung an den Mythos der lateinamerikanischen Guerilla. Jeder einzelne: ein Teil des Ganzen? Eine Gemeinschaft von Führern und Geführten? Und auch das ist bereits Mythos: Die Gründer, göttergleich, stiegen von den Bergen herab. "Wir waren eine Gruppe von Guerrilleros, die nicht aus der Stadt gekommen, sondern von den Bergen herabgestiegen sind", erzählt Marcos der Zeitschrift Brecha in einem Interview. "Wir kamen aus den Bergen, in die sich die Indios wegen der religiösen Geheimnisse, die in ihnen verborgen sind, niemals wagen. Sie gehen am Tage in die Berge, um zu jagen, aber keiner wagt es, dort zu übernachten, wie wir." Wiederkehr der weißen Götter? Manipulation des Animismus und Götterglaubens? Oder Befreiungstheologie: die Letzten werden die Ersten sein? Rebellion des Elends, Sans-Culottes des 20. Jahrhunderts? Vielleicht eine Mischung aus Matthäus, Marx und Mao?
Wie die Zeitschrift Proceso schreibt, entstammt Marcos - mit bürgerlichem Namen Rafael Guillen - einer religiösen Familie aus einer Kleinstadt im Norden Mexikos. Er hatte in den siebziger Jahren an der Nationalen Universität in Mexiko-Stadt Philosophie studiert und soll, wie auch der ehemalige Präsident Mexikos, Carlos Salinas de Gortari, der Stadtguerilla Liga 23. September zumindest nahegestanden, wenn nicht angehört haben - eine jener marxistisch-leninistischen Gruppen, die sich Anfang der siebziger Jahre in aller Welt als Stadtguerilla etabliert hatten. Den Imperialismus in den Zentren angreifen, war die Parole äußerst straff, über autoritäre Führerstrukturen organisierter Gruppen, die bei Banküberfällen, Kidnapping und Anschlägen jene Strickmasken trugen, die Marcos und seine Leute vermutlich in die Berge mitgebracht und zu einer Art symbolischer Ausstattung der Zapatisten gemacht hatten. Ein Markenzeichen sozusagen. Kein Zufall, daß die Firma Benetton die Strickmasken tragenden Zapatisten für ihre Werbung nutzen wollte. Die Zapatistische Nationale Befreiungsarmee verrät die Erbschaft vieler sozialrevolutionärer Strömungen dieses Jahrhunderts: Mexikanischer "Revolutionärer Nationalismus", nationale Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, Guerilla der kubanischen Revolution und Nachfolger, Stadtguerilla, Befreiungstheologie und 68er Studentenbewegung. Sie ist die erste postmoderne Guerilla, wie der französische Soziologe Le Bot in einem Interview mit der Zeitschrift Proceso zu Protokoll gibt. Das auch, weil klassische politische und ökonomische Kategorien, wie etwa Kapitalismus oder Gesellschaft, in ihrem Diskurs nicht mehr vorkommen. Dieser zeichnet sich vielmehr durch eine völlige Abwesenheit analytischen Denkens aus. Dafür Bilder, Mythen, Bilder - demagogisches Pathos, wie es von nationalen Führern immer wieder produziert wird. Was als Literatur verkauft wird - die Texte von Marcos - bewegt sich auf der Ebene eines sentimentalen Heftchen-Kitsches, der, wie überall in der Welt, allein autoritäre Massenbindung stützt. Ein Führerkult, der Marcos mit dem kunstfeindlichen Mao der chinesischen Kulturrevolution verbindet: anstelle von Musik und Liedern, eine Hymne, anstelle von Theater, Nationalismustheater, Fahnen, Paraden, und anstelle von Kunst und Literatur, die infantile Prosa des Subcomandante Marcos, in der er mit Durito, einem erdachten Käfer, Selbstgespräche führt, und natürlich die Web-Seite der EZLN im Internet. Der Mangel von Kunst, Theater und Musik verrät, daß es dieser Rebellion nicht um die Befreiung von den kulturellen Fesseln des mexikanischen Nationalismus geht, der das historische Instrument zur Unterdrückung der Indios war, und um die Befreiung von ökonomischen Fesseln offenbar auch nicht, hat die EZLN doch bisher nicht ein einziges konkretes Wirtschaftsprogramm vorgelegt, mit dem Elend und Ausbeutung in der Region zu begegnen wäre. Im Gegenteil, Praxis und Verlautbarungen lassen schließen, daß Marcos und seine Leute die Indios weiterhin zu Almosenempfängern degradieren.
Als die Zapatisten im August 1994 in einem Dorf im Hochland von Chiapas eine nationale Konvention der Opposition organisierten, haben sie das Dorf, mit Blick auf die Geschichte der mexikanischen Revolution und einem Gefühl für politische Wirkung, Aguascalientes getauft, eine Stadt, in der 1915 die Verfassung des revolutionären Mexiko beraten wurde. Teilnehmer und Journalisten erzählten, daß sie mit Kleinbussen, die der Gouverneur von Chiapas zur Verfügung stellte, in die Berge gefahren wurden. Am Ort herrschte Lageratmosphäre. Stacheldrahtzaun. Im Lager der Zapatisten: große Show für die angereisten Fersehteams und Konventionalisten. Tribüne. Rückwand mit gekreuzten Nationalfahnen wie im Parlament in Mexiko-Stadt. Parade der Befreiungsarmee für Fernsehen und Gäste: Indios mit alten Gewehren und Holzattrappen von Gewehren. Ansprachen der Kommandanten und Unterkommandanten. Parareligiöses Pathos, Allgemeinplätze. Ein Schauspiel, das anläßlich des Intergalaktischen Treffens im August 1996 wiederholt wurde. Aus den Arbeitsgruppen und Round-Table-Gesprächen sind, wie zu erwarten, keine in praktische Politik umsetzbare Ergebnisse hervorgegangen. Cheer Groups haben andere Aufgaben. Auf die Frage, welche Ergebnisse Marcos von dem Kongreß erwarte, hatte er dann auch nur eine Antwort: "Keine Ahnung. Es ist doch schön, einmal zusammenzukommen und zu tanzen." Eine Fiesta also.
Die Rebellion gegen den Neoliberalismus wird von Kommandanten geführt, die nicht nur für die Indios Südmexikos, sondern für alle Indios, für alle Mexikaner, für die Völker der Welt sprechen. An die Stelle des abstrakten Anti-Imperialismus der siebziger Jahre ist ein nicht weniger abstrakter, aber medienwirksamer Anti-Neoliberalismus getreten. Die Gruppen, auf die sich die Zapatisten beziehen, sind die Indios im Hochland von Chiapas, die in völligem Elend leben, ihre Brüder im Norden, die mit ihren großen Autos auf beiden Seiten des Rio Grande zu Hause sind, die Busfahrer der Linie 100 aus Mexiko-Stadt, Näherinnen, Feministinnen, Gays, Marienverehrer, Landarbeiter, Grundschullehrer, Studenten, Professoren und so fort. Es sind Menschen, die der Neoliberalismus auf verschiedene Weise aus der Gesellschaft ausschließt oder mit Ausschluß bedroht. Sie bilden weder eine soziale Gruppe, noch haben sie gemeinsame Interessen. Ihre geistigen wie materiellen Welten liegen weit voneinander entfernt. Mit ihnen allen für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit oder gar für eine zivile Gesellschaft kämpfen zu wollen, erweist sich bald als Trugschluß und läßt vemmuten, daß es den Zapatisten auch gar nicht um die Lösung konkreter Probleme geht. Sie folgen einer Abstraktion. "Ein revolutionärer Prozeß beginnt mit der Wiederherstellung eines Konzepts der Nation und des Vaterlandes", sagt Marcos und zeigt, daß er noch ganz auf dem Boden des "Revolutionären Nationalismus" Mexikos steht: regionale Differenzen und unterschiedliche Interessen werden unter einer Fahne subsumiert und gleichgeschaltet.
Als Arbeiter Kaffeeplantagen in Chiapas besetzt hatten, um sie selber zu bewirtschaften, wurden sie von den Zapatisten nicht unterstützt; Indiogruppen, die Selbstbestimmung und Autonomie einklagten, wurden von ihnen sogar behindert. Die Zapatisten sind an politischen Lösungen vermutlich nicht interessiert. Weder sind sie mit einem Plan für die Regionalwirtschaft, noch mit einer Alphabetisierungskampagne oder einem Konzept für medizinische Versorgung der Bevölkerung an die Öffentlichkeit getreten. In dem Maße, wie sie die Autonomie der Indios ablehnen, fürchten sie jede Art Demokratie, die ihren Führungsanspruch in Frage stellen könnte. "Politische Parteien spalten die Gemeinschaft", sagt Marcos, "Indios haben andere Formen der Politik, sie politisch zu alphabetisieren, hieße sie zu korrumpieren." Eine neue Politik mit den alten autoritären Strukturen: Führer, Kaziken, Ältestenräte? Die realen Indios fungieren als lebende Verkörperungen des Elends, das der Neoliberalismus tagtäglich verursacht, als ästhetisch politisches Spielmaterial, das aus Spendengeldern der Solidaritätsgruppen alimentiert wird.
Kein Zweifel, sie haben die Indios als Geisel genommen, um einem abstrakten Kampf gegen eine nicht minder abstrakte Realität durch konkrete Menschen Nachdruck zu verleihen. Die Elendesten der Region haben keine Aussicht, historisches Subjekt oder ein selbstbewußter Teil der vom Neoliberalismus marginalisierten Menschheit zu werden. Dazu bedarf es der Erinnerung, einer Kenntnis von der realen Welt und vor allem selbstbewußter, demokratischer Sozialstrukturen. Wenn Marcos den Neoliberalismus als Teufel personifiziert, wird eine äußerst gefräßige, globale Wirtschaftsverfassung verharmlosend mystifiziert. Mystik und Märchen bleiben aber ohnmächtig gegenüber der täglich Opfer fordernden Realität.
Anstatt die Funktion und Folgen des Neoliberalismus wenigstens in einem Teilbereich zu analysieren, antworten die Zapatisten mit einer Simulation. Sie sagen: "Es ist nicht notwendig, die Welt zu erobern. Es reicht, sie neu zu schaffen. Durch uns. Heute." Eine alte Zauberformel, die im virtuellen Raum des Internet problemlos funktioniert. Mit einigen Dörfern im Hochland von Chiapas haben die Zapatisten zugleich einen virtuellen Raum besetzt, in dem alles Teil der gleichen Simulation wird. "So wie unser Krieg ein Krieg der Medien ist, geht es darum, die Schlacht der Medien zu gewinnen", sagte Marcos der Zeitschrift Brecha.
Während Polizei und Militär am Tage mit Panzerwagen im Hochland von Chiapas durch ein Dorf der Zapatisten mit Namen "La Realidad" patrouillieren, besetzt die virtuelle Guerilla des Subcomandante Marcos bald hier eine Homepage, bald da einen Cyberraum; ihr Ort ist gleichzeitig überall und nirgends, ohne die Situation der Indios oder sonst irgend etwas in der realen Welt zu ändern. Sie ist das virtuelle Gegenstück zum raum- und zeitlosen Neoliberalismus, ein simulierter mystischer Protest, der reales Protestpotential bindet, während die Welt weiterhin und unverändert der unsichtbaren Hand folgt, die Wirtschaft und Gesellschaft lenkt. Keine Rede mehr vom Elend der Millionen, die in den Hüttenstädten um die Hauptstadt vegetieren, keine Rede von der rasant wachsenden Zahl der Arbeitslosen und den elenden Arbeitsbedingungen der Millionen, die in den Maquiladoras, in den transnationalen, frühkapitalistischen Fertigungsbetrieben im Norden des Landes arbeiten. Extreme Ausbeutung der Arbeitskraft, Kinderarbeit und ökonomische Abhängigkeit am Rande der Sklaverei, das ist die Realität. Darauf antworten Marcos und seine Leute mit einem romantischen Protest, publizistisch verarbeitet und der Welt vermittelt durch die mexikanische Zeitung La Jornada, Solidaritätsgruppen in aller Welt und das Internet.
(...)

Mehr von:
Horst Kurnitzky
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 30

Genre

Schlagworte

Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%
No Javascript