LI 071, Winter 2005
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In Wolkenkuckucksheim

London - Streifzüge durch die Stadt hinter der Stadt

„Werter Freund! Das Beste wäre abzuwarten, bis alle Augen der Stadt gebannt dem einlaufenden Schiff entgegenschauen. Genau dann verwandle es in einen Felsen im Strom und laß den Felsen einem Schiffe gleichen, so daß die Welt staune. Hernach wirf einen Gürtel hoher Berge um ihre Stadt“, riet der Wolkenballer dem Gefildeschüttler in der Odyssee.

In der City ist der Himmel tabu. Kein Hans. Nix guck in die Luft. Seit T. S. Eliot die aufrecht schreitenden Toten in der „unwirklichen Stadt / Im braunen Nebel eines Wintermorgens“ 1922 in seinem Gedicht The Waste Land verewigte, war das Nach-oben-Blicken nicht gestattet. Die Banker, die der „Poet der Kamera“ Robert Frank in den Fünfzigern ablichtete, zeigen, wo’s langgeht: Uniformiert huschen sie geschäftig durch die Fallwinde der hohen, grauen Gebäude. Die Ränder ihrer polierten Zylinder und Melonen scheuklappen den Blick gegen den Himmel. Ein ungerichtetes Starren in mittlere Distanz wird kultiviert. Adamsäpfel gulpen, schmale Lippen über verschluckten Geheimnissen. Stehenbleiben, langsamer gehen, den Dunstkreis wahrnehmen … ist verboten. Wetter? Gibt es nicht. Sommeranzüge und leichte Regenmäntel zu jeder Jahreszeit. Die City ist Endstation. Wohin sollte der Durchgangsverkehr auch wollen?!!

Die alte Stadtmauer, Zonengrenze. Innerhalb der London Wall wird jeder zum Teil des Räderwerks. Ferngesteuerte Zombies, Nebelmacher, flitzende Ameisen, die bröckchenweise den historischen Dreck an den steilen Gestaden der Bank-, Makler- und Finanztempel abtragen. Und über allem thronen Drachen, Greife, Löwen, Adler. Ein mythisches Überwachungssystem aus Wasserspeiern gibt von den Dachtraufen aus acht: daß die Augen schön auf den Gehsteig und auf die Beine vor einem gerichtet bleiben. Schuhe sind nichts zum Laufen, es wird strapsstrumpfig, hochhackig, stökkelnd, gehatscht. Die Sinnlichkeit in diesem Gehege kennt nur die Füße. Schuhputzer (m.) polieren sich durch die Großraumbüros. Schuhputzen (f.) wienern sich einen ab, während ihre Kunden mit Zahlen rumjonglieren. Maul und Klauen. Frauen sind keine Frauen, aber auch keine Männer … auch nicht mal kurz. Im Börsensaal, wenn’s gerade mal ruhig ist und Zeit genug, das Erscheinen einer Frau zu kommentieren, schreit mann: „Schnecke!“ Was, wie es scheint, frau sich so verdeutscht, wie es gemeint ist, ohne es krummzunehmen: sexuelle Identität über „Genauigkeit im Detail“. Ein Arbeitsklima aus Geilheit und Angst. Das schwitzig erzeugte Prickeln versaut denn auch das Klima für den Rest von London.

Regenschirme, Stöcke und zusammengerollte Tageszeitungen haben keine Funktion. Die grimmig unterm Arm getragenen Amtsinsignien bestimmen Distanz und angemessene Abstände zwischen zum Greifen nahen Fremden, die alle demselben Ziel entgegendrängeln. Die Quadratmeile ist Termitenterrain: Tausende „Kopfrunter“-Arbeiter dienen einer verkappten Königin, dem Angstmotor tief im Herzen der City. Eine Domina mit blutroten Lippen. Deshalb reagierten auch die ganzen Drohnen, Gauner und Workaholics so emsig auf Margaret Thatchers Imago. Sie renkte alles ein: Gier war wieder gut, Arbeit wieder heilig, die Wolken liederlicher Schnickschnack. So was wie Gesellschaft war was für Wolkengucker. Zeit nur noch ein Maß für Gegenwart. Es gab keine Entstehung oder Entwicklung des Weltalls mehr, nur noch ihr großes schwarzes Loch und die Verehrung ihrer Erfolge.

Wie sie sich abrackerten – die Planer. Plastisches Blendwerk, geklonter Modernismus, Gotham City, wie bei Batman-Regisseur Tim Burton. Comic-Realität. Ein lückenlos kontrolliertes Milieu, ein Filmstudio unter der hermetischen Glocke des Londoner Dunstes. Fantasy hin oder her: So was wie Michelle Pfeiffer in ihrem fensterlosen Apartment, unsicher, ob sie nun Tippse oder Chefsekretärin ist, eine verängstigte, bebrillte Single, die sich nur noch mit dem Umnähen eines ollen Plastikregenmantels in einen hautengen Overall anturnen kann … mehr wollten sie eigentlich gar nicht. Demut sermont die City. Scheinheiligkeit wird zum Ritual, in dem der Pfeffersack die Domina erleichtert bezahlt.

Dennoch, selbst in den trübsten dieser posthumanen Straßenschluchten hat ein Verlangen überlebt: das Wolken-gucken-Wollen. Die Last der Wolkenkratzer, das reine Gewicht an Stahl und Glas auf tönernem Londoner Grund, zwingt die Fußgänger zu reagieren. Widerscheinendes Licht blendet sie, Wolken rasen durch Glasfassaden, wirre Schatten zeichnen kühle Pfade durch die enge Klamm des Erlaubten. Wenn sie sich bis zum Fluß runter durchschlagen, stoßen sie auf das Turnvaterland der Pausensportler, auf Radler nach nirgendwo, die – ohne jemals anzukommen – am Limit pedalieren. Makler trainieren sich die unentbehrlichen Stiernacken an. Narzißten schwitzen hinter Spiegelglasfassaden, die Welt bleibt außen vor: egotroph. Wer hier spazieren will, hat sich getäuscht. Das Nordufer der Themse ist ein Parcours: Alle naselang Baustellen, verriegelte Kirchen, abgesperrte Straßen, drängelnde Jogger, manische Bewegungsfreaks, getürmte Büroangestellte. Ihr größter Wunsch ist es, auf den Pflastersteinen entlangzuschmettern, schlechte Luft einzusaugen. Stramme Onanisten stöhnen sich durch die Ekstasen ihrer Liegestütze. Wie je ein Karol Wojty³a küssen sie den Dreck jungfräulicher Flughäfen … zeitgerafft. Die Fitneß und Saunaschuppen sind durchsetzt mit Restaurants. Lila Tischtücher mit Flußblick – für den eh niemand Zeit hat. Geschäftsleute mit Handys statt Techtelmechtel. Es wird nicht mehr gepichelt. Keine blutigen Fleischlappen auf dem Teller. Gepflegte blaue Mineralwasserflaschen. Tischdeko wie für eine Parfümpromo. Zigarrengestank ist out.

Die City hat sich für die Tilgung des Klimas schwer ins Zeug gelegt. Draußen ist drinnen: ein paar Haine, „gerettet“ und geschmackvoll in den Vorhallen arrangiert. Echte Bäume, die schlimmer aussehen als falsche. Kranke Bäume, die in geschlossenen Systemen ihren Brand recyceln. Allerhand Plätschern von manch einem Springbrunnen in senffarbenen Backsteininnenhöfen. Die Geister der Arbeit hängen schwer im klimatisierten Alltag. Junk-art: Monsterfrauen, gepeinigtes Holz, Pferde aus Dosen. Scharen impertinenter Barry-Flanagan-Hasen. (Ein Königreich für die Rückkehr der Myxomatose!) Vermenschlichte Comic-Karnickel, überlebensgroß, pfropfen jeder Pseudopiazza ein bißchen Glaubwürdigkeit auf.

Die Schlafgemeinde Essex schmarotzt sich zügeweise in die City rein. In die Einkaufspassagen unweit der Liverpool Street Station – Schokolade, Käse, Parfüm, Schlüpfer – wird, was einst die „Tippse“ war, nun waggonweise zu ungleich komplizierteren Tätigkeiten hereingekarrt: Lächlerin vom Dienst, Laptop-Prinzessin. Die Männer? Spieler, Typen, die früher Jahre ihres Lebens am Schalter abgerissen hätten, versenken nun hurtig ins globale Netzwerk verzapft mühelos ihre arbeitgebende Bank. Zahlenjongleure behandeln die City wie eine Wettbude. Zukunft? Auf Wunsch. Moneten machen schön. Männer und Frauen sind von Berufs wegen verführerisch und verfügbar. Es gibt keine Landschaft jenseits des Zugfensters – zu dunkel. Sie fangen früh an und trinken bis spät. Immer die ersten. Die Nacht wurde abgeschafft.

(…)

Mehr von:
Iain Sinclair
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 54
Aus dem Englischen von Jürgen Ghebrezgiabiher

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