LI 047, Winter 1999
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Wörterbuch der Winde

(...) ANEMOPHILE (griech. anemos - "Wind", phileo - "ich liebe") - ursprünglich Windanbeter im alten Griechenland. Im weiteren Sinne alle, für die die Zukunft ohne Vergangenheit existiert. Die Anemophilen ziehen den Wind stets seiner Abwesenheit vor, selbst wenn es sich um den stärksten Sturm handelt. Die Anemophilen begrüßen stets alle Veränderungen, selbst wenn es keine Veränderungen zum Besseren sind. Dieser Optimismus gründet auf einem besonders hohen Grad der Überzeugtheit davon, daß die Zeit unendlich und der UHRMACHER allmächtig ist. Grigori Weter, eine der Säulen der Anemophilie, schrieb: "Da die Zeit unendlich ist und ein menschliches Leben einen bestimmten Teil darin einnimmt, ist es ebenfalls unendlich (ein Teil der Unendlichkeit ist gleich der Unendlichkeit selbst, ein Axiom, das Anemophob der Große bereits in seiner Jugend aufstellte). Ebenso gilt: Wenn der UHRMACHER allmächtig ist, und der Mensch mit allen seinen Eigenschaften ein Teil von Ihm darstellt, so ist der Mensch ebenfalls allmächtig und muß diese Fähigkeiten lediglich in sich entdecken."

Die Gesellschaft der Anemophilen wurde im 3. Jhd. v.u.Z. als Gegengewicht zur Kronos-Gesellschaft (der Chronisten) gegründet. Ursprünglich war sie eine religiöse Vereinigung, die Anemophilen beteten alle Winde an - vom Boreas bis zum Apheliotes. Nach und nach stellte sich die Gesellschaft auf andere Tätigkeitsbereiche um, da die Anemophilen viele Gleichgesinnte fanden. Im Statut der Gesellschaft (Zeitpunkt der Entstehung unbekannt) ist folgendes festgeschrieben: "Als Anemophiler gilt ein Mensch, der unabhängig von Alter, Geschlecht, Denkart oder sozialer Stellung sein Leben ändern möchte, ohne daß ihn die Bedingungen der Vergangenheit bedrücken, und der sich gleichstellt mit dem Wind, der immer Veränderungen mit sich bringt. Als wahrhaftiger Anemophiler kann sogar ein Mensch gelten, der nie von unserer Gesellschaft gehört hat, aber ihren Idealen treu ist."

Die Anemophilen bilden einen nicht wegzudenkenden Teil jeder Zivilisation, doch ihre Konzentration in den verschiedenen Seinsbereichen ist unterschiedlich hoch. Die Anemophile unterteilt man in passive und kriegerische. Aus den Kreisen der Anemophile kommen alle Weissager. Es wurde festgestellt, daß zu Zeiten von Aufständen die Zahl der Anemophilen stark wächst, was offensichtlich mit dem Übertreten eines Teils der Chronisten ins Lager der Anemophilen zusammenhängt. In Friedenszeiten ist es umgekehrt. Zum Beispiel entstehen deshalb alle grundlegenden Werke, Enzyklopädien und Wörterbücher in Zeiten sozialer Stabilität. Ungewiß ist, ob diese Behauptung auch auf das Wörterbuch der Winde zutrifft.

Die Menschheitsgeschichte kennt einige Beispiele von Zusammenstößen der Anemophilen mit den Chronisten. Die Situation wird indessen dadurch erschwert, daß diese Zusammenstöße von den Chronisten erfaßt und untersucht werden, welche die Zahl ihrer Siege gehörig übertreibt und eigene Niederlagen "vergißt". Die Anemophilen sind eher an der Zukunft interessiert, weswegen sie sich in den Kämpfen gegen die Chronisten mit Schwert und Feder immer als besser vorbereitet erweisen. (...)

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CHRONISTEN (Kronos - Gott des griechischen Pantheon, später infolge einer Verwechslung mit dem griech. chronos - die "Zeit") - ursprünglich Kronosanbeter, Mitglieder der Kronosgesellschaft. Im weiten Sinne des Wortes alle, für die es eine Vergangenheit ohne Zukunft gibt. Die Chronisten ziehen den Veränderungen ihr Fehlen vor ("Das Fehlen von Neuigkeiten ist eine gute Neuigkeit"), und dem Wind die Stille. Ein wahrer Chronist würde selbst im stickigsten Zimmer bei geschlossenem Fenster sitzen und niemals den Ventilator einschalten.

Die Chronisten unterteilt man in passive und kriegerische. Die Chronisten haben ein feindliches Verhältnis zu allen Veränderungen, sogar zu den Veränderungen zum Besseren, da diese unweigerlich etwas Unbekanntes nach sich ziehen. Um dieser Ungewißheit der Zukunft zu entfliehen, erforschen die Chronisten eifrig die Vergangenheit. Das Verhältnis der Chronisten zur Vergangenheit bringt der bekannte Satz Quintilians gut zum Ausdruck: "Die Geschichte existiert, damit man sie schreibt, und nicht, damit man sie durchlebt."

Höher als alles schätzen die Chronisten die Zeit, die sie zur höchsten Gabe des UHRMACHERS erklärten. Ihre sinnlose Verschwendung betrachten sie als Sünde. "Die Zeit zu mißbrauchen, die Geschichte zu mißbrauchen, bedeutet Ihn zu mißbrauchen und zu sündigen", schrieb Fata Morgana, deren Ideen zu chrestomathischen Geboten der Chronisten wurden. "Über die Zukunft ist uns ja nichts bekannt - unser Leben zu verlängern oder es abzubrechen, liegt allein in der Macht des UHRMACHERS." Wie an diesem Zitat erkennbar ist, glauben alle Chronisten bewußt oder unbewußt daran, daß die Zeit endlich ist. Aus diesem Grund wurden sie von den Anemophilen mehrfach der Häresie beschuldigt ("wenn die Zeit endlich ist, dann ist der UHRMACHER nicht allmächtig").

Die Kronosanbeter haben, wie sich bereits aus dem Wort ergibt, eine ebenso lange Geschichte, wie Kronos, die hinterlistige und heimtückische Gottheit, selbst. Es ist nicht genau bekannt warum, aber sein Name verschmolz eines Tages in seiner Aussprache mit dem Wort "chronos" (Zeit). Kronos wurde zusätzlich die Funktion des Gottes der Zeit auferlegt, und die Kronosanbeter begann man, Chronisten zu nennen. Später gingen die Chronisten über den Rahmen einer rein religiösen Gesellschaft hinaus und begannen, verschiedene andere Tätigkeiten aufzunehmen, da sie mehr und mehr Gleichgesinnte fanden.

Das Statut der Gesellschaft proklamiert die unbedingte Ergebenheit der Chronisten gegenüber den Ideen der Ruhe, Unveränderlichkeit und des heiligen Interesses an der Geschichte sowie des Verzichts auf Zukunftspläne. Viele Gelehrte, Politiker und einfache Spießbürger haben später, als sie auf dieses Dokument stießen, mit Genugtuung bemerkt, daß sie hundertprozentige Chronisten sind. Zu ihrer Freude ist nirgends etwas über ein Initiationsritual der Chronisten festgehalten, was bei aller Pedanterie der Chronisten nur heißen kann, daß es nie existierte.

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WÖRTERBUCH DER WINDE 1. Wörterbuch, das Definitionen, Beschreibungen, Kommentare, Zitate und Personalien enthält, die in irgendeiner Form auf den Wind Bezug nehmen. Die Richtigkeit des Inhalts des Wörterbuch der Winde (wie jedes anderen Buches) hängt vom Grad der Überzeugtheit des Lesers ab.

Es existieren einige Versionen über die Herkunft des Wörterbuch der Winde. Keine von ihnen gilt als allgemein anerkannt. Es ist unklar, wo, wann und in welcher Sprache dieses Buch oder wenigstens ein Teil seiner Abschnitte zuerst erschien (es ist anzunehmen, daß die Abschnitte zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben wurden). Es ist unbekannt, ob die Zusammensetzung der Abschnitte beständig ist (wobei allerdings die Zahl der Abschnitte des Wörterbuch der Winde unzweifelhaft irgendwo zwischen Null und der Unendlichkeit liegt). Daß einige Abschnitte des Wörterbuch der Winde deutlich auf das Ende des 20. Jhd. Bezug nehmen, hat nichts zu sagen - sie können von irgendeinem glücklichen Weissager geschrieben worden sein. Es ist unklar, ob das Wörterbuch der Winde von einem einzigen Autor oder einer Gruppe von Personen erstellt wurde, und ob dieser Autor (die Autoren) zu den Anemophilen oder den Chronisten gehörte(n).

Weder die Anemophilen noch die Chronisten erkennen das Buch als das Ihre an. Im Gegenteil, sie behaupten, das Wörterbuch der Winde enthalte "unverschämte Verleumdungen" und keinerlei wertvolle Informationen. Nichts desto weniger kann man das Wörterbuch der Winde in den Bibliotheken der Chronisten wie der Anemophilen finden, und die Abschriften von ihm erscheinen und verschwinden auf nicht ganz nachvollziehbare Weise. So wird erzählt, daß man das Wörterbuch der Winde in gotischer Schrift gesehen habe, und daß dieses Exemplar von Fata Morgana genutzt wurde. Möglicherweise war es ausgerechnet jenes Wörterbuch der Winde, das in dem von Anemometer von Theben erstellten Verzeichnis der Sammlung des Turmes der Winde als "altes und zerfleddertes Manuskript, reich an Windnamen" aufgeführt wurde. Keiner der Texte des Wörterbuch der Winde, die zu unterschiedlichen Zeiten in öffentlichen und privaten Bibliotheken, im Speicher von Computern und im Gedächtnis von Menschen, welche die Autoren des Wörterbuch der Winde waren, aufgetaucht sind, konnte bislang einer wie auch immer gearteten Analyse unterzogen werden. In der Regel verschwand der Text in letzter Sekunde unter nicht geklärten Umständen und hinterließ nur eine Spur in den Köpfen derer, die es gelesen oder erstellt hatten. Ein Anemophiler höhnte sogar: "Wir kennen das Wörterbuch der Winde genauso wenig wie das Programm."

Im Moment, da diese Zeilen geschrieben werden, gehört das Wörterbuch der Winde teilweise schon der Vergangenheit an, teilweise liegt es noch in der Zukunft.

2. Bezeichnung, mit der eine Reihe von Büchern betitelt ist, die mit dem Wörterbuch der Winde 1 nichts gemein haben, aber möglicherweise bei seiner Entstehung genutzt wurden, als da wären: meteorologische Nachschlagewerke, Handbücher von Hexen, Chronisten usw.

3. Vielzählige Fälschungen und Nachahmungen des Wörterbuch der Winde 1 und des Wörterbuch der Winde 2.

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Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 7
Aus dem Russischen von Franziska Seppeler

Genre

Hauptthema
  • Die Zukunft von der Vergangenheit befreien? Die Vergangenheit von der Zukunft befreien?

Schlagworte

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