LI 070, Herbst 2005
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Ein Krieg ohne Ende

Vier Jahre danach - die Grenzen der Amerikanischen Macht zeigen sich

Die Sonne senkt sich über den amerikanischen Träumen im Irak; was jetzt noch bleibt, ist die Erarbeitung der Rückzugsmodalitäten, die davon abhängen, wie weit das amerikanischen Staatswesen zur Geduld fähig ist. Doch die Dynamik hat schon begonnen. Den Vereinigten Staaten gehen die Truppen aus. Bis Frühjahr 2006 wird fast jede Kampfeinheit wahrscheinlich zweimal eingesetzt worden sein. Nationalgarde und Reserve stellen inzwischen schon vierzig Prozent der Truppen, was es noch nie gegeben hat, und die Garde steht „kurz vor dem Zusammenbruch“, wie General Barry McCaffrey i. R. unlängst dem Kongreß berichtet hat. Noch 24 Monate, dann „fallen die Räder ab“. Bei aller apokalyptischen Bedeutung, die Präsident Bush und seine Regierung dem Irakkrieg zuschrieben, unternahmen sie praktisch nichts zur Erhöhung der Truppenstärke und trafen keine Entscheidung zur Wiedereinführung der Wehrpflicht. Letztendlich waren dem Präsidenten seine Steuererleichterungen wichtiger als seine Vision von einem „demokratischen Nahen Osten“. Der unnachgiebige Politikstil der Regierung, ein wesentlicher Bestandteil ihrer Stärke und Schwäche, machte ihr einen Kurswechsel und eine Verstärkung der Truppen, als diese noch etwas hätte bewirken können, unmöglich. Doch dieser Moment ist längst vorbei; der verbreitete Zorn über die Besetzung im Irak und in der islamischen Welt spielt jetzt eine entscheidende Rolle für die Rekrutierung von Aufständischen und ermöglicht es dieser Truppe, die inzwischen Zehntausende zählt, sich in der breiteren Bevölkerung zu verbergen.

Nachdem man den Amerikanern einen Krieg wegen einer unmittelbaren Bedrohung durch Massenvernichtungswaffen in den Händen eines gefährlichen Diktators angedreht hat, sehen sie ihre Söhne und Töchter nun in einem Krieg kämpfen und sterben, dessen Gründe schon dahin waren, als sein Ende in eine unbestimmte Zukunft schwand. Einem Krieg, der mit dem Versprechen begann, das irakische Volk werde mit Blumen und Süßigkeiten kommen und dafür das heilsame Geschenk der Demokratie erhalten, hat statt dessen einen unerbittlichen Terror hervorgebracht, der unerklärlich und endlos scheint. Einem Krieg, der einen klaren Zweck und ein bestimmtes Ende hatte, dem nun aber Grund und Schluß abhanden gekommen sind. Die Amerikaner kämpfen und sterben jetzt gewissermaßen in einer existentiellen Wüste der Gegenwart. Für die Amerikaner hat der Krieg seine Perspektive verloren.

Von den vielen Gründen, die die amerikanischen Politiker wählten, um in den Irak einzumarschieren und ihn zu besetzen – den Nahen Osten zu demokratisieren; einen unberechenbaren Diktator aus einer Region zu entfernen, die für Amerikas Ölversorgung lebenswichtig ist; eine Bedrohung Israels, des Verbündeten der USA, auszuschalten; das Ansehen, das am 11. September befleckt wurde, mit einem von Panzern angeführten Triumphzug durch die Alleen einer eroberten Hauptstadt wiederherzustellen; die Gelegenheit zu ergreifen, ein Regime zu stürzen, das zum Bau eines Arsenals chemischer und biologischer Waffen fähig ist –, von allen diesen Gründen wählte die Regierung Bush, um die Welt davon zu überzeugen, ausgerechnet den einen, der als falsch bewiesen werden konnte. Die vergebliche Suche nach Massenvernichtungswaffen und der Zusammenbruch des Kriegsgrundes entblößten mit schrecklicher Präzision, was Bin Laden als die entscheidende amerikanische Schwachstelle ausgemacht hatte: den Willen zu kämpfen.

Wie sich dieser Zusammenbruch, der sich in Umfrageergebnissen zeigt, auf die Politik überträgt, ist eine kompliziertere Frage. Eine der klareren Folgen des 11. September war, daß die Republikaner den Vorteil in der nationalen Sicherheit wiederbekamen, den sie mit dem Ende des Kalten Krieges hatten aufgeben müssen. Dadurch, daß sie sich dieses Vorteils rücksichtslos bedienten, und durch die kompromittierende Hinnahme des Irakkriegs der Demokraten ist das Land nun in dieser Frage faktisch ohne Oppositionspartei. Wer jetzt Antworten zum Krieg fordert, sind Republikaner, die, an einen Führer gebunden, dessen Zustimmungsrate unter vierzig Prozent gesunken ist, das Votum ihrer Wähler fürchten. Die sinkenden Umfragewerte, die nahenden Zwischenwahlen und die ernste Personalsituation des Militärs haben eine Dynamik ausgelöst, die zu einem allmählichen Rückzug der Amerikaner ab 2006 führen könnte, wie General George W. Casey junior, der Oberbefehlshaber im Irak, im Juli öffentlich einräumte. Falls der politische Prozeß im Irak, der mit der sunnitischen Ablehnung der Verfassung einen weiteren Schlag erlitten hat, nicht irgendwie gerettet werden kann, wird die amerikanische Macht im Irak weiter schwinden. Zweieinhalb Jahre nach der Invasion ist die Zeit der „Illusionisten“ in der US-Politik im Irak endlich abgelaufen. Seit den Wahlen im Januar, die die Sunniten weitgehend boykottierten, haben sich die amerikanischen Vertreter sehr bemüht, die Sunniten-Führer zu bewegen, sich am Verfassungsreferendum und an den Wahlen zu beteiligen, wobei sie hofften, dadurch die baathistischen und islamischen Extremisten zu isolieren und dem Aufstand die Spitze abzubrechen. Diese Anstrengungen kommen jedoch sehr spät, da die irakische Politik und die Kräfte, die das Land zerreißen, an Tempo gewonnen haben, das die schwindende Macht der Amerikaner offensichtlich nicht mehr bremsen kann. Noch als das Verfassungsdrama letzten Monat seinen Höhepunkt erreichte, telefonierte der Präsident mit Abdul Aziz al-Hakim, dem schiitischen Geistlichen, der die SCIRI-Partei führt, und bat ihn um Konzessionen, die die Sunniten vielleicht doch noch veranlaßt hätten, dem Entwurf zuzustimmen; der schiitische Politiker, mit dieser persönlichen Bitte des amerikanischen Präsidenten konfrontiert, zögerte nicht, sie kategorisch abzulehnen. Vielleicht die beste Hoffnung auf einen allmählichen amerikanischen Rückzug, der den Krieg nicht verschlimmern würde, ist die Verhandlung über eine Regionallösung, die das Ende einer sunnitischen Infiltration aus den mit den USA verbündeten Ländern im Austausch gegen schiitische Garantien der sunnitischen Position im Irak und einen schrittweisen Abschied der Amerikaner anstrebt.

Bei allem neu entdeckten Realismus in der Außenpolitik der zweiten Regierung Bush, in dem wir die Bereitschaft sehen, endlich ernsthaft mit Nordkorea und dem Iran zu verhandeln, scheint der Präsident einen solchen Gedanken nicht im mindesten in Betracht zu ziehen, sondern darauf zu beharren, daß die Wahl einfach ist: Die Amerikaner „halten entweder Kurs“ oder „hauen ab. Ein sofortiger Rückzug unserer Truppen im Irak oder dem weiteren Nahen Osten, wie manche es gefordert haben“, erklärte der Präsident vergangenen Monat, „würde die Terroristen nur ermutigen und ein Aufmarschgebiet schaffen, von dem aus sie weitere Angriffe auf Amerika und die freien Nationen führen könnten.“ Diese Worte, die vertraut und abgegriffen sind und keine andere Lösung anbieten, als auf einem Kurs zu bleiben, der offenkundig nicht weit führt, kommen bei den Amerikanern, die diese Terrorrhetorik leid sind, nicht mehr an. Das heißt aber nicht, daß sie womöglich nicht ganz richtig sind.

(...)

Mehr von:
Mark Danner
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 20
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

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