LI 050, Herbst 2000
Heftpreis: 9,80 € inkl. MwSt. 7%

Vom Wahn der eigenen Unsterblichkeit

Der Grad, bis zu dem ein Gedicht fertig ist, bevor ich es niederschreibe, ist der Grad, bis zu dem sich die Chancen verringert haben, daß es überhaupt aufs Papier kommt. Es sind Andeutungen, vage Eingebungen, ein unbestimmtes Verlangen nach Ordnung, die mich zum Schreiben veranlassen. Ich wünsche mir immer, etwas zu schreiben, das sich nicht zu schnell als eines meiner Gedichte preisgibt. Tatsächlich besteht Schreiben oft gerade darin, diesen Akt der Preisgabe so lange wie möglich aufzuschieben. Schreiben als eine Art von Ent-Schreiben.
Ich muß die Illusion aufrechterhalten, daß das, was ich sage, neu ist – das heißt: neu für mich. Aber je weiter die Arbeit an einem Gedicht fortschreitet, desto schwieriger wird es, das Unbekannte unbekannt bleiben zu lassen. Je vertrauter mir ein Gedicht wird, desto mehr verliere ich das Interesse daran. Ich fühle mich mehr von Gedichten angezogen, deren Fremdheit bestehen bleibt und die sich meinen Strategien der Anverwandlung entziehen. Indessen: Meine Vorliebe wird selten belohnt, denn solange sie mir fremd sind, können es nicht meine eigenen Gedichte sein. Ich wünsche mir manchmal, ich wäre ein anderer – jener, dem die Gedichte gehören.
Es wäre gewiß einfacher, stelle ich mir vor, wenn ich mir selbst weniger kritisch gegenüberstünde. Aber jede Milderung dieser Selbstkritik würde bedeuten: gar keine Gedichte. Idealerweise wäre es das Beste, einfach drauflos zu schreiben, die selbstkritische Seite meines Wesens zu unterdrücken und mich ganz dem spontanen Ausdruck zu überlassen. Vielleicht wäre es das. Andererseits neige ich dazu, den spontanen Teil von mir für ziemlich langweilig zu halten – nie neugierig oder empfänglich, sondern blind und eigennützig. Und weil er keine Kraft und schon gar kein Verlangen hat, sich selbst radikal zu hinterfragen, paßt er ausgezeichnet zu den domininierenden Bedürfnissen meiner selbstkritischen Seite. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, daß der beste Weg, um zu schreiben, der ist, nicht zu schreiben.
Ob ich es zugebe oder nicht, ich schreibe, um am Wahn der eigenen Unsterblichkeit teilzuhaben – er wird jede Minute neu geboren. Und doch schreibe ich gerade, um mir selbst zu widerstehen. Ich finde diesen Widerstand unwiderstehlich.

Mehr von:
Mark Strand
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 103
Aus dem Englischen von Clemens Umbricht

Genre

Hauptthema
  • Ein Gedicht schreiben

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