LI 062, Herbst 2003
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Wie Bären im Zirkus

Tagebuch aus den Zeiten der portugiesischen Nelkenrevolution

COIMBRA, 17. Mai 1973

Reise

Und der Wind trägt mich fort.

Der lusitanische Wind.

Es ist dieser weltweite

Menschliche Atem

Der Portugals Unruhe bläht.

Es ist diese Wut sanften Wahnsinns,

Der alles erreicht,

Ohne es zu erreichen.

Der von Himmel zu Himmel weht,

Von Meer zu Meer,

Bis zum Nie-Ankommen.

Es ist diese Versuchung, mir zu begegnen,

Reicher an Bitterkeit,

In den Pausen des Abenteuers

Mich zu suchen ...

 

LUANDA, 19. Mai 1973

Ich schreibe von derselben häßlichen Landschaft, auf die ich frühmorgens die Augen aufschlug und die wie ich zu ersticken scheint. Eine dürre, staubige, verbrannte Landschaft mit armseligem und kriechendem Pflanzenwuchs, den einige hungrige Ziegen abrupfen und den ein spärlicher Baumbestand vergeblich aufzurichten versucht: formlose, geschwollene, riesige Affenbrotbäume; düstere, dicke, stämmige Mangobäume; hochaufgeschossene, synthetische Melonenbäume mit Hoden am Hals. Mit angestrengtem Fleiß versuche ich diesen besonderen Boden zu begreifen, aber die Sinne sträuben sich außerhalb ihrer gewohnten Muster – der transmontanischen, alentejanischen oder beiranischen. Und wider Willen fühle ich mich als Eindringling, als Ausgestoßener, Ausgeschlossener, mit dem lästigen Eindruck, müßte ich hier sterben, eher von zwei Geiern, die mich von einem dürren Ast aus belauern, als von der Erde des Grabes gefressen zu werden.

In Hemdsärmeln besuchte ich kürzlich die Stadt. Und der lange Gang durch die hastige, geschwätzige, leichtfertige Stadt, eingeengt von Blechhüttenvierteln, einem düsteren Saturnring, hat mir die Seele nicht entspannt. Im Gegenteil. Als ich nach Hause kam, trug ich zwei Hauptstädte in den schmerzenden Augen: die eine anmaßend, großsprecherisch, aus Pappe, das Schwarze verneinend; die andere stumm, ausgreifend, voller Hautausschläge, das Weiß verneinend. Die eine, die einem Fieberwahn von Belagerten gleicht; die andere einem schläfrigen Lager von Kleinbauern.

 

LUANDA, 20. Mai 1973

Die Seele des Negers soll tatsächlich ein Rätsel sein, wie mir heute ein gefräßiger Priester bei einer Taufmahlzeit versicherte, oder sollte das Begriffsvermögen des Weißen stumpf sein? Während die Familie, die mich beherbergt, und eine Schar Geladener zur Kirche wanderten, um den Kopf zweier Neubekehrter in die Weihwasserschale zu betten, wachte ich über das Haus und die Appetithappen in Gesellschaft zweier Hiesiger, einer Erwachsenen, die in der Küche half, und einer Halbwüchsigen, die sich um die jüngste Tochter der Gastgeber kümmerte. In einem gegebenen Augenblick packte die Kleine aus reiner Laune ein Lineal und ging auf die Wächterin los, die sie natürlich entwaffnete. -

Schwarze! Schwarze! schrie die Rotznase wütend.

- Daß ich schwarz bin, weiß ich wohl …, murmelte die Ältere.

"Daß ich schwarz bin, weiß ich wohl" ist das genaue Gegenteil von "Daß ich weiß bin, weiß ich wohl." Und seit 500 Jahren schließen sich die beiden Volksgruppen in dem derben Bekenntnis dieses barbarischen Verhängnisses aus.

 

CELA, 21. Mai 1973

Noch 300 Kilometer landschaftlicher und menschlicher Enttäuschung. Der Affenbrotbaum ist tatsächlich die Fehlgeburt der Pflanzenwelt, die Schande der Flora. Mit solchem den Blick versperrenden Klotz gibt es keine Möglichkeit panoramischer Schönheit. Nur wer ihn als Totem tätowiert, selbst als Fluch in der Seele trägt, kann ihn lieben. Und das Schlimmste ist, daß, wenn er fehlt, das angolanische Bild sich entleert. Ich blicke umher. Und die natürliche Größe, die mich umgibt – faul ausgebreitet mit da und dort gähnenden Hügeln, ohne dafür um Erlaubnis zu bitten -, scheint sich nach dem ungeheuerlichen Baumwuchs zu sehnen.

Was die menschliche Enttäuschung betrifft, so ist der Affenbrotbaum, der sie auslöst, ein anderer. Er hat natürlich Beine und Arme. Kein Zweifel: Der Portugiese war außerstande, in diesen afrikanischen Landschaften das brasilianische Wunder zu wiederholen. Dort schuf es Wurzeln; hier nicht. Sicherlich, weil dort der Herr und der Sklave beide Emigranten und Kolonisatoren waren. Als Ausländer waren beide auf das Überleben und die Verständigung angewiesen. Nur gemeinsam konnten sie siegen. Und gemeinsam bauten sie auf der fremden Erde mit dem gleichen Schweiß in ursprünglicher Gemeinschaft bis in ihre Lieblingsgerichte ihre Geburtsländer wieder auf.

Hier bei uns ist der Weiße nach wie vor der Eindringling. Es entstand keine Vereinigung von Körpern und Seelen. Ich besuche einen Modellacker. Und werde entmutigt: Ein unüberbrückbarer räumlicher und zeitlicher Abgrund trennt das Herrenhaus von der Sklavenhütte. Der Eingeborene ist kein Teil der Familie. Er blieb außerhalb der Gefühle, der Zuneigungen, der Brüderlichkeit und sogar der Sinnlichkeit. Mit einem Wort: der Liebe. In seinem Dorf vereinzelt, abgetrennt, ist der Schwarze eine nützliche Maschine, die man nach Beendigung der Arbeit ausschaltet.

 

SANTO ANTONIO do Zaire, 22. Mai 1973

Petroleum! Ich schreibe das Wort, ich glaube, zum ersten Mal, und staune fast, auf dem Papier keinen großen schwarzen und fetten Knoten zerfließen zu sehen. Es gibt solche Feststellungen. Wiewohl offen und leicht, verursacht der Klang in meinem Geist ein dichtes, lastendes Echo. Wiewohl Zeitgenosse des triumphierenden Aufstiegs dieses fettigen und stinkenden Eiters auf der Weltbühne, gewonnen aus den versteckten Abszessen der Erde, ist es mir nie gelungen, ihn in den Sinnen und im Verstand harmonisch einzuordnen. Ich weiß, daß da, wo er sprießt, das Gold geboren wird. Aber nicht einmal so liebe ich ihn. Als ich kürzlich vom Himmel aus den ersten Brunnen brennen sah, fragte ich mich im Flugzeug, obwohl ich wußte, daß er mit Benzin genährt wird, ob diese Flamme ein Hoffnungsleuchten sei oder ein Zeichen der Verwünschung.

Und kurz darauf, als ich vor einem Bohrturm von den Fachleuten Erläuterungen erhielt und auf die teerhaltige Masse trat, die aus den Tiefen aufstieg, dachte ich an die Lehre, die wir dort dem Eingeborenen vermitteln. Statt seinem seelischen Reichtum verstandesgemäßes Bewußtsein zu vermitteln, sein Verständnis für die Möglichkeiten der Natur zu öffnen, die er liebt, aber nicht nutzt, lehren wir ihn die Technik, sie zu zerstören, sie zu vergewaltigen, sie auszubeuten und sie schließlich mit den Fäkalien seiner eigenen verbrannten Seele zu verschmutzen.

 

SANTO ANTONIO do Zaire, 23. Mai 1973

Die Beharrlichkeit, mit der ich den Ort besuchen wollte, den mein Provinzgefährte Diogo Cão zum ersten Mal betreten hatte, sollte mir das Leben kosten. Zaires Wut schien sich an mir für die um 1500 erlittene Vergewaltigung rächen zu wollen. Nachdem ich durch sein Delta gewandert war – ein ausgedehntes wildes Venedig mit großen schläfrigen Kanälen, die eine amphibische pflanzliche Architektur spiegelten -, betrat ich zuversichtlich jene strömende Großartigkeit. Und es war die Entweihung. Der Wind wehte, die Wellen wogten, die Flußseele tobte, und gleich darauf tanzte die Nußschale, in der ich schipperte, auf dem Kamm der Wut und verwandelte sich in die Wohnstätte des eigenen Schreckens. Und so Meilen auf Meilen, während derer der bescheidene Motor des Bootes der einzige Gott war, an den der Glaube sich klammerte. Doch glücklicherweise endete alles gut, abgesehen vom Unbehagen, von Kopf bis Fuß durchnäßt zu sein, und von der Erregung eines gekritzelten Gedichts.

 

SANTO ANTONIO do Zaire, 23. Mai 1973

Diogo Cão

Der reine Ruhm besitzt

Die bescheidene Einzigartigkeit deines Namens.

Und wächst ewig

Wie ein unsterblicher Stengel

Am Schaft des Eichmaßes,

Den deine Unruhe Errichtete

An diesen Grenzen der Welt, wohin sie gelangte.

Ein sauberes Wappen eines, der nur entdeckte

Und nichts eroberte.

 

LOBITO, 24. Mai 1973

Vier Momentaufnahmen: die Rauheit der umliegenden Berge, Camões, auf dem Sockel thronend, das Fort Catumbela und das Handelshaus von Cassequel. Die früher bepflanzte Erde, unfruchtbar geworden durch die Sorglosigkeit, die den Urwald in Brand steckte, um die Schlafkrankheit zu überwinden; der Epiker, der angesichts des Analphabetentums der Eingeborenen die heldenhafte Brust anschwellen läßt; die Kraft der gefestigten und gefeierten Besitznahme; und die Kolonialausbeutung im Wortsinn. Vier lose Bilder unseres guten zivilisatorischen Gewissens.

 

MOÇÂMEDES, 25. Mai 1973

Die zugänglich gemachte Wüste. Die Erde, die sich fortschreitend negativ verändert. Verfall des Mineralreichs, während das pflanzliche und tierische noch auf ihren wiewohl begrenzten Forderungen bestehen, die sie auf ein lederartiges Blatt, auf eine Stachelspitze, auf die Härte einer Schale beschränken. Gespenster der Zersetzung, physiologische Ungeheuerlichkeiten, betörende Luftspiegelungen. Felsen, die Trugbildern gleichen, Gerippen, Spuren, Stillschweigen. Ein Stillschweigen offener Horizonte, ein unendliches, in dem das Leiden verstummt, die Angriffslust sich verbirgt, die Stimme kein Echo hat. Ein halbes Dutzend Stunden zugestimmter Verzauberung und verdrängten Schreckens, während der Instinkt angesichts einer Wirklichkeit, die er zum ersten Mal berührte, in Panik gerät, ohne Rückwirkungen auf eine ähnliche Unermeßlichkeit, auf eine ähnliche Unfruchtbarkeit, auf einen ähnlichen Widersinn, und auf den gedemütigten Verstand, weil er ihr nicht mit einem einzigen der gewohnten Hausmittel beistehen kann. Weil er außerstande ist, ein Gesetz zu erlassen, eine Regel, ein Richtmaß, in einer flachen, übermäßigen Welt ohne Stunden, ohne Tage, ohne Jahreszeiten, immer gleich in Raum und Zeit, ein körperliches Abbild der toten Ewigkeit.

 

MOÇÂMEDES, 26. Mai 1973

Noch die Wüste, doch jetzt abgetreten, abgefahren, überflogen. Sand, Sand, Sand und geometrische Windwunder, Bildwunder des Lichtes, musikalische Wunder der Stille. Eine trockene, unfruchtbare, keimfreie Welt, vergessen von den Menschen, die sie besäten, von den Wurzeln, die sie aussaugten, von dem Wasser, das sie erfrischte. Eine Welt, in der kein Gedicht der Hoffnung Sinn enthielte und kein Gedicht der Verzweiflung gehört werden kann. Die Majestät der alten Göttin Erde in olympischer Erhabenheit ohne eine Spur mütterlicher Liebe, die sie mit einer Träne, einem Lächeln, einer Gebärde verraten könnte. Die taube und stumme Gleichgültigkeit und nur da und dort von einer Art perverser Weiblichkeit in Wellen versetzt.

 

SÁ DA BANDEIRA, 28. Mai 1973

Denkmäler. Der weiße Stolz kann nicht umhin, sie allerwärts zu errichten, die Dichter mit Lorbeerkrone und Leier in der Hand, die Krieger mit dem Degen am Gurt oder gereckt, die in einer Gebärde versteinerten Herrscher. Und sie stolz auf den Sockeln, episch, heldenhaft oder feierlich, insgeheim von blassen, analphabetischen und gedemütigten Augen bespäht, die an ihnen nur die Falten der Halskrause beobachten, das angriffshungrige Rapier oder die herrschsüchtige Hand. Sänger, Eroberer, Verwalter, Bronzegestalten vergeblicher Ewigkeit, früher oder später für eine neue Verkörperung bestimmt. Ich höre auf, sie zu betrachten, und vermag nicht zu verhüten, daß die Einbildungskraft sie nicht auflöst und in naher Zukunft auf Kosten anderer Ruhmestaten neu bildet. Für Rechnung der zahlreichen Gungunhanas, der einstigen eingeborenen Widerstandshelden, die gleichfalls auf ihre Einweihung warten.

 

SÁ DA BANDEIRA, 29. Mai 1973

Besuch von einem ausländischen weisen Missionar, der sich hier vor Jahrzehnten niedergelassen hat und dem Geist in diesem afrikanischen Licht freie Hand läßt. Während er sich über die Materie, die sein Fach ist, ausließ, sowie Bücher und Besprechungen vorstellte, beobachtete ich ihn. Eine Art von Bernard Shaw der Ethnographie, im Bart wie im Sarkasmus, seiner Person und seines Wissens bewußt, verrieten seine Worte einen bestimmten Abstand und eine gewisse Geringschätzung. Mich schmerzte jene Anmaßung, die unsere kulturelle Armut rechtfertigte. Obgleich wir seit so vielen Jahren mit so vielen Rassen unseres Planeten umgehen, kennen wir dennoch nicht ihre Wesenheiten. Ihre Rätsel und Geheimnisse beschäftigen uns wenig oder überhaupt nicht.

Die anfängliche Bemühung einiger Pioniere wurde nicht fortgesetzt. Wir besitzen keine islamische, jüdische oder schwarze Wissenschaft in den Schulen und Studienzentren, in denen eine ökumenische Zukunft erforscht würde. Die Franzosen, die Engländer und die Deutschen wissen über Mahomet Bescheid, über den Zionismus, das afrikanische Kulturgut. Und zu Hause angelangt, schrieb ich diese Seite nieder, gedemütigt wie jemand, der nach Erhalt einer wohlverdienten Ohrfeige auf die eine Backe mit der eigenen Hand die andere ohrfeigte.

 

LUANDA, 31. Mai 1973

Schade. Wir sind um ein Haar gescheitert. Wir hätten nur alles, was wir hier getan haben, mit einer anderen Absicht zu tun brauchen. Daß ein jeder von denen, die über das Meer kamen, die Überzeugung mitgebracht hätte, daß Angolaner, Mosambikaner, Guineer oder Timoresen zu sein Heteronyme des portugiesischen Seins sind. Aber keine Schule des Vaterlandes belehrte ihn ernsthaft, und keine Musterbeispiele genügten, es ihm einzuprägen.

(...)

Mehr von:
Miguel Torga
Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 94
Aus dem Portugiesischen von Curt Mayer-Clason

Genre

Hauptthema
  • Poesie des Alltags, Skizzen aus Portugal, Angola und Mozambique

Schlagworte

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