LI 057, Sommer 2002
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Territorium und Terror

Israel und Palästina - im Teufelskreis der guten Argumente

15. April 2002
Lieber Herr Kermani, wir beide brauchen einen Strand, an dem wir uns stundenlang unterhalten können. Ich weiß nicht mehr, wo es war, oben auf dem Berg oder unten am Strand, als ich Ihnen von der Kraft des Terrors erzählte, die hier alles ändern wird. Ich bin mir aller Kausalitäten bewußt, der jahrelangen Unterdrückung und Besatzung, der Angst, die Scharon bei der anderen Seite erzeugt, der Kompromißlosigkeit und der institutionalisierten Grausamkeit unserer Seite.
Und auf ihre Frage, ob „wir" bereit wären, in einem Hochsicherheitstrakt zu leben, in einem großen Ghetto, ist die Antwort der meisten Israeli ein klares „Ja". Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, wie der israelische Alltag aussieht. Trotz Armee, trotz aller Kraft hat der Terror es geschafft (und das ist doch wohl sein Ziel), die Machtverhältnisse auszugleichen. Die Ziele sind sorgfältig ausgewählt. Nehmen Sie den letzten Anschlag. Der Markt um 16 Uhr am Freitag. Die meisten haben schon eingekauft, sind schon zu Hause. Wer noch nicht eingekauft hat, sind die Armsten – die warten nämlich, bis der Markt zumacht und die Verkäufer ab 15 Uhr die Restwaren billig weggeben, da am Samstag alles geschlossen ist.
Wer geht denn überhaupt noch auf den Markt? Warum gerade diese Menschen treffen? Warum mich angreifen? Bin ich in den Augen der anderen Seite nicht genauso Feind wie Scharon? Links, rechts, spielt das überhaupt noch eine Rolle? Was passiert, wenn nun beide Seiten sich genozidalen Phantasien hingeben? Die Interviews mit den Selbstmörderinnen lassen doch wirklich keine Hoffnung aufkommen. Wie sagt eine doch in ihrem Interview: „Ihr weint, wenn Ihr sterbt, und wir feiern." Glauben Sie, daß mir nicht klar ist, daß solche Feinde kaum zu besiegen sind?
Nun bin ich in der privilegierten Position, einer globalen Elite anzugehören. Mein frame of reference ist universal, sind die Menschenrechte, ist die Gerechtigkeit, und als mehrsprachiger Akademiker kann ich sogar weggehen, wenn wirklich alle Stricke reißen. Für über 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung ist das keine Option. In ihrem Bewußtsein geht es um das einzige Zuhause, geht es darum, daß die Kinder sicher aus der Schule kommen, daß man sich sicher, verdammt noch mal: wenigstens nur sicher fühlen kann, wenn man auf die Straße geht. Die Rechnung des Terrors ging in der Hinsicht nicht auf; ich bin überzeugt, daß die Terroristen kühl und zynisch damit rechneten, die Israelis weichklopfen zu können, sie so mürbe zu machen, bis sie zu den gewünschten Konzessionen bereit wären.
Das Gegenteil ist eingetreten. „Wir" sind grausamer geworden, noch kompromißloser, noch viel mehr bereit, der anderen Seite zu beweisen, daß wir die Grausameren sind. Nur so ist die Grausamkeit der israelischen Armee bei diesen Vorstoß zu erklären, die ganz bewußt die globale Sympathie aufs Spiel setzt, als Taktik, als Gegenterror. Was wird es bringen? Das ist noch überhaupt nicht abzusehen. Die eigentliche Tragödie ist die Fehleinschätzung der Palästinenser, die andere Seite „weichklopfen" zu können. Wenn man also der Meinung ist, daß die Palästinenser keine andere Wahl als die des Terrors haben, muß man das der anderen Seite auch zugestehen.
Ich persönlich bin ganz verzweifelt. Sehe im Moment jenseits des Krieges keine Lösung und glaube nicht mehr an die Kompromißbereitschaft der anderen Seite. Ich gestehe zu, daß wir genug getan haben, um genau diesen Zustand herbeizuführen, aber was jetzt? Und glauben Sie mir, es ist nicht, daß Scharon sein Volk ins Verderben führt, sondern daß sein Volk von Scharon erwartet, unnachgiebig zu sein. Ihr Natan Sznaider
 
15. April 2002
Lieber Herr Sznaider, Sie haben so recht, mit dem einzigen und katastrophalen Zusatz: daß das Gegenteil ebenso stimmt und sich genau deswegen überhaupt kein Ausweg auftun will: daß die Israelis ebenfalls fälschlich angenommen hatten, die Gegenseite durch Besatzung und Terror „weichklopfen" zu können; daß die Bereitschaft der Palästinenser, die israelischen Opfer zu sehen, mit ihnen zu fühlen, aus Gründen, die mir erschreckend verständlich sind, praktisch nicht existiert. Und wenn man den Israelis das Recht auf Gegenwehr zubilligt, kann man es der Gegenseite nicht absprechen, die ja ebenfalls täglich zivile Opfer zu beklagen hat. Wenn ich Ihr Nachbar wäre, würde ich wohl genauso denken wie Sie, und wenn ich in Ramallah lebte, würde ich mich vielleicht über ebenjenen Anschlag, der Sie das Leben kosten könnte, freuen oder ihn zumindest mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen. Automatic pilot. Aber wie kommen Sie da raus? Wie kommen Sie raus? Bitte stellen Sie sich diese Frage, immer wieder und nach jedem Anschlag neu.
Was die arabische Wahrnehmung betrifft, bin ich nach wie vor nicht mit Ihnen einverstanden. Es geht für eine ganz große Mehrheit nicht um die Vertreibung der Juden; es war sehr deutlich zu spüren, und ich habe es in Gesprächen und Mails selbst immer wieder beobachtet, wie sehr viele Palästinenser und Araber auf die Beiruter Initiative gehofft hatten, die in Israel offenbar völlig ignoriert oder noch verzerrter dargestellt worden ist als in Deutschland, soweit ich das von Freunden in Jerusalem höre. Wer in Israel war bereit, dem eine Chance zu geben? Statt dessen marschiert Scharon am gleichen Tag in Ramallah ein, ich weiß, wegen eines verheerenden Anschlages. Aber die Pläne lagen doch längst vor, die Ansicht war da, und das timing hätte aus Sicht Scharons gar nicht besser sein können. Herzlich und besorgt bin ich Ihr Navid Kermani
 
16. April 2002
Lieber Herr Kermani, auf jeden Fall glaube ich Ihnen, daß die genozidalen Phantasien der anderen Seite nicht von einer Mehrheit getragen werden, und ich weiß auch, daß es gerade meine bürgerliche Existenz ist (Kleinfamilie, Auto, Uni, Urlaub, Musik etc.), welche die Menschen in den Flüchtlingslagern verrückt machen muß. Mir ist klar, wer der Unterdrücker und wer der Unterdrückte ist, aber dieses politische Gefälle kann man leider nicht in ein moralisches umwandeln. Der Unterdrückte ist nicht gleichzeitig gut und der Unterdrücker böse. Diese moralische Eindeutigkeit zwischen Täter und Opfer gab es so gut wie nie in der Geschichte. Ihr Natan Sznaider
 
16. April 2002
Lieber Herr Sznaider, Sie haben gewiß recht: Täter und Opfer sind in diesem Konflikt überhaupt nicht so eindeutig zu unterscheiden, aber etwas dagegen sehr wohl, und da muß jede, nach wie vor jede Lösung ansetzen: Besatzer und Besetzte. Das ist ein politischer Unterschied, nicht zwingend ein moralischer.
Was mich an Ihren E-Mails erschüttert, ist gerade, daß ich an dem Prozeß, den Sie in Ihrer vorletzten Mail benennen, teilhaben durfte, daß ich ihn – wie politisch falsch und verheerend ich ihn auch von hier aus finden muß – auch verstehe. Ich habe Sie in Haifa erlebt, und ich spüre, daß etwas seitdem mit Ihnen geschehen ist. Mir selbst würde es womöglich sehr ähnlich ergehen. Gerade weil ich es Ihnen nicht vorwerfe, macht es mir Angst. Wie immer herzlich bin ich Ihr Navid Kermani
 
25. April 2002
Lieber Navid, auch mir macht es Angst, glauben Sie mir. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich wollte gerne ein aufgeklärter Europäer im Nahen Osten sein, wollte lieber an einem gerechten liberalen Ort leben, der es mir ermöglicht, jüdischer Kosmopolit zu sein – ja sogar eine Art Diasporaexistenz im eigenen Land aufrechterhalten zu können. Geht das überhaupt noch? Wie hoch kann der Preis für das eigene Überleben sein? Wenn ich mir so sicher wäre, daß die Brutalität des hiesigen Konflikts nur eine Funktion der Besatzung ist, wäre die Welt ja in Ordnung. Aber ich habe diese Sicherheit verloren. Es geht ums Überleben – und dann fällt das „gute Leben" unter den Tisch.
Mit Angst sehe ich die Entwicklung hier – wie sehr auch unsere Seite bereit ist, demokratische und liberale Prinzipien dem Überleben unterzuordnen. Wenn ich sehe, daß die andere Seite bereit ist, vierzehn- und fünfzehnjährige Kinder als Bomben zu benutzen, wenn ich die Bilder im Fernsehen sehe, wie man mit eigenen vermeintlichen Kollaborateuren umgeht, wie ihre Leichen durch die Straßen gezogen werden, wie man sich über die Körper mit einer Blutlust hermacht, wird mir Angst, daß dies meine Nachbarn sind und sein werden, und natürlich auch, daß wir unseren Anteil an dieser Brutalisierung haben. Doch gab es in der Geschichte immer wieder unterdrückte und hoffnungslose Menschen, die nicht so brutal reagiert haben. Wie erklären Sie sich das? Und wie kann man etwas Derartigem mit Liberalismus begegnen? Werde ich wirklich zum Ebenbild?
Auch als jemand, der immer glaubte, daß internationales Recht neue Solidarität schaffen kann – warum fürchte ich, daß alles, was hier geschieht, von außen nur als israelische Unterdrückung gegen arme Palästinenser verstanden werden wird? Kein Wunder, daß die israelische Regierung nicht mit der UNO-Kommission zusammenarbeiten will. Jeder weiß, ganz egal was wirklich geschehen ist, daß Israel am Ende als Kriegsverbrecher dastehen wird. Warum? Sind wir wirklich schlimmer als alle andere Unterdrücker dieser Welt? Ihr Natan
 
12. Mai 2002
Lieber Natan, verzeihen Sie, daß ich mich erst jetzt melde. War in Indonesien und damit nicht nur geographisch sehr weit weg vom Nahostkonflikt. Auf dem Rückflug empfingen mich die deutschen Zeitungen mit dem gleichen Lamento über den wachsenden Antisemitismus und die unverhältnismäßige Kritik an Israel, über das ich mich schon vor meinem Abflug ausgelassen habe. Wieder sah ich die Kritik an der Kritik, aber die angeblich so unverhältnismäßige Kritik selbst ist bis auf ein paar stetig wiederholte Interviewsätze von Möllemann, Blüm und zwei, drei anderen ein Phantom – jedenfalls in den deutschen Zeitungen.
Ein Autor schrieb in der Welt, daß es überall auf der Welt Konflikte mit weit höheren Opferzahlen gebe und es nicht rational zu erklären sei, warum man nur Israel soviel Aufmerksamkeit schenke. Ist es nicht schrecklich, sich auf eine solche Argumentation einzulassen, die ja auch in Ihrer letzten Mail durchschimmert? Die anderen sind ebenfalls böse, und erst recht die Palästinenser. Es geht mir nicht um eine moralische Überlegenheit der Palästinenser, so was ist Quatsch. Es geht um Recht und Unrecht. Und Israel begeht ein fundamentales Unrecht an den Palästinensern, das durch keinen noch so grausamen Akt des Terrors zu Recht und weder durch die Ungerechtigkeit der Medien noch durch die Boshaftigkeit anderer Unterdrücker geschmälert wird. Weshalb flüchten Sie und so viele andere Freunde Israels sich dahin, dieses Unrecht mit Hinweis auf so viele andere Ungerechtigkeiten zu relativieren, statt es ein einziges Mal in diesen ganzen letzten Monaten vorbehaltlos auszusprechen? Wenn Iran die Menschenrechte verletzt, dann ist es doch für einen Iraner auch nicht die erste Aufgabe, der Welt zu erklären, daß die westlichen Medien ein verzerrtes Bild meines Landes geben und außerdem die Amerikaner Mitverantwortung tragen, weil sie dieses und jenes verbrochen haben.
Natürlich ist das Bild verzerrt und haben die Amerikaner an dem meisten schuld, was Iran in den letzten 50 Jahren heimgesucht hat – so what? Das ist nicht meine Front. Als ich viel über Iran schrieb, wurde ich immer wieder kritisiert, daß ich ja recht habe, aber so etwas doch dem Ansehen des Landes schade, wenn ich das in allen Details vor einem westlichem Publikum ausbreite. Zum Teufel mit dem Ansehen, habe ich dann immer gesagt. Wichtig ist nur, daß dieses Unrecht endlich aufhört. Und das einzige, was wir dazu beitragen können, ist es, das Unrecht zu benennen. Wenn in meinem Staat solche Dinge passieren, wie ich sie anführe, hat er sogar noch die Ungerechtigkeit verdient, mit der er in der internationalen Öffentlichkeit behandelt wird.
Das Merkwürdige an diesem Konflikt ist, daß er keineswegs so tragisch unlösbar ist, keineswegs von biblischem Ausmaß. Das Merkwürdige ist, daß wahrscheinlich 70 bis 90 Prozent beider Völker sich darüber klar sind, wie er zu enden hat: zwei Staaten, gemeinsame Hauptstadt, Schluß mit den Siedlungen, kein Rückkehrrecht, aber eine Anerkennung des erlittenen Unrechts und so weiter. Als ich durch Israel und Palästina gereist bin, waren sich fast alle einig, daß es am Ende dazu kommen wird. Mit herzlichen Grüßen bin ich Ihr Navid
 
13. Mai 2002
Lieber Navid, ich habe den Eindruck, daß Sie den real existierenden Antisemitismus, der in Europa durch den Nahostkonflikt aufs neue ausgebrochen ist, herunterspielen. Dabei geht es nicht um Vergleiche, ob der Nahostkonflikt „anders" beurteilt wird als andere Konflikte. Das ist egal. Auch daß die Politik Israels Antisemiten die Gelegenheit gibt, ständig hocherotisiert Scharon mit Hitler und Dschenin mit Nazimethoden gleichzusetzen oder den neuen Patriotismus der Presse in Israel als „Gleichschaltung" zu bezeichnen, mag man als Überreaktion abtun – und das, obwohl sich eine große Partei in Deutschland durch ihre antiisraelische Politik zu profilieren versucht. Kann man alles wegstecken.
Nicht viele denken differenziert wie Joschka Fischer, und man kann den Leuten vielleicht wirklich nicht zumuten, die Unterscheidung zwischen Juden und Israelis zu machen (wie mir ein Radiointerviewer in Deutschland zu erklären versuchte). Hat er mich doch glatt gefragt, ob die Politik Scharons die Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen nicht geradezu provoziert. Und als ich ihm versuchte zu antworten, daß es da wohl Unterschiede gebe, ob man vor der Israelischen Botschaft demonstriert oder Juden stellvertretend für Israel auf der Straße angreift, fragte er nur kurz, ob man solche Differenzierungen den Menschen zumuten könne. Was soll man noch dazu sagen? Ja, man kann und man muß? Aber dann bedankte er sich immerhin noch für das Gespräch.
Der Blick auf Europa war ein ziemlicher Schock hier in Israel. Nicht für die Rechte – ihr kam es gelegen und bestätigte nur, was sie schon immer wußte. Für die israelischen Kinder der Aufklärung war es ein Schock, daß man so fallengelassen wurde und auch bekannte Künstler aus dem linken Spektrum plötzlich ausgeladen wurden. Diese Ernüchterung kam auch auf der letzten Friedensdemonstration hier am Samstag zum Vorschein. Die israelische Linke ist nüchterner geworden. Sie weiß auch, daß nur der Rückzug aus den besetzten Gebieten eine politische Alternative darstellt, aber sie denkt, so scheint es mir, nicht nur in moralischen Begriffen (Recht – Unrecht), sondern auch in politischen, und sie weiß, daß sogar ein Rückzug den Konflikt nicht lösen kann und wird.
Und hier kommen wir zu einem springenden Punkt Ihrer Mail: „Israel begeht ein fundamentales Unrecht an den Palästinensern" sagen Sie. Ein klassisches moralisches Argument. Und mir geht es gar nicht darum, dieses „Unrecht" dadurch zu relativieren, daß andere auch „schlimm" sind. Mich interessieren „andere" in dieser Hinsicht nicht. Aber es ist kein politisches Argument. (Und noch sind wir nicht soweit, daß wir Politik und Moral einfach ineinander aufgehen lassen können.) Denn „Recht und Unrecht" kennt nur Opfer und Täter, aber essie kennt keine Feinde. Es kann doch nicht nur um Moralität gehen, sondern auch um Politik. Wenn ich hier ständig mit der Gewißheit leben muß, daß es Feinde gibt, die am liebsten meine Tochter und mich in die Luft jagen wollen, dann muß man einfach nüchtern sein.
Sie haben recht, daß der Konflikt lösbar ist. Aber nicht so einfach, wie man es sich zu machen scheint. Es wird wohl ein unabhängiges Palästina geben, aber damit wird wohl der Konflikt erst beginnen und nicht aufhören. Denn wenn schon Kolonialismus, dann ist Haifa ebenfalls Kolonie. Die Vorstellung, künftig Nachbar eines Staates zu sein, der von einem Arafat oder seinesgleichen geführt wird, läßt mich ans Auswandern denken. Das Schlimme ist, daß die Alternativen noch schrecklicher sein werden. Kein Wunder also, daß niemand auf der Demo richtig gute Laune hatte. Ihr Natan
(...)

Seitenzahl: 
Im Heft auf Seite 12

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Hauptthema
  • Israel und Palästina

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